Meine Arbeit und ich

Palliativärztin Anna Stahl: Wie Versorgung zu Hause Lebensqualität am Lebensende stärkt

von | 18. September, 2026 | #15 – Wir arbeiten dran, Arbeit, Printmagazin

Ein Beitrag über Arbeitswelten, Vorurteile und die Frage, wie ein erfüllender Job aussehen kann. Menschen aus ganz unterschiedlichen Branchen erzählen hier von ihrem Arbeitsalltag, ihren Hoffnungen und dem, was sie an ihrer Arbeit lieben.

Dieser Artikel ist ein Auszug aus dem Artikel Meine Arbeit und ich von Ruth Kluge aus unserem Printmagazin „Wir arbeiten dran“.

Die Kölnerin Anna begleitet Menschen in einer Phase ihres Lebens, über die viele lieber nicht nachdenken möchten. Als Ärztin in der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung betreut sie Patient:innen mit nicht heilbaren Erkrankungen – häufig bei ihnen zu Hause. Dabei geht es nicht mehr darum, eine Krankheit zu heilen, sondern Schmerzen zu lindern, Lebensqualität zu erhalten und Menschen ein möglichst selbstbestimmtes Lebensende zu ermöglichen. Wir haben mit Anna darüber gesprochen, warum sie die Begleitung beim Sterben als Privileg empfindet – und weshalb ausgerechnet die tägliche Begegnung mit dem Tod sie gelehrt hat, das Leben mehr zu schätzen.

GNM: Welche positiven Entwicklungen siehst du in deiner Branche?

Anna: Die Palliativmedizin ist ein sehr junger Fachbereich der Medizin. Seit 2013 ist sie stetig gewachsen, was ich als unglaublich wichtig erachte, da das Gesundheitswesen an vielen Stellen unter zeitlichem und ökonomischem Druck steht. Die Palliativmedizin hingegen verfolgt den zentralen Leitsatz der „radikalen Patient:innenorientierung“. Das bedeutet, dass wir den Menschen und nicht nur Laborwerte oder Röntgenbilder sehen und versuchen, dessen Restlebenszeit so lebenswert wie möglich zu gestalten. Einem Menschen letztlich die Möglichkeit zu schenken, seine letzten Lebensmonate, -wochen oder -tage zu Hause bei seinen Lieben verbringen zu dürfen, empfinde ich als wahnsinnig wertvoll.

GNM: Was an deinem Job macht dich dankbar? 

Anna: Ich freue mich jeden Tag darüber, Menschen mit einem schweren Schicksal Linderung und Beistand schenken zu dürfen. Einer meiner wunderbaren Kollegen formulierte einmal sehr treffend:

„Nicht viele Menschen sind zu den großen Ereignissen des Lebens eingeladen. Bei Geburt, Taufe oder Hochzeit sind nur die wichtigsten Menschen dabei. Daher ist es ein Privileg, einen Menschen beim Sterben begleiten zu dürfen.“

Aus diesem Grund stimmt es mich optimistisch, dass die Palliativmedizin immer weiter wächst und somit immer mehr Menschen eine enge, liebevolle und bedürfnisorientierte Begleitung an ihrem Lebensende erfahren dürfen. Und während meiner Arbeit wird mir selbst auch ausgesprochen viel Dankbarkeit entgegengebracht.

GNM: Was bringt dich bei deiner Arbeit immer wieder zum Lächeln?

Anna: Oft werde ich gefragt, wie ich es verkraften kann, ständig mit Leid, Tod und Sterben konfrontiert zu sein. Das Wissen darum, dass ich Menschen in der vielleicht schwersten Zeit ihres Lebens helfen kann, zaubert mir täglich wieder ein Lächeln ins Gesicht. Ich genieße es auch, vielen verschiedenen Charakteren mit ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten zu begegnen. Dass ich die Patient:innen zu Hause behandle und oft mehr Zeit habe, als es in anderen Bereichen der Medizin der Fall ist, gibt mir die Möglichkeit, den Menschen hinter der Erkrankung kennenzulernen.

GNM: Wenn du der Welt etwas über deinen Job sagen könntest, was wäre es?

Anna: Der Tod ist nichts Schmutziges, Düsteres, worüber man nicht sprechen sollte. Wir alle müssen eines Tages sterben. Die entscheidende Frage ist nur wann und wie. Ich würde jedem Menschen wünschen, die Wahl zu haben, in welchem Umfeld dies geschehen soll. Viel zu viele Patient:innen versterben in Krankenhäusern. Daher empfinde ich es als sehr wertvoll, durch eine ambulante Palliativversorgung das Versterben zu Hause möglich zu machen.

GNM: Was möchtest du noch erzählen?

Anna: Die Palliativmedizin hat mich gelehrt, das Leben viel mehr zu schätzen und zu genießen. Natürlich kann ich nicht jeden Tag über mein mögliches Ende nachdenken, insbesondere wann und wie es eintreten wird. Allerdings hat mich die tägliche Konfrontation mit dem Tod dazu gebracht, auch für kleine Momente des Glücks dankbar zu sein und sie mehr zu sehen. Viele Menschen neigen dazu, sich mehr mit den negativen Dingen zu beschäftigen, sich darüber zu ärgern und zu nörgeln. Stattdessen sollten wir den Fokus viel mehr auf das legen, was uns Positives widerfährt, es feiern und teilen.

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