Wer verdient einen Platz auf Wiesbadens Straßenschildern? Sechs Straßen wurden nach jahrelanger Prüfung umbenannt.
Während des Nationalsozialismus wurden Straßen nach Personen benannt oder umbenannt, die für das Regime und seine Ideologie von besonderer Bedeutung waren. Auf Anordnung der Alliierten sollten diese Spuren des Nationalsozialismus ab 1945 im Zuge der Entnazifizierung beseitigt werden. Bezeichnungen wie die “Adolf-Hitler-Straße” oder der “Hermann-Göring-Platz” verschwanden recht schnell aus dem Straßenbild. Bis heute sind jedoch einige Straßennamen geblieben, deren Bezug zum Nationalsozialismus etwas subtiler als bei den genannten Personen ist.
In Wiesbaden nahm man die Namensgeber:innen von Straßen, Gebäuden und Einrichtungen genauer in den Blick: Eine Historische Fachkommission untersuchte 71 Biografien gründlich und konnte dabei einige Bezüge zum Nazi-Regime aufdecken. Um zu verhindern, dass Personen mit NS-Vergangenheit durch Straßennamen weiterhin öffentlich geehrt werden, wurden in der hessischen Landeshauptstadt nun sechs Straßen umbenannt.
Vom Prüfen zum Neubenennen
Die feierliche Enthüllung der neuen Straßenschilder ist das Ende eines mehrjährigen Prozesses. Bereits Ende 2020 fiel der Entschluss, eine Fachkommission einzusetzen. Die Fachkommission bestand aus Vertreter:innen der Fachwissenschaft, der Stadtpolitik und der Stadtverwaltung. Gemeinsam wurden sie vor die Aufgabe gestellt, die Namensgeber:innen der Wiesbadener Straßen und Gebäude auf Verwicklungen mit dem Nationalsozialismus zu untersuchen. Ganze zwei Jahre lang zwischen 2021 und 2023 war die Historische Fachkommission mit den Untersuchungen beschäftigt. Anschließend sprach sie Empfehlungen zum weiteren Umgang mit den Ergebnissen aus. Ob eine Straße tatsächlich umbenannt werden sollte, entschieden letztlich die jeweiligen Ortsbeiräte der Landeshauptstadt Wiesbaden.
Nicht jede der 18 Empfehlungen der Fachkommission wurde umgesetzt. Lediglich sechs Straßen erhielten einen neuen Namen. In anderen Fällen fiel die Entscheidung hin zu einer Kontextualisierung in Form von Informationstafeln. Die Anwohner:innen der betroffenen Straßen wurden schriftlich über die Namensänderung informiert. Die Kosten für die Aktualisierung der Adressen auf Personalausweisen und Fahrzeugscheinen übernahm die Stadt Wiesbaden.
Neue Namen, neue Vorbilder
In erster Linie dienen Straßennamen der Orientierung innerhalb einer Ortschaft. Gleichzeitig werden Straßen genutzt, um an bestimmte Personen oder Ereignisse zu erinnern und ihnen besondere Bedeutung zu verleihen. Somit spiegeln die Bezeichnungen von Straßen die aktuellen Werte einer Gesellschaft wider. Ein Blick auf die neuen Straßennamen in Wiesbaden zeigt, wen die Stadt dauerhaft ehren möchte:
„Mit der Umbenennung in Hans-Joachim-Jentsch-Straße setzen wir ein Zeichen für eine Stadt, die bewusst Menschen ehrt, die für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit stehen“
– Gert-Uwe Mende, Oberbürgermeister von Wiesbaden
Dr. Hans Joachim Jentsch war Jurist und Politiker, dem die Ehrenbürgerwürde der Stadt Wiesbaden verliehen worden ist. Seine berufliche Laufbahn führte ihn in verschiedene Bereiche der Politik und Justiz: Er war unter anderem für die CDU Mitglied des Deutschen Bundestags, Oberbürgermeister von Wiesbaden und Richter am Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe. Im März 2021 starb er.
Auch bedeutende Frauen finden sich unter den neuen Namenspat:innen. Dazu gehören die erste Wiesbadener Zahnärztin und Frauenrechtlerin Anna von Doemming sowie Elisabeth Schwarzhaupt, die erste Bundesministerin der Bundesrepublik Deutschland.
Wiesbaden ist kein Einzelfall
Die hessische Landeshauptstadt ist nicht die einzige Stadt in der Republik, die sich kritisch mit den Personen auseinandersetzt, deren Namen auf ihren Straßenschildern stehen: 2024 wurde in Düsseldorf die Umbenennung von zehn Straßen beschlossen. Ein Jahr später stimmten die Bezirksvertretungen der Stadt Köln für die Umbenennung drei historisch belasteter Straßen. Zahlreiche weitere deutsche Städte haben in den letzten Jahren Straßenschilder ausgetauscht. Dabei geht es nicht ausschließlich um nationalsozialistische Verwicklungen: Schritt für Schritt verschwinden auch Straßennamen mit kolonialen oder antisemitischen Bezügen.
Beitragsbild: Timothy L Brock via Unsplash.
