Saubere Flüsse und Ozeane dank einer Low-Tech-Lösung

Mit Open Source zum Plastic Fischer

von | 14. Juli, 2021

Zwei Freunde beschließen nach ihrem Asienurlaub kurzerhand, dem Plastikproblem der Meere den Kampf anzusagen und gründen das Tech-Start-Up Plastic Fischer. Zwischen 400 und 1000 Kilogramm Müll pro Woche fischen die Plastikfischer schon jetzt dank einer Barriere mithilfe lokaler Kräfte aus dem Citarum, dem längsten und größten Fluss der indonesischen Provinz Jawa Barat. Noch 2013 galt dieser als der schmutzigste Fluss der Erde. Gründer und CEO Karsten Hirsch erklärt im Gespräch, wie er seine Vision plastikfreier Meere und Flüsse erreichen will und was jede:r Einzelne von uns tun kann.

Update vom 14.07.2021

Am 13.07.2021 erschien ein Video-Beitrag über Plastic Fischer in der Lokalzeit Bergisches Land (WDR): Start-Up „Plastic Fischer“ säubert Flüsse

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Interview

Der monströse Müllstrudel

Was klingt wie ein trashiger Horrorfilm ist vielmehr trashige Realität im Pazifik: Im wahrsten Sinne des Wortes, unfassbare Mengen Plastikabfall kreisen dort zwischen der US-amerikanischen Westküste und Hawaii im Uhrzeigersinn. Forscher:innen vergleichen das Ausmaß mit der Fläche Zentraleuropas. Dass das Thema immer mehr Aufmerksamkeit gewinnt, verdanken wir nicht zuletzt Aktivist:innen und Entrepreneur:innen, die unermüdlich an Lösungen arbeiten und dabei auf der Weltbühne Alarm schlagen.

Mehr Ideen braucht die Welt

Die Erwartungen sind dabei enorm: Verheißungsvolle Initiativen vermitteln seit 2011 bereits den Eindruck, als könnten wir nun jeder Zeit mit einer Art Wassermüllabfuhr rechnen, die das Plastik wieder aus den Ozeanen abholt. Spätestens jedoch nachdem Küstenschutzbehörden jene Versprechen als „unrealistisch“ und Meeresbiolog:innen sie als „ernstzunehmende Gefahr für Mikroorganismen“ kritisierten, wurde deutlich: Wir brauchen mehr Ideen.

Trash Boom Plastic Fischer

Plastic Fischer: Mit Open Source zum Erfolg

Eine Alternativstrategie greift das Müllproblem früher an. Gerade einmal zehn Flüsse, zwei davon in Afrika, die restlichen in Asien, speisen zwischen einem Viertel und der Hälfte allen Plastiks in die Meere ein. An den Flüssen setzen Karsten Hirsch und seine Plastic Fischer an. Sie möchten mithilfe einer Open Source Anleitung zum Plastikfischen, möglichst viele Menschen zum Handeln motivieren.

FLORIAN VITELLO: Was muss einen ausgebildeten Juristen reiten, damit er spontan nach Indonesien zieht und dort Plastik aus dem Wasser fischt, Herr Hirsch? 

KARSTEN HIRSCH: Der Fluchtinstinkt entwickelt sich automatisch, wenn man Jura studiert und in einer Kanzlei arbeitet. Zumindest war das bei mir so. Ich wollte der Juristerei ohnehin den Rücken kehren und meine Zeit und Energie in etwas investieren, das für mich spannender und erfüllender ist als Mandantenberatung. 

Als ich mit zwei meiner besten Freunde von einem Urlaub aus Vietnam zurückkehrte, ging dann alles recht schnell. Wir hatten dort beobachtet, wie unaufhörlich ein Strom aus Plastik den Mekong hinunter Richtung Meer fließt. Daran wollten wir etwas ändern und entschieden uns, eine Firma zu gründen, die sich diesem Problem annimmt.

VITELLO: Wissenschaftler:innen schätzen, dass rund 150 Millionen Tonnen Plastikmüll in den Meeren schwimmt. Das entspräche etwa 3,75 Millionen Lastwagenladungen. National Geographic zufolge kommen jedes Jahr etwa 8 Millionen Tonnen Plastik dazu. Wie kriegen wir diese schier unvorstellbare Menge je wieder raus aus dem Wasser? 

HIRSCH:  Das ist eine sehr gute Frage. Vermutlich schwierig bis gar nicht. Deshalb haben wir uns mit Plastic Fischer als eine der ersten Firmen überhaupt auf Flüsse fokussiert. Flüsse bieten viele Vorteile: Das Plastik ist noch nicht so lange im Wasser und dementsprechend noch weniger zersetzt als das bereits ins Salzwasser gelangte Meeresplastik.

Man kann sich den Fluss auch als den Engpass einer Sanduhr vorstellen: Der Sand ist das Plastik, oben ist das Land und unten ist das Meer. Wir sammeln es an der Stelle, an der es vorbei muss, wenn es ins Meer gelangen will. Wir sehen auch immer mehr Firmen einen ähnlichen Weg einschlagen, wenn auch mit oftmals völlig anderen Ansätzen.

VITELLO: Jetzt einmal für Laien, wie funktioniert Ihre Müll-Barriere genau? 

HIRSCH: Diese Müll-Barrieren nennen wir „TrashBooms“ und sie funktionieren total simpel. Es sind schwimmende Zäune, die das Plastik, welches in den oberen 50 cm schwimmt, stoppt. Von dort wird es mit Netzen aus dem Wasser geholt. Die Systeme können aus Materialien gebaut werden, die weltweit in jedem Baustoffhandel zu finden sind und sind in der Lage, bis zu 5000 kg Plastik pro Tag zu stoppen. 

VITELLO: Was passiert mit dem ganzen Abfall, nachdem Sie ihn eingesammelt haben?  

HIRSCH: Diese Frage bekommen wir verständlicherweise oft gestellt und ich möchte ganz transparent darauf antworten: Er wird händisch sortiert, ein geringer Teil kann dem Recycling zugeführt werden. Vieles wird leider verbrannt oder endet auf einer kontrollierten Mülldeponie.

Unsere Priorität ist, dass das Plastik nicht für immer in den Meeren und in der Nahrungskette aller Lebewesen landet. Das Problem der Plastikverschmutzung ist sehr komplex und vor allem nicht profitabel. Deshalb gibt es auch wenig Firmen, die sich der Sache annehmen. Durch das Sammeln des Mülls mit einfacher, kosteneffektiver Technologie und anschließender Sortierung wollen wir dafür sorgen, dass weniger der verwertbaren Ressourcen auf Mülldeponien landen und damit die Recyclingrate erhöhen.

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VITELLO: Warum sind Sie als deutsches Team eigentlich in Asien aktiv, sie könnten doch ebenso gut erst einmal mit Rhein, Donau oder Nordsee beginnen? 

HIRSCH: Unsere Vorstellung ist, dass wir extrem einfache und günstige Technologie brauchen, wenn wir von Skalierbarkeit in Ländern mit einer unzureichenden Infrastruktur sprechen wollen. Deshalb sind wir ohne lange Forschungsphase in das Land gezogen, welches der zweitgrößte Verschmutzer der Welt ist. In Indonesien wollten wir uns ein Bild von der Lage und den Möglichkeiten machen.

Wir entwickeln Lösungen aus Materialien, die wir vor Ort finden. Das ermöglicht günstige Systeme und vor allem Instandhaltung und Reparaturen ohne teuren und langwierigen Import. Zudem sind Flüsse in Deutschland aktuell bei Weitem nicht so verschmutzt und die Materialkosten sind hier deutlich höher, was für ein selbst finanziertes Startup einen großen Unterschied macht.

VITELLO: Inwieweit kann Plastic Fischer eine Lösung bieten für die Beseitigung von Mikroplastik? 

HIRSCH: Wir können aktuell kein Mikroplastik stoppen. Dieses entsteht allerdings vor allem, wenn Plastik für einen längeren Zeitraum im Wasser war und dieser Vorgang wird durch den Kontakt mit Salzwasser noch beschleunigt. Holen wir also das Plastik raus, bevor es die Meere erreicht, verhindern wir auch das Entstehen von Mikroplastik.

Wir geben auch offen zu, dass wir keine 100% Lösung sind. Das kostet eben deutlich mehr Geld und erfordert eine nie da gewesene Technologie. Collaboration ist da ein gutes Stichwort: Wir holen den großen Kram raus, eine andere Firma filtert den Feinstaub. Wie wär’s mit VW?

Aber im Ernst, wenn wir 80% des Makroplastiks aus Flüssen holen können, ist das bereits eine signifikante Verbesserung zum aktuellen Zustand. Wir werden aber immer innovativ bleiben und unsere Systeme weiterhin jederzeit verbessern. 

VITELLO: Sie haben bereits erste Prototypen in Deutschland und Indonesien getestet. Wie  zufrieden sind Sie mit den Ergebnissen? 

HIRSCH: Wir haben uns vom ursprünglichen Design der Technologie aufgrund verschiedener Faktoren entfernt. Zwei Prototypen gingen in Richtung automatisiertes Sammelverfahren. In Indonesien sahen wir den Bedarf an einer passiven Sammel-Technologie, das heißt, der Müll muss händisch aus dem Wasser entfernt werden, und wir sind sehr stolz auf die Ergebnisse, die wir so erzielen.

Nachdem das World Economic Forum einen Beitrag über unsere Arbeit geteilt hat, bekamen wir Anfragen aus allen möglichen Ländern, die Interesse an unseren TrashBooms bekundeten. Wir haben uns entschieden, die Bauanleitungen für diese Technologie kostenlos auf unserer Homepage für jede:n zur Verfügung zu stellen, um es für alle so leicht wie möglich zu machen, selbst zu handeln. Wir laden dazu ein, die Learnings mit unseren TrashBooms in einer Gruppe zu teilen, gemeinsam zu verbessern und mehr Menschen zu motivieren, selbst etwas zu tun.

VITELLO: In der Vergangenheit haben sie mehrfach betont, dass Plastic Fischer besonders günstig, flexibel und skalierbar sei, inwiefern unterscheiden Sie sich hier von Mitbewerber:innen wie The Ocean Cleanup?

HIRSCH:
Zunächst einmal eine ehrlich gemeinte Aussage zum Thema Konkurrenz in diesem Bereich: Wir reden hier von 8 Millionen Tonnen Plastik, die jedes Jahr ins Meer gelangen. Ich möchte das wirklich nicht alles selbst machen und ich bin mir ziemlich sicher, dass das auch keine Firma der Welt schaffen kann. Man muss wirklich glücklich sein, dass sich mehr und mehr Leute diesem beängstigend riesigen Problem annehmen.

Nichtsdestotrotz denke ich, dass Plastic Fischer an einigen Punkten die besseren Ansatzpunkte hat. Zu unserer Philosophie gehört vor allem Skalierbarkeit in Ländern des Globalen Südens. Wir haben uns bewusst für Low-Tech entschieden, verzichten auf ein schickes Design und Automatisation an Stellen, an denen es vermeidbar ist. Hier ist der Link zum Ocean Cleanup.

Vorab möchte ich ein großes Lob aussprechen! Sie haben es geschafft, das Plastikproblem der ganzen Welt bewusst zu machen und sich der Sache als erste große Institution angenommen. Wenige Monate nach unserer Gründung hat das Ocean Cleanup den Interceptor auf den Markt gebracht: Ein vollautomatisches Sammelsystem, welches in Flüssen eingesetzt wird. Das hat uns zwar den „biggest player“ als Konkurrenten vor die Nase gesetzt, allerdings waren wir darüber nicht mehr so geschockt, als wir von den Kosten ihrer Lösung hörten. Diese belaufen sich auf über 1 Millionen USD pro Gerät und verkörpert viele Dinge, die wir eben genau gegensätzlich angehen.

Der Interceptor stellt ein solarbetriebenes, schwimmendes, vollautomatisches Sammelsystem dar, zu dem nur einige wenige Mitarbeiter:innen Zugang haben. Ich hab es mir in Jakarta angeschaut und festgestellt, dass niemand sieht was dort passiert und sich dementsprechend nicht dafür interessiert. Zumindest nicht die Anwohner:innen und diese beziehen wir intensiv in unsere Arbeit mit ein.

Unsere Systeme sind für alle zugänglich und veranschaulichen das Problem deutlich. Wir möchten langfristige Jobs mit geregelten Arbeitszeiten und fairem Einkommen schaffen, die nicht gesundheitsschädigend sind. Die Systeme, die wir zum sammeln benutzen, werden simpel bleiben, auch wenn wir an einer teilweisen Automatisierung arbeiten. Wir haben gerade eine Ingenieurin aus Sri Lanka und einen Ingenieur in Indien angestellt, die für und mit uns an neuen Technologien arbeiten, die tatsächlich skalierbar, also bezahlbar sind.

VITELLO: Was kann ich von Zuhause aus konkret tun, um gegen das Müllproblem vorzugehen?

Ich sehe Parallelen zum Thema vegetarische/vegane Ernährung. Jede:r Einzelne kann seinen oder ihren Teil dazu beitragen, dass die Welt ein Stückchen gesünder, oder in unserem Fall sauberer wird. Wenn sich in Deutschland genug Leute für Produkte entscheiden, die auch unverpackt erhältlich sind, wird die Industrie mittelfristig darauf reagieren und weniger verpackte Produkte herstellen. 

Klar ist, die unverpackten Lebensmittel kosten oftmals mehr und gerade zu Studienzeiten kann man sich das manchmal nicht leisten. Es geht aber meines Erachtens, wie so oft, nicht darum, dass man seinen Konsum auf 0 reduziert. Das ist auch nahezu unmöglich. Ein bewusster Umgang und Verzicht, wenn man sich ihn erlauben kann, macht schon einen Unterschied.

Wir möchten bald anbieten, den persönlichen Plastik-Fußabdruck über uns auszugleichen. Das wird ungefähr so laufen, dass Plastic Fischer für einen monatlichen Beitrag zum Beispiel 5 kg Plastik in Indonesien aus der Umwelt entfernt und kostenlose Plastik-Workshops für die Anwohner:innen rund um unsere Systeme anbietet. So kann man die Länder und Menschen unterstützen, die kein solches Abfallwirtschaftssystem zur Verfügung haben wie wir in Deutschland.

Zudem haben wir aktuell eine Crowdfunding Kampagne auf GoFundMe gestartet, welche unsere bisherige, so wie zukünftig geplante Arbeit zusammenfasst. Wir sind dankbar für Unterstützung jeglicher Art und freuen uns über Follower auf Instagram, die uns motivieren weiter an diesem Problem zu arbeiten.

Vielen Dank für das Interview! Und übrigens big up für die Idee für das Format des Good News Magazin! Zum Abschluss eine gleichnamige Liedempfehlung meines Lieblingskünstlers MacMiller:

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Im Interview

Karsten Hirsch ist Gründer und CEO von Plastic Fischer

Karsten Hirsch entschied sich nach seinem Jurastudium dazu, mit zwei Freunden eine Firma zu gründen, die sich dem Problem der Plastikverschmutzung der Meere anzunehmen, statt weiter in einer Anwaltskanzlei zu arbeiten. Mit Plastic Fischer arbeitet er an low-tech Lösungen, um Plastikmüll möglichst kostengünstig und effizient aus Flüssen zu fischen, bevor es für immer in den Meeren landet. Sie arbeiteten eng mit den Einheimischen zusammen und möchten mit kostenfreien plastic-workshops Bewusstsein für das Plastikproblem schaffen.

Alle Bilder: © Plastic Fischer

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Florian Vitello

Florian Vitello ist Gründer des Good News Magazins. Davor beriet er Non-Profits rund um die Themen Digitalisierung und Öffentlichkeitsarbeit. Er studierte in Hamburg, Montevideo und Newscastle upon Tyne Anthropologie, Lateinamerika-Studien und Journalismus. In dieser Zeit betreute er Projekte der Internationalen Zusammenarbeit in Europa, Lateinamerika und Asien und war unter anderem für den NDR, kleine NGOs, die BBC und das Goethe-Institut tätig. Heute lebt Florian wieder im Rheinland. Er ist Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins MediaMundo und Autor des Buches "Good News - Warum die Welt nicht unter geht und wie wir lernen, uns gegen die Flut schlechter Nachrichten zu wehren"

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