Wir haben mit Cedric Engels von Doktor Whatson über die Klima-Doku gesprochen. Darüber, warum wir diese Doku jetzt brauchen, was sie mit der Crowdfunding-Kampagne zu tun hat und warum sie Menschen ins Handeln bringen soll.
Dieser Artikel ist zuerst bei Startnext erschienen.
Startnext und das Good News Magazin teilen ein gemeinsames Ziel: Wir wollen Menschen und Projekte sichtbar machen, die positive Veränderung anstoßen. Auf der Crowdfunding-Plattform Startnext gehen Menschen mutig in die Umsetzung: Sie teilen ihre Projekte für eine nachhaltigere, gerechtere und kreativere Zukunft, gewinnen Unterstützer:innen und zeigen, was gemeinsam möglich ist. Deshalb stellen wir ausgewählte Projekte vor und bringen sie mit Menschen zusammen, die sie entdecken, teilen und möglich machen können.
Die Sommer, wie wir sie von früher kennen, kommen nicht zurück.
Es wird heißer – nicht vielleicht, nicht irgendwann, sondern messbar und jetzt: Hitzewellen, Dürren, Waldbrände und allein rund 5.000 Hitzetote im Juni dieses Jahres in Deutschland. Man kann darüber streiten, wie man das alles nennt – an den Fakten ändert es nichts.
Genau hier setzt Cedric Engels von Doktor Whatson an: Mit der Klima-Doku wollen er und sein Team zeigen, wie wir uns an diese neue Realität anpassen. Mit mehr Bäumen, mehr Schatten, mehr Nachbarschaft, mehr lokalen Lösungen. Und vor allem: mit dem Gefühl, dass wir etwas tun können, statt in die Schockstarre zu verfallen. Innerhalb weniger Wochen wurde daraus eine der erfolgreichsten Kampagnen, die es auf Startnext je gab – 100.000 € am ersten Wochenende, Tausende Unterstützer:innen.
Startnext: Wie erklärst du einer Person, die dich noch nicht kennt, was du machst?
Cedric Engels: Wir produzieren bei Doktor Whatson YouTube-Videos über Wissenschaft. Eigentlich sind es Videos, die Dinge erklären. Wir sind ein neugieriger Haufen von Leuten, die in die Welt schauen und fragen: Wie funktioniert die Welt? Welche spannenden Fragen gibt es? Und wie können wir gemeinsam mit unserer Umwelt ein gutes Leben führen?
Uns geht es darum, Wissen zu verbreiten und Menschen für Wissenschaft, Zukunftstechnologien und Nachhaltigkeit zu begeistern. Dabei ist uns wichtig, dass jede Aussage sauber belegt ist. Unsere Wissenschaftsredaktion recherchiert, spricht mit Expert:innen, liest Studien und prüft Quellen. Wir versuchen, Themen so darzustellen, wie sie wissenschaftlich gerade diskutiert werden – auch dann, wenn die Antwort nicht einfach schwarz-weiß ist.

War das etwas, wovon du schon als Kind geträumt hast – oder ist das einfach so passiert?
Ich war schon als Kind fasziniert von Wissenschaft. Ich habe die Sendung mit der Maus und Wissen macht Ah! geschaut, war großer Fan von Ralph Caspers und hatte Physik im Leistungskurs. Nach dem Abi bin ich dann aber erstmal in Richtung Film gegangen.
Während meines Filmstudiums habe ich gemerkt, dass ich beides verbinden kann: meine Begeisterung für Wissenschaft und meine Faszination für Film. 2015 habe ich mit Doktor Whatson angefangen, damals noch alleine in meiner Studentenbude. Im Studium habe ich gelernt, wie man Filme produziert, Teams aufbaut und Finanzierung organisiert – und parallel abends YouTube-Videos gemacht. Heute sind wir 15 Leute. Ich bin zwar weiterhin das Gesicht, aber Doktor Whatson ist längst ein Team geworden. In jedes Video fließen ungefähr 200 Stunden Arbeit. Diese Qualität könnte ich alleine gar nicht leisten.
Kannst du dich noch an den Moment erinnern, an dem ihr gesagt habt: Wir machen jetzt eine Doku über das Klima?
Der Auslöser war die Hitzewelle im Juni 2026. In Deutschland sind dabei rund 5.000 Menschen an Hitze gestorben. Menschen, die zum Teil so gewohnt haben wie ich: in Dachgeschosswohnungen. Ich habe selbst nur ein Klimagerät, das 200 Euro gekostet hat. Das hat mich potenziell vor meinem Tod bewahrt. Das fand ich verrückt.
Gleichzeitig habe ich gesehen, wie unvorbereitet wir als Gesellschaft auf diese Hitzewellen sind. Und es wird ab jetzt immer nur heißer, häufiger und heftiger. Da war für mich klar: Wir müssen eine Klimadoku machen – und zwar vor dem nächsten Sommer.
Das heißt, die Idee lag nicht schon seit Monaten oder Jahren in der Schublade, sondern ist wirklich aus diesem Gefühl heraus entstanden?
Genau, das ist alles sehr schnell entstanden. Innerhalb weniger Wochen. Viele in unserem Umfeld haben gesagt: „Seid ihr sicher? 100.000 Euro mit nur drei Wochen Kampagne? Vielleicht schafft ihr 10.000.” Und dann hatten wir direkt am ersten Wochenende 100.000 Euro erreicht. Da war klar: Hinter dem Thema entsteht gerade ein riesiges Momentum. Wir waren zur richtigen Zeit mit der richtigen Message am richtigen Ort.
Gleichzeitig hatten wir alle Puzzleteile schon da: Grafik, Kamera und Schnitt, eine Redaktion für den Faktencheck, einen Green Consultant und eine Klimapsychologin im Team. Nicht jede Organisation hat einfach eine ready-to-go Wissenschaftsredaktion plus Filmteam plus Klima-Experten. Wir haben gesehen, da ist etwas, und dann entschieden: „Wir machen das jetzt.” Wenn dich etwas emotional packt, dann trifft es wahrscheinlich auch andere. Dann muss man manchmal schnell sein und dieses Momentum nutzen.
Wie erzählt ihr in der Doku über das, was gerade passiert – ohne dass Menschen wegschauen, weil das Thema zu groß oder zu hart wirkt?
Es gibt schon viele Klimadokus, die erklären, was der Treibhauseffekt ist und warum wir CO₂ reduzieren müssen. Ich glaube nicht, dass noch eine Doku dieser Art etwas Grundsätzliches verändert. Die Kommunikation „Wir müssen weniger CO₂ ausstoßen” ist zwar richtig, hat aber nicht funktioniert. Viele Menschen wollen nicht verzichten – erst recht nicht, wenn gleichzeitig anderswo Milliardäre weitermachen, KI-Rechenzentren gebaut werden oder Länder „Drill, baby, drill” sagen.
Der Klimawandel ist da. Die Folgen bis 2050 sind mehr oder weniger locked-in. Wir werden steigende Temperaturen, Dürren, Hitzewellen, Überflutungen und Waldbrände erleben. Es wird immer heißer – die Frage ist: Wie bleiben wir als Gesellschaft handlungsfähig? Bei Klimaanpassung geht es anders als beim CO₂: Da können wir immer mehr machen. Mehr Bäume, mehr Schatten, mehr Nachbarschaft, mehr lokale Lösungen. Ich glaube, das motiviert Menschen mehr.
Und man macht das nicht allein. Man kann mit Nachbar:innen und der eigenen Community Bäume pflanzen, Beschattung schaffen oder sich in der Kommune für Entsiegelung einsetzen. Das ist konkret, schafft ein Gemeinschaftsgefühl – und wirkt auch gegen diese Einsamkeit, die viele spüren. Es zeigt Menschen: Wir sind nicht ohnmächtig, wir haben Selbstwirksamkeit und können etwas verändern.

Über 6.000 Menschen haben schon Geld für diesen Film gegeben – quasi eine Kleinstadt, die sagt: Wir wollen diese Doku. Gibt euch das einen besonderen Auftrag mit? Oder bleibt das erstmal abstrakt?
Das ist überwältigend. So viele Menschen haben freiwillig gesagt: „Ich gebe Geld, weil ich diese Doku sehen will. Ich will, dass dieses Projekt Wirklichkeit wird.” Das erzeugt ein starkes Gefühl von Rückhalt – aber natürlich auch Verantwortung.
Wir spüren sehr klar: Da ist eine Erwartung. Wir müssen jetzt liefern. Gleichzeitig macht mich das selbstbewusst, weil wir ein sehr gutes Team haben, das weiß, was es tut.
Plant ihr diese Crowd auch als Ressource für die Doku ein?
Ja, auf jeden Fall. Wir haben ein Dankeschön, bei dem Unterstützer:innen die Doku mitgestalten können. Das wurde am häufigsten gebucht. Diese Menschen wollen wir über einen Discord-Server einbinden: beim Drehbuchschreiben, bei der Auswahl von Expert:innen, bei der Recherche, bei Initiativen und auch bei der Frage, welche Stimmung und Gestaltung die Doku haben soll. Ich bin überzeugt, dass das die Doku besser machen wird. Unter diesen Menschen gibt es garantiert Leute, die Kontakte, Perspektiven oder Fragen haben, die wir alleine nicht gefunden hätten.
Ihr seid durch die Crowdfunding-Kampagne unabhängig von Filmförderung, Redaktionen und Sendern. Wie fühlt sich diese Freiheit an?
Das ist erstmal ein besonderes Gefühl, weil wir bei diesem Projekt sehr direkt unseren eigenen Weg gehen können. Bei Produktionen mit Sendern, Redaktionen oder Förderinstitutionen gibt es natürlich mehr Abstimmung – und das kann auch sehr wertvoll sein, weil dadurch eine professionelle Außenperspektive dazukommt.
Bei dieser Doku sind wir vor allem unseren Unterstützer:innen gegenüber verantwortlich – und unseren eigenen Ansprüchen: nachhaltig produzieren, das zertifizieren lassen und transparent machen, wohin das Geld geflossen ist. Gleichzeitig holen wir uns bewusst externe Beratung aus dem Dokumentarfilmbereich dazu, weil so eine zweite Perspektive hilft, den Film besser zu machen. In dem Sinne ist es fast schon ungewohnt viel Freiheit – aber vor allem eine große Chance, unsere Vision sehr direkt umzusetzen.
Eine Sache können wir schon anteasern: Es gibt eine Form des Protests, die wir in der Doku in Absprache mit einem Anwalt auf komplett legale Art und Weise machen wollen – und die es so noch nie gab. Ohne das Crowdfunding-Budget über Startnext könnten wir das nicht machen und wahrscheinlich hätte das so auch keine Redaktion freigegeben.

Hast du einen Tipp für Menschen, die jetzt ein Crowdfunding starten wollen?
Das lässt sich schwer allgemein beantworten, weil jedes Projekt anders ist. Aber ein Tipp ist auf jeden Fall: Sprich vorher mit Menschen, die schon ein Crowdfunding gemacht haben. Ruben von ByteFM hat selbst eine erfolgreiche Startnext-Kampagne gemacht und uns vorher mit ein paar kritischen Tipps sehr geholfen. Diese Erfahrung von außen war sehr wertvoll.
Wenn die Doku im Kino läuft: Mit welchem Gefühl sollen die Menschen nach Hause gehen?
Das ist vielleicht die wichtigste Frage. Ich möchte, dass Menschen motiviert rausgehen. Nicht mit dem Gefühl: Die Klimakrise ist so groß, wir können sowieso nichts mehr tun. Sondern mit dem Gefühl: Ich kann in meiner Straße, in meiner Nachbarschaft oder in meiner Kommune etwas verändern.
Der Film soll keine Schockstarre auslösen, sondern Selbstwirksamkeit. Die Leute sollen sich im besten Fall direkt mit anderen im Kino zusammenfinden und vernetzen. Wenn daraus lokale Initiativen, neue Kontakte oder konkrete Aktionen entstehen, dann hat der Film erreicht, was er erreichen soll.
Ich kenne dieses Gefühl der Ohnmacht selbst. Seit Trump wiedergewählt wurde und auch in Deutschland vieles wieder rückwärts geht, hatte ich oft das Gefühl: Alles wird gerade schlechter. So richtig ins Handeln gekommen bin ich selbst erst mit dieser Kampagne. Genau deshalb wollen wir in der Doku zeigen, was Menschen mit wenigen Stunden in der Woche, mit Familie, Vollzeitjob und begrenzten Mitteln wirklich tun können.
Viele Menschen sind wertetechnisch längst da. Der große Hebel ist, sie wirklich ins Handeln zu bringen.
Was passiert nach der Kampagne mit dieser Crowd – jetzt, auf der Kinotour und vielleicht in fünf oder zehn Jahren?
Das finden wir gerade noch heraus. Die Kino-Tour wird 2027 stattfinden, bevor es wieder heiß wird. Wir wollen auf jeden Fall nutzen, dass Menschen dabei vor Ort zusammenkommen. Der Discord soll auch nach der Veröffentlichung weiter bestehen.
Mir geht es nicht darum, noch eine neue Initiative zu gründen, wenn es schon gute Strukturen gibt. In vielen Städten gibt es Projekte, die von zusätzlichem Engagement profitieren würden. Wenn wir Menschen dorthin bringen können, wäre das sehr wertvoll.
Meine Hoffnung ist, dass unsere Unterstützer:innen in fünf oder zehn Jahren sagen können: Ich habe mich eingebracht, und dadurch hat sich in meiner Stadt, meiner Straße oder meinem Dorf etwas verändert.
Die Doku ist kein Selbstzweck. Sie soll Menschen ins Handeln bringen. Ein Film kann ein Gefühl erzeugen – aber dieses Gefühl muss dann auch in echte Taten übertragen werden. Das wollen wir erreichen.
Zur Kampagne: Klima-Doku von Doktor Whatson
Credit Coverfoto: IdeenExpo

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