Weil Frauen in jedem Alter leuchten

Schluss mit dem Stigma: Jetzt reden wir über die Wechseljahre

von | 18. April, 2022

Die Wechseljahre waren lange tabu, jetzt sprechen immer mehr Frauen offen darüber und ersetzen negative Klischees durch Lebensfreude.

Michelle Obama spricht im Podcast über Hitzewallungen und Schottlands First Minister Nicola Sturgeon erklärt den Umgang mit der Menopause zu ihrer persönlichen Verantwortung: Weltweit nehmen immer mehr Frauen in Büchern, TV-Beiträgen und auf Social Media Stellung zu ihren Erfahrungen in der Lebensmitte und sorgen so dafür, dass ein Tabu gebrochen wird. Darunter auch die Frauen hinter Palais Fl*uxx und femfeel, zwei Initiativen mit unterschiedlichen Ansätzen aber einem gemeinsamen Ziel: Ein aufgeklärter Umgang mit den Wechseljahren, sodass Frauen selbst entscheiden können, was ihnen gut tut, wie sie sich selbst wahrnehmen und wie sie wahrgenommen werden wollen. 

Menopause oder Wechseljahre und was ist das überhaupt?

Beginnen wir mit den Grundlagen, also mit der Frage: Was verbirgt sich hinter den Begriffen Menopause und Wechseljahre? Die Deutsche Menopause Gesellschaft definiert die „Menopause“ als „die letzte Menstruation im Leben einer Frau ohne Entfernung der Gebärmutter“. Die Zeitspanne direkt vor und nach der Menopause wird als Perimenopause bezeichnet. Zwölf Monate nach der letzten Blutung – denn erst dann kann frau mit Sicherheit davon ausgehen, dass diese auch die letzte war – beginnt die Postmenopause. Mit dem Begriff „Wechseljahre“wird häufig die komplette Phase des „Wechsels” bezeichnet, also der hormonellen Umstellung durch die geringere Produktion von Geschlechtshormonen, die deutlich vor der Menopause beginnt und häufig noch einige Jahre danach andauert.

Im Durchschnitt erleben Frauen in Deutschland die Menopause mit 51, sie kann aber schon deutlich früher oder erst mit Mitte 50 eintreten. Auch Transgender-Frauen können Symptome der Wechseljahre erleben. Wie bei gleichgeschlechtlichen Frauen sind die Symptome eine Reaktion auf Hormonschwankungen, auch wenn die Ursachen dafür unterschiedlich sind.

Dies nur als knappe Einordnung, denn natürlich gibt es viel mehr zu wissen, sowohl aus medizinischer, als auch biologischer und gesellschaftlicher Sicht. Und genau das ist der Punkt: Wir wissen noch viel zu wenig. Jahrzehntelang wurde über die Wechseljahre geschwiegen, weil sie als der Verlust der Fruchtbarkeit galten und schambehaftet waren. Doch mit dieser Stigmatisierung soll jetzt Schluss sein. Denn die Zeiten ändern sich, wie die Präsidentin der Deutschen Menopause Gesellschaft, Katrin Schaudig beschreibt:

„Es ist ein gewisser Ruck in der Gesellschaft da, wodurch sich Frauen nicht mehr so für ihre Wechseljahre schämen, sondern eher sagen: ‚So what, dem will ich mich nicht beugen.‘“

Die Frau in den Wechseljahren: alles Mangel? Von wegen!

Das können die Frauen von Palais Fl*uxx nur unterschreiben. Auch sie haben genug von dem negativen Bild, das von Frauen in den Wechseljahren gezeichnet wird. Stattdessen, so die Intention von Gründerin Silke Burmeister, wollen sie den Blick darauf richten, was Frauen auch nach einem bestimmten Alter noch alles können. Wie Co-Pilotin Simone Glöckler formuliert:

„Ich bin jetzt 54 und seit geraumer Zeit fällt mir auf, dass ich offensichtlich unter einem wahnsinnigen Mangel leiden sollte. Von allen Seiten wollen Gesellschaft und Wirtschaft mir aufzeigen, was mir fehlt und was alles schlecht ist im Alter. Und das stimmt einfach nicht.“

Simone Glöckler

Wer einmal auf der Online-Plattform von Palais Fl*uxx unterwegs ist, kann sich schnell selbst davon überzeugen, dass das Leben für Frauen in der Lebensmitte eben nicht von Mangel bestimmt ist, sondern bunt und vielfältig und voller Potenzial ist. Über 300 Beiträge sind auf der Online-Plattform für Frauen ab 47 inzwischen veröffentlicht, in verschiedensten Sparten und Formaten. Darunter inspirierende Geschichten wie die aus der Rubrik „Macht doch was ihr wollt“, wo Frauen von ihrer Entscheidung berichten, in der Lebensmitte noch einmal komplett neu anzufangen. Von der Tagesschau-Redakteurin zur Sexualcoachin, selbstverständlich ist auch das in den Wechseljahren noch möglich.

Daneben liest frau dort auch Erfahrungsberichte über die Wechseljahre und politische Stellungnahmen gibt es ebenso wie die Reihe „Sex der Woche“ und den Podcast „6 Minuten Über Sex“, mit denen ein weiteres Tabu gebrochen wird: Sex in den Wechseljahren und im Alter? Natürlich gibt es den, nur vielleicht anders als vorher. Umso wichtiger, darüber zu reden und Aufklärung zu schaffen darüber, was Sex alles bedeuten kann – oder auch wie es ist, mal keinen zu haben. Dass die Beiträge zum „Sex der Woche“ die meistgeklicktesten auf der Website sind, beweist für Simone Glöckler einmal mehr, wie wichtig es ist, all die Tabus rund um die weibliche Sexualität und Gesundheit, die Menopause und das Altern zu brechen.

Frauen, die leuchten

Und dann gibt es noch Kampagnen wie „die Leuchtenden“, bei der jede Woche eine Frau vor die Kamera von Sonja Tobias tritt und sich fotografieren lässt. Das Ziel ist es, gegen den Fokus auf das Äußere anzugehen, der Frauen schon vor den Wechseljahren häufig begleitet – und der sich in dieser Zeit in gewissem Sinn noch einmal verschärft, wenn das Alter am Aussehen festgemacht wird. Darum stellt die Kampagne eine ganz andere Frage: „Uns interessiert nicht ob eine Frau gutaussehend ist oder nicht“, erklärt Simone Glöckler, „sondern wir fragen: ‚leuchtet sie‘? Wir bringen die Frauen zum Strahlen und zeigen so, wie toll Frauen ab 47 sind“.

Frauen ab 47: Strahlend schön, von innen und von außen. Was #dieLeuchtenden an ihren Körpern mögen? Ihre Haare, Augen, Beine, Nase oder auch „mittlerweile fast alles“.
Bilder: Palais Fl*uxx, gemeinsam mit Fotografin Sonja Tobias

Leuchten statt Mangel: wie die Wechseljahre wahrgenommen werden, ist laut Simone auch eine Frage der Perspektive. Doch es brauche dazu auch eine Bereitschaft von Seiten der Gesellschaft, Frauen in diesem Alter die Anerkennung zu schenken, die sie verdienen und die sie bislang oft so unzureichend erhalten. Mit dieser Anerkennung, etwa auch im beruflichen Kontext, erhielten Frauen den Rückhalt den sie brauchen, um sich selbst in den Wechseljahren positiv wahrzunehmen. Umso wichtiger ist für sie der Umbruch, der gerade stattfindet: „Es bewegt sich etwas. Und je mehr wir darüber sprechen, desto mehr bringen wir die Entwicklung voran!“ Eine Entwicklung hin zu einem ganz neuen Bild der Frau in den Wechseljahren.

Gelassenheit und das richtige Maß an Krawalligkeit

Denn die Wechseljahre bringen eben nicht nur Negatives mit sich, im Gegenteil. Dabei sollen die körperlichen und psychischen Beschwerden, die für den Großteil der Frauen in den Wechseljahren Realität sind, auf keinen Fall klein geredet werden. Doch es gibt eben auch positive Entwicklungen in dieser Phase der Lebensmitte. Für Simone Glöckler zum Beispiel die große Solidarität unter den Frauen und einen Umgang miteinander, den sie als „unglaublich unterstützend, uneigennützig, persönlicher“ erlebt.

Für sie persönlich kam zudem mit dem Abklingen der körperlichen Symptome auch eine „ganz große Gelassenheit“. Denn: „Wir Frauen ab 47 haben unsere Lebenserfahrung, wir wissen, worauf wir uns verlassen können, auch bei uns selbst“. Das sehe sie auch in ihrem Umfeld. Genau wie den großen Humor, mit dem die Frauen mit sich und den Wechseljahren umgehen könnten. Gleichzeitig aber, so Glöckler schmunzelnd, würden sie eben auch ein bisschen krawalliger. Das heißt in diesem Fall nicht “zur Krawallschachtel werden”, sondern mutiger und lauter:

„Wir wagen jetzt mehr. Wie stellen uns nach vorn, wir machen den Mund auf und sprechen jetzt Dinge an, die sonst nicht angesprochen werden. Weil wir durch unsere Lebenserfahrung eben auch wissen, wovon wir reden und was wir können. Wir stehen für uns ein.“

Simone Glöckler

Rausch, Revolte, Wechseljahre

Dieses neue Selbstbewusstsein lässt sich kaum in das Klischeebild der Frau in den Wechseljahren zwängen, eckt manchmal vielleicht sogar an. Und genau das ist das Ziel – nicht umsonst beschreibt sich Palais Fl*uxx schließlich als „Online-Magazin für Rausch, Revolte, Wechseljahre“. Diese Frauen wollen gesehen und gehört werden, als Frauen, die trotz und wegen ihres Alters noch voller Tatendrang und Lebensfreude sind, die auch gerne noch mal tanzen und eins trinken gehen, die lebendig sind und so viel zu bieten haben. Und deshalb wollen sie lauter werden, nach dem Motto:

„Wenn die Gesellschaft aufhört, das Licht auf Frauen in unserem Alter zu richten, dann ziehen wir das Licht auf uns!“

Simone Glöckler

Das gelingt ihnen. Mit Initiativen wie der erfolgreichen Kampagne 47+ hat Palais Fl*uxx enormes Interesse in den sozialen Netzwerken und den Medien auf sich gezogen, mit überwältigend positiver Resonanz. „Seitdem kommen auch immer mehr Frauen auf uns zu und wollen bei uns mitwirken und mit uns zusammenarbeiten“, so Glöckler. Für sie der Beweis, dass „wir wirklich was bewirken können“. Und für Silke Burmester, die Frau hinter den Anfängen vom Palais F*luxx, ist der größte Erfolg: „Dass wir ohne die geringste Pressearbeit so ein Medienecho haben“.

Das zeigt: die Wechseljahre sie sind schon längst zum Thema geworden. Und das nicht nur für die Frauen, die akut davon betroffen sind. Denn auch jüngere Frauen interessieren sich immer mehr dafür. So wie Janna Kraft und Marie Reger, die Gründerinnen von femfeel. Sie haben eine App entwickelt, die Frauen dabei unterstützt, einen informierten und positiven Umgang mit den Wechseljahren zu finden und gesunde Gewohnheiten für diese Lebensphase zu formen.

Janna und Marie bei der Arbeit: Die femfeel-Gründerinnen suchen stetig nach neuem Wissen und neuen Angeboten für einen besseren Umgang mit den Wechseljahren. Bild: Janna Kraft und Marie Reger

„Heute für unsere Mütter, morgen für uns”

So formulieren Janna und Marie die Motivation, die hinter ihrem Engagement für einen gesamtheitlichen, aufgeklärten und offenen Umgang mit den Wechseljahren steht. Für die beiden jungen Frauen begann die Auseinandersetzung mit dem Thema, als ihre Mütter in die Wechseljahre kamen. Selbst Mitte 20, erlebten sie über ihre Mütter mit, welche umfangreichen Veränderungen die Wechseljahre mit sich bringen und auch, welcher Mangel an Informationen und Angeboten derzeit noch besteht:

„Es gibt sehr wenige Frauen, die informiert in die Wechseljahre starten“, resümiert Janna. „Außer Hitzewallungen wissen sehr viele Menschen einfach nichts. Tatsächlich sind es aber über 30 Symptome, die mit den Wechseljahren einhergehen können.“ Und Marie ergänzt: „Viele Frauen können die einzelnen Beschwerden den Wechseljahren gar nicht zuordnen“.

Solche Beschwerden können unter anderem Schlafstörungen sein, genauso wie Inkontinenz, Libidoverlust, Gewichtsverlust oder Stimmungsschwankungen. Aber auch Beschwerden wie Gelenkschmerzen, die gängigerweise wenig mit der Hormonumstellung im Körper assoziiert werden, gehören dazu. Über zwei Drittel aller Frauen weisen in den Wechseljahren verschiedene Symptome auf. Umso frappierender für Janna und Marie, als sie feststellten, dass die Angebote zum Umgang mit den Wechseljahren aktuell noch sehr begrenzt sind. Schnell war den beiden klar: das wollen wir ändern!

Sich selbst wieder zur Priorität machen

So stürzten sich die beiden damaligen Studentinnen in die Recherchen. Nach intensiver Einarbeitung in die aktuelle Studienlage, Austausch mit Ärzt:innen und Wechseljahresberater:innen und Gesprächen mit über 100 Frauen zu ihren Erfahrungen zieht Janna das Fazit: „Was uns eindeutig überrascht hat ist die Komplexität dieses Themas! Jede Frau erlebt etwas Anderes, was die Wechseljahre bedeuten und wie sie sich äußern ist für jede Einzelne komplett unterschiedlich.“ 

Eine universelle Lösung gibt es also nicht. Dafür aber viele.

Genau dort wollen Janna und Marie ansetzen: Gemeinsam mit einem Team aus Expert:innen haben sie in ihrer App ein Angebot aus verschiedenen Informationen und Übungen erarbeitet, aus denen für jede Frau ein individuelles, auf ihre Bedürfnisse abgestimmtes Paket erstellt wird. Abgedeckt werden dabei die drei Bereiche Ernährung, Bewegung und emotionale Balance. Denn:

„Bei den Wechseljahren geht es nicht nur um hormonelle Veränderungen, sondern allgemein um große Umbrüche im Leben. Viele Frauen merken dann, dass sie vergessen haben, nach sich selbst zu gucken. Deshalb wollen wir den Frauen Unterstützung geben, sich selbst wieder zur Priorität zu machen und zu fragen: ‚wo sind Ansatzpunkte, wo ich was für mich tun kann?‘”

Marie Reger

Die Macht der Offenheit

Neben dem neuen Fokus auf sich selbst sei für Frauen aber noch etwas enorm wichtig, so Janna und Marie: das Wissen, mit ihren Erfahrungen nicht allein zu sein. Darum bieten sie mit der femfeel-Community und über ihre Events eine Plattform zum Austausch, die sehr gut ankommt: „Wir waren überrascht von der Offenheit, mit der die Frauen sich auch in der großen Runde mitteilen“ erzählt Marie begeistert. „Für viele Frauen ist es so wertvoll zu erfahren, wie es anderen Frauen geht, was anderen Frauen hilft und zu sehen: es geht vielen anderen so wie mir und jetzt reden wir offen miteinander.“

Janna und Marie mit ihren Müttern, deren Erfahrungen in der Lebensmitte die beiden jungen Frauen dazu gebracht haben, sich mit dem Thema Wechseljahre auseinanderzusetzen. Bilder: Janna Kraft und Marie Reger

Der Austausch ist nicht nur für die Teilnehmerinnen eine Bereicherung, sondern auch für Janna und Marie. Auf die Frage, welche Rückmeldung sie auf die Veranstaltung und auf ihre App erhalten, berichten sie mit leuchtenden Augen von der Freude über die positiven Nachrichten, die sie erhalten: „Es ist so schön, von den Erfahrungen der Frauen zu lesen und zu hören, und von ihnen zu lernen. Diese Lebenserfahrung ist ein Schatz – ein solches Geschenk.”

Darum ist ihr klares Ziel: „Die Lebensmitte hat so viel Potenzial, das wollen wir mehr in den Vordergrund rücken!“ Schon jetzt blicken Janna und Marie stolz auf eine enorme mediale Reichweite. „Wir merken, dass es so wichtig ist, dass mehr über die Wechseljahre gesprochen wird und dass wir einen großen Beitrag dazu leisten können, dass Frauen informiert in die Wechseljahre starten”, so Janna. Darum wollen sie in den kommenden Monaten ihr Angebot erweitern und dafür sorgen, dass es sowohl medizinisch als auch gesellschaftlich mehr Wissen über diese wichtige Phase im Leben jeder Frau gibt.

Bereit für ein neues Narrativ

Es gibt noch viel zu tun, da sind sich die Frauen von Palais Fl*uxx und femfeel einig. Gleichzeitig, so Simone, merken sie, dass es eben auch vorangeht. Und Marie berichtet begeistert: „In den letzten zwei Jahren hat sich unglaublich viel getan!” 

Das zeigt sich auch an dem enormen medialen Interesse, das für beide Initiativen einen großen Erfolg darstellt: Die Gesellschaft ist bereit für die Debatte zum Thema Wechseljahre. Und so ist es gut möglich, dass der Wunsch wahr wird, den Simone und Marie ganz unabhängig voneinander formulieren: „dass in einigen Jahrzehnten gar keine Tabuisierung dieses Themas mehr herrscht”. Wir sind auf bestem Weg dorthin. Und weil die kleinen Schritte zählen, werde ich jetzt erst einmal meine Mutter anrufen und sie fragen: Mama, wie erlebst du eigentlich die Wechseljahre?

Beitragsbild: Pexels – RODNAE Productions

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Luisa Vogt

Luisa Vogt ist Redakteurin beim Good News Magazin. Nach ihrem Sprachstudium arbeitet sie jetzt als Übersetzerin bei einem nachhaltigen Start-Up in Berlin. Beim Good News Magazin lebt sie ihre Leidenschaft für Sprache und für spannende, schöne Berichte aus aller Welt - weil die Welt viel mehr realistischen Idealismus braucht.

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