In Istanbul bezahlen Menschen die Wasser- und Gasrechnungen fremder Haushalte. Über 525.000 Rechnungen wurden so bereits übernommen.
In der Türkei gibt es eine Tradition: Wer in einer Bäckerei Brot kauft, kann eines mehr bezahlen und es für jemanden hinterlassen, der es sich nicht leisten kann. In Istanbul funktioniert dieses Prinzip inzwischen auch mit Wasser- und Gasrechnungen. Über die städtische Plattform Askıda Fatura können Menschen die offenen Rechnungen fremder Haushalte übernehmen, ohne zu wissen, wem sie damit helfen. Seit dem Start im Jahr 2020 wurden auf diese Weise nach Angaben der Stadtverwaltung bereits mehr als 525.000 Rechnungen bezahlt.
Vom Brot zur Wasserrechnung
Askıda Ekmek, übersetzt etwa „Brot an der Leine“, heißt der Brauch, auf dem die Idee beruht. Als während der Corona-Pandemie viele Menschen in Istanbul in finanzielle Schwierigkeiten gerieten, griff die Stadtverwaltung das Prinzip auf. Im Mai 2020 ging die Plattform Askıda Fatura online. Statt eines zusätzlichen Brotes konnten Menschen nun die Wasser- oder Gasrechnung eines anderen Haushalts bezahlen.
Was zunächst als Unterstützung in einer akuten Krise gedacht war, ist inzwischen ein dauerhaftes Angebot der Stadt.
Eine Rechnung, zwei Fremde
Wer eine Wasser- oder Gasrechnung nicht bezahlen kann, stellt zunächst einen Antrag auf Sozialhilfe bei der Stadt. Wird dieser bewilligt, kann die offene Rechnung auf der Plattform Askıda Fatura hinterlegt werden.
Wer helfen möchte, findet dort eine Liste mit offenen Rechnungen und den jeweiligen Beträgen. Man wählt eine davon aus und bezahlt sie online. Das Geld geht direkt an den Versorger. Der Name der unterstützten Person bleibt verborgen.
So kann jemand mit wenigen Klicks einen Teil der finanziellen Last eines anderen Haushalts übernehmen. Niemand muss dafür seine persönliche Geschichte öffentlich erzählen oder Fremde direkt um Unterstützung bitten.


Istanbul: Wenn Fremde deine Wasserrechnung bezahlen
