Kleinbauern in Guatemala organisieren sich für faire Arbeitsbedingungen

von | 20. Mai, 2021

„Ohne den Schutz und die Organisation in einer Gemeinschaft, geht es nicht.“ (Pedro Rocche Quiacain)

Vor einigen Wochen berichteten wir über das Thema Fairtrade und über den Dokumentarfilm „Coffee for Life“. Die Filmemacher waren 2020 in Guatemala und besuchten mehrere Kaffeebauern in ihrem Zuhause und auf der Arbeit. Dabei lernten sie die lokale Initiative „Manos Campesinas“ kennen, eine gemeinnützige Organisation, die von den Kleinbauern Guatemalas ins Leben gerufen wurde.

Jetzt wird es Zeit tiefer einzutauchen: Wie sehen die Verhältnisse vor Ort aus? Was ist in Guatemala und in der Kaffeebranche im Wandel?
Eine Reise in eine Welt, die vielleicht fern erscheint und mit der wir doch täglich verbunden sind.

Mein Kaffee am Morgen, dein Brot am Abend

Es ist dunkel, gefühlt noch mitten in der Nacht, als Josefinas Hände im Dämmerlicht des Holzofens gekonnt eine Tortilla nach dem anderen formen. Es ist ein Ritual, das die Familie schon lange begleitet. Sie bereitet Pedros Mittagessen vor, seine Stärkung während der körperlich anstrengenden Arbeit. Drei Tortillas, ein gekochtes Ei, eine Avocado.

Noch vor Sonnenaufgang macht Pedro sich auf den Weg. Zwei Stunden wird der Fußmarsch zu seiner Kaffeeplantage dauern. Durch das Dickicht des Dschungels, über unbefestigte Pfade, den gleichnamigen Vulkan „San Pedro“ empor. Eine Tortur für die zwei Filmemacher, die ihn heute begleiten. Ein Spaziergang für Pedro, der den steilen Aufstieg gewohnt ist. Oben angekommen, werden sie mit einem unvergleichlichen Sonnenaufgang belohnt. Dann erreichen sie die winzige Plantage, wo Pedro direkt anfängt liebevoll jede einzelne Kaffeekirsche zu pflücken.

Wie alles begann: Zwei Freunde, eine Vision

Anfang 2020, kurz bevor nur noch ein Thema die öffentliche Aufmerksamkeit bestimmt, haben Lennart Neumann und Wilhelm Schulz ein ganz anderes Interesse. Die beiden Freunde sind Gründer der Filmproduktion salt & pictures. Mit ihrer Firma stellen sie vor allem Werbefilme für Agenturen und Unternehmen. Sie sind erfolgreich in ihrem Geschäft. Als sie Professor Dr. Rolf Nagel von der Hochschule Düsseldorf kennenlernen und dem gemeinwohlorientierten Verein MOCINO hören, wird ihre Begeisterung für ein ganz neues Projekt geweckt. Alle Gewinne des Kaffeeverkaufs von MOCINO, nach Abzug der Arbeits- und Materialkosten in Deutschland, werden auf direktem Weg zurück zu einer Organisation namens „Manos Campesinas“ nach Guatemala getragen.

Dr. Nagel erzählt ihnen von dem fernen Land und was hinter der Kaffeeproduktion steckt. Er beschreibt, untragbare Arbeitsbedingungen, unfaire Bezahlung und erschreckende Verhältnisse von Menschen die in bitterer Armut leben, trotz ihrem eigentlichem Reichtum an Ressourcen.

Doch Lennart und Wilhelm wollen mehr wissen von den Manos Campesinas (deutsche Übersetzung: Hände der Bauern), einer lokalen Organisation, in der sich die lokale Bevölkerung und viele Kleinbauern für Kleinbauer einsetzen. Sie hören von weiteren hoffnungsspendenden Initiativen für fairen Kaffee und von Akteur:innen, die sich einsetzen für gerechte Handels- und Arbeitsbeziehungen.

Vor allem aber hören sie von Pedro Rocche Quiacain und den Kaffeebauern. Von ihren Schicksalen und Problemen, den bewegten Geschichten der Familien. Nach nur wenigen Gesprächen steht ihr Entschluss fest: „Wir werden unsere Fähigkeiten und Ressourcen nutzen und einen Film über diese Menschen drehen.“

„Guatemala is a country full of contrasts“ – Miguel Mateo, Manos Campesinas

Auf ihrer Reise besuchen Lennart und Wilhelm mehrere kleine Kaffee-Kooperativen. Bei Pedro Rocche Quiacain, seiner Frau Josefina und ihren zwei Töchtern bleiben die Filmer mehrere Tage. Sie leben am Atitlan See. Die Ostküste dieses Sees, mitten in Guatemala, wird gerade touristischer. Besonders an der Küste im Osten, wo Panajachel liegt. San Pedro ist genau auf der anderen Seite des Sees und ist hingegen noch wenig touristisch erschlossen bzw. in Lennarts Worten „überhaupt gar nicht“.

Hier in San Pedro am Altlan See, lebt Pedro lebt mit seiner Familie in einem Wohnblock, in dem sie drei kleine Räume mit je etwa 6-8 qm Fläche bewohnen. Eine Küche, ein Aufenthaltsraum und ein Schlafzimmer, in dem alle vier schlafen. Gegessen wird im Flur, der im gemeinschaftlich genutzten Teil des Gebäudes liegt. Im Aufenthaltsraum hängt ein Poster mit einer Illustration von „San Pedro“, dem Schutzheiligen des Ortes. Und ansonsten ist das einzige weitere Objekt im Raum ein großer Schrein mit einer bunt beleuchtetet Jesus Staute.

Pedro und seine Familie waren so super offen, liebevoll zueinander und zu uns. Das war echt schön. Obwohl nicht viel in diesem Wohnzimmer stand: Ausreichend Sitzmöglichkeiten gab es für uns alle. Jeder bekam als erstes seinen eigenen Hocker, damit  wir alle beisammen sitzen konnten.“

Lennart Neumann

Das kleine Kaffeefeld liegt auf einem der Vulkane – in extrem steiler Lage und nur nach langem Weg bergauf zu Fuß zu erreichen.

„Ohne Schutz und die Organisation in einer Gemeinschaft, geht es nicht. Ich kann nicht überleben!“ erklärt Pedro. Daher ist er Mitglied der Kooperative ADENISA (welche aus den Bäuer:innen rund um den Altlan See besteht), die mit Hilfe der Organisation Manos Campesinas ihren Rohkaffee exploriert. Die Kooperative betreibt am Fuße des Vulkans eine Verarbeitungsanlage, in der die Bauern ihren Kaffee sammeln und gemeinschaftlich verarbeiten. Dort wird geschält, fermentiert, und der Kaffee in der Sonne getrocknet.

Diese Prozedur passiert bei vielen der Kooperativen im Land, die zu Manos Campesinas gehören. Von dort wird der Kaffee abgepackt nach Guatemala City transportiert. Im „Warehouse“ wird das Pergamenthäutchen von den rohen Bohnen entfernt, der Rohkaffee wird kontrolliert, überseetauglich verpackt und in Container verfrachtet. 

Über den Wolken ist die Freiheit nicht grenzenlos

Mitten in den Bergen des guatemaltekischen Dschungels, fernab von allen Straßen, findet man die „Finca Buenos Aires“ – jedenfalls: wenn man denn weiß, wo sie liegt. Hier leben einige wenige Kleinbauern mit ihren Familien unter extremen Bedingungen. Bloß ein erdiger Pfad, der bei Regen nicht befahrbar ist, führt zur hochgelegenen Siedlung.

Nach ihrem Besuch bei Pedro, reisen die Filmemacher hier hin. Denn sie wollen auch das Leben von Ismael Gomez kennenlernen und dokumentieren. Ismaels Familie ist eine von etwa 80 Familien, die in der „Finca Buenos Aires“ in einer Dorfgemeinschaft leben und auf dem zugehörigen Land ihren Kaffee anbauen. Die Landschaft hier mit ihrer üppigen Vegetation mitten im Hochland, unterscheidet sich sehr zu der am AItlan See.

 „Wer hier ein Haus aus Stein besitzt, dann besitzt er das, weil er sich auf die gefährliche Reise in die USA gemacht hat, um dort zu arbeiten und der Familie von dort aus Geld zu schicken!“, erzählt Ismael den Filmemachern, während er sie durch das kleine Dorf führt. Die „Finca“ ist eine Ansammlung von provisorisch und einfach errichteten Gebäuden.

Mit den Erträgen aus dem Kaffeeanbau allein kann sich niemand einen steinernen Bungalow leisten. Daher versuchen vor allem viele der jungen Männer dieser Gemeinschaft, für kurze Zeit in die USA zu gelangen, die mexikanische Grenze ist von dort aus sehr nahe. Doch für diese illegale Einreise riskieren sie ihr Leben. Auch die Familien der „Finca Buenos Aires“ haben sich als Kooperative zusammengetan. Als „ADIBA“ verkaufen auch sie ihren Kaffee über Manos Campesinas.

Zwischen den dicht bewachsenen Tälern, haben sich die Kinder der Bauern einen unvergleichlichen Fußballplatz gebaut, auf dem sie ausgelassen spielen.

Manos Campesinas: Rechte für die „Hände der Bauern“

Doch wer sind nun eigentlich die sagenumwobenen Manos Campesinas, woher kommen sie und was machen sie genau?

Manos Campesinas hilft den beiden Kooperativen von Pedro und Ismael und noch acht weiteren, die überall im Land verstreut sind, ihren Kaffee möglichst gewinnbringend zu verkaufen. Außerdem sorgt die Organisation dafür, dass die Kleinbauern ihren Kaffee biologisch anbauen und dabei möglichst effiziente und moderne Techniken anwenden. Kern ihres Bestrebens ist es, den Kaffee an wohlhabendere Länder zu exportieren, in denen Käufer:innen bereit sind faire Preise zu zahlen. Sofern die Kleinbauern das nämlich nicht schaffen, sind sie gezwungen an Zwischenhändler in Guatemala zu verkaufen. An sogenannte „Coyotes“. Die Preise, die sie dann für ihren Rohkaffee bekommen, würden nicht ausreichen, um ihre Familien zu ernähren. Eine lukrativere Alternative zum Kaffeeanbau wäre für die Bauern der Anbau von Schlafmohn zur Heroinherstellung. Allerdings begeben sie sich damit in das gefährliche Netz der kriminellen Drogenbanden und riskieren ihr Leben.

Das Büro der Manos Campesinas in Guatemala City.

Manos Campesinas kümmert sich besonders um zwei Belange der Bauern:

1. Direkte Handelsbeziehungen zu Käufern aus dem Ausland (Thema Direct Trade), damit die Zwischenhändler in Guatemala und im Importland umgangen werden können und Preise hoch bleiben.

2. Unterstützung, Schulung, Weiterentwicklung der Produktions- und Anbaumethoden der Kleinbauern: Effizientere Techniken für mehr Ertrag auf kleinem Anbaugebiet. Und besonders: Umstellung der gesamten Produktion auf BIO – um die Natur der Heimat nicht zu belasten und gleichzeitig als relevantes Verkaufsargument für ausländische Kunden.

Dabei sind den Manos Campesinos aber noch weitere Werte sehr wichtig:

„Gender: Die Einbindung und Wertschätzung der aktiven Beteiligung von Frauen ist für unsere Organisation von grundlegender Bedeutung. Wir werden diese Einbindung durch spezifische Richtlinien und Verfahren erreichen, die die Beteiligung von Frauen fördern. Dies wird sicherstellen, dass Frauen direkt von der Entwicklung unserer Mitgliedsorganisationen profitieren.“

Manos Campesinas

Wollt ihr mehr wissen?

Wir auch.
Immer wieder wird Kritik am Fairtrade-Label laut. „Wird doch eh alles zusammen gemischt“ oder „Das muss man vor Ort teuer kaufen“ rumoren die Menschen in Deutschland.
Doch was sagen die Menschen in Guatemala?
Über die Filmemacher von „Coffee for Life“ haben wir den Kontakt zu Miguel Mateo in Guatemala herstellen können und werden bald mit ihm direkt über seine Arbeit und den Wandel in der Kaffeebranche sprechen.

Schreib uns deine Frage, die wir anschließend Miguel Mateo im Interview stellen werden.

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Lucia Oiro

Lucia Oiro (ehem. Lehmann) liebt die Vielfalt. Als Autorin, Redakteurin und Performancekünsterlin realisiert sie Projekte, die dieser Liebe entsprechen. Einer ihrer Träume ist, die Welt durch Positive Nachrichten mitzugestalten und all die inspirierenden Menschen und Initiativen ans Licht zu bringen. Umso glücklicher ist sie, diese Vision nun mit dem Team vom Good News Magazin zu realisieren! Ein Team, das wirklich Berge bewegt und bei dem sie sehr stolz ist, ein Teil davon zu sein.

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