Warum der Monopoly-Mann kein Monokel trägt

Neue Studie erklärt den Mandela-Effekt

von | 7. Oktober, 2022

Viele Menschen erinnern sich auf die gleiche Weise an falsche Dinge. Eine Studie sucht wissenschaftliche Erklärungen für diesen Mandela-Effekt.

Der Monopoly-Mann trägt ein Monokel, Darth Vader sagt in der „Star Wars – Episode V“ den berühmten Satz “Luke, ich bin dein Vater” und das Pokémon Pikachu hat einen schwarzen Streifen an seinem Schwanz. Ja klar, denken die meisten – stimmt aber leider nicht. Auch das abschließende “…of the world”, das wir alle am Ende von We are the Champions schmettern, kommt in der Originalversion der Queen-Hymne nie vor. Dass Menschen falsche Erinnerungen teilen, wird auch Mandela-Effekt genannt. Eine neue Studie möchte dieses Phänomen nun erklären.   

Falsche Erinnerung oder andere Realität?

Die Bezeichnung Mandela-Effekt geht auf Fiona Broome zurück. Sie war fest davon überzeugt, dass Nelson Mandela bereits in den 1980er-Jahren in einem Gefängnis verstorben war. Tatsächlich starb er aber am 05. Dezember 2013. Als ihr auffiel, dass sich viele andere Menschen ebenso falsch an den Tod des südafrikanischen Freiheitskämpfers und Aktivisten erinnern, schrieb sie auf ihrer Website über diese Beobachtungen. Kollektive falsche Erinnerungen sind seitdem überall im Internet zu finden. 

Falsche Todesdaten von Prominenten, fehlende Szenen in berühmten Filmen und Logos von Unternehmen, die eigentlich einmal anders aussahen, sind perfekter Nährstoff für Verschwörungstheorien. Alternative Realitäten, paranormale Aktivitäten und Vertuschungsaktionen der Freimauerer  – beim Mandela-Effekt sind alle an Bord. Kein Wunder also, dass sich auch Fiona Broome als “Geist-Historikerin” bezeichnet. Die Studie, die zwei Psychologinnen der University und Chicago durchgeführt haben, sucht hingegen nach wissenschaftlichen Erklärungen.  

Systematisch falsch

Erstmals konnten Deepasri Prasad und Wilma Bainbridge zeigen, dass der visuelle Mandela-Effekt tatsächlich systematisch bei bestimmten popkulturellen Symbolen und Figuren auftritt. Die Forschenden sprechen von “spezifischen und konsistenten visuellen falschen Erinnerungen.” Dazu führten sie vier Experimente durch. Entweder sollten Versuchspersonen die Originalversionen und die Mandela-Effekt-Version auf Bildern unterscheiden oder sie aus ihrer Erinnerung beschreiben oder malen. Darunter waren unter anderem der Star Wars-Droide C3-PO (silbernes statt goldenes Bein) oder das Logo von Volkswagen (Lücke zwischen ‘V’ und ‘W’).

Tatsächlich zeigen die Ergebnisse: Der visuelle Mandela-Effekt tritt sowohl beim Erkennen als auch beim Abruf aus dem Gedächtnis auf. Dabei macht es bei den ausgewählten Bildern keinen Unterschied, ob die Erinnerung lange zurückliegt oder die Proband:innen das Logo oder die Figur gerade gesehen haben. “Sogar wenn die Versuchspersonen die korrekte Version eines Icons sahen, wählten sie Minuten später die falsche Version aus”, schreiben die Forscherinnen. 

Mehrere Erinnerungen, mehrere Erklärungen

Die genaue Ursache des Mandela-Effekts konnten die Forschenden allerdings noch nicht bestimmen. Es sind gleich mehrere Erklärungen denkbar. Visuelle Schemata, also Erwartungen zu Motiven, die in unseren Denkstrukturen angelegt sind, sind eine davon. So stellen wir uns den Monopoly-Mann deshalb mit Monokel vor, weil weiße, alte, reiche Männer oft mit Monokel dargestellt werden. Da andere psychologische Experimente aber zeigen, dass diese Erwartungen zwischen Personen oft abweichen, können diese Schemata nicht erklären, warum sich so viele auf die gleiche Weise falsch erinnern. 

Die Forscherinnen glauben, dass der Mandela-Effekt in Teilen schon zur selbsterfüllenden Prophezeiung geworden ist. Die vielen falschen Beispiele sind längst Internetphänomene. Für unser Gehirn ist das ein Problem, denn es erinnert sich besser an Ungewohntes. Wenn wir also die falsche Version sehen, ist es wahrscheinlich, dass wir damit die richtige Version überschreiben. 

Klar ist: Um richtig zu verstehen, warum wir uns falsch erinnern, wird es noch viele Experimente brauchen. 

Tipp: Ähnliche Phänomene wurden im Buch „Good News – Wie wir lernen, uns gegen die Flut schlechter Nachrichten zu wehren“ beschrieben.

Beitragsbild: Ashim D’Silva | unsplash.com

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Paul Esser

Paul Esser ist stellvertretender Chefredakteur beim Good News Magazin. Wenn er gerade keine Medien macht oder konsumiert, studiert er Politikwissenschaften und Psychologie. Warum das alles? Lösungen waren schon immer spannender als Probleme!

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