Neue (Welt-)Karte, neues Denken (?)

das ist ein GNM+ ArtikelUN-Resolution: Bye-bye, Mercator

von | 15. Oktober, 2026 | #16 – Was ist geworden aus..., GNM+

Neue Weltkarte, neues Denken?

Am 4. September 2026 stimmten die Vereinten Nationen für die Ersetzung der Mercator-Karte durch realitätsgetreue Abbildungen der Welt. Ein Schritt hin zu einer gerechteren Welt(karte)? Auf jeden Fall ein Anstoß zum Perspektivwechsel.

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Wie oft saß ich schon mit Freund:innen im Wohnzimmer unserer WG und plötzlich meinte jemand: “Warte mal. Ich hab mich die ganze Zeit gefragt, was mit eurer Weltkarte ist. Die ist ja falschrum.” Die meisten klettern direkt aufs Sofa, um einen näheren Blick auf die Karte an der Wand zu werfen. Dann, oder spätestens im Gespräch über das “Warum?” fällt auch auf: Nicht nur steht die Weltkarte für unsere Wahrnehmung auf dem Kopf. Außerdem ist auch noch Australien bzw. der Pazifik im Zentrum. Und, wichtig: Die Dimensionen sind anders.

Die Karte, die an unserer Wand hängt, ist eine Version der Peters Projektion, eine vom Bremer Historiker Arno Peters entwickelten Weltkarte, die versucht, die Proportionen der südlichen und nördlichen Hemisphären realitätsgetreu wiederzugeben. Denn genau das ist bei der aktuell hauptsächlich verwendeten Mercator-Karte nicht der Fall. Diese verzerrt die eigentlichen Dimensionen der Weltregionen. Die nördliche Hemisphäre, insbesondere Europa, Russland, die USA und China kommen dabei besonders groß weg, Afrika, Südamerika und Südost-Asien besonders klein.

Das soll sich jetzt ändern. Am 4. September 2026 stimmten die Vereinten Nationen (UN) mit großer Mehrheit für die von Togo eingebrachte und von Mitgliedern der Afrikanischen Union unterstützte Resolution “Correct the Map”. Diese fordert, die Mercator-Weltkarte durch Versionen zu ersetzen, die den realen Größenverhältnissen der Weltregionen näher kommen. Zwar ist die Abstimmung nicht bindend, erste Länder haben jedoch bereits zugesagt, in Zukunft die Mercator-Darstellung durch Alternativen zu ersetzen.

Afrika = Grönland x 5

Die Mercator-Karte wurde 1569 von dem flämischen Kartografen Gerardus Mercator zu Navigationszwecken für die europäische Seefahrt entworfen und wird noch heute in vielen Atlanten und Schulbüchern als Standard genutzt – sie ist auch die Vorlage für Google Maps. Die Größenverhältnisse der Mercator-Karte sind allerdings alles andere als realistisch. Das liegt auch daran, dass es unmöglich ist, die Oberfläche einer Kugel wie der Erde akkurat auf einer zweidimensionalen Karte darzustellen. 

Mercator ‘löste’ das Problem, indem er die Erdkugel auf einem Zylinder abbildete, mit dem Äquator als Mittelpunkt. Das ermöglichte es, Kompasskurse auf der Karte als gerade Linien einzuzeichnen, was die Navigation erheblich erleichterte. Aber es führte auch zu einer enormen Verzerrung der Flächen. Denn Regionen, die näher an den Polen liegen, erscheinen auf den Karten deutlich größer.

Besonders deutlich wird das bei einem Blick auf den afrikanischen Kontinent. Auf der bisher gängigen Karte erschien der gesamte Kontinent ungefähr so groß wie Grönland. 

In der Realität umfassen die 54 Staaten Afrikas mit 30.221.532 Quadratkilometern 22 Prozent der gesamten Landmasse der Erde. Grönland hingegen weist lediglich eine Größe von 2.166.086 km² auf – und ist damit kleiner als Algerien (2.381.741 km²) oder die Demokratische Republik Kongo (2.344.858 km²). 

Eine realistischere und vor allem fairere Darstellung

Dass die Mercator-Karte trotz dieser starken Verzerrungen so lange Standard blieb, liegt nicht nur – und insbesondere heute nicht mehr vorrangig – an ihren Vorteilen für die Navigation. Sondern auch daran, dass sich die Karte sehr gut in ein koloniales Denken einpasste, das Europa wortwörtlich ins Zentrum der Welt rückte – mit historischen Konsequenzen, aber auch anhaltenden Auswirkungen auf unser Denken. 

“Viel zu lange haben überlieferte kartografische Darstellungen unsere Wahrnehmung der wahren Größe und Rolle Afrikas und anderer Weltregionen verzerrt”, argumentierte auch Togos Außenminister Robert Dussey. Die Weltkarte zu korrigieren bedeute auch, die Art und Weise zu korrigieren, wie wir die Welt sehen. Das Resultat der Abstimmung bezeichnete er darum als “historisch” – “den Moment, als die internationale Gemeinschaft entschied, die Welt mit mehr Wahrheit und Fairness zu sehen.” 

“Diese Entscheidung geht weit über Kartografie hinaus. Sie betrifft Gerechtigkeit, Würde, Gleichberechtigung und die Art, wie wir die Welt darstellen”

– Robert Dussey

Alternativen bestehen seit Jahrzehnten

Schon seit Jahrzehnten gibt es immer wieder Bestrebungen für Karten, die die Welt realistischer darstellen als die Mercator-Projektion. Dazu zählt die Peters-Projektion, die bereits in den frühen 1970er Jahren als Alternative entwickelt wurde. Sie zeigt die Länder und Kontinente in ihren realen Größenverhältnissen, allerdings zulasten ihrer richtigen Form. 

Togos Kampagne #CorrectTheMap schlägt stattdessen die Equal Earth–Projektion vor, die 2018 von einem internationalen Team von Kartograf:innen entwickelt wurde. Sie stellt sowohl die Größen als auch Formen der jeweiligen Länder und Regionen akkurat dar – allerdings auf Kosten der geraden Linien, die die Mercator-Karte so geeignet für die Navigation und das Abmessen von Distanzen machten. 

Die Befürwortenden der Equal Earth Projektion argumentieren, dass dieser Nachteil geringer wiegt als die stark verzerrten Größendarstellungen der Mercator-Karte. Die Einführung der neuen Weltkarte könnte so dazu beitragen, koloniale Denkmuster, die der Karte zugrunde liegen, zu durchbrechen.

Frankreich treibt Umsetzung voran

Ein Argument, das überzeugt. Nachdem die Mitgliedsstaaten der Afrikanischen Union die Equal Earth Map bereits im Februar übernommen hatten, zog die UN nun nach. 164 Mitgliedsstaaten stimmten für den Vorschlag, einzig die USA dagegen. Sechs Staaten – Estland, Georgien, Litauen, die Republik Moldau, Serbien und die Ukraine – enthielten sich. 

Die Entscheidung bedeutet kein Verbot der Mercator-Projektion. Es bleibt also abzuwarten, ob Anbieter wie Google-Maps ihre Karten ersetzen und ob und wann wahrheitsgetreuere Projektionen zum Standard in Schulbüchern werden. Erste Länder haben allerdings bereits angekündigt, die Mercator-Projektion bald durch neue Karten zu ersetzen: In Frankreich verkündete das Ministerium für Europa und Auswärtige Angelegenheiten bereits vor der Abstimmung am 4. September die Abschaffung der Mercator-Karte auf seinen Plattformen, stattdessen soll in Zukunft die sogenannte Eckert IV-Darstellung genutzt werden. 

Die schrittweise Ersetzung der Mercator-Projektion habe bereits 2021 begonnen. “Eine Karte ist nie völlig neutral”, argumentierte der Leiter des Ministeriums, Jean-Noël Barrot. Es sei darum an der Zeit, eine überholte Wahrnehmung der Welt auf Basis von Karten aus dem 16. Jahrhundert zu korrigieren.

Die Entscheidung Frankreichs und der UN sei ein positiver Schritt für alle Länder – auch diejenigen, die, wie Frankreich selbst, dadurch auf den Karten an Größe verlieren, fügte er gegenüber dem französischen Nachrichtenkanal Radio France International hinzu: “Wir müssen die Welt so sehen, wie sie wirklich ist.” Das Ministerium werde darum zukünftig in Abhängigkeit des Kontextes die Darstellung wählen, die von Wissenschaftler:innen und Kartograf:innen als die geeignetste angesehen werde.  

Ein neuer Blick

Eine neue Karte bedeutet einen neuen Blick auf die Welt. So wie die Karte an unserer Wand in der WG stellt sie vielleicht auch unser Denken auf den Kopf – und ermöglicht neue Perspektiven. Genau darum haben wir 2023 in unserem Printmagazin “Perspektivwechsel” eine ganz andere Karte Afrikas abgedruckt.

afrika karte
UN-Resolution: Bye-bye, Mercator 1

“Mit unserer Karte haben wir uns bemüht, die wahren Größenverhältnisse Afrikas darzustellen – und damit die eurozentrische Sicht zu verlassen. Denn wir sind uns sicher: Ein anderer Blickwinkel eröffnet nicht nur redensartlich andere Perspektiven”, schrieb meine Kollegin und Print-Chefredakteurin Lucia Oiro damals. Diese Perspektiven eröffnen sich, so die Hoffnung, nun immer mehr Menschen. Oder, um noch einmal Togos Außenminister Robert Dussey zu zitieren:

“Die Karte ändert sich. Unsere Perspektive ändert sich. Und unsere Welt bewegt sich hin zu mehr Gleichberechtigung.”

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Beitragsbild: Equal Earth

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