Plastic Fischer wächst – trotz Herausforderungen

Drei neue Standorte und über drei Millionen Kilo Plastik

von | 15. Oktober, 2026 | #16 – Was ist geworden aus..., Umwelt

Plastic Fischer Entwicklung der letzten Jahre

2024 war Krise. Zwei Jahre später hat Plastic Fischer die Arbeit an drei neuen Standorten begonnen und mehr als eine Million Kilogramm Plastik zusätzlich aus den Flüssen gefischt. Was Gründer Karsten Hirsch aus dieser Zeit für die Zukunft mitnimmt.

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März 2024. Ein sichtbar abgespannter Karsten Hirsch blickt mir von der anderen Seite des Bildschirms entgegen. Dabei ist es eigentlich ein schöner Anlass: Wir sind für ein Gespräch zum fünfjährigen Bestehen von Plastic Fischer verabredet, der Organisation, die Karsten gemeinsam mit zwei Freunden 2019 gegründet hat – als erstes Unternehmen, das sich voll und ganz darauf konzentriert, Plastik in den Flüssen zu stoppen, um die Müllflut in den Ozeanen einzudämmen. 

In diesen fünf Jahren hat Plastic Fischer rund 1.700 Kilogramm Plastik aus hochgradig verschmutzten Flüssen in Indonesien und Indien gefischt, mit dem TrashBoom eine simple und effektive Technik entwickelt, den Plastikfluss zu stoppen und damit über 80 feste Arbeitsplätze für die Menschen vor Ort geschaffen.

Doch im Jubiläumsjahr steht trotz großer Erfolge alles auf der Kippe. Die Finanzierung ist unsicher, die Zukunft unklar. “Wir wollen unbedingt weitermachen”, sagte Karsten mir damals, “aber dafür brauchen wir dringend Unterstützung”. 

Im August 2026 schreibe ich Karsten wieder mit der Bitte um ein Update. Schon kurze Zeit später kommt die Antwort: “Sehr gerne! Da hat sich tatsächlich einiges getan!” Und das ist keinesfalls übertrieben. Über zweieinhalb Jahre Auf und Ab, gemeisterte Hürden, anhaltende Herausforderungen und das Potenzial neuer Kooperationen und Standorte.

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Weitermachen dank alter und neuer Partnerschaften

“Krise”, bringt es Karsten rückblickend mit einem kleinen Lachen auf den Punkt, als ich ihn auf die Situation bei unserem letzten Gespräch anspreche. Eine Krise, die sich danach tatsächlich erst noch einmal zuspitzte. Denn Ende 2024 waren die Ressourcen fast aufgebraucht. 

“Die Bereitschaft, sich mit Umweltschutz und Nachhaltigkeit auseinanderzusetzen, nimmt in den letzten Jahren eher ab, als zu, das ist eine Tendenz, die tatsächlich leider auch weiterhin anhält”, erklärt Karsten. Auch Unternehmen seien zurückhaltender in Projekte zu investieren. Was nach Covid begann, bleibt eine Herausforderung für Organisationen wie Plastic Fischer, die sich durch eben solche Investitionen finanzieren.

Einige Unternehmen gibt es aber eben doch, die weiterhin bereit sind, in nachhaltige Projekte zu investieren. 2025 konnte Plastic Fischer wieder aufatmen. Ein wichtiger langjähriger Partner sagte weitere Unterstützung für die nächsten Jahre zu, auch andere Unterstützer verlängerten die Zusammenarbeit. Damit stand fest: Es kann weitergehen.

Im Juni 2025 entstand dann eine der größten Unternehmenspartnerschaften bis dato: Plastic Fischer unterzeichnete einen dreijährigen Sponsoring-Vertrag mit dem globalen Maschinenbauunternehmen Everllence mit Hauptsitz in Augsburg, ehemals MAN Energy Solutions. Zwischen 450 und 500 Tonnen Plastikmüll sollen allein durch diese Kooperation gesammelt und verarbeitet werden. 

Drei Standorte kommen hinzu

Die weiterbestehenden und neuen Kooperationen bedeuten nicht nur Planungssicherheit für die Zukunft – sie ermöglichen auch Raum für neue Projekte. 

Konkret durch die Zusammenarbeit mit Everllence wurden bereits 2025 zwei neue Standorte eröffnet, in Vadodara entlang des Vishwamitri-Flusses, und in Bangalore. Als Teil des Klimafonds von Amazon entstand zudem ein weiterer neuer Standort in Mumbai.

Genau dieser Standort ist für Karsten auch ein ganz besonderes Projekt. Denn “Mumbai ist extrem herausfordernd, extrem polarisierend. Es hat ein riesengroßes Müllproblem.” Gleichzeitig ist der Thane Creek, wo Plastic Fischer mehrere TrashBooms installiert hat, um den Fluss an Plastikmüll zu stoppen, ein Ort mit großem Artenreichtum: Iin seinen Mangrovenwäldern leben über 100.000 Flamingos. “Durch unseren Alltag können wir einen Teil dazu leisten, diese Flamingo-Population zu schützen”, erklärt Karsten.

Es ist ein Beispiel dafür, wie die Effekte des Einsatzes von Plastic Fischer über das reine Sammeln von Plastikmüll hinausgehen. Umwelt, Tiere und auch die Menschen vor Ort profitieren – unter anderem durch das sinkende Risiko von Krankheiten, die durch verschmutztes Wasser übertragen werden, und von Überschwemmungen.

Viel zu schaffen und viel Potenzial am neuen Standort Mumbai

Gleichzeitig stehe das Projekt in Mumbai eben noch ganz am Anfang. “Da gibt es noch viel zu schaffen”, betont Karsten. Viel zu schaffen bedeutet aber gleichzeitig auch viel Potenzial. Bereits jetzt zeigen die neuen Partnerschaften und Projekte deutliche Effekte. Ende 2024 hatte Plastic Fischer knapp 2 Millionen Kilogramm Plastik aus dem Wasser gefischt. Eineinhalb Jahre später sind es ganze 3 Millionen Kilogramm. Auch die Zahl der Angestellten vor Ort ist gestiegen, über 100 Menschen arbeiten inzwischen fest für Plastic Fischer. 

“Insgesamt ist da auf jeden Fall sichtbares Wachstum im Vergleich zu 2024”, fasst Karsten zusammen – ein Wachstum, “das sich jetzt auch durch unsere Partnerschaften in Mumbai noch einmal deutlich vergrößern wird.”

In Mumbai arbeitet Plastic Fischer gleich mit mehreren anderen Organisationen zusammen. Eine davon ist die niederländische Nichtregierungsorganisation The Ocean Cleanup, die wohl bekannteste und größte NGO, die sich der Säuberung der Meere und Flüsse verschrieben hat. Seit 2026 ist Plastic Fischer gemeinsam mit United Way Mumbai vor Ort für die Installation von Barrieren zuständig, die insgesamt fünf Millionen Kilogramm Plastik davon abhalten sollen, in das Arabische Meer zu gelangen. “Diese Partnerschaft gibt uns Planungssicherheit, zeigt uns aber vor allem auch, was wir inzwischen in dieser Branche für einen Stellenwert haben”, freut sich Karsten.

Auch mit Planet Wild arbeitet Plastic Fischer in Mumbai zusammen. Gemeinsam entstand in der Millionenstadt der bislang größte TrashBoom. 42 Meter lang ist die schwimmende Plastik-Barriere, die jeden Monat mindestens 10.000 Kilogramm Plastik auffangen soll. 

Der Clou: Die Barriere selbst ist aus dem Plastik gebaut, das durch Trash Booms an anderen Standorten aus den Flüssen gefischt werden konnte. Über 65 davon sind in Indien und Indonesien bereits im Einsatz. Der neue Trash Boom in Mumbai hat dazu noch ein besonderes zusätzliches Feature: Durch den sogenannten “Tidal Compensator” bewegt sich die Barriere mit den Tidenständen auf und ab, was Lücken vorbeugt, an denen Plastik sonst vorbei gelangen könnte.

Mehr Reichweite = mehr Unterstützung (?)

Die Installation des neuen TrashBooms wurde von Planet Wild vor Ort begleitet. Das Video, das die Organisation anschließend darüber postete, erreichte in kurzer Zeit über drei Millionen Aufrufe auf Youtube. Ein Zeichen dafür, wie sehr die Plastikverschmutzung in den Köpfen präsent ist – und wie sehr sich viele Menschen nach Lösungen für dieses Problem sehnen. Und für Plastic Fischer eine wichtige Gelegenheit, mehr Sichtbarkeit zu bekommen. 

Auch das ist etwas, das in den letzten Jahren glücklicherweise zugenommen hat, beschreibt Karsten. Von Auftritten in der Tagesschau im Juni 2026 zur Teilnahme an der UN-Ozeankonferenz in Nizza 2025 legt diese Reichweite den Grundstein für neue Kooperationen.

Die erhofft er sich auch durch eine weitere Veränderung seit 2024: Plastic Fischer ist seit kurzem eine zertifizierte B Corporation. Karsten beschreibt den Vorgang als “eine unabhängige Prüfung, die bestätigt, dass ein Unternehmen einen positiven Fuß- bzw. Handabdruck hinterlässt.” Dazu zählen unter anderem faire Arbeitsbedingungen oder, im Fall von Plastic Fischer, die Verpflichtung, Umweltauswirkungen und soziale Auswirkungen im Unternehmenszweck zu verankern und nicht über den Profit zu stellen. Die Zertifizierung könnte im besten Fall weitere Möglichkeiten für die Zusammenarbeit mit Unternehmen schaffen.

Denn die Unterstützung durch große Kooperationen hat den größten Effekt – und ist immer nötig , wie Karsten trotz aller positiven Entwicklungen mahnt. Angesichts der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Lage ginge die Bereitschaft für Spenden und Investitionen zurück. Damit hätten nicht nur sie zu kämpfen, sondern alle Organisationen, die sich gegen die Plastikverschmutzung in Flüssen und Ozeanen einsetzen. 

Umgang mit Plastikmüll wird bewusster

Dem schwindenden Interesse an Investitionen in Nachhaltigkeit in Europa und Nordamerika allerdings steht ein wachsendes Bewusstsein an den Orten entgegen, wo Plastic Fischer im Einsatz ist. Denn hier zahlt sich die Geduld der letzten Jahre aus, berichtet Karsten: “Ich merke definitiv eine deutlich größere Sensitivität bei den Anwohner:innen. Viele Menschen sagen, dass sich ihr Blick auf die Dinge durch unsere Arbeit verändert hat und sie jetzt das Plastik eben nicht mehr einfach in die Umgebung schmeißen. Manche geben es jetzt sogar direkt bei uns ab, damit es eben nicht mehr in den Flüssen landet.” 

Auch die große Zahl der Bewerbungen für ihre Arbeitsstellen zeigt für ihn, dass Plastic Fischer einen guten Stand als Unternehmen und Arbeitgeber hat – “aber eben auch, dass das Thema die Leute interessiert. Und das ist eine sehr, sehr schöne Entwicklung.”

Um dieses Bewusstsein noch weiter zu fördern, organisiert Plastic Fischer weiterhin regelmäßig Veranstaltungen für einen nachhaltigeren Umgang mit Plastikmüll. So seien zum World Cleanup Day am 20. September 2026 an allen Standorten Veranstaltungen geplant, darunter eine große Aktion in Bangalore mit 600 bis 800 Freiwilligen, erklärt Karsten. Denn “Sensibilisierung bleibt ein wichtiger Faktor”, um weiterhin Bewusstsein zu schaffen und darauf hinzuarbeiten, dass in Zukunft auch weniger Plastik in die Flüsse gelangt. 

Lessons Learned – und wie es jetzt weitergeht

Und was die eigene Zukunft angeht? “Ich bin gerade zuversichtlich, dass wir uns erst einmal keine so großen Gedanken machen müssen”, meint Karsten. Allerdings nicht, ohne direkt hinzuzufügen: “Ich weiß aber auch, wie schnell sich das ändern kann.” Aus der Vergangenheit hätten sie bei Plastic Fischer gelernt, Anzeichen für Herausforderungen früher zu erkennen und immer langfristig zu denken. Schließlich geht es nicht nur um die Zukunft eines Unternehmens, sondern um die von inzwischen über 100 Angestellten und deren Familien, denen Plastic Fischer ein gesichertes Einkommen ermöglicht. 

Der Erhalt dieser Arbeitsplätze sei auch 2024 die Hauptpriorität gewesen, meint Karsten rückblickend. “Wir haben damals gar nicht wirtschaftlich gedacht, sondern an die Leute und dachten uns, die können wir jetzt doch nicht kündigen.” Im Ernstfall wären alle im Management auch bereit gewesen, für einen gewissen Zeitraum auf ihr Gehalt zu verzichten, um die Arbeitsplätze zu erhalten. Eine Einstellung, die für den enormen Zusammenhalt im Team spricht. In Zukunft soll es zu solchen Überlegungen aber gar nicht erst kommen müssen. “Deshalb suchen wir immer weiter nach Unterstützung und Sponsoren.” 

Neben dem Erhalt der Arbeitsplätze ist Wachstum das zweite große Ziel für die nächsten Jahre. “Wir gehen ja auch ein Problem an, das nicht gerade klein ist. Im Gegenteil. Deswegen müssen wir viel tun, um wirklich eine Auswirkung zu haben”, beschreibt Karsten. “Deshalb ist unser Ziel, deutlich weiter zu wachsen, vor allem an der indischen Küste, weil hier echt immer noch sehr viel Plastik ins Meer gelangt.” 

Neue Projekte seien schon in Planung, allerdings bislang noch vertraulich. Doch, so viel wird allein beim Blick auf Mumbai klar, es entstehen aktuell viele spannende Möglichkeiten.

Eine echte Chance

Dass es auch in Zukunft nicht immer reibungslos ablaufen wird, ist sehr wahrscheinlich. Doch “wir sind immer noch da, auch nach schwierigen Zeiten”, meint Karsten, allein das ist Grund für Optimismus. Und dann ist da natürlich das Team, das seit vielen Jahren hinter der Vision steht, “mit der absoluten Überzeugung, dass wir etwas bewegen können.”

Gerade auch die Entwicklungen der letzten Jahre und Monate machen Mut. “Dass wir Partnerschaften dazu gewinnen. Dass wir eine Kollaboration zu einer großen Organisation wie The Ocean Cleanup haben, was zeigt, dass wir inzwischen wirklich anerkannt sind in der Szene. Dass wir weiter wachsen. All das zeigt mir, dass wir eine Chance haben.” 

Auch wenn sich gerade viel verändert: Die grundlegende Motivation bleibt die gleiche, bei Karsten und dem gesamten Team von Plastic Fischer. Plastik aus den Flüssen zu holen und damit etwas zu bewirken. Für die Umwelt, die Menschen vor Ort und letztendlich für uns alle. 

“Es ist sehr erfüllend und motivierend, an etwas zu arbeiten, was zu einer positiven Zukunft beiträgt.”

Karsten Hirsch

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