Was können wir von Menschen lernen, die ganz anders arbeiten als wir?

das ist ein GNM+ ArtikelMeine Arbeit und ich

von | 15. Juli, 2026 | #15 – Wir arbeiten dran, GNM+, Wirtschaft

Ein Beitrag über Arbeitswelten, Vorurteile und die Frage, wie ein erfüllender Job aussehen kann. Menschen aus ganz unterschiedlichen Branchen erzählen hier von ihrem Arbeitsalltag, ihren Hoffnungen und dem, was sie an ihrer Arbeit lieben.

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Mein Blick auf die Arbeitswelt veränderte sich überraschend, als ich 2019 nach einer Knie-OP in einer Rehaklinik landete. Dort saß ich mit einem Stahlarbeiter aus dem Ruhrpott, einer Putzkraft und einem LKW-Fahrer am gleichen Tisch. Ich hatte bis dahin überwiegend Bürojobs gemacht, komme aus einem akademischen Haushalt und hatte kaum Bezug zu anderen Arbeitswelten. Nun war ich konfrontiert mit einer anderen Art der Arbeit. Harte Jobs, offensichtlich körperlich stark belastend. Ich kann nicht behaupten, vorher ein echtes Bild davon gehabt zu haben, wie ein Alltag in solchen Berufen wirklich aussieht. Doch ich merkte, dass ich einige Vorurteile hatte. Vorurteile wie: “solche Jobs machen die meisten bestimmt nicht freiwillig.”

Mit am Tisch saß auch Angie. Angie war schon 30 Jahre lang Aldi-Kassiererin. Und sie war glücklich. Noch nie hatte mir ein Mensch zuvor so eine Begeisterung über einen Job vermitteln können. Seitdem sehe ich die Arbeitswelt mit ganz anderen Augen.

Nicht jede erfüllende Arbeit ist prestigeträchtig – nicht jede Arbeit mit Prestige erfüllt auch

Ich selbst hatte nicht unbedingt die besten Erfahrungen mit meiner bisherigen Arbeitswelt gemacht. Schlechte Vorgesetzte, kurze Verträge, viele Bildschirme, immer noch mehr Meetings. Bis heute bin ich Angie dankbar, dass sie mir die Erfüllung, die ihre Arbeit ihr bietet, so nahegebracht hat. Dass sie sich selbst mit neuem Hüftgelenk, nach Jahren voller Schmerzen, darauf freute, zurück in ihren Job zu gehen, war damals für mich unvorstellbar. Und inspirierend.

Als Covid begann, kündigte ich meinen Bürojob und fing an, in einem Bio-Supermarkt zu arbeiten. Für mich bedeutete das frühe Morgende oder späte Abende, Kälte und Schweiß, schmerzende Knie und Schnittwunden. Aber es bedeutete noch mehr. Die Arbeit machte Spaß. Die Menschen waren spannend. Es gab feste Routinen, aber kein Tag war gleich. Und sobald der Laden abgeschlossen war, war wirklich Feierabend. Sonntage wurden heilig. Frisch sortierte Regale oder ein sauber geputzter Boden waren sichtbare Ergebnisse am Ende eines Arbeitstags. Es war eine fantastische Zeit – auch dank meiner Chefin Miri, die mir mit ihrer zugewandten und mitreißenden Art sofort die Türen zu dieser Welt öffnete.

Ich hatte bis dahin gelernt, Arbeit vor allem über Status zu definieren, der gleichzeitig Sinnhaftigkeit suggerierte. Nicht über Alltag, Körperlichkeit oder Zufriedenheit. Doch nicht jede erfüllende Arbeit ist prestigeträchtig. Und nicht jede prestigeträchtige Arbeit ist erfüllend.

Was lieben die anderen eigentlich an ihrer Arbeit?

Viele Menschen wissen erstaunlich wenig darüber, wie der Alltag anderer Berufe aussieht und noch weniger darüber, welche Werte Menschen mit ihrer Arbeit verbinden. Machen sie ihren Job aus Leidenschaft, aus Verantwortung, zum Broterwerb oder weil es keine realistische Alternative gibt? Missverständnisse, Vorurteile und fehlende Einblicke in die Arbeitsrealitäten anderer helfen uns gesellschaftlich nicht weiter in Zeiten, in denen oft negativ über Arbeit berichtet und geredet wird. Vielleicht würden wir anders über Arbeit sprechen, wenn wir mehr voneinander wüssten? 

Ich habe persönlich sehr davon profitiert, zu verstehen, was andere Menschen an ihrer Arbeit schätzen. Es hat mir geholfen, bessere Entscheidungen für mich zu treffen und vielfältige Arbeit stärker anzuerkennen.
Dieses Gefühl möchte ich teilen. Deswegen präsentieren wir in dieser Reihe, die online fortgesetzt wird, eine bunte Sammlung (un-) gewöhnlicher Berufsbilder. Echte Mensc…

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