Ein Beitrag über Arbeitswelten, Vorurteile und die Frage, wie ein erfüllender Job aussehen kann. Menschen aus ganz unterschiedlichen Branchen erzählen hier von ihrem Arbeitsalltag, ihren Hoffnungen und dem, was sie an ihrer Arbeit lieben.
Dieser Artikel ist eine Ergänzung zu dem Artikel Meine Arbeit und ich von Ruth Kluge aus unserem Printmagazin „Wir arbeiten dran“.
Wer mit Kindern arbeitet, bringt immer auch die eigene Stimmung, den eigenen Stress und die eigenen Erfahrungen mit. Jennifer Straus aus Schwäbisch Hall begleitet deshalb Pädagog:innen dabei, nicht nur die Bedürfnisse der Kinder, sondern auch die eigenen Grenzen und Reaktionen besser wahrzunehmen. Zu ihrem Arbeitsalltag gehören Coachings und Gespräche ebenso wie die Entwicklung neuer Inhalte. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, warum Selbstfürsorge gerade in Schulen und Kindergärten wichtig ist, weshalb Unterstützung kein Zeichen von Schwäche sein sollte – und wie aus einer Beobachtung ihrer eigenen Kinder schließlich ein Beruf wurde.
GNM: Wie sieht ein mehr oder weniger typischer Tag in deinem Beruf aus?
Einen wirklich typischen Tag gibt es bei mir kaum – und genau das liebe ich an meiner Arbeit. Manche Tage bestehen aus Coachings oder Gesprächen mit Pädagoginnen und Pädagogen, manchmal begleite ich Menschen online oder entwickle Inhalte für Social Media und meine Webseite. Oft geht es darum, Menschen dabei zu unterstützen, wieder mehr bei sich selbst anzukommen – gerade in einem Alltag, der oft laut, schnell und fordernd ist.
Mir ist wichtig, ganzheitlich zu arbeiten. Das bedeutet: Nicht nur über Probleme zu sprechen, sondern auch den Körper und das Nervensystem mitzunehmen. Denn viele Menschen verstehen mittlerweile sehr viel mit dem Kopf – aber haben verlernt oder nie gelernt, wirklich auf sich selbst zu hören.
Wie bist du zu diesem Job gekommen?
Ich glaube, viele Wege entstehen tatsächlich beim Gehen – so war es auch bei mir. Angefangen hat vieles mit meinen eigenen Kindern. Es gab einen Moment, der mich tief wachgerüttelt hat: Mein Sohn sprach mit meiner Tochter in genau dem Ton, in dem ich offensichtlich mit ihm gesprochen hatte. In diesem Moment habe ich mich selbst erkannt. Gestresst, überfordert, nicht wirklich bei mir – obwohl ich doch eigentlich ganz anders sein wollte. Das war ein Wendepunkt für mich.
Ich konnte und wollte das nicht einfach hinnehmen. Also begann ich, Verantwortung zu übernehmen – für mich, mein Verhalten, meine Reaktionen und letztlich für mein Leben.
Auf diesem Weg habe ich mich intensiv mit Themen wie Selbstführung, Lösung emotionaler Blockaden, inneres Kind, Glaubenssätze, Nervensystemregulation, persönlicher Entwicklung und Human Design beschäftigt. Nicht, weil ich perfekt werden wollte, sondern weil ich verstehen wollte, warum wir oft anders handeln, als wir es eigentlich möchten. Irgendwann wurde mir klar: Ich möchte das, was mir selbst geholfen hat, weitergeben. Auf eine ruhige, alltagstaugliche und menschliche Art – ohne Druck, aber mit echter Tiefe.
Welche positiven Entwicklungen siehst du in deiner Branche?
Ich nehme wahr, dass immer mehr Menschen verstehen, wie wichtig mentale Gesundheit, Selbstfürsorge und Nervensystemregulation wirklich sind. Früher wurden Stress, Erschöpfung oder emotionale Überforderung oft einfach „funktionierend“ überspielt. Heute entsteht langsam mehr Bewusstsein dafür, dass wir Menschen nicht nur über Leistung betrachten können.
Besonders schön finde ich, dass ganzheitliche Ansätze zunehmend ernst genommen werden – also die Verbindung von Körper, Emotionen und innerer Haltung. Viele Menschen merken: Veränderung passiert nicht nur im Denken, sondern auch im Fühlen und Erleben.
Was an deinem Job/an deinem Karriereweg macht dich dankbar? Was macht dich persönlich optimistisch für deine berufliche Zukunft?
Mich macht dankbar, wenn Menschen sich gesehen fühlen. Wenn jemand nach einem Gespräch sagt: „Ich dachte, ich bin damit allein.“ Oder wenn ich merke, dass jemand wieder mehr Zugang zu sich selbst findet.
Optimistisch macht mich, dass immer mehr Menschen nach echter Verbindung suchen – weg von höher, schneller, weiter. Ich glaube, dass unsere Gesellschaft Räume braucht, in denen Menschen wieder lernen dürfen, sich selbst wahrzunehmen, Grenzen ernst zu nehmen und Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.
Was an deiner Arbeit macht dir besonders viel Spaß? Was bringt dich bei deiner Arbeit immer wieder zum Lächeln?
Ich liebe echte Begegnungen. Diese Momente, in denen Menschen plötzlich weicher werden, anfangen ehrlich zu fühlen oder sich selbst wieder ein Stück näherkommen. Und tatsächlich bringen mich oft die kleinen Dinge zum Lächeln: ehrliche Gespräche, Kinder, die unglaublich fein wahrnehmen, kleine Fortschritte oder wenn Menschen merken, dass sie nicht perfekt sein müssen, um wertvoll zu sein.
Wenn du der Welt etwas über deinen Job/die Branche, in der du arbeitest, sagen könntest, was wäre es?
Dass es nicht darum geht, Menschen „zu reparieren“. Viele tragen unglaublich viel Wissen in sich und funktionieren nach außen scheinbar gut. Aber oft fehlt die Verbindung zum eigenen Körper, zu den eigenen Bedürfnissen und Grenzen. Ich wünsche mir, dass wir lernen, früher hinzuhören – bevor Erschöpfung oder Überforderung zu groß werden. Und dass Selbstfürsorge endlich nicht mehr als Luxus gesehen wird, sondern als Verantwortung. Gerade wenn wir Kinder begleiten, ist das aus meiner Sicht essentiell wichtig. Kinder haben unglaublich feine Antennen. Sie spüren sehr genau, wie es uns wirklich geht – oft unabhängig von dem, was wir sagen. Deshalb ist es so wertvoll, dass wir Erwachsene lernen, unser eigenes Nervensystem besser zu verstehen und in herausfordernden Situationen bei uns zu bleiben. Nicht perfekt. Aber bewusster.
Besonders in Kindergärten und Schulen, wo viele Kinder gleichzeitig begleitet werden, dürfen wir uns bewusst machen, wie prägend unsere eigene Haltung, unsere Energie und unser Umgang mit Stress sein können. Nicht aus Schuld heraus. Sondern aus Liebe. Zu uns selbst und zu den Kindern, die wir begleiten.
Wie begegnest du Kritik an deinem Job/Arbeitgeber? Wie gehst du mit Vorurteilen um?
Ich glaube, dass viele Vorurteile aus Unsicherheit oder fehlender Erfahrung entstehen. Nicht jeder Mensch kann sofort etwas mit Themen wie Nervensystemregulation, EFT oder Human Design anfangen – und das ist völlig in Ordnung.
Mir ist wichtig, Menschen nichts aufzudrängen. Ich arbeite alltagstauglich, bodenständig und ohne Druck. Oft erleben Menschen erst durch eigene Erfahrungen, wie wertvoll schon kleine Veränderungen sein können. Und gleichzeitig glaube ich, dass jeder Mensch für sich selbst herausfinden darf, welcher Weg der richtige ist. Gerade im Bereich persönlicher Entwicklung, emotionaler Begleitung oder Nervensystemregulation gibt es inzwischen viele wertvolle und unterschiedliche Möglichkeiten der Unterstützung.
Ich wünsche mir, dass wir anfangen, uns diese Unterstützung auch zu erlauben. Dass wir verstehen, dass jeder Invest in uns selbst, letztlich auch ein Invest in unsere Gesundheit, unsere Beziehungen und unser Umfeld ist. Vielleicht dürfen wir in unserer Leistungsgesellschaft langsam wieder lernen, dass es kein Zeichen von Schwäche ist, Unterstützung anzunehmen. Sondern ein Zeichen von Bewusstsein, Verantwortung und Menschlichkeit.
Was möchtest du uns noch erzählen?
Ich glaube, wir unterschätzen oft, wie sehr unser innerer Zustand andere Menschen beeinflusst – besonders Kinder. Kinder brauchen keine perfekten Erwachsenen. Sie brauchen Menschen, die bereit sind, sich selbst ehrlich zu begegnen.
Genau deshalb ist Selbstführung für mich so wichtig. Nicht, um perfekt zu funktionieren, sondern um bewusster, verbundener und menschlicher durchs Leben zu gehen.
Ich glaube außerdem, dass viele Verhaltensweisen, Glaubenssätze und Muster, die wir heute in uns tragen, nicht erst bei uns begonnen haben. Vieles wurde über Generationen weitergegeben – oft unbewusst. Stress, Druck, emotionale Überforderung oder das Gefühl, immer funktionieren zu müssen, sind für viele Menschen so normal geworden, dass sie kaum noch hinterfragt werden.
Und vielleicht ist genau jetzt die Zeit, genauer hinzuschauen. Zu erkennen, was wirklich zu uns gehört – und was wir nicht weitertragen möchten.
Raum für Notizen, Anmerkungen oder Wünsche
Mir ist wichtig, dass meine Arbeit Menschen stärkt – nicht abhängig macht. Ich wünsche mir, dass Menschen wieder lernen, sich selbst wahrzunehmen, ihrem Körper zuzuhören und Werkzeuge kennenzulernen, die sie wirklich im Alltag unterstützen.
Ich glaube, wir dürfen anfangen, liebevoller mit uns selbst umzugehen. Weniger nur funktionieren und aushalten – sondern bewusster wahrnehmen, was in uns vorgeht.
Viele Muster, Reaktionen und Überzeugungen tragen wir schon lange mit uns, oft ohne es zu merken. Und vielleicht ist genau jetzt die Zeit, manches davon loszulassen, das uns nicht mehr dient.
Abschließend möchte ich mich herzlich beim Good News Magazin für dieses Interview bedanken. Ich finde die Arbeit und die Haltung hinter dem Magazin unglaublich wertvoll – gerade in einer Zeit, in der mentale Gesundheit immer wichtiger wird.
Positiver Journalismus bedeutet für mich nicht, Probleme zu verdrängen oder alles schönzureden. Sondern bewusst Räume zu schaffen, die Mut machen, verbinden und neue Perspektiven eröffnen.
Genau deshalb empfehle ich das Magazin auch immer wieder gerne weiter, weil ich glaube, dass solche Inhalte Menschen stärken und einen wichtigen Beitrag für mehr Bewusstsein und Menschlichkeit leisten können.
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