Eine Vision, die Zukunft braucht

Nachhaltige Energieversorgung für Madagaskar

von | 17. Dezember, 2021

Auf Madagaskar entsteht aus gepresstem Gras Brennstoff für eine nachhaltige Energieversorgung. Julian Spratte und Lena Kläsgen sind Teil eines jungen gemeinnützigen Unternehmens. Ich habe mich mit ihnen über ihr Projekt „Nachhaltige BioPellets für Madagaskar“ unterhalten.

In Madagaskar ist die Landbevölkerung für ihre Nahrungszubereitung auf das Sammeln von Holz oder den Kauf teurer Holzkohle angewiesen. Doch ihre Verwendung hat weitreichende Folgen, denn die Wälder und damit auch ihre Artenvielfalt sind erschöpft. Die Waldflächen umfassen nur noch 10 Prozent ihres ursprünglichen Bestands und eine Regeneration benötigt Jahre. Das Miscanthus-Gras, das auf den freien Flächen des Landes wächst, ist leicht entflammbar und eine Gefahr für die verbliebenen Wälder und Menschen in den Siedlungen. Doch das Gras birgt eine ganz neue, nachhaltige Möglichkeit der Energiegewinnung.

Hier setzt das Projekt von BioPelletsEnergy an:

Die BioPellets können aus dem vorhandenen Miscanthus-Gras gepresst werden und bilden so einen nachhaltigen, ungefährlichen Brennstoff.

Dafür werden die Initiatoren eine kleine Produktionsstelle bei Sakaraha einrichten, dessen Fläche dem Projekt schon zugesagt wurde. Einen Container, einen Häcksler, eine Hammermühle und die Pelletpresse für die Produktion haben sie bereits organisieren können. Jetzt fehlt ihnen nur noch eine Energiequelle für die Maschinen. Hierfür wäre eine Photovoltaikanlage sinnvoll, „weil das Solarpotenzial 1,5 Mal größer ist als in Deutschland.“

Da diese und auch die Containerüberführung nach Madagaskar sehr teuer sind, braucht das junge Unternehmen Unterstützer:innen, die ihre Vision teilen.

„Neben dem Erhalt der Wälder, können in Madagaskar die Böden wieder fruchtbarer werden, denn die Verkohlung der Pellets erzeugt einen natürlichen Bodendünger. Das eröffnet die Möglichkeit für neue Anbauten von Pflanzen und Lebensmitteln.“

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Wie entstand die Idee für das Projekt und wie kam der Austausch in Madagaskar zustande?

Julian Spratte: Ich hatte mich an der Hochschule Düsseldorf nach einem sinnvollen Projekt im Rahmen meines Masterstudiums erkundigt. Und stieß auf eine Ausschreibung, effektive Kocher zu testen. Dabei kam heraus, dass das Problem viel, viel größer ist: Nämlich, dass effektive Kocher bereitzustellen gar nicht ausreicht.
Mein Betreuer der Projektarbeit an der Hochschule hat mich auf das Engagement des Berufsschullehrers, Jörn Lutat, aufmerksam gemacht. Einige seiner Schüler:innern waren gerade erst in Madagaskar und teilten ihre Erfahrungen mit mir. Sie haben mir von den Bränden erzählt, die die Siedlungen bedrohten, in denen sie ja auch selbst wohnten. Dadurch rückte die Idee, die Pellets aus Gras zu machen, noch mehr in den Vordergrund.
Dafür habe ich mich mit Jörn Lutat, übrigens der Gründer und Kapitalgeber von BioPelletsEnergy, bei einem Unternehmen in Düsseldorf getroffen, um die besten Parameter für die Herstellung der Graspellets zu ermitteln. Später testeten wir die Pellets in den unterschiedlichen Kochermodellen. Die Prototypen sind mittlerweile in Fianarantsoa, Madagaskar, bei unserem Partner AJPER, damit die zukünftigen Kocher aus regionalen Materialien entwickelt werden können.

Vier aufeinander folgende Fotos zeigen die Entwicklung der Kochermodelle von dem Projekt: „Nachhaltige BioPellets für Madagaskar“. Das erste Bild zeigt die Verwendung von Holz zum Kochen. Das zweite Bild zeigt das Ausprobieren des Miscanthus-Grases zum Kochen. Das dritte Bild zeigt drei Schwarze Männer bei der Entwicklung des Prototypen der Kocher. Das vierte Bild zeigt die zukünftigen Kocher in Ton oder Lehm, wie sie an die Bevölkerung weiter gegeben werden können.
Die Entwicklung der zukünftigen Kocher aus natürlichen Materialien. © BioPelletsEnergy
1. Foto: Kochen mit Holz auf freier Feuerstelle.
2. Foto: Erstes Ausprobieren der Nutzung von Miscanthus-Gras für die Kocherentwicklung.
3. Foto: Entwicklung des effektiven Kochermodells.
4. Foto: Die Umsetzung des Kochermodells mit natürlichen Materialien.

Lena Kläsgen: Durch AJPER wissen wir, dass unsere Vorstellung funktioniert, da sie die Kocher mit den Pellets ausprobieren und anpassen. Das gesamte Projekt ist nur mit ihnen möglich und auch nur mit ihnen wird es zukünftig funktionieren. Gerade, wenn wir uns irgendwann aus der Arbeit vor Ort zurückziehen wollen. Wir möchten gerne im nächsten Jahr hinfliegen und die ersten Schritte begleiten.

Julian Spratte: Genau, wir wollen gemeinsam die einzelnen Bestandteile des Produktionsvorgangs an die Gegebenheiten anpassen. So ergänzen wir uns automatisch und unsere Expertisen verbinden sich.

Wie wird denn die Produktionsstelle organisiert?

Julian Spratte: Sobald die Produktion in Madagaskar beginnen kann, wird AJPER eine Gründung vornehmen, weil auch sie ein gemeinnütziger Verein sind. AJPER sind Student:inne oder ehemalige Student:innen, die technische Expertise haben und mit dem Gründer, Prof. Romain Rabearisoa, die Entwicklung in Madagaskar voranbringen wollen. Im zukünftigen Unternehmen sollen vorläufig drei der Studierenden angestellt werden. Bisher wandern viele von ihnen ab, sobald sie einen Job gefunden haben, weil ihre Leistungen in anderen Unternehmen und Branchen natürlich vergütet werden kann. Mit dem Anstellungsverhältnis von AJPER bekommen die drei einen festen Stundensatz und können die Umsetzung unserer Vision koordinieren.
Sobald AJPER die Pellets in den nächst größeren Städten verkaufen kann, wird sich schätzungsweise in drei Jahren die Produktion selbst finanzieren können und von Förderungen unabhängig werden. Gerade unter dem Aspekt, dass des stark steigenden Holzkohlepreises und mithilfe des Verkaufs unseres Produktes an die wohlhabendere Stadtbevölkerung kann eine sehr preisgünstige Abgabe an die Landbevölkerung realisiert werden.

Illustration zeigt den Produktionsvorgang und den Effekt vom Projekt „Nachhaltige BioPellets für Madagaskar“.
Illustration des Produktionsablaufs. © BioPelletsEnergy

Wie wird die Bevölkerung in der Produktion beteiligt?

Julian Spratte: Die Bevölkerung, die mithilft, wird entsprechend ihrer Beteiligung bezahlt. Dabei können sie selbst entscheiden, in welchem Verhältnis das geschieht – ob finanziell oder in Pellets, beziehungsweise einem Anteil aus beidem. Das würde sich wahrscheinlich pro Kilo Gras berechnen, den sie zur Abfertigungsstelle bringen. 

Lena Kläsgen: Es geht dabei nicht darum, verbindliche Verhältnisse im Sinne von Arbeitnehmer:in und Arbeitgeber:innen zu schaffen. Es geht uns darum, ihnen die Möglichkeit anzubieten, dieses Miscanthus-Gras für sich zu nutzen und sich damit Aufwand ersparen.
Sie erfahren ja durch Beteiligung und Ausprobieren, wie viel mehr Nutzen sie von den Pellets haben, im Vergleich zur Verbrennung von Holz oder Holzkohle. 

Julian Spratte: Die Menschen haben bisher keine Zeit, sich um sich selbst oder ihre Umwelt zu kümmern und nachhaltig zu leben. Sie müssen sich jeden Tag fragen, wie sie ihr Essen zubereiten sollen und haben Existenzängsten. Es wird vielleicht ein bisschen dauern, bis sich dieses Bio Pellet-System etabliert hat, aber dann wird das ein Selbstläufer.

Lena und Julian, vielen Dank für eure Zeit!

BioPelletsEnergy, AJPER und ihre Helfer:innen planen, die Energieversorgung auf Madagaskar grundlegend zu verändern und damit der Natur vor Ort eine Chance zur Regeneration zu geben. Weitere Informationen und alle Unterstützungsmöglichkeiten findet ihr in ihrer Kampagne.

Beitragsbild: © BioPelletsEnergy

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Cara Buchborn

Floskeln, Wortspiele und schlechte Quellenarbeit kommen an unserer Chefredakteurin nicht vorbei. Cara ist die Kritikerin der Kritiker:innen mit ganz viel Empathie und Herz. Im kommenden Frühjahr schließt sie ihr Journalismus Studium ab. Sie fordert Menschen gerne heraus, die Welt, ihr Leben, ihre Einflüsse und ihr Umfeld neu zu betrachten. Journalismus ist für Cara die Möglichkeit, Zusammenhänge darzulegen, Zugang zu Wissen zu ermöglichen und Fakten einzuordnen.

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