Von mutigen Ärztinnen im syrischen Untergrund, über versteckte NASA-Heldinnen, bis hin zu Orcas, die ein Millionenpublikum wachrüttelten: Diese zehn Filme haben nicht nur Kinogeschichte geschrieben, sondern konkrete Gesetze verändert, Protestbewegungen inspiriert und Hoffnung gesät.
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Ich muss ehrlich sagen, mittlerweile kann ich viele Filme nicht mehr schauen. Mit 14 saß ich mit meiner Schwester noch vor Horrorfilmen. Nervenkitzel, Ekel, Spannung, Angst und vor allem die eigentliche Gewissheit, dabei selbst in Sicherheit zu sein – das fanden wir gut und dafür versteckten wir uns, wenn es sein musste, auch vor unseren Eltern. Denn die Filme waren mit Sicherheit nicht für unser Alter zugelassen. Heute ist das für mich unvorstellbar, der Stress, den viele Filme in mir auslösen und die Frage “Warum schaue ich mir das an?”, sind präsenter, lauter geworden beim Schauen. Filme sind heftig. Das ist unumstritten. Sie lösen Emotionen aus, viele körperliche und mentale Reaktionen.
In einer Studie mit 123 Teilnehmenden wurden spezifische Gefühle wie Angst, Wut, Traurigkeit und Ekel über Filmclips ausgelöst. Dabei zeigten sich messbare Veränderungen: Bei Angst- und Wutfilmen stiegen Herzrate (HR) und Hautleitwert (Skin Conductance Level, SCL) deutlich an – im Vergleich zu neutralen Filmen. Zudem berichteten die Zuschauer:innen subjektiv über stärkere emotionale Erregung. Schon bei den allerersten dokumentierten öffentlichen Filmvorführungen reagierte das Publikum angeblich sehr extrem.
Bei dem berühmten Fall der „L’Arrivée d’un train en gare de La Ciotat“ (die Ankunft von einem Zug)-Vorführung der Brüder Lumière 1896, gerieten die Zuschauenden in Panik, weil sie dachten, der Zug fahre direkt auf sie zu. Allerdings ist umstritten, wie stark diese Panik tatsächlich war – Historiker:innen gehen heute eher davon aus, dass sie über die Jahre dramatisiert wurde. Ob wir Thriller und Horrorfilme jedoch gerne schauen oder so wie ich heute, absolut nicht, hängt von vielen Faktoren ab, unserem Nervensystem, kultureller Prägung und auch ob wir den “Kick” von Adrenalin als etwas Positives bewerten.
Nichtsdestotrotz ist allgemeingültig: Filme sind machtvoll und sprechen unsere Sinne an. Sie können aufklären, aufdecken, Empathie erzeugen und echten gesellschaftlichen Wandel anstoßen (im besten Fall positiv, denn als Propaganda Mittel sind sie natürlich leider ebenso stark). Fast überall auf der ganzen Welt werden mittlerweile Filme geschaut und produziert. Über 100 Länder haben eine eigene aktive Filmindustrie, von großen Produktionszentren wie Hollywood (USA), Bollywood (Indien) und Nollywood (Nigeria) bis hin zu kleinen, staatlich geförderten Filmstudios in z. B. Bhutan, Island oder Burkina Faso.
Das UNESCO Institute for Statistics (2022) berichtet, dass weltweit jährlich über 7.000 Spielfilme offiziell registriert werden. Indien ist dabei Spitzenreiter, gefolgt von Nigeria, den USA und China. Und selbst Länder mit strengen Zensurgesetzen drehen starke Filme. Wie etwa im Iran, dessen Arthouse-Kino international mehrfach ausgezeichnet wurde und dessen Filmemacher:innen trotz aller Restriktionen Kritik am System und gesellschaftlichen Wandel in einzigartige Geschichten und poetische Bilder verpacken.
Bereits 1924 prophezeite D.W. Griffith, dass der Film (bis 2024) Krieg beenden könne. Schon früh wurde das Kino nicht nur als Unterhaltungsform, sondern auch als politisches Werkzeug verstanden. So nutzte Charlie Chaplin mit The Great Dictator (1940) die Kraft der bewegten Bilder, um inmitten des Zweiten Weltkriegs eine pointierte Satire auf Adolf Hitler und den Faschismus zu schaffen – ein mutiger Aufruf zu Menschlichkeit und Widerstand, der in vielen Ländern als moralische Stärkung im Kampf gegen totalitäre Regime wirkte.
Auch im Kontext des antikolonialen Befreiungskampfes diente Film oft als Katalysator: In Algerien etwa wurde Gillo Pontecorvos „The Battle of Algiers“ (1966) nicht nur zum internationalen Kinoerfolg, sondern auch von Widerstandsbewegungen aktiv als Schulungsmaterial genutzt, um Guerillataktiken und politische Strategien zu vermitteln.
Hier zeigte sich, dass bewegte Bilder nicht nur Geschichten erzählen – sie können konkrete Handlungsanleitungen und moralische Legitimation für gesellschaftliche Umbrüche liefern. Auch im Kontext von Klimakrise und Tierschutz entfalten Filme häufig ihre Wirkmacht, von Bernhard Grzimeks “Serengeti darf nicht sterben” über “Cowspiracy” zum Oscar-gekrönten “Mein Lehrer, der Krake” haben Dokumentarfilme über die Einzigartigkeit unserer Natur- und Tierwelt zum Umdenken bewegt und sicher nicht in wenigen Fällen auch das Handeln verändert
Film reflektiert soziale Normen, Konflikte und Träume. Er eröffnet Zugang zu Perspektivwechsel. Diese Fähigkeit, uns emotional abzuholen, macht Filme zu einer Quelle des Verstehens. Zu der hoffnungsvollen Prophezeiung von Griffith, dass 2024 Krieg dank Film beendet sei, zog der Guardian im letzten Jahr Bilanz: Obwohl Film inspiriert, wird er weiterhin, wie schon erwähnt, auch als Propaganda genutzt. Und Krieg hat er, wie wir alle nun 2025 leider wissen, nicht beenden können.
Dennoch gibt es sie (und davon nicht wenige) Filme, die die Welt veränderten. Hier stellen wir euch zehn davon vor!
The Cave (2019, Syrien/Dänemark)
Inhalt: Der Dokumentarfilm begleitet Dr. Amani Ballour, eine Kinderärztin im unterirdischen Feldlazarett, genannt „The Cave“, in Ost-Ghouta in Syrien. Dort operiert und leistet sie unter ständigem Bombenhagel und Chemiewaffeneinsatz erste Hilfe für Patient:innen, während sie patriarchale Strukturen herausfordert und für Gleichstellung einsteht.
Wirkung: Das Werk gewann den “People’s Choice Award” (Dokumentarfilme, TIFF) und den “Most Valuable Documentary” Award bei Cinema for Peace. Es wurde für den Oscar nominiert und begeisterte die Weltöffentlichkeit. Nachdem ihn Trumps Einreiseverbot 2018 von der Teilnahme an der Oscar-Verleihung abgehalten hatte, führte eine große Protestaktion 2020 dazu, dass The Cave-Regisseur Feras Fayyad doch im letzten Moment ein Visum erhielt und zur Verleihung reisen konnte.
Nach der Oscar-Nominierung erhielten Ärzt:innen vor Ort internationale Unterstützung und Lieferungen dringend benötigter medizinischer Hilfsgüter und Medikamente. Der Film stärkte das Bewusstsein für die unvorstellbaren Belastungen medizinischen Personals unter Kriegsbedingungen und diente als Grundlage für den „Al Amal“ (Hope) Fund. Dieser wurde anonym im Zusammenhang mit dem Film der King Baudouin Foundation, in Kooperation mit Think-Film Impact Production und dem dänischen Dokumentarfilm Netzwerk, initiiert. Zweck ist die Stärkung weiblicher Führung im Gesundheitswesen, Sicherstellung besserer Medikamentenzugänge und Förderung von Bildung in Konfliktregionen.
2040 – Wir retten die Welt! (2019, Australien)
Inhalt: Der australische Dokumentarfilm von Damon Gameau ist als Brief an seine vierjährige Tochter Velvet angelegt: Wie könnte die Welt im Jahr 2040 aussehen – wenn wir heute kluge, greifbare Lösungen umsetzen? Der Film präsentiert Projekte, die heute machbar sind und bis 2040 einen echten Wandel ermöglichen könnten: Mikronetze in Bangladesch (dabei werden einzelne Haushalte mit Solaranlagen ausgestattet und an lokale Energienetze angeschlossen, sodass der gewonnene Strom unter den Einwohner:innen geteilt wird und die Nutzung größerer Elektrogeräte ermöglicht), Elektromobilität und Carsharing, regenerative Landwirtschaft, die Nutzung von Algenkulturen zur Kohlenstoffbindung, sowie die Stärkung von Frauenbildung und -autonomie. Die Filmszenen sind kombiniert mit Kinderstimmen, visuellen Vorschauen und Expert:innengesprächen.
Wirkung: Der Film inspiriert, nicht nur visuell, sondern im echten Leben: Hausumbauten, Bildungseinheiten mit über einer Million Schülern und Schülerinnen, die Restaurierung von Meeresökosystemen und lokale Spendenkampagnen, all das ist Teil eines Veränderungsimpulses, den der Film auslöst. Statt Weltuntergangspessimismus setzt 2040 auf Zuversicht: Utopische Zukunftsbilder sind keine naiven Träumereien – sie sind Handlungsanreize.
Die Botschaft lautet: Wir haben die Lösungen, wir müssen sie nur einsetzen. Zentrales Bindeglied zwischen Film und Realität war die Website whatsyour2040.com. Sie bot eine interaktive „Impact-Map“, auf der Besucher sehen konnte, welche positiven Veränderungen bereits weltweit passieren und auf der sie eigene Projekte starten oder unterstützen konnten. Aus dieser Plattform ist theregenerators.org hervorgegangen, auch hier kann auf Material zurückgegriffen, sich vernetzt und Bildung über Film angestoßen werden.
Hidden Figures (2016, USA)
Inhalt: Der Film erzählt die wahre Geschichte von Katherine Johnson, Dorothy Vaughan und Mary Jackson – drei afroamerikanischen Mathematikerinnen, die in den 1960er-Jahren bei der NASA arbeiteten. Trotz “Rassen”-trennung und Sexismus leisteten sie entscheidende Beiträge zur erfolgreichen Mission von John Glenns Erdumrundung (Friendship 7, 1962).
Das Drama basiert auf Margot Lee Shetterlys Sachbuch „Hidden Figures“ und verbindet historische Fakten mit einer emotionalen Erzählweise, um die systematische Unsichtbarmachung von Frauen und People of Color in der Wissenschaft zu zeigen.
Wirkung: Der weltweite Erfolg von “Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen” machte die bis dahin weitgehend unbekannten Beiträge von Katherine Johnson, Dorothy Vaughan und Mary Jackson zur NASA-Geschichte bei einem Millionenpublikum bekannt. Er löste eine breite gesellschaftliche Debatte über Chancengleichheit und Repräsentation in den MINT-Berufen aus. Der Film führte dazu, dass die drei Frauen offiziell geehrt wurden. Katherine Johnson wurde bereits vor der Filmveröffentlichung 2015 mit der “Presidential Medal of Freedom” ausgezeichnet, nach Filmstart ehrte die NASA im Jahr 2017 alle drei Protagonistinnen. 2019 wurde das NASA-Hauptquartier in Washington, D.C. in “Mary W. Jackson NASA Headquarters” umbenannt.
Darüber hinaus inspirierte der Film neue Bildungs- und Förderprogramme wie die “Hidden Figures Scholarship” an der Florida A&M University, sowie Initiativen großer Technologieunternehmen zur Unterstützung von Frauen und ethnischen Minderheiten in der Wissenschaft. Die NASA selbst integrierte den Film in ihre Bildungsarbeit, um insbesondere junge Mädchen für Mathematik, Informatik und Ingenieurwissenschaften zu begeistern. Auch popkulturell hinterließ “Hidden Figures” Spuren: Er wurde zu einem Symbolfilm für Diversität und Gleichberechtigung in der Wissenschaft und inspirierte Social-Media-Kampagnen wie #HiddenFigures.
Blackfish (2013, USA)
Inhalt: Der Film zeichnet die Biografie des Orcas Tilikum nach – von seiner brutalen Gefangennahme als Kalb vor Island in den 1980er-Jahren, über seine Haltung in engen Tanks, bis hin zu seinem Verhalten in Gefangenschaft. Interviews mit ehemaligen SeaWorld-Trainer:innen, Meeresbiolog:innen und Augenzeugen werden mit Archivaufnahmen kombiniert, um ein Bild von den psychischen und physischen Schäden zu zeichnen, die Orcas in Gefangenschaft erleiden. Der Film wirft zudem ein Schlaglicht auf die Praktiken der Meerestierparks, die Tiere für Shows abrichten und sie dabei in einem unnatürlichen, oft stressgeladenen Umfeld halten.
Wirkung: Blackfish hatte einen massiven Einfluss auf öffentliche Meinungen und Unternehmenspolitik. Nach der Ausstrahlung auf CNN im Jahr 2013 brach der Ticketverkauf bei SeaWorld stark ein, der Aktienkurs des Unternehmens fiel erheblich, und große Sponsoren wie Southwest Airlines beendeten ihre Partnerschaften. Im Jahr 2016 kündigte SeaWorld offiziell an, das Zuchtprogramm für Orcas zu beenden und keine neuen Shows mit ihnen zu veranstalten.
Der Film löste zudem legislative Initiativen aus: In Kalifornien wurde 2016 der Orca Protection Act verabschiedet, der die Zucht und Aufführung von Orcas in Shows verbietet. Wissenschaftlich und gesellschaftlich führte die Debatte zu einem breiteren Verständnis für die kognitiven und sozialen Bedürfnisse von Meeressäugern. Die Filmemachenden hatten ursprünglich einfach aufklären wollen, wie es dazu kam, dass der Orca Tilikum 2010 seine Trainerin tötete – sie waren selbst erstaunt von den Wellen, die ihre Dokumentation schlug:
„Nun, da der Film im Umlauf ist, sind alle an der Produktion Beteiligten beeindruckt und überrascht davon, in welchem Maße er die Zuschauer dazu inspiriert hat, sich über die Gefangenschaft von Killerwalen zu äußern und Maßnahmen zu ergreifen – ein Phänomen, das informell als „Blackfish-Effekt” bezeichnet wird.”
The Day After (1983, USA)
Inhalt: Der fiktionale TV-Film „The Day After“ zeigt den verheerenden Ablauf eines nuklearen Krieges zwischen NATO und Warschauer Pakt. Raketen- und Bombenangriffe treffen im Film zuerst strategische Ziele in den USA (darunter Raketensilos in Kansas), aber es wird klar gemacht, dass ganz Nordamerika und große Teile der Sowjetunion betroffen sind. Kansas und Missouri dienen dabei als Brennglas, um das Grauen für die Zuschauenden emotional greifbar zu machen.
Das Leid der Bevölkerung in den Mittelpunkt gestellt: Zerstörte Städte, verbrannte Körper und unmittelbare Folgen wie Chaos und Strahlenkrankheit. Die Schilderungen und Bilder wirken dabei extrem realistisch – das Ende wird von einem Hinweis begleitet, der betont, dass in Wahrheit der Schaden noch weit größer wäre. Viele grafische Szenen wurden für die Ausstrahlung editiert, doch die Wirkung blieb stark. Die Produktion war von Anfang an als gesellschaftlich wichtiger Impuls geplant, mit minimierten Werbeunterbrechungen und einer intensiven Werbekampagne – ABC sendete Nachbesprechungen mit Expert:innen zur besseren Einordnung des Films und stellte sogar Hotlines bereit, über die Fachleute Fragen des Publikums beantworten, Aufklärungsarbeit und emotionale Unterstützung leisteten.
Wirkung: Der Film erreichte bei seiner Erstausstrahlung am 20. November 1983 über 100 Millionen Zuschauer in den USA – rund 46 % aller Haushalte – und wurde zu einem der meistgesehenen Medienereignisse des Landes. Allein die anschließende Sondersendung, eine Debatte mit Experten wie Carl Sagan, Henry Kissinger und Robert McNamara, machte ihn zum nationalen Ereignis. Nicht nur die breite Öffentlichkeit reagierte: Präsident Ronald Reagan, der den Film vorab gesehen hatte, beschrieb ihn in seinem Tagebuch als „sehr effektiv“ und „sehr deprimierend“ und ließ sich kurz darauf militärisch über Szenarien einer Eskalation informieren.
Ab 1984 änderte er seine Rhetorik vom harten “Peace through Strength” (“Frieden durch Stärke”) und zeigte sich kooperationsbereit für Verhandlungen, ein Wandel, der auch als “Reagans Reversal” bezeichnet wird. Er gilt als grundlegend für den 1987 zwischen den USA und der Sowjetunion geschlossenen INF-Vertrag (Intermediate Range Nuclear Forces Treaty), der die Vernichtung von Nuklearraketen mit mittlerer und kürzerer Reichweite festlegt und einen entscheidenden Schritt zum Ende des kalten Krieges symbolisiert.
Reagan selbst soll dem Regisseur ein Dankes-Telegramm geschickt haben: „Denke nicht, dass dein Film keinen Anteil daran hatte – denn er hatte ihn.“ Der Film stimulierte auch die Anti-Atomwaffen-Bewegung in den USA: Schüler:innen und Studierende gründeten lokale Gruppen wie United Campuses Against Nuclear War, und politische Debatten über Abrüstung wurden befeuert.
A Girl in the River: The Price of Forgiveness (Pakistan, 2015)
Inhalt: Die Dokumentation der Regisseurin Sharmeen Obaid-Chinoy erzählt die wahre Geschichte einer jungen Frau, die einen versuchten Ehrenmord durch ihre eigene Familie überlebte. In Pakistan wurden solche Taten oft rechtlich ausgehebelt, indem der Täter – meist selbst ein Familienmitglied – bei der Familie der ermordeten Frau um Vergebung bittet. Sobald diese erteilt wurde, wird die Strafverfolgung hinfällig. Der Film beleuchtet nicht nur den Angriff selbst, sondern auch das juristische und gesellschaftliche Umfeld, das solche Gewalt ermöglicht.
Wirkung:
Der Film löste internationale Empörung aus und gewann 2016 den Oscar für den besten Dokumentar-Kurzfilm. Entscheidend war aber seine Wirkung in Pakistan selbst: Der damalige Premierminister Nawaz Sharif ließ sich den Film vorführen und erklärte öffentlich: „Es gibt keine Ehre im Ehrenmord.“ Kurz darauf verabschiedete das Parlament eine Reform, die es deutlich erschwerte, Ehrenmorde durch familiäre „Vergebung“ straffrei zu stellen. Für Regisseurin Sharmeen Obaid-Chinoy war das jedoch erst der Anfang. „Ich wollte immer, dass meine Geschichten Menschen dazu bringen, schwierige Gespräche zu führen“, sagte sie. Obwohl die Gesetzesänderung ein wichtiger Schritt war, sei ihr klar gewesen, dass dies allein nicht reiche.
Also brachte sie den Film direkt zu den Menschen – mit einem mobilen Kino, das quer durch Pakistan reiste, in Dörfern Station machte und mit einer Leinwand buchstäblich „den Nachthimmel erleuchten“ ließ. Unter dem Titel Look But With Love zeigte das Team nicht nur Filme über Ehrenmorde, sondern auch über ungleiches Einkommen, Umwelt, religiöse Toleranz und Frauenrechte.
„Wir haben Frauen Filme gezeigt, in denen sie Heldinnen waren, nicht Opfer“, erzählte sie in einem TEDtalk, und verband die Vorführungen mit Aufklärung über juristische und gesellschaftliche Rechte. Die Wirkung dieser Arbeit ging über Pakistan hinaus: Organisationen aus Bangladesch und Syrien baten darum, das Konzept zu übernehmen. „In kleinen Städten und Dörfern verändern Männer, wie sie mit Frauen umgehen, Kinder verändern die Art, wie sie die Welt sehen – ein Dorf nach dem anderen, durch das Kino“, so Obaid-Chinoy.
Black Box Diaries (Japan, 2023)
Inhalt: Der Dokumentarfilm begleitet die Journalistin Shiori Itō, die öffentlich machte, dass sie von einem einflussreichen TV-Journalisten vergewaltigt wurde. Der Film zeigt ihren persönlichen Kampf um Gerechtigkeit in einem Land, in dem sexuelle Gewalt lange tabuisiert und juristisch nur schwer zu verfolgen war. Itō dokumentiert nicht nur ihre eigene Geschichte, sondern auch die strukturellen Hürden, die Opfer in Japan erleben – von polizeilicher Untätigkeit bis hin zu einer Gesetzgebung, die sexuelle Gewalt primär über den Nachweis körperlicher Gewalt definierte.
Wirkung: Die Veröffentlichung des Films verstärkte die ohnehin wachsende Aufmerksamkeit für Itōs Fall und den japanischen #MeToo-Diskurs erheblich. Im Juni 2023 verabschiedete Japan erstmals seit über einem Jahrhundert eine umfassende Reform des Sexualstrafrechts: Die Definition von Vergewaltigung wurde erweitert und orientiert sich nun am Fehlen von Zustimmung (consent), nicht nur am Nachweis von Gewaltanwendung. Medien wie die Financial Times bezeichneten den Effekt als „seismisch“ – ein direktes Beispiel dafür, wie ein Film gesellschaftlichen und legislativen Wandel anstoßen kann.
La historia oficial (Argentinien, 1985)
Inhalt: Der Spielfilm von Luis Puenzo spielt in den letzten Tagen der argentinischen Militärdiktatur (1976–1983). Er folgt Alicia, einer wohlhabenden Geschichtslehrerin in Buenos Aires, die mit ihrem Mann und ihrer adoptierten Tochter Gaby ein scheinbar geordnetes Leben führt. Als ihre Freundin aus dem Exil zurückkehrt und von Folter und „Verschwundenen“ berichtet, beginnt Alicia zu hinterfragen, ob Gaby möglicherweise das Kind einer dieser verschwundenen Mütter ist. Ihre Nachforschungen führen sie in Kontakt mit den Madres de Plaza de Mayo, einer Bewegung von Müttern, die ihre während der Diktatur verschleppten Kinder suchen. Der Film verwebt persönliche und politische Geschichte und stellt die Frage nach Wahrheit, Mitverantwortung und Erinnerung.
Wirkung: La historia oficial war der erste argentinische Film, der den Oscar für den besten fremdsprachigen Film gewann (1986) und erreichte dadurch weltweite Aufmerksamkeit. In Argentinien selbst wurde der Film kurz nach dem Ende der Diktatur veröffentlicht und trug maßgeblich dazu bei, das öffentliche Schweigen über Menschenrechtsverletzungen zu brechen.
Er unterstützte die Arbeit der CONADEP (Nationale Kommission über das Verschwinden von Personen) und stärkte die Position der Menschenrechtsgruppen, insbesondere der Abuelas de Plaza de Mayo, die nach geraubten Kindern suchten. Die gesellschaftliche Resonanz trug dazu bei, dass das Thema der „verschwundenen“ Kinder in den öffentlichen Diskurs integriert und in internationalen Medien sichtbar wurde. Historiker:innen sehen den Film als kulturellen Meilenstein, der half, eine frühe kollektive Aufarbeitung der Diktaturverbrechen einzuleiten.
Pride (Großbritannien, 2014)
Inhalt: Der von Matthew Warchus inszenierte Film basiert auf einer wahren Begebenheit aus dem Jahr 1984, als in Großbritannien der Bergarbeiterstreik tobte. Eine Gruppe lesbischer und schwuler Aktivist:innen aus London gründet die Initiative Lesbians and Gays Support the Miners (LGSM), um die streikenden Bergarbeiter finanziell zu unterstützen. Zunächst stößt ihre Hilfe in den meist konservativen, ländlichen Bergbauregionen auf Misstrauen. Durch gegenseitige Besuche, Solidarität und gemeinsames Engagement wachsen jedoch enge Freundschaften zwischen den beiden Gruppen. Die Handlung zeigt, wie Solidarität trotz kultureller und politischer Unterschiede möglich ist und wie soziale Bewegungen voneinander lernen können.
Wirkung: Der Film machte die Geschichte von LGSM einer breiten internationalen Öffentlichkeit bekannt und trug dazu bei, ein Stück kaum beachteter britischer Sozial- und Bewegungsgeschichte zu dokumentieren. Historisch hatte das Bündnis zwischen LGSM und den Bergarbeitern konkrete Folgen: Der britische Gewerkschaftsdachverband Trades Union Congress (TUC) sprach sich 1985 offiziell für LGBTQ-Rechte aus, eine politische Verschiebung, die auch durch die Unterstützung aus dem Bergarbeiterstreik beeinflusst wurde.
Nach Erscheinen des Films kam es zu einem Wiederaufleben der Kontakte zwischen ehemaligen LGSM-Mitgliedern und Bergbau-Gemeinden, zu Spendensammlungen für LGBTQ-Organisationen in Wales sowie zu verstärktem Engagement jüngerer Aktivist:innen in beiden Bewegungen. In Großbritannien stieg das öffentliche Bewusstsein für die historische Verknüpfung von Arbeitenden- und LGBTQ-Rechten, was in mehreren Museen und Archiven zur Einrichtung neuer Ausstellungen führte.
Difret (Äthiopien, 2014)
Inhalt: “Difret” erzählt die wahre Geschichte der 14-jährigen Hirut, die von einem Mann entführt wird, um sie zwangszuverheiraten – eine Praxis, die in Teilen Äthiopiens als”telefa“ bekannt ist. In einem Akt der Selbstverteidigung tötet sie ihren Entführer. Daraufhin wird sie verhaftet und vor Gericht gestellt. Was folgt, ist ein aufsehenerregender Prozess: Vor Gericht steht nicht nur ein Mädchen, sondern ein ganzes System von Machtverhältnissen. Unterstützung erhält Hirut von der Anwältin Meaza Ashenafi und der Ethiopian Women Lawyers Association, die unermüdlich für das Recht von Frauen und Mädchen kämpft. Der Film zeichnet ein intensives Bild einer Gesellschaft im Spannungsfeld zwischen Norm und Recht – und erzählt gleichzeitig die wahre Geschichte eines Präzedenzfalls, der das Leben unzähliger Mädchen verändern sollte.
Wirkung:
Der reale Fall, auf dem der Film basiert, führte in Äthiopien bereits zu einer Verschärfung der Gesetze gegen Zwangsheirat und Brautraub. Schon kurz nach dem Prozess berichteten Aktivist:innen von einem deutlichen Rückgang der gemeldeten Entführungen. Difret brachte diese Geschichte auf die internationale Bühne: Durch die Festivalerfolge, unter anderem in Sundance und auf der Berlinale, erlangte Difret weltweite Aufmerksamkeit. Die Beteiligung von Angelina Jolie als ausführende Produzentin verstärkte den medialen Fokus, während internationale Petitionen und Kampagnen den politischen Druck erhöhten.
Die größte dieser Kampagne wurde initiiert vom Team hinter Difret – unter anderem die Produzentin Mehret Mandefro, Regisseur Zeresenay Berhane Mehari sowie Girls Not Brides USA – eine internationale Koalition gegen Kinderehen. Die Petition sammelte über 135.000 Unterschriften und wurde offiziell dem US-Botschafter für Frauenfragen übergeben.Ein wichtiger Moment, denn auch in den USA sind Kinderehen in 34 Staaten weiterhin erlaubt, teilweise sogar ohne Einschränkungen wie der Zustimmung der Eltern. Das Ergebnis der Petition war, dass die US-Regierung aktiv an der Ausarbeitung und Durchsetzung der Gesetze in Äthiopien mitwirkte. Gleichzeitig unterstützte “Difret” die Arbeit von NGOs und Frauenrechtsorganisationen vor Ort, indem er ihnen Sichtbarkeit und neue Fördermöglichkeiten verschaffte.
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Quellen
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/22311202
https://time.com/5776917/2020-oscars-the-cave-for-sama/?utm_source=chatgpt.com
https://www.vanityfair.com/hollywood/2020/01/feras-fayyad-oscars-syria?utm_source=chatgpt.com
https://www.nationalgeographic.com/animals/article/140113-blackfish-seaworld-killer-whale-orcas
Médecins Sans Frontières, Pressemitteilung zu Medikamententests in Afrika (2006)
Amnesty International, Bericht „Ethics Abandoned?“ (2007)
The Guardian, „How The Constant Gardener put Big Pharma in the spotlight“ (2005)
Bulletin of the Atomic Scientistsmilitaryhistorynow.comTIMEeuronews
docs.rwu.eduResponsible Statecraft
10 Filme, die die Welt veränderten
New York Times, The Conversation
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Jeremy Yap, Mohamad Azaam, Job Savelsberg, Christina Wocintech, Mike Doherty, Levi Meir, Lesly Derksen, Cal Gao, Gabriel Ramos, Vaiva Ivanovaite, Michael Starkie