Ungewöhnliches Duo aus Haida Gwaii macht Schlagzeilen

84-jährige Großmutter rappt für den Erhalt der indigenen Haida-Sprache

von | 12. April, 2022

First Nations’ Matriarchin findet als Teil eines Rap-Duos neue Wege, ihre Sprache und Kultur an jüngere Generationen weiterzugeben.

„Siijuu Jaadas” – so nennen sich die 84-jährige Gladys Vandal und die 25-jährige Julia Weder, die rappend die Haida-Sprache in die Welt hinaustragen wollen. Übersetzt bedeutet das soviel wie „coole Ladies”, ein passender Name für das Duo, das nur auf den ersten Blick unterschiedlich wirkt. Denn auch, wenn zwischen den beiden Frauen ein Altersunterschied von fast 60 Jahren liegt, so eint sie doch die gleiche, tiefe Leidenschaft für die Sprache und Kultur der Haida. Und seit neuestem eben auch für Rap.

Die Geburtsstunde der „coolen Ladies”

Gladys Vandal, oder Jiixa, wie ihr Name auf Haida, der Sprache der indigenen Einwohner:innen lautet, ist Angehörige des Eagle-Clans der Haida First Nations und auf Skidegate geboren und groß geworden. Die Gemeinde liegt im Süden von Haida Gwaii, einem aus rund 150 Inseln bestehenden Archipel vor der Westküste British Columbias in Kanada. Rund 50 Prozent der Bevölkerung sind indigener Abstammung und sowohl für ihre Kunst bekannt als auch für ihren Einsatz für die Rechte der Haida und den Schutz ihrer Kultur. Auch die 25-jährige Julia Weder ist auf Haida Gwaii aufgewachsen.

Die Idee zu ihren Rap-Songs kam den beiden Frauen vor etwas über einem Jahr. „Während des Auftritts eines Rappers bei einer Fernsehshow drehte sich Jiixa zu mir und meinte: ‚Hey, wir sollten auch mal Rap schreiben‘“, so Weder bei CTV News. Und ich meinte: „Ja, klar. Lass uns das machen“.

Gesagt, getan.

Gelungene Teamarbeit

In den letzten vier Monaten haben die beiden zwei Songs veröffentlicht, Vankuuva id gwii X̲anjuudal („auf der Reise nach Vancouver“) und Hala ga ta („Komm und iss“).

Die Texte schreibt Jiixa, während Weder den Großteil des Rap-Parts übernimmt. Dabei wird sie von Jiixa in Aussprache und Intonation angeleitet und korrigiert. Anschließend mischt Weder die Audios und bearbeitet die Videos.

Die Inhalte der Lieder drehen sich dabei ganz bewusst um alltägliche Bestandteile des Lebens in der Haida-Community, von gemeinsamen Mahlzeiten zu Autofahrten von einer Stadt in die nächste. Genauso spontan und alltäglich sind auch die Videos gehalten, in denen die beiden Frauen immer gemeinsam zu sehen sind. Mal im Wohnzimmer, mal im Auto, gefilmt mit der iPhone-Kamera. Dahinter steht vor allem ein Ziel: Nahbarkeit.

„Der Umgang mit der Haida-Sprache erfordert Respekt und Sorgfalt. Wir machen diese Musikvideos, um es den Menschen hier auf eine lustige und zugängliche Art zu ermöglichen, wieder vertrauter mit der Sprache zu werden”, so Julia Weder im Interview mit dem Good News Magazin. Mit ihren Videos wollen sie den Menschen auf Haida Gwaii die Lebenswelt der Haida zugänglich machen und sie zu eigenen Projekten in der Haida-Sprache inspirieren.

Leidenschaftlicher Kampf für den Erhalt der Sprache

Noch drei Dialekte der Haida-Sprache gibt es in Haida Gwaii: Julia Weder und Jiixa Gladys Vandal sprechen Xaayda Kil, die im südlichen Teil des Archipels um Skidegate vorherrschende Ausprägung. Im nördlichen Teil des Archipels um Masset wird X̱aad Kil gesprochen, genauso heißt auch der dritte Dialekt in Alaska. Die Zahl derjenigen, die eine der drei Varianten der Haida-Sprache auf muttersprachlichem Niveau sprechen, beläuft sich auf einige wenige Dutzend. Von diesen wiederum sind beinahe alle über 80 Jahre alt.

Doch schon seit Ende der 1990er Jahre gibt es umfangreiche Revitalisierungsprojekte aus der indigenen Gemeinschaft. So wurde 1998 das Skidegate Haida Immersions Program gegründet, bei dem zehn Clan-Älteste ihre zuvor rein mündlich weitergegebene Sprache auf CDs und in Schrift festhalten, um sie all denen zu lehren, die sich ebenso wie sie für die linguistische und kulturelle Tradition der Haida begeistern. Daran arbeiten sie fünf Tage die Woche, zehn Monate im Jahr. Ihr Durchschnittsalter: 80 Jahre. Ihr Ziel: den Reichtum der Geschichte und Kultur ihrer Vorfahren zu bewahren und Haida in Skidegate wieder zu der Sprache zu machen, die von Angehörigen der Gemeinschaft zuhause gesprochen und an ihre Kinder weitergegeben wird.

Revitalisierungserfolge mit Auszeichnung

Das Skidegate Haida Immersions Program ist inzwischen zu einer festen Institution geworden, die jedes Jahr neue Schüler:innen anzieht. Darunter auch viele Erwachsene, deren Eltern und Großeltern die Sprache noch fließend gesprochen, sie ihren Kindern aber nicht weitergegeben hatten.

Neben steigenden Lernendenzahlen und einem stetig wachsendem Körper an Audio- und Textdateien kann das Programm sogar eine Auszeichnung vorweisen: 2019 erhielten neun Haida-Älteste von der Vancouver Island University für ihren unermüdlichen Einsatz für den Erhalt ihrer Sprache und Kultur den Ehrendoktortitel. Unter den Ausgezeichneten: Jiixa Gladys Vandal.

Eine ungewöhnliche und vielversprechende Freundschaft

Das Skidegate Haida Immersions Program ist es auch, das Jiixa und Julia Weder zusammengebracht hat. Die 25-Jährige mit kroatisch-griechischen Wurzeln, die auf Haida Gwaii aufgewachsen ist, war als Freiwillige für das Programm tätig. Mit Jiixa, die dort seit über 25 Jahren als Sprachlehrerin arbeitet, verstand sie sich auf Anhieb: „Jiixa ist unglaublich witzig und so positiv. Bei ihr habe ich mich sofort wohl gefühlt, ich konnte albern sein, ernst sein, einfach ich selbst”, beschreibt Weder das Kennenlernen. Inzwischen sind die beiden Frauen noch näher zusammengewachsen: „wir sind wie eine Familie”, meint Julia Weder. Sie nennt die 84-jährige Jiixa nanaay – „Großmutter” in Xaayda Kil Haida

Die familiäre Beziehung der beiden ist nun auch offiziell: Im Juli 2021 adoptierte Jiixa die 25-jährige in den Haida Eagle Clan und gab ihr den Namen Skaak’aadang Jaad, übersetzt: „Schluckauf-Lady”. Ein passender Name, wie Julia Weder erklärt: „Irgendwann abends beim Essen hat meine Mutter Jiixa erzählt, wie ich schon im Mutterleib immer wieder Schluckauf hatte. Auch heute habe ich über den Tag hinweg immer wieder sporadisch kurz Schluckauf, und mit dem ihr eigenen Sinn für Humor hat Jiixa dieses Merkmal als Grundlage für meinen Namen genutzt.”

Porträt einer besonderen Familie: Die 84-jährige Jiixa mit Julia Weder und Weders Eltern. Die Clan-Älteste adoptierte ihre 25-jährige Rap-Partnerin und Mitstreiterin für den Erhalt der Haida-Sprache im Jahr 2021 in ihren Clan.
Porträt einer besonderen Familie: Die 84-jährige Jiixa mit Julia Weder und Weders Eltern. Die Clan-Älteste adoptierte ihre 25-jährige Rap-Partnerin und Mitstreiterin für den Erhalt der Haida-Sprache im Jahr 2021 in ihren Clan. Foto: Julia Weder

Für die Selbstbestimmung der Haida

Als vollständiges Mitglied des Clans setzt sich Julia Weder aktiv für den Erhalt der Haida-Sprache und -Kultur ein und hat unter anderem das Haida Gwaii Media Collective gegründet, das Einwohner:innen aus Haida Gwaii Zugang zu Ressourcen und das Wissen zur Produktion von Medieninhalten geben will. So können sie die Geschichte und Kultur Haida Gwaiis aus ihrer eigenen Perspektive vermitteln.

Für Jiixa und Julia Weder ist die Haida-Sprache wesentlicher Bestandteil eines Prozesses der Heilung und der Selbstbestimmung der Haida, der Bewusstsein weckt für ihre Geschichte und ihre Rechte. Mit den „Siijuu Jaadas” bauen sie eine Brücke zu den Traditionen und Erinnerungen der älteren Generationen und zeigen gleichzeitig, wie sich die jüngeren Generationen ihre indigene Kultur und Sprache zu eigen machen können. Zum Beispiel durch Rap.

Beitragsbild: Julia Weder

Unterstütze die Arbeit von Luisa Vogt und anderen Autor:innen mit einem GNM+ Abo!

Schon ab 3,50 € pro Monat kannst du unabhängigen und vor allem Positiven Journalismus fördern.
Schließe jetzt ein Probeabo ab und profitiere von exklusiven Vorteilen wie z. B. dem digitalen & gedruckten Jahresrückblick 2021!

GNM+

Luisa Vogt

Luisa Vogt ist Redakteurin beim Good News Magazin. Nach ihrem Sprachstudium arbeitet sie jetzt als Übersetzerin bei einem nachhaltigen Start-Up in Berlin. Beim Good News Magazin lebt sie ihre Leidenschaft für Sprache und für spannende, schöne Berichte aus aller Welt - weil die Welt viel mehr realistischen Idealismus braucht.

Diese Good News könnten dich auch interessieren