Ungetragene Kleidung auf Mülldeponien ist kein Zufall. Ein Verbot der EU zwingt Unternehmen zum Umdenken.
Eine Mülldeponie ist ein abgegrenzter Bereich, der zur dauerhaften Lagerung von Abfällen dient. Nicht unbedingt in Deutschland, dafür umso sicherer auf Mülldeponien in Ländern Asiens, Afrikas und Südamerikas stammt ein erheblicher Teil der Abfälle aus der Textilindustrie. Materiell defekt ist die Kleidung nicht unbedingt. Oft wäre jegliche Suche nach Gebrauchsspuren an den Kleidungsartikeln vergeblich: Etwa vier bis neun Prozent aller in Europa auf den Markt gebrachten Textilprodukte werden vernichtet, ohne jemals einen Kleiderschrank von innen gesehen zu haben.
Hinter einem vermeintlichen Versäumnis der Textilunternehmen verbirgt sich ein gezieltes Geschäftsmodell: Unternehmen produzieren bewusst über den Bedarf von Verbraucher:innen hinaus. Ein EU-weites Verbot vom 19. Juli 2026, ungetragene Kleidung zu vernichten, soll nun dagegenhalten.
Warum Überproduktion Trend ist
Die Überproduktion in der Textilindustrie ist einer einfachen Entwicklung zuzuschreiben: Bis vor wenigen Jahrzehnten erschienen jährlich etwa zwei bis vier Kollektionen auf dem Markt, die sich am Wechsel der Jahreszeiten orientierten. Heute werden die zeitlichen Abstände zwischen Kollektionen kontinuierlich geringer: Um schnell wechselnden Trends gerecht zu werden, veröffentlichen Unternehmen teilweise sogar wöchentliche neue Kollektionen.
Die Problematik hinter Trends liegt in deren schwerer Vorhersehbarkeit. Unternehmen ist eine präzise Prognose darüber unmöglich, welche Kleidungsstile von der Masse angenommen werden. Gleichzeitig genießt das Befriedigen der Nachfrage für viele Unternehmen oberste Priorität. Um das Risiko von Lieferengpässen gefragter Artikel zu vermeiden, produzieren Unternehmen ihre Ware vorsorglich in großen Mengen.
Problematisch spürbar wird die Anzahl der überproduzierten Kleidung im Hinblick auf die Logistik. Denn wie zu erwarten, finden große Mengen davon keine Käufer:innen. Die nicht verkauften Artikel werden zunächst zwischengelagert. Doch Lagerplatz ist teuer und blockiert die Kapazitäten für nachrückende Ware. Werden die begrenzten Lagermöglichkeiten überschritten, möchten Unternehmen die Kleidung möglichst schnell beseitigen. Hierfür wird die überschüssige Ware auf Müllverbrennungsanlagen verbrannt oder sie landet auf Mülldeponien.
Warum auch Retouren die Müllberge vergrößern
Die Unmengen an ungenutzter Kleidung auf Mülldeponien sind nicht nur eine Folge von Überproduktion. Auch die Möglichkeit einer kostenlosen Retoure trägt zu den Abfällen in der Textilindustrie bei. Konsument:innen schicken Kleidungsstücke zurück, die ihren Erwartungen nicht entsprechen: Die Farbe harmoniert nicht mit den Vorstellungen, die Hose wird in einer anderen Größe benötigt oder der Pullover sitzt anders, als erwartet.
Ziel von Retouren sollte es ursprünglich sein, dass das retournierte Kleidungsstück stattdessen andere Kund:innen erreicht, die Gefallen daran finden. In der Praxis sind sie jedoch eine kostspielige Angelegenheit. Ein zurückgesendetes Kleidungsstück, das zurück in die Hände des Händlers gelangt, erfordert gründliche Prüfung, Reinigung und Lagerung.
Wägt man die Kosten der Bearbeitung von Rücksendungen mit den Kosten der Vernichtung von retournierten Kleidungsstücken ab, ist letztere für viele Unternehmen die billigere Variante. Folglich sammelt sich auf Mülldeponien nicht nur überproduzierte Kleidung an. Direkt daneben bilden sich Türme aus retournierten Artikeln.
Aus den Augen, nicht aus der Umwelt
EU verbietet die Vernichtung ungetragener Kleidung