Warum auch Good News unserem Nervensystem gut tun

Glimmers: Das neurobiologische Gegenprinzip zum Trigger

von | 16. Juni, 2026 | Gesundheit

Unser Gehirn registriert Bedrohungen automatisch. Doch ebenso gibt es einen biologischen Mechanismus, der das Gegenteil bewirkt: die sogenannten “Glimmers”. Das Konzept erklärt, wie kleine Momente der Sicherheit das Nervensystem regulieren – und wie auch Good News einen Anteil daran haben können.

Was sind Glimmers?

Während ein Trigger unser Nervensystem in Alarmbereitschaft versetzt, funktioniert ein Glimmer wie ein biologisches Gegenmittel. Der Begriff wurde von der Trauma-Therapeutin Deb Dana geprägt und beschreibt winzige, alltägliche Momente, in denen unser Körper das Gegenteil zum Fluchtinstinkt signalisiert: „Ich bin sicher, ich kann mich entspannen.”

2018 führte Deb Dana den Begriff der “Glimmers” in ihrer Veröffentlichung The Polyvagal Theory in Therapy erstmals ein. Dank viraler TikTok-Videos wurde der Begriff immer populärer. Danas Veröffentlichung knüpft an die 1994 von dem US-amerikanischen Psychiater Stephen Porges begründete Polyvagal-Theorie an. Obwohl jene aufgrund anatomischer Unkorrektheiten wissenschaftlich umstritten ist, sind viele der in ihr aufgeführten Konzepte in der Neurowissenschaft fest etabliert und so auch die Idee der “Glimmers” von Dana nicht neu. 

Glimmers – ein Rebranding

Die Forschung existiert tatsächlich unter vielen anderen Namen – „Glimmers“ ist eher eine populäre Neubenennung:

  • Die Positive Psychologie erforscht bereits seit den 1990ern (siehe Martin Seligman), wie kleine positive Erlebnisse das Nervensystem regulieren. Barbara Fredricksons „Broaden-and-Build-Theorie“ beschreibt exakt dasselbe: Positive Momente erweitern die Wahrnehmung und bauen psychische Ressourcen auf.
  • Das Konzept der „Achtsamkeit im Moment“ – die bewusste Wahrnehmung kleiner positiver Reize – wird in der kognitiven Verhaltenstherapie seit Jahren praktiziert und wurde durch Professor Jon Kabat-Zinn in Medizin und Gesellschaft populär gemacht.
  • Positive Erinnerungen und Nostalgie: Eine englische Studie von Askelund et al. zeigte bereits, dass bewusstes Erinnern an positive Momente psychische Probleme reduziert und das Sicherheitsgefühl stärkt. Chinesische Studien dokumentieren zudem, dass Nostalgie sogar physische Schmerzen lindert.

„Glimmers“ sind also vielmehr ein Rebranding bestehender Konzepte mit einer eingängigen Metapher. Die biologischen Effekte sind längst dokumentiert, aber der Begriff „Glimmers“ hat einen popu­lären Vorteil: Er ist symmetrisch zum etablierten Begriff „Trigger“ und deshalb leicht zu merken.

“Es gibt so viele Glimmer-Momente”

Die kleinen Micro-Momente, die Menschen glücklich machen, sind genauso vielfältig wie der Homo sapiens selbst. Allein in unserem Team fanden sich zahlreiche Glimmers:

  • “In geselliger Runde ein Feuer machen, sich von den Flammen hypnotisieren lassen oder entspannt quatschen”, David

  • “Im Frühling an einem Fliederbaum schnuppern beruhigt mich sofort und zaubert mir ein Lächeln auf die Lippen”, Viktoria

  • “In einer Halle sitzen. Die geschlossene Weite – wenn man das so nennen kann – entspannt mich total. Ob Konzerthaus oder Hotellobby, das ist egal”, Nils

  • “Ein Glimmermoment für mich ist so ein herzliches, ehrliches Lachen mit anderen Menschen. Wenn das aus dem tiefen Inneren kommt und einem danach der Bauch wehtut”, Saskia

  • “Ein alltäglicher Glimmermoment ist für mich, wenn ich am Wochenende aufwache und meine Mitbewohnerin schon in der Küche steht und Kaffee für uns beide kocht. Wir sitzen dann meistens zwei Stunden einfach nur da und erzählen. Seit wir alle zum Studieren in andere Städte gezogen sind, schreiben meine Freunde von Zuhause und ich uns außerdem regelmäßig Postkarten mit kleinen Updates. Jedes Mal wenn ich die im Briefkasten sehe, muss ich sofort grinsen”, Sophie

  • “Der Moment, wenn in meiner Zufallsplaylist ein Song angeht, der einfach genau zur Stimmung und zum Moment passt. BLISS”, Luisa

  • „Wenn meine dreijährige Tochter mich einfach verabschiedet mit: „Bis später, ich liebe dich!“ oder zu einem Verbot ganz ernst und bedächtig sagt: „Okay, Mama!“ Oder der Moment, wenn ich beim Autofahren hier in Kenia ein neues Lied entdecke oder einfach das perfekte Lied gespielt wird.”, Lucia

  • “Wenn ich sehe, dass meine Pflanze ein neues Blatt hat. Wenn ich über mich selbst lachen kann. Wenn ich jemanden auf der Straße anlächle und sie zurücklächeln. Gute Freunde und Freundinnen richtig lange umarmen. Good News lesen.”, Ruth

Das Hirn trainieren, Positives wahrzunehmen

Glimmers wirken nicht nur kurzfristig beruhigend. Wer beginnt, bewusst auf solche positiven Reize zu achten, verändert langfristig auch die eigene Wahrnehmung. Unser Gehirn ist darauf ausgelegt, Muster zu erkennen und Bekanntes schneller wiederzufinden. Das als Frequenzillusion bekannte Phänomen beschreibt, dass wir Dinge häufiger wahrnehmen, sobald unser Fokus einmal darauf gelenkt wurde. 

Allein die Frage nach Glimmers in unserem Team lenkte beispielsweise das Bewusstsein stärker auf jene positiven Momente. Katja wurde dadurch direkt vieler kleiner Glimmermomente gewahr:

  • Wenn ich von der belebten Straße in ein stilles Geschäft laufe, zum Beispiel in einen Buchladen, und den Geruch von frisch gedrucktem Papier rieche. Oder wenn ich in einen Second-Hand-Laden mit ganz vielen alten Sachen komme und Popsongs aus dem Radio höre.
  • Oder ein Familienstadtfest, bei dem alle willkommen sind, das kinderfreundlich ist und bei dem nicht übermäßig viel Alkohol getrunken wird.
  • Es gibt so viele Glimmer-Momente: der Sonnenuntergang an meiner Lieblings-Eisenbahnbrücke mit Blick auf den Fernsehturm, wo ich dann Fernzüge und S-Bahnen beobachte und gleichzeitig Fern- und Heimweh fühle.
  • Die Blue Hour und die Golden Hour.
  • Morgentau zu beobachten, was leider zu selten passiert, weil ich eine Langschläferin bin.
  • Zuhause den besten Cappuccino der Welt trinken, darin bin ich gut..

Sich solcher Momente bewusst zu werden, kann also dafür sorgen, sie in Zukunft stärker wahrzunehmen.

Gleichzeitig dominiert im Menschen jedoch der sogenannte “Negativity Bias” – die Tendenz, Gefahren, Probleme und negative Informationen stärker wahrzunehmen als positive. Evolutionsbiologisch war das sinnvoll: Wer Bedrohungen früh erkannte, hatte bessere Überlebenschancen. In der heutigen Medienwelt führt dieser Mechanismus jedoch oft dazu, dass unser Nervensystem dauerhaft unter Stress steht. Schlagzeilen über Krisen, Kriege, wirtschaftliche Unsicherheit oder Klimakatastrophen versetzen viele Menschen in einen Zustand permanenter Alarmbereitschaft. Social-Media-Plattformen, die häufig zu Polarisierung verleiten können, können negative Gedanken zusätzlich verstärken. Die Ironie dabei ist: Je mehr wir versuchen, informiert zu bleiben, desto mehr könnten wir uns selbst in einen Zustand triggern, in dem konstruktives Handeln unmöglich wird. Viele von uns haben diesen Zustand während der Pandemie erlebt, und auch in der aktuellen Zeit ist es schwierig, sich nicht überfordert zu fühlen.

Helping Hands - World Happiness Report Unsplash
Momente mit Freund:innen nennen viele als Glimmer-Moment

Good News. Good Feeling.

Bleiben wir in der Medienwelt, wenn wir uns den Effekt der Glimmers anschauen: Das Team des Good News Magazin folgt der Schule des Positiven Journalismus. Dabei geht es nicht darum, Probleme auszublenden oder die Realität zu beschönigen. Vielmehr verfolgt sie einen lösungsorientierten Ansatz: Herausforderungen werden klar benannt, gleichzeitig aber auch Menschen, Projekte oder Ideen gezeigt, die bereits an konkreten Lösungen arbeiten. Dadurch entsteht wieder ein Gefühl von Handlungsspielraum statt ausschließlich Ohnmacht.

Auf ihre Art sind Good News also auch Glimmers. Für einige kann es das Gefühl von Sonnenstrahlen auf der Haut sein, für andere eine bewusste Minute mit dem Haustier, wieder andere erleben Glimmer, wenn ihr Kind sie anlächelt. Good News zu lesen – oder zu schreiben – kann ebenfalls die Stimmung verändern. Und natürlich auch unsere Denkweise. Wer ausschließlich mit Bedrohungsszenarien konfrontiert wird, bleibt leichter im „Überlebensmodus“ des Gehirns hängen. Lösungsorientierte Inhalte hingegen fördern einen Zustand, in dem Reflexion, Kreativität und Handlungsfähigkeit möglich sind.

Positive Medienformate wie das Good News Magazin verstehen sich weniger als Gegenwelt zur Realität, sondern eher als Ergänzung zu einer Nachrichtenkultur, die lange Zeit fast ausschließlich auf Krisen fokussiert war. Sie zeigen, dass neben Problemen auch Fortschritt, Kooperation und konkrete Veränderungen existieren – und dass genau diese Perspektive entscheidend sein kann, um gesellschaftliche Herausforderungen überhaupt bewältigen zu können.

Wenn wir also künftig als Redaktion Good News schreiben, sehen wir darin nicht nur den englischen “glimmer of hope” (dt.: Hoffnungsschimmer), über den wir berichten, sondern denken auch kurz an die “Kraft der Glimmer”. Oder um aus dem Buch “Everyday Glimmers” zu zitieren: 

“Die Kraft der Glimmer beruhigt das Nervensystem. Die Wirkung ist sogar körperlich spürbar: Die Muskeln entspannen sich, der Kiefer lockert sich, die Atmung wird tiefer und langsamer. Studien belegen, dass kleine tägliche Glimmer uns nachhaltigeres Glück bescheren als vermeintlich große und lebensverändernde Ereignisse.”

Beitragsbild: Jacqueline Munguía auf Unsplash

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Viktoria Franke
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