2011 startete in NRW erstmals das Präventionsprojekt Kurve kriegen, bei dem Sozialarbeit und Polizei einander die Hand reichen. Die Idee: Kindern und Jugendlichen aus der Kriminalität helfen und Halt geben. Inzwischen ist die Initiative ein fester Bestandteil der kriminalpräventiven Arbeit in NRW und gilt als absolutes Erfolgsmodell. In Bonn feiern sie dieses Jahr ihr 10-Jähriges. Jetzt erzählt eine Absolventin der Initiative circa acht Jahre nach Kurve kriegen ihre ganz persönliche Geschichte.
Von außen betrachtet wirkt Melissas Leben heute recht gewöhnlich. Sie ist Mitte zwanzig, lebt mit ihrem Partner und ihren zwei Kindern in einer Wohnung in Rheinbach und blickt optimistisch in die Zukunft. Dass sie als Jugendliche mehrfach straffällig wurde und Gefahr lief, dauerhaft in die Kriminalität abzurutschen, ist heute kaum vorstellbar. Polizei und Sozialarbeit halfen Melissa in dieser schwierigen Phase, ihr Leben um 180 Grad zu drehen. Ihr neuer Weg bedeutete für sie: Raus aus der Kriminalität und „die Kurve kriegen”.
Wenn Straftaten zum Alltag werden
Wenn Melissa heute auf ihre Jugend zurückblickt, spricht sie offen über diese Zeit. „Ich wollte nur draußen sein mit Freunden“, erinnert sie sich. Typisch Teenager, könnte man denken.
„Wir haben gechillt, ganz viel geredet. Und natürlich ab und zu einfach Scheiße gebaut. Wenn die Langeweile zu groß war, ist einem halt nichts Gutes in den Kopf geschossen.“ Was zunächst harmlos beginnt, entwickelt schnell eine eigene Dynamik. Zu „Scheiße bauen” gehört in dieser Phase von Melissas Leben Streit mit anderen Jugendlichen, Ladendiebstahl, Körperverletzung.
Warum sie das gemacht hat? Auf diese Frage findet Melissa heute keine genaue Antwort. „Ich glaube, es war damals einfach cool. Und dann war das halt einfach eine ganze Clique. Wir haben alle zusammen Blödsinn gebaut und natürlich wollte man dazugehören.“
Nicht jede:r Jugendliche, der oder die einmal straffällig wird, braucht intensive Hilfe. Viele überschreiten Grenzen nur vorübergehend. Melissa jedoch landet immer wieder bei der Polizei, Probleme häufen sich, ihre Eltern machen sich Sorgen. Sie scheint auf die sogenannte „schiefe Bahn” zu geraten, mit ernsten Konsequenzen für ihre Zukunft.
Die Polizei bringt eine neue Möglichkeit ins Spiel
Nach einer erneuten Vorladung zur Aussage bei der Polizei wird ihrem Vater ein besonderes Angebot vorgestellt. „Die meinten, es gibt da so ein Programm“, erinnert sich Melissa.
Dieses Programm heißt Kurve kriegen.
Es richtet sich an Kinder und Jugendliche zwischen acht und 15 Jahren, bei denen sich erste Straftaten zu einer dauerhaften Entwicklung ausweiten könnten. Die Polizei identifiziert gezielt Jugendliche, bei denen sie Handlungsbedarf sieht und tritt dann in Kontakt mit pädagogischen Fachkräften. Diese kümmern sich um eine individuelle Betreuung der Jugendlichen.
Zu Beginn einer Zusammenarbeit besuchen Fachkräfte die Familien zu Hause. Nur wenn Eltern und Jugendliche zustimmen, startet das Programm. Dann werden Hilfsemaßnahmen entwickelt. Ein Teil davon ist beispielsweise, eine sinnvolle Freizeitgestaltung aufzubauen, unter anderem mithilfe von regionalen Sportvereinen, um den Jugendlichen Sinn, Beschäftigung und Ausgleich zu geben. Gleichzeitig wird versucht, familiäre Probleme, Sorgen im Alltag und andere Risikofaktoren für Kriminalität anzugehen. Nach Angaben von Kurve kriegen entscheiden sich rund 80 bis 90 Prozent der angesprochenen Familien dafür, die Hilfe anzunehmen.
10 Jahre Kurve kriegen in Bonn
Im Juli 2026 feierte Kurve kriegen sein 10-jähriges Bestehen am Standort Bonn.
NRW-Innenminister Herbert Reul lobt bei der Jubiläumsfeier: „Kurve kriegen ist ein absolutes Erfolgsmodell. Es steht für frühe Intervention, Veränderung und Einsicht. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind mit ganzem Herzen im Einsatz.“
Caritasdirektor Jean-Pierre Schneider betont einen Faktor, der die Initiative so einzigartig macht: „Die kurzen Wege zwischen Polizei und den pädagogischen Fachkräften […] sind ein entscheidender Erfolgsfaktor. Hier wird interdisziplinär und in engster Zusammenarbeit der jeweils beste Weg für die Kinder, Jugendlichen und auch deren Familien aus der schwierigen Lage heraus erarbeitet. Die Verantwortlichen können auf jeweils aktuelle Situationen sofort reagieren. Die Fachkräfte stehen dauerhaft im engen Kontakt zu den Kindern und Jugendlichen. Sie koordinieren die Zusammenarbeit mit Ämtern, Schulen und weiteren Hilfen, so dass für alle Teilnehmenden individuelle Angebote wirken können.“
Die Erfahrungen des Bonner Teams von Kurve kriegen zeigen, dass Prävention wirken kann. Rund 80 Prozent der Jugendlichen, die das Programm beginnen, halten bis zum Ende durch. Besonders eindrucksvoll sind die Ergebnisse nach Abschluss der Begleitung: 40 Prozent der Absolvent:innen begehen anschließend keine Straftaten mehr. Bei den übrigen 60 Prozent halbiert sich die Zahl der Straftaten, insbesondere bei Gewaltdelikten.
1676 Kinder und Jugendliche in ganz NRW haben die Initiative seit deren Beginn erfolgreich abgeschlossen. Aktuell werden 694 Kinder und Jugendliche betreut. Im Durchschnitt sind die Teilnehmer:innen zu Beginn von Kurve kriegen zwölfeinhalb Jahre alt.
Lagerfeuer statt Langeweile
Durch Kurve kriegen beginnt Melissa damals, regelmäßig eine “Mädchengruppe” zu besuchen, in der sie mit anderen straffällig gewordenen Jugendlichen ihre Freizeit gestaltet. Betreut werden sie dabei von Sozialarbeiter:innen. Einer von ihnen ist Gregor Winand. Vor circa acht Jahren war er Ansprechpartner für Melissa, heute blickt er gemeinsam mit ihr auf diese Zeit zurück.
Über die Mädchengruppe sagt er: „Es klingt ja erst mal absurd. Da ist ein Mädchen ständig draußen mit Gleichaltrigen und macht Blödsinn und wir schlagen als Lösung vor, sie soll sich jede Woche mit Gleichaltrigen treffen, die Blödsinn machen?” Er schätzt besonders, dass Melissas Eltern sich auf diese Idee eingelassen und Kurve kriegen vertraut haben.
Die „Mädchengruppe” bietet Melissa Halt und Abwechslung. „Wir haben vieles gemacht. Wir sind zum Beispiel sehr oft in den Wald gefahren, haben zusammen Lagerfeuer gemacht und super viel geredet. Wir wurden aufgefangen. Wir hatten einfach ganz viel Spaß – aber mit Grenzen. Wir hatten Regeln. Klar hat man versucht, die Grenzen mal zu überschreiten. Aber irgendwie hat man sich dort daran gehalten, weil alles so offen war.“
Die Regeln sind beispielsweise: Pünktlichkeit, kein Alkohol, keine Zigaretten und keine Beleidigungen. Auch über die Straftaten wird in der Gruppe geredet, erzählt Melissa, vor allem über die Frage: „Warum macht man das?“ – wenn man doch wisse, dass es einen nicht weiterbringt, im Gegenteil. „Das hat mich schon zum Nachdenken gebracht.“
Gregor Winand betont, wie beeindruckend es sei, dass Melissa sich damals auf das Angebot eingelassen habe. „Eigentlich wollte sie draußen sein, keine Verbindlichkeiten haben und sich nicht an feste Termine halten“, erklärt er. Ab und zu werden in der „Mädchengruppe” auch die Wünsche der Teilnehmerinnen erfüllt, Essen gehen in der Stadt zum Beispiel. Auf die Frage, wie Melissa heute auf diese Zeit blickt, muss sie nicht lange überlegen. „Ich sehe das voll und ganz positiv. Ich muss sagen: Das hat mir sehr, sehr krass geholfen.“
Kurve Kriegen hilft nicht nur Jugendlichen
Doch nicht nur sie selbst bekam Unterstützung. Die Initiative bezog ihre gesamte Familie ein. Die Sozialarbeiter:innen von Kurve kriegen waren auch für ihre Eltern wichtige Ansprechpersonen, erinnert sich Melissa: „Meine Eltern haben unter der Situation sehr gelitten. Wenn sie einfach nicht weiter wussten, konnten sie sich immer melden.“
Dabei gibt es keinen festen Maßnahmenkatalog, der für alle Jugendlichen gleich aussieht. Stattdessen wird gemeinsam überlegt, welche Unterstützung im jeweiligen Einzelfall wirklich sinnvoll ist, von Freizeitangeboten über Struktur im Alltag bis zu lebensverändernden Entscheidungen. Für Melissa sind diese Stützen die „Mädchengruppe”, ein Schulwechsel und therapeutische Hilfe. „Ich wusste manchmal selber nicht, wohin. Aber ich wusste: Ich kann mich immer melden und nach Hilfe fragen. Ich musste nie Angst haben, irgendetwas zu sagen. Ich konnte einfach reden.“
Kein Weg verläuft gerade
So positiv Melissa heute über ihre Zeit bei Kurve kriegen spricht – ihr Leben änderte sich nicht von heute auf morgen. Auch nachdem sie in die Initiative aufgenommen worden war, wurde sie erneut straffällig. Veränderung braucht Zeit und Menschen, die auch dann noch bleiben, wenn Rückschläge passieren. Das zeichnet Kurve kriegen besonders aus. Die pädagogischen Fachkräfte begleiten die Jugendlichen langfristig durch eine schwierige Zeit. Die Initiative endet nicht, wenn Jugendliche wieder straffällig werden. Stattdessen arbeiten Polizei und Sozialarbeiter:innen eng zusammen, um den Jugendlichen die Hilfe zu ermöglichen, die eine Strafe niemals bieten kann.
„Natürlich habe ich nicht direkt aufgehört“, erzählt Melissa offen. Sie muss sich während sie schon an Kurve kriegen teilnimmt, zudem noch den Konsequenzen einer früheren Straftat stellen. „Dann kam es auch zu einem Gerichtstermin. Da hatte ich tatsächlich Jugendarrest, Sozialstunden und einen Täter-Opfer-Ausgleich.“
Jugendarrest ist ein kurzfristiger Freiheitsentzug, erklärt Gregor Winand. „Das ist eine erzieherische Maßnahme des Gerichts. Man kann von einem Tag bis maximal vier Wochen in einer Einrichtung eingeschlossen werden und hat viel Zeit, um nachzudenken. Es ist eine Art letzte Erinnerung daran, was Unfreiheit bedeutet.“
Auch während ihrer Zeit im Jugendarrest wurde Melissa von Kurve kriegen unterstützt. Mit Gesprächen, Erfahrung und, ganz konkret, mit Autofahrten. Denn die Einrichtung des Jugendarrestes ist weit entfernt, ihre Eltern haben keinen Führerschein. Es ist diese individuelle, ganz gezielte Hilfe, die Kurve kriegen so besonders macht, und für die Melissa heute besonders dankbar ist. „Man ist auf mich eingegangen, damit man mir helfen kann. Man hat gemerkt, dass ich mich ändern möchte. Es hat aber so ein Arschtritt gefehlt. Ich brauchte jemanden, der meine Hand nimmt und mich in diese Richtung zieht.“
Viele kleine Schritte statt einer großen Lösung
Wenn Melissa heute auf die anderthalb Jahre bei Kurve kriegen zurückblickt, denkt sie nicht an ein einzelnes Ereignis, sondern eher an die Summe vieler kleiner Veränderungen.
„In diesen anderthalb Jahren ist wirklich sehr, sehr viel passiert. Ich habe sehr viel Blödsinn gebaut, bin zu Kurve kriegen gekommen, habe die Schule gewechselt, eine Therapie gemacht – und dann wurde ich schwanger.“ Mit der Schwangerschaft mit 16 Jahren verändert sich ihre Perspektive endgültig. „Da war mir zu hundert Prozent bewusst: Jetzt muss ich alles drehen und wenden.“
Über die Straftaten in ihrer Jugend sagt sie heute: „Wenn du erwachsen wirst, denkst du zurück – und man schämt sich dafür. Das kann ich definitiv sagen. Man schämt sich dafür.“
Gleichzeitig überwiegt die Dankbarkeit für die Unterstützung durch Kurve kriegen. „Ich war schon damals dankbar. Aber heute merke ich immer mehr, was das eigentlich für mein Leben bedeutet hat.“ Nach einem halben Jahr bei Kurve kriegen begeht Melissa keine Straftaten mehr, und das bis heute.
Melissas Geschichte zeigt, was möglich ist, wenn Hilfe früh ansetzt, Familien einbezogen werden und Jugendliche Menschen begegnen, die sie nicht auf ihre Fehler reduzieren. Was Melissa heute einem Jugendlichen mitgeben würde, der gerade am Anfang von Kurve kriegen steht: „Lass dich darauf ein. Dir wird geholfen. Das, was du vorher gemacht hast, bringt dich nicht weiter.“
Dieser Artikel erschien zuerst bei der KräftigeGüteStiftung.
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