Wie verändert sich eine Stadt, wenn sie Care-Arbeit mitdenkt? In Bogotá gibt es darauf seit 2020 eine Antwort: das Sistema Distrital de Cuidado, ein System mit vier Leitprojekten zur Unterstützung bei Care-Arbeits. Sein Herzstück sind die Manzanas del Cuidado. Sie bieten Arbeitenden Räume zum Durchatmen, Lernen und für die eigene Zukunft – und rücken die oft unsichtbare und vor allem umbezahlte Care-Arbeit stärker ins öffentliche Bewusstsein.
Wir haben mit Nutzer:innen der Manzanas und Vertreter:innen der Verwaltung direkt gesprochen. Ihre Erfahrungen zeigen, wie das Konzept im Alltag funktioniert – und was es wirklich bewirkt.
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Seit Nora die Manzana del Cuidado in Suba im Norden Bogotás besucht, hat sich für sie viel verändert. “Man hat dort Zeit, sich selbst wertzuschätzen”, berichtet sie.
Wie viele Menschen in Bogotá, der Hauptstadt Kolumbiens, leistet Nora Care Arbeit. Sie kümmert sich um ihre Mutter und deren Partner, die beide über 70 Jahre alt sind. Nora begleitet sie zu Arztterminen, kümmert sich um Medikamente, übernimmt Einkäufe und hilft im Haushalt. All das zusätzlich zur Arbeit, für die sie mehrmals pro Woche durch Bogotá pendelt, zwei Stunden hin, zwei zurück.
An den Tagen, an denen sie nicht arbeitet, geht Nora zur Manzana del Cuidado in ihrem Viertel. Dort kann sie, genau wie andere Menschen, die Betreuungsarbeit für Angehörige leisten, verschiedene Programme wahrnehmen – von Sportkursen über Bildungsangebote zu therapeutischer Unterstützung. Insgesamt 27 solcher Manzanas del Cuidado gibt es inzwischen in der kolumbianischen Hauptstadt, mindestens eine in fast jedem Viertel.
Zusätzlich zu den Manzanas gibt es zwei Buses del Cuidado, einen Bus im ländlichen und einen im städtischen Raum, die ähnliche Angebote wie die Manzanas bieten. Außerdem ein Projekt zur persönlichen Betreuung Pflegebedürftiger und die “Unidades Operativos del Cuidado”, Community-Einrichtungen mit besonderen Angeboten für Menschen, die Care-Arbeit leisten, wie Zentren für Chancengleichheit.
Die Einrichtungen sind Teil eines in dieser Form weltweit einzigartigen Projekts. Denn die Stadt hat es sich auf die Fahnen geschrieben, die Arbeit, die Eltern, pflegende Angehörige, Haustier-Besitzende und alle anderen, die Care-Arbeit in irgendeiner Form leisten, sichtbar zu machen. So sollen diese nicht nur mehr Wertschätzung erhalten, sondern dadurch, dass der Staat Teile der Care-Arbeit übernimmt, konkrete Verbesserungen in ihrem Alltag erfahren.
Ein mutiges Modellprojekt
Es begann als Masterarbeit im Department für “Gender Studies” der Universidad Nacional de Colombia: Hier entstand zum ersten Mal die Idee eines stadtweiten Systems zur Entlastung von Menschen, die Care-Arbeit leisten. Aus der akademischen Theorie wurde Wirklichkeit, als Vertreterinnen der Frauenbewegung sich mit der Idee an Claudia López wandten – Kandidatin für die Bürgermeister:innenwahl Botogás 2020.
Sie unterstützten López Kandidatur unter der Bedingung, dass diese sich dazu verpflichtete, ein stadtweites System zu etablieren, das die Bedürfnisse von Menschen anerkennt, die unbezahlte Care-Arbeit leisten, konkrete Unterstützungsangebote bietet und die soziale Anerkennung dieser Arbeit fördert.
Claudia López gewann die Wahl und wurde die erste weibliche Bürgermeisterin von Bogotá. Und: Sie setzte ihr Versprechen um. Seit 2020 ist das Sistema Distrital de Cuidado de Bogotá (SDC; Deutsch etwa: Bezirkssystem für Gesundheit und Pflege)) fester Teil der Stadtpolitik. Schritt für Schritt wird so ein System etabliert, das die Arbeit, die durch Fürsorgetätigkeiten wie Pflege, Kinderbetreuung und Haushalt geleistet wird, anerkennt – und umverteilt. Statt allein auf den Schultern von Privatpersonen zu lasten, sollte diese fast immer unbezahlte und häufig unbeachtete Mehrarbeit in Zukunft Aufgabe von Stadt, Staat und Gemeinschaft sein, so…
Wie eine Stadt Care-Arbeit sichtbar macht