Tandem-Tour für mutigen Austausch

Quer durch Deutschland für mehr Mut und Wissen im Umgang mit Depressionen

von | 5. August, 2022

Auf 4.300 Kilometern schaffen die Teams der MUT-TOUR Aufmerksamkeit und Aufklärung für einen offeneren Umgang mit Depressionen.

Bereits zum zehnten Mal touren diesen Sommer mehrere sechsköpfige Teams auf Tandems und zu Fuß durch ganz Deutschland. Im Rahmen der MUT-TOUR sprechen sie über Depressionen mit Pressevertreter:innen und mit all denen, die bereit sind, zuzuhören. So ermutigen sie zu einem offenen und aufgeklärten Umgang mit der Krankheit und zeigen Betroffenen und Nicht-Betroffenen, dass ein Leben mit Depressionen durchaus lebenswert ist.

Mut zum offenen Miteinander

Knapp drei Monate sind die Teilnehmenden der diesjährigen MUT-TOUR unterwegs. Los ging es mit der Auftaktveranstaltung im niedersächsischen Aurich am 18. Juni, seitdem sind insgesamt zwölf Tandem-Teams und drei Wander-Teams unterwegs. Auf zwei unterschiedlichen Routen ziehen sie durch die Bundesrepublik, bis sie sich schließlich zur Endveranstaltung am 10. September in Regensburg wieder treffen. Zum zehnjährigen Jubiläum stellt die diesjährige MUT-TOUR dabei einen besonderen Schwerpunkt ins Zentrum, nämlich die Perspektive der Angehörigen von Menschen mit psychischen Erkrankungen.

Seit der ersten MUT-TOUR im Jahr 2012 waren 260 Menschen mit dem Fahrrad oder zu Fuß dabei. Auf über 34.000 Kilometern haben sie im Gespräch mit Journalist:innen Bürger:innen und auf Infoveranstaltungen ihre Botschaft in die Öffentlichkeit getragen. Sie lautet auf den Punkt gebracht: „Depression ist eine ernstzunehmende Erkrankung. Sie ist behandelbar. Ein offenes Miteinander hilft allen.“

So klar und einleuchtend das scheint, ist es doch alles andere als selbstverständlich. Denn lange Zeit war die „Volkskrankheit Depression“ ein gesellschaftliches Tabuthema. Erst in den letzten Jahren wird der Umgang mit der psychischen Erkrankung offener, doch noch immer besteht in der öffentlichen Wahrnehmung ein voreingenommenes Bild der betroffenen Personen und der Krankheit selbst. Das möchten die Veranstalter:innen und Teilnehmenden der MUT-TOUR ändern, indem sie zeigen, dass Depressionen sich bei allen Betroffenen unterschiedlich äußern und einen komplett unterschiedlichen Verlauf haben können. Und dass sie, wie jede Krankheit, behandelbar sind.

Zitat: „Uns ist wichtig zu zeigen, dass es sowohl Wege aus der Erkrankung als auch mit der Erkrankung gibt und dass es sich für uns alle lohnt, offen damit umzugehen.“

Mit dem Thema psychische Erkrankungen in Kontakt kommen

Organisiert werden die MUT-TOUREN von einem Team aus vier hauptamtlichen Mitarbeitenden und zahlreichen ehrenamtlich Engagierten. Sie planen die gesamte Tour von den Mitmach-Wochenenden im Frühjahr, bei denen sich Interessierte kennenlernen und über den Ablauf informieren können bis zu den einzelnen Etappen. Wer sich nicht für mehrere Tage einbringen kann oder möchte, kann trotzdem etwas beitragen: bei den Mitfahr-Aktionen, bei denen kleine Gruppen die Teams für einen Tag begleite, oder durch eine kleine oder große Bewegungsspende, das heißt zu Fuß, per Rad oder Kajak aktiv zurückgelegte Kilometer.

Seit 2020 gibt es zudem den Verein Mut fördern e.V., der neben der MUT-TOUR auch weitere Initiativen wie die Mut-Gruppen oder den MUT-ATLAS anbietet, alles mit dem Ziel „mehr Mut und Wissen im Umgang mit psychischen Erkrankungen“ zu schaffen. Um das zu erreichen, liegt der Fokus der MUT-TOUREN klar auf Öffentlichkeitsarbeit. Daher sind neben den Stunden im Sattel oder zu Fuß – übrigens mit Pferdebegleitung – auch Interviews mit Vertreter:innen von Presse und Medien  für die Teilnehmenden fester Teil des Tagesablaufs; zwischen einem und vier pro Tag. Dazu kommen regelmäßige Selfies, mit denen auf Social Media auf die Tour aufmerksam gemacht werden soll. Bislang können die Organisator:innen mit Stolz auf mehr als 2.800 veröffentlichte Artikel blicken.

Doch die Aufklärung über das Leben mit Depressionen findet nicht nur über die Medien statt. Denn im Rahmen der MUT-TOUR ergeben sich häufig Gespräche mit den Bewohner:innen vor Ort, zum Beispiel bei den regelmäßigen Infoveranstaltungen, aber auch „beim Einkaufen, während Pausen im öffentlichen Raum und bei unseren Übernachtungsorten“. Gerade diese direkten Interaktionen sind wertvoll, wie die Organisation betont, da sie so „Menschen verschiedenster Lebenslagen und -realitäten erreichen und sich immer wieder herausstellt, dass einige von ihnen in irgend einer Art und Weise mit dem Thema psychische Erkrankungen in Kontakt gekommen sind, ob nun als betroffene oder angehörige Person.“

„Einfach so sein, wie man ist“

So wichtig die Öffentlichkeitsarbeit ist, um echte gesellschaftliche Aufklärung über Depressionen zu erreichen: gezwungen wird dazu bei der MUT-TOUR niemand. Alle Teilnehmenden sollen nur so weit gehen, wie sie sich wohlfühlen und sind nicht verpflichtet, sich gegenüber Pressevertreter:innen zu öffnen oder sich auf Pressefotos ablichten zu lassen. Denn schließlich geht es bei der Aktion neben der medialen Aufmerksamkeit eben auch um Bewegung und um die gemeinsam verbrachte Zeit. 

Zwischen vier und zehn Tage sind die Teams zusammen unterwegs und radeln, geben Interviews, kochen und campen – alles gemeinsam, denn übernachtet wird in der Regel in Zweierzelten. Es ist ein intensives Miteinander, das viele der Teilnehmenden nachhaltig beeindruckt. Sie berichten von Gemeinschaftsgefühl, von bestärkendem Austausch und dem Gefühl, sich vollständig angenommen zu fühlen:

„Mut-Tour ist für mich wie ein Ausstieg aus dem schwierigen Alltag in eine andere Lebensgemeinschaft. Neue oder vergangene gemeinsamen Erlebnisse mit den vielen lieben Mitfahrern zu teilen ist eine Wohltat für meine Seele. Vielseitige Kontakte und entstandene Freundschaften helfen einem zusätzlich mit einer Erkrankung umzugehen, sie zu akzeptieren und einfach so zu sein wie man ist und sich fühlt.

Bibo aus Bochum, Teilnehmender der MUT-TOUR

Die MUT-TOUR bietet darum gleich in zweierlei Hinsicht einen Weg zu einem besseren Umgang mit Depressionen: Für die Betroffenen, die dadurch Bestärkung erhalten und die Möglichkeit, am Leben teilzunehmen. Und gesamtgesellschaftlich, indem sie die Entstigmatisierung der Krankheit einen wichtigen Schritt voranbringt. 

Mehr Informationen zur Teilnahme und zur diesjährigen MUT-TOUR gibt es unter www.mut-tour.de

Beitragsbild: Johannes Ruppelt

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Luisa Vogt

Luisa Vogt ist Redakteurin beim Good News Magazin. Nach ihrem Sprachstudium arbeitet sie jetzt als Übersetzerin bei einem nachhaltigen Start-Up in Berlin. Beim Good News Magazin lebt sie ihre Leidenschaft für Sprache und für spannende, schöne Berichte aus aller Welt - weil die Welt viel mehr realistischen Idealismus braucht.

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