Der blinde Fleck der Erinnerungskultur

Aufarbeitung der Kolonialgeschichte: Kulturschätze werden an Nigeria zurückgegeben

von | 18. Mai, 2021

Nach jahrzehntelangen Forderungen wird es jetzt Realität: Deutschland gibt die Benin-Bronzen an Nigeria zurück. Wie es dazu kam und welche weiteren Schritte Deutschland plant, um Verantwortung für die Vergangenheit zu übernehmen.

Das prunkvolle Königreich Benin

Dort, wo heute mit Benin-City die drittgrößte Stadt Nigerias liegt, entwickelte sich während der ersten Jahrtausendwende das Königreich Benin. Aus einer Siedlung wurde ein ganzes Reich, das von einer guten Lage – mitten im Regenwald und in der Nähe eines Flussdeltas – profitierte. Ab 1200 regierten dort die sogenannten Oba, welche die Hochphase des Königreichs einleiteten. Große Häuser erhoben sich entlang der Straßen, geschmückte Säle zeugten von Prunk. Die Menschen waren so wohlhabend, dass selbst Diebstahl unbekannt war.

Handelsrouten bis nach Ghana florierten und die aktive Förderung der Künste begann: Die ersten Benin-Bronzen entstanden. Formen dafür wurden aus Wachs und Lehm gefertigt und später mit geschmolzenem Metall gefüllt. Die Beniner Künstler:innen übten sich jahrhundertelang in dieser Praxis und wurden echte Meister: Sie konnten Relieftafeln gießen, die nur wenige Millimeter dick waren. Neben diesen Tafeln entstanden auch Statuen und Figuren. Bis heute gelten die Bronzen als Symbol einer hoch entwickelten Kultur und zählen zu den bedeutendsten Kunstschätzen Afrikas.

Europa und Benin

Im 15. Jahrhundert schloss das Königreich Benin die ersten Handelsbeziehungen mit dem europäischen Ausland. Zunächst ging es nur um Palmöl, Pfeffer und Elfenbein, doch bald war nicht mehr nur der Handel von Gütern ein Thema. Menschen wurden versklavt und ausgebeutet. Im 19. Jahrhundert erreichte der europäische Imperialismus seine Hochphase. Ein echter Kampf um den afrikanischen Kontinent brach aus; nach und nach teilten die Europäer die Gebiete untereinander auf, auch das Königreich Benin war betroffen. Im Februar 1897 fielen koloniale Truppen mit über 1.500 Mann in Benin ein. Häuser standen in Flammen und Zivilisten wurden umgebracht. Das Königreich wurde zerstört, der Palast geplündert und die Schätze nach Europa verschifft.

Die Benin-Bronzen im British Museum in London (Quelle)

Über das Meer in die Museen

Wie umfangreich der geraubte Kulturschatz aus Benin ist, kann nicht genau gesagt werden, schätzungsweise wurden aber etwa 5000 Stücke geraubt. Von ihnen befinden sich rund 3000 in Museen, andere Stücke könnten sich in privaten Sammlungen befinden, verschollen oder zerstört sein. Die größte Sammlung ist derzeit im Londoner British Museum zu finden, wo 900 Benin-Bronzen lagern. Schon auf Platz Zwei folgt das Ethnologische Berlin, das etwa 530 Stücke sein Eigen nennt. Weitere Bronzen finden sich in den völkerkundlichen Museen in Hamburg, Stuttgart, Dresden, Leipzig und Köln. Alle damaligen Museumsleiter wussten, dass es sich bei den Kunstwerken um Raubgut handelte – getrieben von dem Willen, ihre Sammlungen möglichst schnell auszubauen, war diese Tatsache für sie irrelevant.

Restitu-was?

Restitution meint die Rückerstattung geraubter, unrechtmäßig enteigneter, erpresster oder zwangsverkaufter Kulturgüter an die legitimen Voreigentümer:innen oder deren Rechtsnachfolger. Darunter fallen etwa Plünderungen kultureller Güter aus Kolonien oder solche im Zuge von Kriegshandlungen, aber auch für Fundstücke bei archäologischen Grabungen oder illegalen Raubgrabungen kann der Restitutionsanspruch gelten.

Das prominenteste Beispiel einer erfolgreichen Restitution ist die sogenannte „Washingtoner Erklärung“ aus dem Jahr 1998. Dabei handelte es sich um eine rechtlich nicht bindende Übereinkunft, um Kunstwerke, die während des Nationalsozialismus beschlagnahmt wurden, zu identifizieren, ihre Eigentümer bzw. Erben zu finden und auf diese Weise eine Lösung zum Verbleib der Werke zu finden. Im Zuge dessen konnten allein in den ersten fünf Jahren über 160 Gemälde, Zeichnungen und Grafiken sowie mehr als 1.000 Bücher identifiziert und an die Berechtigten zurückgegeben werden.

Restitutionsforderungen Nigerias

Schon 1972 bat Nigeria die Stiftung Preußischer Kulturbesitz darum, ihnen einen kleinen Teil der Benin-Bronzen als Dauerleihgabe zu überlassen. Auch die deutsche Botschaft in Lagos stand hinter diesem Wunsch, der Präsident der Stiftung reagierte aber entsetzt. Er berief sich darauf, die Bronzen durch den Kauf rechtmäßig erworben zu haben. Dass die Kunstwerke gestohlen worden waren, erkannte er zwar an, schob die Schuld aber auf die Briten – sie hätten die Schätze schließlich erbeutet.

Fast 50 Jahre später spricht die Stiftung heute von einem „Unrechtskontext“. Im Dezember letzten Jahres beginnt dann die erneute Thematisierung der Benin-Bronzen. In diesem Rahmen klärt auch Jan Böhmermann im ZDF Magazin Royale über die problematische Geschichte der Ausstellungsstücke auf und veröffentlicht ein Interview mit der Kunsthistorikerin Prof. Dr. Bénédicte Savoy. Das Interview erschien allerdings nur im Youtube-Kanal, da laut Böhmermann „im Fernsehen keine Zeit ist“.

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Nur einige Tage vor der Eröffnung des Humboldt-Forums meldet sich auch der nigerianische Botschafter in Deutschland auf Twitter zu Wort und gibt preis, dass er einen Antrag auf Rückerstattung an Bundeskanzlerin Angela Merkel und Kulturstaatsministerin Monika Grütters geschickt habe. Anders als 1972 finden die Forderungen Gehör. „Es hat vielleicht lange gedauert, aber heute sind wir soweit, die Dinge zurückzugeben“, sagt auch Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, im Gespräch mit rbb24.

Diskurs ermöglichen

Der erste Schritt folgt im Februar diesen Jahres mit der Veröffentlichung eines Leitfadens zum kolonialen Erbe. Ausgearbeitet wurde er vom Museumsverband und soll Museen künftig dabei helfen, richtig zu informieren und zu sensibilisieren sowie einen Umgang mit dem kolonialen Erbe zu finden, der auch die Herkunftsländer mit einbezieht. Die Sammlungsgüter sind “Zeugnisse verschiedener Kulturen mit in den Herkunftsgesellschaften verankerten eigenen Bedeutungen“, heißt es im Leitfaden. Dass sie oft in Zusammenhang mit Gewalt stehen und zu einer Zeit geraubt worden, in denen rassistische und koloniale Ideologien herrschten, sollte nicht verheimlicht werden.

Das Ziel des Leitfadens: Einen Diskurs ermöglichen und ein Vorbild für Europa sein, wenn es um den gleichberechtigten Austausch mit den Herkunftsländern der Kunstwerke geht. Der Wunsch der betroffenen Länder: Inventarlisten mit allen Raubgütern, die im Rahmen der Kolonialisierung nach Europa gelangten. Der Leitfaden sieht deshalb unter anderem eine digitale Grunderfassung der Bestände vor und regelt zudem, wann Rückgaben von Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten in Erwägung gezogen werden sollten. Nämlich dann, „wenn die Erwerbungsumstände aus heutiger Sicht als Unrecht erscheinen“, so der Leitfaden.

Es ist beschlossen!

Vor wenigen Wochen folgte nun der zweite wichtige Schritt im Umgang mit den geplünderten Kulturschätzen. Deutschland will 2022 damit beginnen, die Benin-Bronzen zurückzugeben.  Das wurde bei einem Austausch zwischen Museumsfachleuten und politischen Verantwortlichen beschlossen, zu dem die Kulturstaatsministerin Monika Grütters eingeladen hatte. Der Fahrplan zur Rückgabe soll bis zum Sommer 2021 stehen. Da Deutschland damit das erste Land wäre, das die Bronzen zurückgibt, sprach Grütters von einer Vorreiterrolle und betonte, dass die koloniale Vergangenheit Deutschlands so nicht mehr nur “ein blinder Fleck in der Erinnerungskultur” sei. In einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk äußerte sie zudem die Hoffnung auf einen Dominoeffekt. Andere europäische Länder könnten nachziehen sowie andere Kulturgüter als die Benin-Bronzen an die Herkunftsländer zurückgeben. 

Benin-Bronze im Bristol Museum
Benin-Bronze im Bristol Museum (Quelle)

Es ist nicht alles Gold, was glänzt?

Kritik zur geplanten Rückgabe der Benin-Bronzen kommt unter anderem von dem Hamburger Historiker Jürgen Zimmerer, der sich eine bedingungslose Verpflichtung zur Rückgabe von Raubkunst gewünscht hätte. Eine ähnliche Forderung stellte auch der Berliner Kultursenator Klaus Lederer. Er sei zwar froh über die politische Bereitschaft Deutschlands, die Benin-Bronzen zurückzugeben, sprach sich in diesem Rahmen aber dagegen aus, diese nur für einen ausgewählten Teil der Objekte geltend zu machen – im Beschluss sei nämlich lediglich die Rede von einem “substantiellen Teil”. “Alle im Zuge der sogenannten Strafexpedition aus dem Königspalast in Benin geraubten Bronzen müssen restituiert werden,“ so Lederer. Trotzdem könne seiner Meinung nach die Rückgabe der geraubten Schätze eine kritische und intensive Aufarbeitung mit der Geschichte des europäischen Kolonialismus befördern.

Mit positivem Beispiel voran!

Obwohl Deutschland noch am Anfang der Aufarbeitung seiner kolonialen Vergangenheit steht, ist der erste Schritt gemacht. Neben der Restitution von Kulturgütern sind auch Kooperationsprojekte geplant: Ein positives Beispiel dafür ist das Kooperationsprojekt des Übersee-Museums Bremen mit Samoa. Der Staat fordert die Güter aus der Kolonialzeit nicht zurück, will aber eine gemeinsame Ausstellung mit dem Bremer Museum realisieren. Grund hierfür ist das eigene Interesse Samoas, mit Hilfe der Kulturgüter die Geschichte des Staates in Deutschland zu erzählen. Im Vordergrund sollen dabei die enormen Folgen des Klimawandels stehen. Denn Samoa ist eines der vielen Gebiete, das vom steigenden Meeresspiegel bedroht ist.

So kann die geplante Ausstellung in Bremen den kritischen Austausch zu Deutschlands kolonialer Vergangenheit anregen und den Klimawandel greifbarer machen. Während hier also vor allem der Austausch auf Augenhöhe im Fokus steht, ist für Nigeria die Restitution der Kulturgüter essenziell. Die Ausstellung der Benin-Bronzen soll übrigens in einem Museum in Benin City erfolgen, das gerade in Planung ist. Nigerias Botschafter in Berlin, Yusuf Tuggar, sprach in diesem Zusammenhang sogar von einem historischen Tag.

Die Aufarbeitung geht weiter

Auch wenn es keinen direkten kausalen Zusammenhang mit der Restitution von Nigerias Kulturgütern gibt: Die Aufarbeitung von Deutschlands kolonialer Vergangenheit nimmt nun auch in anderen Bereichen Fahrt auf. Nachdem es über sechs Jahre lang Gespräche zwischen Namibia und Deutschland gab, steht jetzt eine Einigung in einem wichtigen Fall bevor. Dabei geht es um die Anerkennung, Entschuldigung und Entschädigung für den Völkermord an den Herero und Nama. Zwischen 1904 und 1908 rebellierten die südwestafrikanischen Völkergruppen aus existenzieller Not heraus. Von der deutschen Kolonialmacht niedergeschlagen, kamen hierbei 65.000 Herero und 10.000 Nama ums Leben. Bis heute gab es weder Entschädigungen noch Entschuldigungen. Nach Informationen des Deutschlandfunk Kultur soll dieser Zustand aber nicht mehr lang andauern. Am kommenden Wochenende soll eine Einigung von Namibia und Deutschland unterschrieben werden. Darin geregelt: Entschädigungen und eine offizielle Entschuldigung, die der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Rahmen eines großen Festaktes in Namibia aussprechen wird.

Beitragsbild: Wikimedia / Bode Museum, Berlin, Germany, February 2018

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Lucie Herrmann

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