Als wir 2023 zum ersten Mal über die Reerdigung berichteten, waren gerade einmal acht Menschen in Europa auf diese Weise bestattet worden. Ob sich aus dem Pilotprojekt einmal eine tatsächliche Alternative zu Erd- und Feuerbestattung entwickeln könnte, war offen. Als wir uns drei Jahre später mit Geschäftsführer Pablo Metz zum Gespräch treffen, gibt es allerhand Good News zu berichten: Es wurden bereits mehr als 90 Menschen reerdigt, die Methode ist wissenschaftlich untersucht – und Schleswig-Holstein hat sie seit Juni 2026 dauerhaft als dritte Bestattungsart zugelassen.
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„Ich möchte auf keinen Fall verbrannt werden.” Das sagte die damals 96-jährige Großmutter von Pablo Metz, als die beiden 2020 darüber sprachen, wie sie einmal bestattet werden möchte. Eine klassische Erdbestattung kam für sie allerdings auch nicht infrage. Sie erinnerte ihren Enkel an Fontanes „Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“: Der Gutsherr, der den Kindern im Ort immer Früchte von seinem Birnbaum schenkt, lässt sich mit einer Birne begraben. Aus der wächst später ein Baum, an dem sich die Kinder des Dorfes weiterhin bedienen können. „Eigentlich suche ich etwas, wo ich noch irgendwie dabei sein kann“, habe seine Großmutter damals gesagt. Metz suchte zu jener Zeit nach einem neuen Projekt. In welche Richtung es gehen sollte, war damals völlig offen, fest stand nur: Es sollte nachhaltig sein, also Prozesse, die viele Ressourcen oder fossile Energie benötigen, durch neue Lösungen ersetzen. Das Gespräch mit seiner Großmutter brachte ihn auf einen Gedanken: Was braucht es, damit ein Körper wieder zu Erde wird? Aus dieser Frage entstand gemeinsam mit seinem Co-Gründer Max Hüsch die Idee der Reerdigung.
In 40 Tagen zurück zur Erde
Das Prinzip der Reerdigung orientiert sich an natürlichen Zersetzungsprozessen. Der verstorbene Mensch wird in einem wiederverwendbaren Behälter, dem sogenannten Kokon, auf pflanzliches Material gebettet. Die Mikroorganismen, die für die Zersetzung notwendig sind, bringt der menschliche Körper selbst mit. Im Kokon bekommen sie die Bedingungen, die sie für ihre Arbeit brauchen: Sauerstoff, Feuchtigkeit und eine passende Mischung aus kohlenstoff- und stickstoffhaltigem Material. Durch die Aktivität der Mikroorganismen entsteht Wärme, die den Zerfallsprozess beschleunigt: Innerhalb von etwa 40 Tagen wird das humane Weichgewebe des Körpers zersetzt. Die verbliebenen Knochen werden anschließend gemeinsam mit der entstandenen Erde gemahlen. Diese neue Erde wird schließlich auf einem Friedhof beigesetzt.
Für viele Menschen ist gerade die Nachhaltigkeit ein Grund, sich mit dieser noch ungewohnten Bestattungsform zu beschäftigen. Benno Schulz aus Lübeck engagiert sich in der Hospizbewegung und ist deshalb auch beruflich immer wieder mit Fragen rund um Tod und Bestattung konfrontiert. Beim Informationstag von Meine Erde in Mölln Ende August 2026 erklärte er im Gespräch mit dem Good News Magazin, wo er die Vorteile der Reerdigung sieht: „Wenn man weiß, wie viel Energie verballert wird bei einer Feuerbestattung, das ist schon heftig. Das muss ja vielleicht nicht sein – und zur Erde zu werden hat doch was.“
Tatsächlich benötigt eine Feuerbestattung hohe Temperaturen von rund 850 Grad Celsius und entsprechend Energie. Bei einer klassischen Erdbestattung fällt diese zwar nicht an, dafür wird ein Sarg benötigt, der, je nach Gestaltung, negative Auswirkungen auf die Umwelt hat – beispielsweise durch Lackierung, Sargwäsche aus Polyester oder Ähnliches. Die Reerdigung versucht dagegen, den Körper mithilfe natürlicher mikrobieller Prozesse und ohne Verbrennung zurück in Erde zu verwandeln. Ganz ohne Ressourcen und Energie kommt natürlich auch sie nicht aus: Der Kokon muss belüftet und kontrolliert, Verstorbene müssen transportiert und die entstandene Erde schließlich beigesetzt werden.
Auch für Sabine Jorke, Besucherin eines Informationstages, spielt Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle. Sie möchte einmal „mit möglichst kleinem Fußabdruck aus der Welt scheiden“ und findet die Vorstellung reizvoll, wieder Teil des natürlichen Kreislaufs zu werden. Doch Nachhaltigkeit ist nur einer von mehreren Gründen, die für eine Reerdigung sprechen können. Jorke gefällt außerdem, dass der Körper nach dem Tod möglichst wenig verändert wird: keine kosmetische Behandlung, keine synthetische Kleidung, stattdessen die Einbettung in natürliche Materialien. Andere beschäftigt die Vorstellung einer langsamen Verwesung im Sarg oder sie möchten schlicht nicht verbrannt werden. Wieder andere mögen den Gedanken, dass aus ihrem Körper innerhalb weniger Wochen Erde entsteht.
Wissenschaftlich geprüft und politisch abgesegnet
Als wir 2023 erstmals über das Verfahren berichteten, steckte all das noch in der Erprobung. Damals waren in dem sogenannten “Alvarium” in Mölln acht Reerdigungen durchgeführt worden. Schleswig-Holstein hatte als erstes Bundesland ermöglicht, die neue Bestattungsform unter wissenschaftlicher Begleitung zu testen. Genau diese wissenschaftliche Begleitung wurde in den letzten Jahren entscheidend.
Das Institut für Rechtsmedizin der Universität Leipzig untersuchte den Prozess zunächst anhand zweier Verstorbener. Die Forschenden analysierten unter anderem Erd-, Knochen- und Haarproben. Nach rund 40 Tagen war kein humanes Weichgewebe mehr vorhanden. Die Knochen zeigten Veränderungen, die mit einer jahrzehntelangen Liegezeit bei einer klassischen Erdbestattung vergleichbar waren. Zwei Fälle waren allerdings noch keine besonders breite wissenschaftliche Grundlage. Die Erprobung wurde deshalb fortgesetzt. Dabei ging es längst nicht nur darum, ob nach 40 Tagen tatsächlich Erde entsteht. Untersucht wurden unter anderem die entstandene Erde und die verbliebenen Knochen, mögliche Medikamentenrückstände sowie die Raumluft innerhalb des Alvariums und die Abluft außerhalb des Al…


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