„Ich bin einfach nur jemand, der weiß, wie viel Glück er hatte”

Serkan Eren der Hilfsorganisation STELP über positives Denken und innovative, humanitäre Arbeit

von | 30. Juni, 2022

Tagtäglich ist Serkan in den verschiedensten Krisengebieten in ganz Europa mit unfassbarem Leid konfrontiert. An das Gute glaubt er dennoch.

Serkan Erens berufliches Leben spielte sich zunächst in Fitnessstudios, dann in Schul-Sporthallen und heute teils in den schlimmsten Kriegsgebieten der Welt ab. Seit 2018 ist er als Gründer und Vorsitzender Vollzeit für seine Hilfsorganisation STELP, eine Zusammensetzung aus Stuttgart und Help, im Einsatz. 

STELP-Gründer Serkan Eren auf einem Hilfseinsatz in Afghanistan. Foto: STELP

Mit dem Good News Magazin hat Serkan darüber gesprochen, wie er es trotz all des Leids schafft, positiv zu bleiben. Bei unserem Gespräch ist er seit genau einer Nacht wieder zurück von seinem Einsatz in der Ukraine und Afghanistan. Und tauscht damit kurze Nächte im Auto nach 39 Stunden ohne Schlaf gegen ein warmes Bett in seiner gemütlichen Wohnung und zerbombte Straßen gegen Schlossplatz und romantische Weinberge: “Jetzt wieder in Stuttgart zu sein, das ist ein anderer Planet.” 

Keine Schnapsidee

Ausschlaggebend für sein Leben zwischen zwei Welten waren gleich mehrere einschneidende Erlebnisse. Nach einem Autounfall musste er reanimiert werden, der erste Anstoß, sein Leben umzukrempeln: “Ich habe anders angefangen zu denken, anders angefangen zu leben, ich habe mich nicht mehr über Sachen aufgeregt, über die ich mich vorher aufgeregt habe.” 

Dann eskalierte ein eigentlich gemütlicher Abend in einer Bar, als sich die Gäste am Nebentisch mit rassistischen, sexistischen und homophoben Aussagen übertrafen. Serkan konnte nicht länger weghören, mischte sich ein – und erlebte an diesem Abend eine  “Sinnkrise im Schnelldurchlauf”, die sich steigerte, als er wieder daheim einen Beitrag über hungernde Kinder in Slowenien sah.

Das Stuttgarter Team hinter STELP. Foto: STELP

In seinem Gefühlschaos packte er Vorräte und Decken, um direkt nach Slowenien zu fahren. Doch ein Freund hielt ihn auf – und brachte ihn schließlich dazu, seine Hilfsaktion später zu starten, dafür besser vorbereitet und mit Spenden von Familie und Bekannten. Auf diesem ersten Hilfseinsatz stellte er schnell fest, wie sehr er dort einen Unterschied machen kann. Schließlich gründete er in seiner Heimat Stuttgart die Hilfsorganisation STELP, die heute in zehn Ländern auf vier Kontinenten aktiv ist, darunter in Afghanistan und Kolumbien.

Alles in Relation sehen

Während sich viele Menschen in Deutschland kaum vorstellen können, derart mit dem Leid in Kriegs- und Krisengebieten konfrontiert zu sein, sieht Serkan sein eigenes Leben in ganz anderer Relation: “Besondere Kraft ziehe ich aus der Tatsache, dass es ein relativ kleines Päckchen ist, was ich zu tragen habe.” Ein Albtraum oder eine schlaflose Nacht seien nichts im Vergleich zum Leid derjenigen, die er auf seinen Einsätzen kennenlernte.

“Ich sehe mein Leben nicht in Relation zu der Bevölkerung hier in Stuttgart oder in Deutschland, ich sehe mein Leben in Relation zur Weltbevölkerung. Und da habe ich einfach extrem viel Glück.”

Deswegen fällt es dem Stuttgarter auch “relativ leicht”, den Blick auf das Positive zu lenken. Etwa, wenn er an seinen letzten Einsatz denkt:

Serkan mit lernenden Kindern in der Türkei. Foto: STELP

Wir haben hunderte Familien – also bestimmt tausend Menschen – mit Lebensmitteln versorgt. Das ist zwar im Großen und Ganzen ein Tropfen auf den heißen Stein […], obwohl die Zahl ja nicht klein ist. Allerdings ist es der kleine Junge, das kleine Mädchen, die alleinerziehende Mutter, die werden jetzt über einen Monat nicht hungern. So doof wie es sich anhört: Es zählt dann doch jeder oder jede, die dort satt zu Bett geht.

Sich von diesen Einzelschicksalen zu distanzieren, falle ihm auch nach vier Jahren hauptberuflicher Hilfsarbeit schwer. Dennoch habe er auch dazugelernt. Während er anfangs noch mit vielen Menschen Nummern tauschte, sei das für ihn heute nicht mehr zu machen: “Wenn man jemanden auf der Flucht begleitet, bekommt man nachts um drei den Anruf: Ich bin jetzt hier gestrandet in der Türkei, wurde festgenommen und hatte einen Anruf frei. Jetzt habe ich dich angerufen, weil ich nicht weiß, wen ich anrufen soll.” Vier- bis fünfhundert solcher Kontakte habe er mittlerweile, doch diese Kapazitäten sind erschöpft. 

„Von diesem Glück will ich etwas zurückgeben”

Wie Serkan mir da so gegenübersitzt, mit Shirt und Cap, strahlt er – trotz Nachwehen des letzten Einsatzes – vor allem eine enorme Ruhe aus:

“Ich bin dankbar, dass diese ganzen Zufälle passiert sind und ich etwas gefunden habe, das ich richtig gut kann und was ich auch gerne mache und wo ich abends ins Bett gehen und zufrieden sein kann, mit dem, was ich gemacht habe.”

Dabei ist er nicht nur froh, dass es so gekommen ist, sondern auch, wie – ohne entsprechendes Studium oder Ausbildung, denn: „Wenn man etwas Neues, etwas Frisches machen will, dann sollte man nicht viel Ahnung haben – zumindest am Anfang.“ So sei er gezwungen gewesen, seinen “eigenen Plan zu schmieden”. 

Serkan Eren und der 2. Vorstand Patrick Münz vor einer Evakuierung von vulnerablen Personen in Severodonetsk (Ukraine). Foto: STELP

Humor als Schlüssel

Auf Instagram zeigt sich Serkan häufig lachend und scherzend mit Kindern – für viele angesichts deren Situation nur schwer vorstellbar. Auch Serkan kostet ein solches, scheinbar unbeschwertes Verhalten Kraft. “Mir geht’s oft richtig schlecht dabei, aber ich versuche zu lächeln”, gesteht er. Schließlich habe er erkannt, dass sich dieses Verhalten auf die Menschen überträgt.

Besonders prägend sei auch eine Situation vor wenigen Tagen in Afghanistan gewesen. Als er seine Hände langsam vor einem kleinen Jungen bewegte, um einen Geldschein hervorzuzaubern, hielt dieser sich sofort schützend die kleinen Hände vors Gesicht: “Er hat gedacht, ich will ihn schlagen, da habe ich direkt was bei ihm ausgelöst. Vielleicht habe ich ein Stück weit sein Weltbild verändert, dass da ein Typ auf ihn zukommt, der nichts Böses will.”

Auch so kann humanitäre Arbeit aussehen. Foto: STELP

Das Gesicht des sympathischen Mannes verhärtet sich, als er sich an diesen Moment erinnert. Als er versucht, mir zu erklären, was solche Situationen mit ihm machen, fällt es ihm sichtlich schwer, die passenden Worten zu finden. Schließlich meint er:

“Man gewöhnt sich an dieses Nicht-Gewöhnen. Ich gewöhne mich an das Betrübtsein.”

STELP unterstützt Fynn Kliemann?

Besondere Aufmerksamkeit erfuhr STELP Anfang dieses Monats im Kontext des Skandals um den Musiker und YouTuber Fynn Kliemann. Nachdem Kliemann wegen einer Spende unbrauchbarer Masken an Geflüchtete und Falschangaben bzgl. deren Herstellungsortes stark in die öffentliche Kritik geraten war, entschied er sich dazu, die durch Masken eingenommenen Gelder an verschiedene Organisationen zu spenden – darunter auch an STELP. 71.000 Euro gingen dabei an die Stuttgarter Organisation, nicht aber ohne ausführliche Diskussionen innerhalb des Teams.

“Wir haben mit diesen 71.000 Euro jetzt schon unzählige Menschenleben positiv verändern können und werden dies das nächste Jahr weiterhin machen.”

Dennoch sei es nicht einfach gewesen, das Geld von Fynn Kliemann anzunehmen, betont Serkan: “Die Gefahr besteht natürlich, in diesen Shitstorm reingezogen zu werden. Was ist, wenn wir als Steigbügelhalter gelten, seinen Namen reinwaschen?“ Diese Zweifel konnten ihm ein langes Telefonat mit Fynn Kliemann zumindest in Teilen nehmen. Serkan machte deutlich: „Er soll nicht damit rechnen, dass ich irgendwas sage, was er von mir hören will. Ich werde das kommunizieren, wie ich es möchte.“ Fynn habe allerdings betont, jegliche öffentliche Kritik von STELP zu akzeptieren. Wichtig sei nur, dass das Geld sinnvoll eingesetzt würde.

Serkan Eren bei einem Einsatz in Griechenland mit einem kleinen Jungen. Foto: STELP
Serkan bei einem Einsatz in Griechenland mit einem kleinen Jungen. Foto: STELP

Um den Entscheidungsprozess auch für die Öffentlichkeit transparent zu machen, äußerte sich Serkan in einem Video auf dem Instagramprofil des Vereins ausführlich dazu:

„Ich wollte zeigen, dass wir es uns nicht leicht gemacht haben. Es waren heftige Diskussionen im Team, Termine, Calls, die dann plötzlich zwei, drei Stunden länger gingen. Es waren Diskussionen über Tage hinweg.“

Im Nachhinein sei er froh über diesen offenen Umgang: 98 Prozent der Rückmeldungen waren positiv. 

„Bisschen moderner, bisschen jünger“

Generell ist die Social-Media-Arbeit für STELP wichtig, um transparent zu sein und zu zeigen, dass die Spenden tatsächlich ankommen. Vor allem aber will die Hilfsorganisation „bisschen moderner, bisschen jünger sein“, um humanitärer Hilfe so das „graue Image“ zu nehmen.

Die Non-Profit-Bar Natan in Stuttgart. Foto: STELP

Aus diesem Grund setzt STELP auf innovative Ideen: Statt Fundraising in der Fußgängerzone generieren Events, eine Bar und ein Café das nötige Geld. Auch vom eigenen STELP-Merch ist der Stuttgarter begeistert: „Wir haben Modedesigner ins Boot geholt, die wirklich geile Schnitte gemacht haben, hochwertige Klamotten – mit denen kannst du in Club gehen.“ Gleichzeitig übt er Kritik am bestehenden Image des NGO-Wesens:

„Wieso muss in einer Non-Profit-Bar schlechter Café serviert werden? Wieso kann eine Non-Profit-Bar nicht cool sein? Wieso muss der billigste Gin verwendet werden? Wieso kann man nicht einen geilen Gin Tonic hinstellen?“

Chic etwas trinken gehen und gleichzeitig Gutes tun. Foto: STELP

STELP will sich verabschieden von der NGO-Bubble, stattdessen alle miteinbeziehen: Studierende, aber auch solche, die gerne mal das Mehrgänge-Menü auf einer 350 Euro-Gala genießen. Durch dieses Konzept erreicht er breite Unterstützung: Von Porsche oder dem ehemaligen Fußball-Profi Timo Hildebrand etwa. 

Wieso Serkan so viele Menschen dazu animiert, sein Projekt zu unterstützen, wurde mir bereits nach wenigen Minuten des Gesprächs klar. Sein Tatendrang steckt an. Im Kopf blieb mir nach unserem Gespräch aber vor allem ein Satz: 

„Ich bin einfach nur jemand, der weiß, wie viel Glück er hatte – und von diesem Glück will ich etwas zurückgeben.”

Beitragsfoto: STELP

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Nina Kegel

Nina ist stellvertretende Chefredakteurin beim Good News Magazin und vor allem eins: Neugierig. Immer auf der Suche nach Good News beschäftigt sie sich am liebsten mit Themen rund um einen nachhaltigen Wandel – egal ob kreatives Bauprojekt, ökologische Initiative oder innovatives Unternehmenskonzept, sie lässt sich für vieles begeistern. Außerdem studiert sie im Master Medienkultur und Globalisierung.

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