Blumen und Friedhöfe, dass das irgendwie passt, werden die meisten von uns noch nachvollziehen können. Aber den Friedhof als Garten zu sehen? Eröffnet völlig neue Möglichkeiten! Von Parkfriedhöfen zu Gemeinschaftsgärten auf Friedhofsflächen: Was es alles gibt und warum es funktioniert.
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Die Beerdigung meines Opas fand an einem Tag im Juni statt. Rückblickend kann ich nicht einmal mehr sagen, ob an dem Tag die Sonne geschienen hat. Aber ich weiß, dass sie schien, als ich einige Wochen später erneut an seinem Grab stand. Durch den Tränenschleier hindurch fiel mein Blick auf die gebundenen Kränze, die auf dem Erdhaufen lagen und auf die ersten Blumen, die meine Mutter und meine Großmutter bereits gepflanzt hatten. Blau, gelb, weiß, grün, die Farben einer Sommerwiese. Bienen und Hummeln summten um die Blüten herum und ich spürte ein Lächeln auf meinen Lippen. “Das hätte dir gefallen, Opa”, flüsterte ich leise.
Meine Großeltern wohnten in einem der wenigen Häuser des Ortes, das keinen eigenen Garten hat. So pachteten sie einen Kleingarten, fünf bis zehn Minuten zu Fuß von ihrem Haus entfernt, am Rand des Ortes, für den die Bezeichnung “Kleinstadt” eigentlich zu hochgegriffen ist. Ein großer Teil meiner Kindheitserinnerungen an meine Großeltern ist mit diesem Kleingarten verknüpft – der “Ranch”, wie sie innerhalb meiner Familie nur halb ironisch genannt wird.
Wenn ich an Opa denke, sehe ich ihn auf der “Ranch”, nicht im Grab auf dem Friedhof. Aber als ich an diesem Tag neben seinem Grab saß, gab mir der Gedanke, wie sehr ihm das Summen der Bienen und der Hummeln, die blühenden Blumen und das Rauschen der Bäume um den Friedhof herum gefallen hätte, enorm viel Trost.
Vielleicht kommt daher meine gedankliche Verknüpfung zwischen Friedhöfen und Gärten. Vielleicht ist es aber auch viel naheliegender, vielleicht ist jedes Grab ein kleiner und jeder Friedhof ein größerer Garten? Nicht umsonst tragen die Personen, die Friedhöfe und Grabstellen pflegen und instand halten, schließlich den Titel “Friedhofsgärtner:innen”. Und wie ich dank einer großartigen Kollegin lernen durfte, waren “Gartenfriedhöfe”, also Friedhofsanlagen, die bewusst wie öffentliche Parks gestaltet waren, im 19. Jahrhundert in Europa und den USA nicht nur normal, sondern extrem populär. Zeit, den Friedhof als Garten wiederzuentdecken?!
Friedhof oder Park? Parkfriedhof!
Das erste Mal wirklich beeindruckt von einem Friedhof war ich 2019 in Hamburg. Ich hatte mich gerade die ganze Nacht hindurch zu Fuß durch die Stadt gequält, als Teil einer 100-Kilometer-Wanderung, bei der sich Menschen, die genauso verrückt sind wie ich, an verschiedensten Orten Deutschlands beweisen können, wie fit (oder in meinem Fall: wie leidensfähig) sie sind. Nach über 60 Kilometern tat mir der Rücken weh, ich war unglaublich müde und wollte nur noch, dass es vorbei ist.
Da bog der Weg ab in einen Park – dachte ich – und als über den Rasenflächen und den gestutzten Hecken die Sonne aufging und die Allee, auf der wir liefen, langsam in Licht tauchte, wurden meine Schritte plötzlich wieder leichter. Wie begeistert und verblüfft war ich, als ich merkte, dass wir uns eigentlich auf einem Friedhof befanden, genauer: dem Friedhof Ohlsdorf.
Der Friedhof, ein Garten