Schmuseeinheiten mit therapeutischer Wirkung

Kühe knuddeln für die seelische Gesundheit

von | 26. September, 2022

Koe knuffelen, auf Deutsch übersetzt Kühe kuscheln, wird weltweit immer mehr zum Trend. Davon profitieren Menschen genauso wie die Kuschel-Kühe.

Wir Menschen lieben unsere Tiere. Ihre Nähe verbessert unser Wohlbefinden sogar so signifikant, dass Katzen, Hunde und Pferde inzwischen regelmäßig zu therapeutischen Zwecken eingesetzt werden. In den letzten Jahren hat nun ein weiteres Tier immer mehr an Beliebtheit gewonnen: Die Kuh. Denn Kuscheleinheiten mit Kühen sind gut für die seelische Gesundheit – und in Australien bald wohl sogar auf Rezept erhältlich.

Schmuseeinheiten, die glücklich machen

Lawrence Fox entdeckte seine Liebe zu Kühen während der Pandemie. Abgeschottet auf der Farm seiner Freunde und ausgebrannt von seinem Beruf als Unternehmensstratege verbrachte der 34-Jährige einen Großteil seiner Zeit mit der dortigen Rinderherde. Bald bemerkte er eine Veränderung: “Mir wurde bewusst, wie unglücklich ich war, und wie glücklich ich mich fühlte, wenn ich Zeit mit den Kühen verbrachte.”  

Als er erfuhr, dass die Rinder für die Schlachtbank bestimmt waren, kaufte er kurzerhand die Tiere, die ihm durch seine schwierige Zeit geholfen hatten. Überzeugt davon, dass er nicht der Einzige war, der von ihrer Nähe profitieren würde, gründete er bald darauf das Unternehmen Cow Cuddling Co. Seitdem kommen auf seiner Farm im Osten Australiens alle, die es möchten, in den Genuss, mit Kühen zu kuscheln. Bei den einstündigen Schmuseeinheiten haben Besucher:innen dabei die Wahl zwischen sechs verschiedenen Kühen. Alle von ihnen wurden mit der Hand aufgezogen und sind an den engen Kontakt mit Menschen gewöhnt. 

Der Effekt der Kuh-Therapie ist dabei ähnlich wie bei Therapieeinheiten mit Pferden. Im Gegensatz zu letzteren jedoch liegen die Kühe meistens, was umso mehr zum Kuscheln einlädt. Durch ihre Körpertemperatur, die immer ein bis zwei Grad höher ist als die von Menschen, sowie ihren langsameren Puls, wirkt die Nähe der Tiere beruhigend und führt auch bei uns zu einer Verlangsamung des Herzschlags. Und: das Kuscheln mit den Kühen bewirkt eine Ausschüttung des Bindungshormons Oxytocin, das soziale Bindungen fördert, das Vertrauen stärkt und angst- und stressreduzierend wirkt.

Lebensretter Kuh

Das Wohl seiner tierischen Freunde liegt Fox am Herzen. So achtet er darauf, dass die Therapie-Kühe sich nicht überarbeiten: Drei Sitzungen pro Tag sind das Maximum. Gleichzeitig begreift Fox sein Unternehmen als ein gemeinschaftliches und soziales. Einen Teil der Einnahmen spendet er an die lokale gemeinnützige Organisation zur Krebsbekämpfung Cairns Organisation United for Cancer Health, kurz COUCH. Und er möchte noch mehr bewegen:

„Die Idee dahinter ist, dass wir nicht nur ein nachhaltiges Unternehmen für die Therapie mit Kühen sind, sondern auch dazu beitragen, Menschen über breitere soziale Themen in der Gemeinschaft aufklären, wie psychische Erkrankungen“

Lawrence Fox

Cow Cuddling Co. setzt darum darauf, Arbeitsmöglichkeiten für Menschen zu schaffen, denen es aufgrund ihrer mentalen Gesundheit, neuronaler oder intellektueller Besonderheiten schwer fällt, im normierten Arbeitsleben Fuß zu fassen. So beispielsweise Fox’ erste Mitarbeiterin Donna Astill. Die alleinerziehende Mutter leidet unter verschiedenen schweren mentalen Erkrankungen. Die Arbeit mit den Tieren hat für sie alles verändert: “Die Kühe haben mein Leben gerettet”, sagt sie heute. 

Positive Effekte für Mensch und Kuh

Lawrence Fox ist nicht der Einzige, der das Potenzial von Kühen für die Gesundheit des Menschen erkannt hat. In den Niederlanden boten die ersten Farmen bereits vor über zehn Jahrenkoe knuffelen”, zu deutsch “Kühe knuddeln”, an. Das Prinzip ist dort inzwischen fest etabliert und erfreut sich auch global immer größerer Beliebtheit.

In New York State in den USA ist die Mountain Horse Farm des Ehepaar Vuller seit einigen Jahren nicht mehr nur Zuhause von mehreren Pferden, sondern auch von zwei Therapie-Kühen. Für die Vullers ist wichtig, dass die Tiere trotz der Kuscheleinheiten ein natürliches Leben führen können: “Das hier ist kein Streichelzoo”, betonen sie. Darum gibt es für alle Kuschelinteressierten vor den Sitzungen klare Anweisungen und ein:e “Moderator:in” stellt sicher, dass auch die Tiere eine positive Erfahrung haben.

Denn wenn alle Grundsätze respektiert werden, profitieren auch die Kühe von den Schmusestunden. Das zumindest ist das Ergebnis einer Studie, in der überprüft wurde, wie Kühe darauf reagieren, von Menschen in verschiedenen Körperregionen gestreichelt zu werden. Denn das Streicheln an Stellen, die in der gegenseitigen Körperpflege der Tiere eine wichtige Rolle spielt, entspannt die Kühe mitunter bis zu einer messbaren Verlangsamung des Herzschlags.

Kuscheleinheiten auf Rezept

Bei den positiven Effekten für alle Beteiligten – solange richtig durchgeführt, versteht sich – ist es kein Wunder, dass der Trend in immer mehr Ländern zum Kühe-Kuscheln geht, auch in Deutschland. Während hierzulande die Richtlinien noch fehlen, die es erlauben, die Schmusestunden als Teil einer therapeutischen Behandlung zu verschreiben, ist man in Australien schon einen Schritt weiter. 

Dort übernimmt das sogenannte National Disability Insurance Scheme (NDIS) unter bestimmten Voraussetzungen die Kosten zur Behandlung intellektueller, neuronaler oder physiologischer Beeinträchtigungen. Laut Lawrence Fox sollen die Therapieeinheiten mit seinen Kühen noch in diesem Jahr von vier Anbietern des NDIS ins Programm genommen werden. Damit sind in Zukunft Kuscheleinheiten auf Rezept möglich, mit positivem Effekt für Mensch und Tier.

Beitragsbild: sternenseemann via Flickr

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Luisa Vogt

Luisa Vogt ist Redakteurin beim Good News Magazin und liebt Sprachen, Reisen und das kennenlernen verschiedenster Kulturen. Beim Good News Magazin lebt sie ihre Leidenschaft für Sprache und für spannende, schöne Berichte aus aller Welt - weil die Welt viel mehr realistischen Idealismus braucht. Außerdem studiert sie nach ihrem Bachelor in Englisch und Französisch inzwischen im Master Asien- und Afrikastudien in Berlin und arbeitet als Lerntherapeutin.

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