Über psychische Belastung sprechen wie über Kopfweh

Volksbegehren fordert Enttabuisierung psychischer Gesundheit in Schulen

von | 28. März, 2022

Mit einem Volksbegehren will die Initiative Gut, und selbst? die psychische Gesundheit von Jugendlichen in Schule und Gesellschaft zum zentralen Thema machen.

Das Thema psychische Gesundheit wird noch immer viel zu selten mit der nötigen Offenheit und Selbstverständlichkeit behandelt. Dabei ist gerade durch die Pandemie der Bedarf nach Unterstützung enorm gewachsen, besonders auch bei Jugendlichen. Darum hat in Österreich ein Bündnis aus der Schülerunion und zahlreichen weiteren Organisationen die Initiative Gut, und selbst? ins Leben gerufen. Mit Aufklärungsaktionen und einem Volksbegehren im Mai wollen sie erreichen, dass über Mental Health offen gesprochen werden kann. Sie sind auf dem besten Weg, konkrete Maßnahmen in Politik und Bildung anzustoßen.

Farben für die Psyche

Ob am Linzer Taubenmarkt, am Alten Markt in Klagenfurt, ob in Eisenstadt oder in Wien: in verschiedenen Städten in jedem der neun österreichischen Bundesländer bot sich Passant:innen am 9. März ein ungewöhnliches Bild: 24 Schüler und Schülerinnen in grünen, orangen und schwarzen T-Shirts hatten sich dort versammelt und hielten Plakate mit der Aufschrift Gut, und selbst? in die Luft.

Die Aktionen waren Teil des Kick-off Events „Dunkles Klassenzimmer“, das von der Initiative Gut, und selbst? organisiert wurde. Die multiorganisationale Initiative setzt sich dafür ein, die Diskussion über die psychische Gesundheit von Jugendlichen zu enttabuisieren und in Schule und Gesellschaft zu einem zentralen Thema zu machen. Denn häufig ist die aufrichtige Antwort auf die Frage „Wie geht es dir?“ eben nicht die Standard-Erwiderung „gut, und selbst?“.

Bei genau wie vielen Schüler:innen das der Fall ist, zeigen die Jugendlichen mit ihren T-Shirts: Nur rund die Hälfte von ihnen trägt ein grünes Oberteil, das Symbol für „mir geht es gut“. Die anderen sind in Orange gekleidet, was depressive Anzeichen signalisiert, und fast jede:r Fünfte trägt Schwarz – das Zeichen für wiederkehrende Selbstmordgedanken. Dabei beziehen sich die Organisator:innen auf Daten der Donau Universität Krems, die diese erschreckenden Zahlen in einer Untersuchung über die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen im vergangenen November erhoben hatte. Mit ihrem T-Shirt-Farbcode machen sie nun greifbar, wie dringend der Bedarf ist, grundlegend etwas zu verändern, wenn es um die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen geht. Und genau das soll jetzt passieren.

Schluss mit Tabus, wenn es um Mental Health geht

Das „Dunkle Klassenzimmer“ ist nur eine von vielen Aktionen, die in den nächsten Monaten von Gut, und selbst? geplant sind, einem Zusammenschluss aus der österreichischen Schülerunion mit dem Österreichischen Berufsverband für Psychotherapie, der österreichischen Gesellschaft für Kinder und Jugendpsychatrie und der Selbsthilfeplattform Istokay der Donau Universität Krems. Gemeinsam wollen sie über psychische Krankheiten aufklären – und so dafür sorgen, dass endlich offen darüber gesprochen werden kann.

Denn noch immer sehen sich Betroffene sowohl gesamtgesellschaftlich betrachtet als auch an Schulen häufig einem Stigma ausgesetzt. Wie es die Initiator:innen auf ihrer Website selbst so treffend formulieren: „Wenn ich Zahnschmerzen habe und deswegen zur Zahnärztin gehe, ist es das Normalste der Welt. Wenn es mir aber psychisch nicht gut geht und ich zum Psychologen gehe, werde ich schräg angesehen“. Darum heißt das erklärte Ziel: psychische Gesundheit enttabuisieren, offen darüber reden und Betroffenen helfen. Doch dafür sind nach Meinung der Initiative durchschlagende Maßnahmen vonseiten der Gesetzgebenden nötig. Auf diese wollen sie nun Druck ausüben, mit dem Mental Health Jugendvolksbegehren. Und sie sind auf einem guten Weg:

Bereits über 20.000 Unterschriften konnte Gut, und selbst? binnen kurzer Zeit sammeln und so in die nächste Runde gehen: Am 03. Februar wurde das Volksbegehren eingereicht, vom 2. bis 9. Mai findet die entscheidende Abstimmung statt. Insgesamt müssen 100.000 Menschen unterzeichnen, damit sich das Parlament mit dem Anliegen auseinandersetzt. Über ein Fünftel der nötigen Unterschriften wurden also bereits in der Unterstützungsphase gesammelt, was deutlich macht, wie viel Rückhalt in der Bevölkerung für die Forderungen der Schüler:innen besteht. Doch was fordern sie genau?

Die Forderungen der Initiative

…fokussieren sich auf drei Hauptbereiche: Früherkennung und Prävention, Schulsupportpersonal und Lehrplan und Unterricht. Dabei werden alle wichtigen Gruppen in den vorgeschlagenen Programmen bedacht. So sollen beispielsweise Lehrkräfte regelmäßige Weiterbildungen zu den Themen psychischer Gesundheit, Mobbing und Ausgrenzung erhalten und Erziehungsberechtigte durch Infomaterial und in Workshops von Expert:innen über Früherkennung psychischer Belastung und Prävention aufgeklärt werden. Zudem verlangen die Befürworter:innen der Initiative nicht nur einen erheblichen Ausbau von Schulpsychotherapie und -psychologie, und mehr Jugendcoaches, Sozialarbeiter:innen und Vertrauenslehrer:innen, sondern auch deren regelmäßige Einbindung in den Regelunterricht. Dadurch, sowie durch leichteren Zugang zu Besuchen bei Therapeut:innen und höhere Diskretion bei der Beratung soll die Hemmschwelle, Unterstützung in Anspruch zu nehmen, erheblich gesenkt werden.

Doch vielleicht die wichtigste Forderung des Volksbegehrens ist, das Thema psychische Gesundheit fest in den Lehrplan zu integrieren. Mit der Lehrplanreform bis zum Schuljahr 2022/23 soll psychische Gesundheit nicht nur gleichwertiger Bestandteil der Gesundheitserziehung werden, sondern lehrplanübergreifend an verschiedensten Stellen des Kurrikulums eingebunden werden. So sollen sowohl Lehrkräfte als auch Expert:innen Themen wie Mobbing, den Umgang mit sozialen Medien oder für die Psyche gesunde Lebensstile behandeln und den Jugendlichen mögliche Anlaufstellen für Betroffene vorstellen. 

Für einen vollen Überblick steht das Forderungspapier auf der Website der Initiative zum Download bereit.

Die Initiatoren der Initiative Gut, und selbst? stellen bei einer Pressekonferenz am 9. März die Forderungen vor, die sie mit dem Volksbegehren durchsetzen wollen. Foto: Gut, und selbst?

Nicht zu unterschätzen: die Stärke der Jugendlichen

Neben größerer Unterstützung durch Lehrkräfte und geschultes Personal spielen auch die Schüler:innen eine entscheidende Rolle im gesünderen Umgang mit psychischer Gesundheit. Darum fordert die Initiative Gut, und selbst? Peercoaching-Ausbildungen, bei denen Jugendliche lernen, sich gegenseitig zu unterstützen und mit der eigenen psychischen Verfassung und der ihrer Mitschüler:innen sensibler umzugehen. Dass dieser Ansatz, den Schüler:innen mehr Verantwortung zu übertragen, funktioniert, zeigt ein Programm aus den USA.

Dort existieren seit über 17 Jahren sogenannte Hope Squads, Gruppen von Schüler:innen, die unter Anleitung von Expert:innen aus dem Bereich Psychologie und psychische Gesundheit lernen, bei ihren Mitschüler:innen Anzeichen von sozialer Isolation oder Depressionen wahrzunehmen und diese dazu ermutigen, sich professionelle Unterstützung zu suchen. Die Rückmeldungen sind positiv: Laut einer Studie aus dem Jahr 2018 war mehr als ein Viertel aller Jugendlichen, die sich mit Suizidgedanken um Beratung und Unterstützung bemühten, von Mitgliedern einer Hope Squad dazu ermutigt worden. Inzwischen gibt es laut eigenen Angaben der Organisation über 30.000 Jugendliche, die sich an über 1.200 Schulen in den USA und Kanada in Hope Squads engagieren. Bereits über 5.000 Schüler:innen haben sich durch das Programm um psychologische Unterstützung bemüht.

Ansätze wie die Hope Squads zeigen das Potenzial, das Programme an Schulen für die Förderung der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen haben. Durch die Covid-19-Pandemie hat sich die Situation für viele Schülerinnen und Schüler noch verschärft. Doch genau dadurch bieten sich jetzt auch immer mehr Möglichkeiten, dieses Thema in den Fokus zu rücken, mit einer gesellschaftlichen Debatte eine schrittweise Enttabuisierung anzustoßen und die Umsetzung konkreter Maßnahmen in der Bildungs- und Gesundheitspolitik zu bewirken. Das ermöglicht es Jugendlichen, mutig und offen über Mental Health zu sprechen und entschlossen für ihr Recht auf psychische Gesundheit einzutreten. 

Vom 2. bis 9. Mai 2022 haben alle Wahlberechtigten in Österreich nun die Gelegenheit, diese Debatte einen entscheidenden Schritt weiterzubringen und mit ihrer Unterschrift beim Volksbegehren dafür zu sorgen, dass Jugendliche die nötige Offenheit und Unterstützung im Umgang mit ihrer psychischen Gesundheit erfahren.

Beitragsbild: Gut, und selbst?

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Luisa Vogt

Luisa Vogt ist Redakteurin beim Good News Magazin. Nach ihrem Sprachstudium arbeitet sie jetzt als Übersetzerin bei einem nachhaltigen Start-Up in Berlin. Beim Good News Magazin lebt sie ihre Leidenschaft für Sprache und für spannende, schöne Berichte aus aller Welt - weil die Welt viel mehr realistischen Idealismus braucht.

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