Meine Arbeit und ich

Diversity Coach Ellen Wagner: Wie inklusive Arbeitsplätze entstehen

von | 13. September, 2026 | #15 – Wir arbeiten dran, Arbeit, Printmagazin

Ein Beitrag über Arbeitswelten, Vorurteile und die Frage, wie ein erfüllender Job aussehen kann. Menschen aus ganz unterschiedlichen Branchen erzählen hier von ihrem Arbeitsalltag, ihren Hoffnungen und dem, was sie an ihrer Arbeit lieben.

Dieser Artikel ist eine Ergänzung zu dem Artikel Meine Arbeit und ich von Ruth Kluge aus unserem Printmagazin „Wir arbeiten dran“.

Wer hat Macht, wer wird gehört – und wer nicht? Mit solchen Fragen beschäftigt sich Ellen Wagner beruflich jeden Tag. Die Wirtschaftspsychologin lebt mit ihrer Familie in Princeton im US-Bundesstaat New Jersey und arbeitet als Diversity Coach, Rednerin und Autorin mit Menschen und Unternehmen in Europa und den USA. Dabei geht es um resiliente Teams und gute Führung, aber auch um Machtstrukturen, Rassismus und die Frage, wie Arbeitsplätze entstehen können, an denen sich möglichst viele Menschen zugehörig fühlen. Ein Beruf, der gerade in den USA politischen Gegenwind erlebt – und den Wagner auch deshalb für wichtiger denn je hält.

GNM: Wie sieht ein mehr oder weniger typischer Tag in deinem Beruf aus?

Ellen: Morgens nach der Care-Arbeit starte ich meinen Arbeitstag in mein Büro für virtuelle Meetings, Coaching-Sitzungen oder Workshops. Dabei spreche ich mit Menschen in Europa und den Vereinigten Staaten. Sie arbeiten oft global in mittelständischen und großen Unternehmen. Sie brauchen Unterstützung beim Aufbau von resilienten Teams in Zeiten von Krisen und Veränderung. Es kann sein, dass ich Führungskräfte mit Coaching begleite oder Strategie-Workshops zum Lösen komplexer Herausforderungen in der Zusammenarbeit durchführe. Ein großer Fokus ist dabei immer das Schaffen von Bewusstsein für Machtkritik. Das bedeutet, zu hinterfragen, wer in einer Organisation Macht hat, wer sie nicht hat und warum das so ist.

GNM: Wie bist du zu diesem Job gekommen?

Ellen: Nach gut über 10 Jahren im Konzern und gleichzeitiger Selbstständigkeit in der Erwachsenenbildung und Lehre zogen meine Familie und ich in die Vereinigten Staaten. Dort habe ich ein Unternehmen gegründet, um Menschen mit Coaching zu empowern. Nur wenige Monate nach meiner Gründung geschahen die schrecklichen Morde an den Schwarzen Menschen Breonna Taylor und George Floyd, was eine große Nachfrage nach Sensibilisierung im Bereich Anti-Rassismus auslöste. Ich ergänzte meine Services um Trainings und Workshops, um Organisationen zu sensibilisieren und Strategien für inklusive Unternehmenskulturen zu schaffen.
Mein Antrieb ist vor allem mein Gerechtigkeitssinn, meine negativen Diskriminierungserfahrungen sowie meine drei Kinder, die alle, wie ich auch, negativ von Rassismus betroffen sind.

GNM: Welche positiven Entwicklungen siehst du in deiner Branche?

Ellen: Entgegen der in den Medien sehr dominant herrschenden Meinung, dass die Arbeit rund um Diversity, Equity, Inclusion und Belonging nicht mehr gewünscht oder nötig sei, belegen die Zahlen etwas anderes. Trotz des politischen Gegenwinds bleibt die große Mehrheit der US-Unternehmen (80 %) dem Thema Inklusion verpflichtet und mehr als die Hälfte der Unternehmen ohne Bundesaufträge hat ihre Bemühungen in den letzten drei Jahren sogar ausgebaut, statt sie zurückzufahren. Somit erlebe ich einen langsamen Aufschwung meiner Auftragslage, nachdem das vergangene Jahr für mich und viele Kolleginnen in meinem Umfeld sehr herausfordernd war.

GNM: Was an deinem Job/an deinem Karriereweg macht dich dankbar? Was macht dich persönlich optimistisch für deine berufliche Zukunft?

Ellen: Die positive Resonanz unter Menschen, die stark von Diskriminierung und schlechten Unternehmenskulturen betroffen sind, ist nach wie vor sehr groß. Das zeigt mir, dass Empowerment und der Wunsch nach Zugehörigkeit wichtiger denn je sind und gebraucht werden.
Ich freue mich auch darüber, dass es mir immer wieder gelingt, Communities und Netzwerke aufzubauen, in denen Menschen mit ähnlicher Haltung füreinander einstehen und gemeinsam wachsen können. Ohne die Unterstützung von meiner chosen Family (Wahlfamilie) sowie lieben Kolleginnen, würde meine Arbeit viel schwieriger zu tragen sein.

Mein Urvertrauen, meine Wirkung und meine Leidenschaft für meine Arbeit stimmen mich besonders positiv, was meine berufliche Zukunft angeht.

GNM: Was an deiner Arbeit macht dir besonders viel Spaß? Was bringt dich bei deiner Arbeit immer wieder zum Lächeln?

Ellen: Im vergangenen Winter nahm eine etwa 90-jährige Frau namens Annemarie an einer meiner Lesungen teil. In meinem im September veröffentlichten Buch werden Perspektiven von Menschen zum Thema Familie geteilt, die in unserer Gesellschaft unterrepräsentiert sind. Annemarie stand am Ende auf und teilte vor dem Publikum, dass sie ja gedacht hatte, sich nicht rassistisch zu verhalten, aber nach dem Abend wusste, dass sie noch viel zu lernen hat.

Diese Momente füllen mein Herz bis zum Rand. Glückliche Menschen, die durch meine Arbeit lernen und wachsen dürfen, machen auch mich glücklich.

GNM: Wenn du der Welt etwas über deinen Job/die Branche, in der du arbeitest, sagen könntest, was wäre es?

Ellen: Diese Arbeit kostet mich als betroffene Person mehr Kraft als vielleicht von außen sichtbar ist. Doch ich habe eine Gabe: Menschen dort abzuholen, wo sie gerade stehen, und sie wirklich zu bewegen. Mein Appell an alle: Wertschätzt diese Arbeit! Ob mit einem fairen Lohn, einem Buchkauf, einer positiven Google-Bewertung oder einer Weiterempfehlung. Das klingt klein, macht aber einen echten Unterschied – und jede Person kann einen eigenen Beitrag leisten, der zu ihren Ressourcen und Kapazitäten passt.

GNM: Wie begegnest du Kritik an deinem Job/Arbeitgeber? Wie gehst du mit Vorurteilen um?

Ellen: Kritik begegnet mir sowohl im Privaten als auch in der täglichen Arbeit. Das Unbehagen, sich mit komplexen Themen auseinanderzusetzen, hat einen neurologischen Grund: Unser Gehirn ist effizient. Es begegnet Dingen, die es nicht schnell einordnen kann, mit Abwehr, Resignation oder manchmal sogar Hass. Weil ich diese Abläufe kenne, kann ich erklären, warum diese Gespräche so schwer sind, und genau das nimmt vielen Menschen die Anspannung.

Was mir selbst und meinen Kund*innen am meisten hilft, sind konkrete Werkzeuge: Ich vermittle einen Leitfaden für schwierige Gespräche, den ich selbst täglich anwende. Handlungsfähigkeit statt Hilflosigkeit, das ist meine beste Antwort auf Kritik und Vorurteile.

GNM: Was möchtest du uns noch erzählen?

Ellen: In meinem Garten baue ich am liebsten Grünkohl an. Ich könnte jeden Tag Grünkohl essen. Vor allem Dinosaurier-Grünkohl in Form von schmackhaftem Salat oder geröstet im Air Fryer.

Beitragsbild: Tamara Fleming Photography

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