In Lissabon zeigt das Projekt Radar, wie eine Nachbarschaft gemeinsam dafür sorgen kann, dass Älterwerden nicht gleich einsam sein heißt.
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Ein Klingeln an der Haustür, ein Sozialarbeiter und ein Polizist, eine einfache Frage: „Wir wollen wissen, ob es Probleme gibt, bei denen wir unterstützen können?”
In Portugal soll dieses Szenario immer mehr zur Routine werden, so das Ziel des Nachbarschaftsprojekts Radar. Dabei schließen sich Sozialarbeiter:innen, Polizei, lokale Geschäfte und Nachbar:innen zusammen, um ältere Menschen in soziale Gemeinschaften einzubinden und so Einsamkeit im Alter zu bekämpfen.
„Unsere Mission ist: zuhören und begleiten”, sagt Filipe Garcia von Radar.
Tourismus verstärkt die Einsamkeit
Ausgangspunkt des Projekts ist ein Problem, das viele europäische Städte kennen: Die Bevölkerung wird älter, Familien sind kleiner und leben oft weit verstreut. Dazu kommt in Lissabon der starke Tourismus, der ganze Häuserblocks in Ferienwohnungen verwandelt. Dort, wo früher Nachbar:innen miteinander sprachen, ziehen heute Tourist:innen für wenige Tage ein. Sie bekommen von Einsamkeit nebenan oft nichts mit: Laut Radar ist rund ein Drittel der Senior:innen in Lissabon von Einsamkeit bedroht, etwa 45.000 Menschen.
Hier setzt Radar an. Denn Pflege von Beziehungen soll nicht nur die Aufgabe der Familie sein, sondern das Anliegen einer ganzen Stadtgemeinschaft, so die Maxime.
Wie die Polizei unterstützt
Radar möchte die Senior:innen niedrigschwellig erreichen. Dort, wo sie sich sowieso aufhalten. Deswegen sind auch Hausbesuche Teil des Konzepts. Filipe Garcia von Radar und Polizist Pedro Castanheira gehen von Tür zu Tür, stellen das Projekt vor und fragen ältere Bewohner:innen, ob sie Unterstützung brauchen. Manche leben mit Familienmitgliedern zusammen und sind vor allem dankbar, im Notfall eine Kontaktstelle zu haben. Andere erzählen offen, dass sie sich sehr allein fühlen und im Alltag kaum noch zurechtkommen.
Pedro Castanheira, Polizist in Lissabon:
„Unser Hauptaugenmerk liegt auf schwerwiegenden Situationen wie Isolation, Misshandlung, Straftaten – in solchen Fällen wird die Polizei gebraucht. Aber wir wollen mit unserer Präsenz auch grundsätzlich das Projekt glaubwürdiger machen.”
Neben Hausbesuchen gibt es mobile Anlaufstellen wie einen Bus, in dem Senior:innen medizinische Checks von Fachpersonal bekommen können. Die mobilen Anlaufstellen ermöglichen Gespräche und nach Bedarf weitere individuelle Unterstützung.
Eine Stadt rückt näher zusammen
Wichtig ist dabei das Netzwerk im Viertel: Bäckereien, Cafés und kleine Läden werden gezielt eingebunden und können Sorgen um einzelne Senior:innen melden. Der Projektleiter von Radar, Mário Rui André, spricht von einem Netz aus Unterstützer:innen und Aufpasser:innen, das helfen soll, isolierte Menschen zu finden und dann passende Hilfe zu organisieren.
Zahlen und Fakten
Für Radar arbeiten inzwischen 31 Organisationen zusammen, die über eine gemeinsame digitale Plattform miteinander verknüpft sind. Bis Ende 2023 waren dort 37.316 Menschen über 65 aus allen 24 Stadtvierteln Lissabons erfasst. 4.587 Geschäfte und Apotheken sind Teil des Netzwerkes und achten im Alltag auf vulnerable Senior:innen. Allein im Jahr 2023 wurden von Radar mehr als 13.500 Telefonate mit Senior:innen geführt und über 1.100 Veranstaltungen auf die Beine gestellt. Diese Zahlen zeigen, dass das Projekt nicht nur Strukturen aufbaut, sondern ältere Menschen tatsächlich erreicht.
Einsamkeit im Alter ist kein individuelles Versagen
Radar setzt auf Aufmerksamkeit, oft auch auf ganz einfache Gesten – ein Besuch, ein Gespräch, ein gemeinsamer Kaffee. Gleichzeitig ermutigen die Initiator:innen die Senior:innen, sich selbst wieder Netzwerke aufzubauen oder bestehende Angebote wahrzunehmen. So entsteht Schritt für Schritt eine Kultur, in der Älterwerden nicht automatisch bedeutet, allein zu sein.
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