Freie Fahrt für bessere Luftqualität

von | 18. November, 2020

Kostenlosen Nahverkehr gibt es jetzt auch in Deutschland

Deutschland hat eines der weltweit am besten ausgebauten Schienennetze. Fern- und Regionalzüge verbinden nicht nur die Großstädte, sondern auch Orte in ländlichen Gegenden miteinander. Und in vielen Städten und Ballungszentren sind Tram, U- oder S-Bahn ein wichtiges Rückgrat des Öffentlichen Personen-Nahverkehrs (ÖPNV). Jedoch ist das Hauptverkehrsmittel immer noch das Auto. Wie kann das sein? Und vor allem: Wie kann man das ändern?

„Bahnfahren ist doch viel zu teuer …“

Das Mobilitätsverhalten der Menschen hat einen enormen Einfluss auf den Klimawandel. Bei fast jeder Autofahrt wird klimaschädliches CO2 ausgestoßen – die heute noch seltene Ausnahme sind Fahrten in vollelektrischen Autos, wenn diese zuvor mit Strom aus regenerativer und nachhaltiger Quelle aufgeladen wurden. Das Auto ist immer noch das beliebteste Verkehrsmittel, obwohl in den meisten Großstädten das Netz des öffentlichen Nahverkehrs sehr gut ausgebaut ist und die Fahrt mit dem Auto wegen Stau und Parkplatz-Knappheit oft nicht mal schneller ist. Wie passt das zusammen?

Luxemburg war das erste europäische Land, das einen bestimmten Lösungsansatz für dieses Problem anbietet. Auch in der Altstadt von Graz, in einigen Städten rund um Sao Paulo, in der Hauptstadt Malaysias, Kuala Lumpur, und in Teilen Estlands ist es möglich. Nun folgt die erste deutsche Großstadt diesem Vorbild: Kostenloser Nahverkehr für alle! “Bahnfahren ist doch viel zu teuer …” – dieses Argument zählt hier nicht mehr.

Augsburg legte los

Die Stadt Augsburg führt die sogenannte City-Zone ein. Hier können Fahrgäste künftig einfach einsteigen und mitfahren – ohne Ticketkauf. Seit Anfang des Jahres 2020 gilt die City-Zone. Sie besteht aus neun Stationen rund um den Augsburger Hauptbahnhof. Vom Hbf, über das Staatstheater bis zum Königsplatz. Innerhalb dieser Stationen ist der Nahverkehr für alle kostenlos. Die Regel lautet: Vom Königsplatz und Moritzplatz plus je eine Haltestelle weiter – das ist die City-Zone. Auch Personen, die die neue City-Zone nur durchfahren müssen, um zu ihrem Ziel zu gelangen, profitieren: die neun Stationen müssen nicht mitgezählt werden, wenn es um die maximalen Stationen geht, die mit einem Kurzstrecken-Ticket gefahren werden können. Diese kostenfreie Zone im Stadtkern ist bundesweit einmalig.

Augsburg gilt somit als Vorreiter für weitere Großstädte und macht mächtig Werbung für den öffentlichen Nahverkehr. Ob Bus oder Tram, alles ist in Zukunft kostenlos in der Innenstadt. Klar, die kostenfreie Zone kostet die Stadt im Süden einiges. Insgesamt rund 860.000 Euro im Jahr zahlt die Stadt dafür. Das Geld stammt aus den jährlichen ÖPNV-Zuschüssen durch das Bundesland Bayern. Die Verantwortlichen finden: „Das ist es uns wert!“ Denn die Umsonst-Zone soll ein Zeichen setzen. 

Weniger Autoverkehr, bessere Luft!

Ziel dieser Maßnahme ist die Verbesserung der Luftqualität in der Innenstadt. “Mit der City-Zone gehen wir einen wichtigen Schritt in Richtung Luftreinhaltung in Augsburg”, sagt Bürgermeisterin Eva Weber. Die Vorteile für die Verkehrsteilnehmer:innen liegen auf der Hand. Natürlich ist der finanzielle Aspekt da. Auch der Anreiz für Autofahrer, das Auto stehen zu lassen und auf den öffentlichen Nahverkehr umzusteigen bringt viele Vorteile mit sich: Geringere Abgasbelastung, weniger belegte Parkplätze, mehr Platz für Radfahrer:innen sind nur einige davon. Die Hoffnung: Nicht nur Bewohner:innen, Besucher:innen und die Umwelt sollen von der neuen Zone profitieren – die City-Zone soll mittelbar auch den Beschäftigten in den Läden und Cafés in Augsburgs Innenstadt etwas bringen. 

Durch die City-Zone wollen wir die Innenstadt für Besucherinnen und Besucher attraktiver machen und den Einzelhandel stärken.

Eva Weber, Bürgermeisterin von Augsburg

In Augsburgs City-Zone und in ihrer unmittelbaren Nähe befinden sich zahlreiche Sehenswürdigkeiten der Fuggerstadt – auch die weltbekannte Augsburger Puppenkiste im Heilig-Geist-Spital, ist vom Rand der Zone nur fünf Minuten zu Fuß entfernt. Nicht nur die täglichen Pendler:innen in Augsburg, sondern auch Touristen kommt die City-Zone damit zugute. Mit diesem Angebot ist Augsburg ein Vorbild für andere Städte. Und doch bei weitem kein Einzelfall in Deutschland.

Monheim am Rhein als Vorzeigebeispiel für freien ÖPNV

Seit April 2020 zahlen Fahrgäste in der Stadt Monheim am Rhein in Nordrhein-Westfalen nichts mehr für die öffentlichen Verkehrsmittel. Der sogenannte Monheim-Pass erlaubt es, die Busse der 44.000-Einwohner-Stadt kostenlos zu benutzen. Es gibt nur eine Voraussetzung, um einen Monheim-Pass zu bekommen: Man muss Monheimer sein. So können die Bürgerinnen und Bürger seit Frühling diesen Jahres kostenlos in ihrer Heimatstadt mit den „Öffis“ unterwegs sein. Auch das benachbarte Langenfeld kann kostenlos erreicht werden, es gehört zum gleichen Tarifverbund. Drei Jahre soll das Projekt in Monheim andauern. Danach wird ein Fazit gezogen, ob die kostenlose Zone auch in Zukunft finanziell stemmbar ist.

Probieren geht über Studieren

Auch in anderen Städten gibt es einige vergleichbare Angebote, die jedoch immer auf einen bestimmten Zeitraum beschränkt sind. Beispielhaft hierfür sind Projekte in der Adventszeit des vergangenen Jahres. Zum Start der Vorweihnachtszeit 2019 testeten mehrere Städte, ob mehr Menschen auf Bus und Bahn umsteigen, wenn diese kostenlos sind. Das untersuchte zum Beispiel die Stadt Hannover am ersten Adventswochenende vergangenen Jahres. Das Verkehrsangebot in der Region wurde deutlich verstärkt. Zudem wurde die Taktung der Verkehrsmittel erhöht. Die Weihnachtszeit ist ja schließlich die Zeit des Gebens. Diesem Credo folgte nicht nur Hannover – auch im badischen Karlsruhe und im westfälischen Münster gab es vergleichbare Aktionen mit kostenlosem Nahverkehr, hier galt diese Aktion sogar für alle Adventswochenenden. Laut einer Studie von Daimler aus dem Jahr 2019 wünschen sich 2/3 der Deutschen einen kostenfreien Nahverkehr in ihren Städten. Ob und wie das umsetzbar ist wird weiterhin heiß diskutiert. Pro und Kontra werden abgewägt und auch einige Gegenstimmen sind in den Medien laut geworden. Der Bundestag hat hierzu vor Kurzem einen ausführlichen Bericht veröffentlicht.

Ist kostenloser Nahverkehr reines Zukunftsdenken?

Ob Augsburg, Monheim oder Hannover – im Prinzip wird überall der gleiche Ansatz verfolgt: Indem der Nahverkehr kostenlos wird, soll das Umsteigen vom Auto auf Bahn und Bus für viele Menschen attraktiv werden – und durch weniger Autos auf den städtischen Straßen auch die Luftqualität verbessert werden. Je mehr Städte auf den kostenlosen ÖPNV setzen, umso mehr könnte sich die Vision der autofreien Stadt vom fernen Zukunftsdenken in ein denkbares Zukunftsszenario wandeln. Die Website freepublictransport.info führt hierfür eine Liste mit allen Städten der Welt, in denen der Traum vom kostenlosen Nahverkehr schon heute Realität ist. Deutschland fehlt noch auf der Liste, doch wird sicher bald ergänzt!

Titelbild: © Pankaj Patel / Unsplash

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