“Moralische Pflicht und historische Chance”

Bremer Übersee-Museum gibt Schädel an Hawaii zurück

von | 21. März, 2022

Bereits 2019 bat eine hawaiianische Delegation um die Rückgabe der menschlichen Überreste, die sich in der Sammlung des Bremer Übersee-Museums befanden. Nun konnten sie übergeben werden.

Das Bremer Übersee-Museum hat menschliche Überreste, auf hawaiianisch iwi kūpuna, in einer feierlichen Zeremonie an Vertreter:innen des Office of Hawaian Affairs (OHA) übergeben. Die acht Schädel befanden sich teils bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts beziehungsweise Anfang des 20. Jahrhunderts in der Sammlung des Museums und entstammten einem kolonialen Kontext.

Neuer Umgang mit Kolonialgeschichte

Das OHA hatte bereits im Jahr 2019 Kontakt zu dem Bremer Übersee-Museum aufgenommen und um die Rückgabe der Ausstellungsstücke gebeten. Infolgedessen erforschte das Museum die Schädel, bereitete ihre Quelle und Herkunft nach ethischen Standards auf und empfahl dann dem Senat der Freien Hansestadt Bremen die Rückkehr der Stücke an ihren Herkunftsort.

„Die Bewertung, ob ein wissenschaftliches Interesse es rechtfertigen kann, menschliche Gebeine aus einer anderen Kultur nach Deutschland zu bringen, um sie dort zu präsentieren und zu erforschen, stellt sich heute grundsätzlich anders dar als zu Zeiten des Kolonialismus. Auch Fragen nach der Legitimität dieses vermeintlichen Eigentums werden heute glücklicherweise anders beantwortet”, sagte Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte. Deshalb ergebe sich die Verantwortung, die moralische Pflicht und die historische Chance, das begangene Unrecht zu beenden. “Wiedergutmachen lässt es sich nicht.”

Heilung für Mensch und Nation

Die Rückgabe in Bremen ist dabei der erste Schritt einer längeren Reise. Gemeinsam mit den hawaiianischen cultural pracitoners besucht die Delegation des OHA vier Institutionen in Bremen, Jena, Göttingen und Wien, um dort über 50 menschliche Überreste, die aus Hawaii entwendet wurden, zurückzuerhalten und in ihre Heimat zu bringen. 
„Im zurückliegenden Jahrzehnt hat sich unter Museumsfachleuten und Anthropologen viel verändert, was ein besseres Verständnis für die indigenen Völker und die an uns begangenen Ungerechtigkeiten der Vergangenheit verdeutlicht. Wir erkennen dies natürlich an und begrüßen die Re-Humanisierung dieser Personen und Institutionen“, sagte die OHA-Vorstandsvorsitzende Carmen ‚Hulu‘ Lindsey. „Heute ermöglichen uns diese Aktionen, nicht nur als Individuen, sondern als lāhui (hawaiische Nation) zu heilen.“

Beitragsbild: © Übersee-Museum Bremen

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Paul Esser

Paul Esser ist stellvertretender Chefredakteur beim Good News Magazin. Wenn er gerade keine Medien macht oder konsumiert, studiert er Politikwissenschaften und Psychologie. Warum das alles? Lösungen waren schon immer spannender als Probleme!

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