Achtung Unternehmen: Nur 10 Prozent wollen komplett zurück ins Büro

von | 10. März, 2021

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Wir haben euch gefragt: Büro vs. Home-Office? 10.316 Antworten. 75 Prozent fordern zukünftig den Mix aus Büro und Home-Office

Mein Artikel „Home-Office bringt mehr Schlaf und Gesundheit“ schlägt Wellen. Vielen Dank für die angeregte Debatte. Das Thema bewegt. Ein Kommentar auf Facebook lautet: „Büro, Büro, Büro. Homeoffice für Büroangestellte. Gut für die Gesundheit. Aber für den Malocher… den Schlosser, Bäcker, Handwerker, gibt es sowas nicht.“ Und auf XING: „Machen Menschen mehr Pausen? Ich sehe bei vielen das Gegenteil.“ Kontroverse Meinungen zeigen die Vielfalt unserer Lebensrealitäten. Erstaunlich ist – bei aller Unterschiedlichkeit – die eindeutige Forderung an Arbeitgeber.

Modell „3+3“ für garantierte Erholung

Eine Leserin zeigt ihren Unmut: „Hat sich in den letzten Jahren irgendwer dafür interessiert, dass Wechselschicht ungesund ist? Hauptsache Homeoffice ist gesund für Büroleute… arm!“ Natürlich hat sie damit Recht. Schichtarbeit ist anstrengend und für viele Menschen gesundheitsschädlich. Gibt es Alternativen?

Während Deutschland Tausende Pflegekräfte an den „Pflexit“ (Flucht aus dem Pflegeberuf) verliert, wird in Schweden das Modell „3+3“ praktiziert. Drei Tage Arbeit in der Pflege. Dann drei Tage Freizeit zur Erholung. Die Arbeitszeit beträgt 85 Prozent bei einer Vollzeit-Vergütung. Das Ergebnis: „Weil die Mitarbeiter sich besser erholen, sinken die Kosten für Krankheitstage um über 40 Prozent„.

4-Tage-Woche im Handwerk

Dem Back-Handwerk eilt der Ruf voraus, dass Bäcker:innen sehr früh aufstehen müssen und dabei keine Wahl haben. Und das stimmt, wenn die Bäckerei morgens frische Brötchen anbietet. Ganz anders läuft das in der Bäckerei „Die Brotpuristen“ in Speyer, Frankenthal, Neustadt und Landau. Arbeitsbeginn ist nach sechs oder manchmal sieben Uhr, geöffnet wird erst nachmittags, und die Kunden stehen Schlange.

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In allen Gewerken gibt es florierende Alternativen. Müssen begehrte Handwerker fünf Tage pro Woche arbeiten? Das ist der Status quo, den nur wenige hinterfragen. In seinem Sanitär-Heizung-Fliesen-Betrieb hat Marcus Gaßner für alle Mitarbeiter:innen die 4-Tage-Woche eingeführt bei vollem Lohn. Sein Betrieb wächst, und er bekommt dafür Auszeichnungen.

Viele Menschen schlafen seit der Pandemie passender und mehr

Die Tagesschau berichtet, dass sich die morgendlichen Spitzenzeiten im Energieverbrauch in den privaten Haushalten um fast eine Stunde nach hinten verschoben haben. Das bedeutet, dass viele Menschen später in den Tag starten. „Ich schlafe, bis ich ausgeschlafen bin oder auch mal länger, anstatt auf die Abfahrtszeit meines Zuges Rücksicht nehmen zu müssen, um rechtzeitig ins Büro zu kommen.“, schreibt eine Leserin auf XING.

Die meisten Menschen sind genetisch veranlagt keine Frühaufsteher. Wenn am Morgen länger geschlafen wird, passt das besser zum individuellen Biorhythmus, dem Chronotyp. Das ist gesund.

Wir haben auf Instagram gefragt „Schläfst du seit Beginn der Pandemie mehr?“. 8.857 Menschen haben geantwortet:

54 Prozent schlafen mehr 46 Prozent verneinen das
54 Prozent schlafen mehr und 46 Prozent verneinen das.

Trotz der fast 9.000 Antworten ist es nicht repräsentativ für alle Deutschen. Geantwortet haben zu 73 Prozent Frauen und zu 90 Prozent 18- bis 44-jährige.

Was mir wichtig ist: Gönnen wir bitte den 54 Prozent, dass sie in dieser Zeit mehr Schlaf bekommen.

Überlastung in Familien

Sich über den Schlafgewinn der einen zu freuen, mindert nicht das Mitgefühl mit Menschen, die unter großen Belastungen, Einsamkeit oder Gewalt leiden. Der Tagesspiegel berichtet, dass die Gewalt in Familien zunimmt. 405 Kinder sind in Berlin 2020 betroffen, das ist eine Steigerung um 14,4 Prozent zu 2019. Das ist schrecklich.

„Home-Office plus Home-Schooling führt zu Entgrenzungserscheinungen und ‚Spätschichten‘ zu Hause. Aktuelle Studien zu ‚Big Burnout‘ weisen darauf hin, dass Home-Office auch deutliche Belastungsfaktoren mit sich bringt.“, schreibt ein Leser. Und auch diese Leserin spricht vielen aus der Seele: „Wie soll das gehen mit Kindern, die Homeschooling machen? Und Eltern, die ihren Job erledigen sollen und zuhause Lehrer, Betreuer und Koch sind. Und vielleicht noch Zukunftsängste haben, weil der Partner ohne Arbeit ist.“

Viele Familien sind mit der Arbeit und Home-Schooling überlastet. Das kostet Kraft und raubt Schlaf.

Weitere Kommentare untermauern das: „Wenn die Kids wieder in der Schule oder im KiGa sind, okay, ansonsten bleibt mehr Schlaf doch eher ein frommer Wunsch für Eltern.“ – „Wenn man Kinder hat und die KiTas geschlossen sind, dann spielt man während der Video Konferenz mit Autos und holt im Mittagsschlaf von Junior den versäumten Workflow nach.“ – „Wenn Homeoffice auf wenig Wohnfläche mit Kindern im Distance-Learning stattfindet, tue ich mir schwer, Vorteile zu erkennen.“

Diese Erfahrungen sind für Eltern – wie auch mich – völlig nachvollziehbar. Das zerrt an den Nerven und kostet viel Kraft.

Mehr Flexibilität und gesundes Essen

Gleichzeitig existiert auch diese Realität: „Wir sind gerne im Home office/Home schooling. Viel entspannter“, schreibt eine Leserin auf Facebook. „Ich arbeite zu 90% im Homeoffice. Ich könnte mir keine bessere Arbeitsweise vorstellen. Mein Leben ist dadurch entschleunigt, flexibel und familienkompatibel. Ich kann arbeiten und in Ruhe ein selbst gekochtes Essen für die Familie zaubern“, kommentiert eine Leserin auf XING.

Zu dem Gesamtbild gehört auch, dass laut ZEIT aktuell gesunde Ernährung wächst: „14 Prozent der Befragten gaben an, sich während der Pandemie gesünder zu ernähren, wohingegen nur sieben Prozent angaben, sich schlechter zu ernähren.“ Doch wer kocht? „Home-Office – die moderne Art, Frauen an den Herd zu fesseln!“, kritisiert eine wütende Leserin. Der Tagesspiegel unterstreicht diese Meinung, denn Frauen machen in mehr als 25 Prozent der Familien die Hausarbeit allein. Nur in fünf Prozent der Haushalte übernehmen Männer gänzlich diese Arbeit.

Home-Office bringt also sowohl positive wie auch negative Auswirkungen mit sich.

‚Check-In‘ & ‚Check-Out‘

Interessant finde ich auch diesen Nachteil vom Home-Office: „Mir persönlich fehlt der Arbeitsweg – quasi das ‚Check-In‘ und ‚Check-Out‘ in den Berufsalltag. Im Dauer-Home-Office fehlt es mir an der nötigen Distanz zu meinem Privatleben“, schreibt eine Leserin auf LinkedIn. Ein Leser unterstreicht den Wunsch nach einem ‚Check-Out‘: „Der Heimweg fehlt, wo man vom Tag abschalten kann. Jetzt geht man übergangslos von der Arbeit ins Privatleben, ohne dass man von der Arbeit ‚runter‘ kommen kann.“

Das fehlende Abschalten können bewegt einige Menschen: „Nur Home Office ist nicht hilfreich, weil ich im Flow weiter am PC schreibe. Bei Außenterminen kann ich den Feierabend klarer abgrenzen.“, schreibt eine Leserin. Dieselbe Erfahrung macht ein anderer Leser: „Im Home-Office gibt es keinen Feierabend, man arbeitet deutlich mehr.“ Dazu meint ein Leser: „Es liegt in erster Linie an einem selbst, konsequent auf ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Arbeit und Privatleben zu achten.“

Positiver Luxus

Bei aller Kritik und Herausforderungen, kam auch viel Lob für das Arbeiten Zuhause: „Von vielen Berufstätigen in Büro-Jobs höre ich, dass ihre Work-Live-Balance dank Home-Office viel besser ist. Sie können länger schlafen, Mittagsschlaf machen, zwischendurch spazieren gehen oder Sport machen.“

Auch sie schwärmt: „Seit dem Remote Arbeiten mache ich fast täglich zwei Stunden Mittagspause, in denen ich ein meist gesundes Mittagesse koche und noch 20 Minuten Mittagsschlaf dranhänge. Danach arbeite ich motiviert und produktiver weiter. Mit dem Wissen, den Kindern geht’s gut und sie können mich auch im Homeoffice ansprechen, geht das leichter. Schade, dass dies noch nicht bei allen Arbeitgebern möglich ist.“ Die Umgebung spielt eine große Rolle: „Durch das entspannte und vertraute Klima in den eigenen vier Wänden habe ich weniger Stress auf der Arbeit, kann mich besser konzentrieren und länger ausschlafen. In meinem Fall führte die Pandemie zu einer Verbesserung der Arbeitssituation.“

„Der Luxus im Home-Office ist natürlich, dass der eigene Biorhythmus mehr berücksichtigt werden kann. Wenn der Arbeitgeber darüber hinaus flexible Arbeitszeiten gewährt, geht das natürlich noch mehr.“ Und manche Menschen leben schon lange so entspannt: „Als Freelancerin genieße ich seit über 20 Jahren den ‚Luxus‘, meist ausgeschlafen zu sein. Vermutlich entdecken einige Menschen nun – gezwungenermaßen im Home-Office – einen gesünderen, für sie stimmigen Lebensrhythmus und können ihn bestenfalls in Zukunft beibehalten oder annähern.“

Kann aus dem ‚Luxus‘ ein allgemeines Gut für alle werden?

Büro vs. Home-Office: Zeit, dass sich was ändert

Achtung Unternehmen. Diese Umfrage von Good News Magazin auf Instagram hat drastische Folgen, wenn ihr Menschen ernst nehmt. Gefragt haben wir: „Wie würdest du am liebsten arbeiten?“.

10.316 Antworten verteilen sich auf diese drei Optionen:

  1. 75% – 7.707 Stimmen für „Büro und Home Office im Wechsel“
  2. 15% – 1.551 Stimmen für „Nur im Home Office“
  3. 10% – 1.058 Stimmen für „Nur im Büro“ Abgeschlagen auf Platz 3 landet das Büro – der aktuelle Status Quo. Das sollte Unternehmen zu denken geben!

Sonst gehen die Mitarbeiter:innen

Klartext kam in einem Kommentar: „Ich hab meinen letzten Job gekündigt, weil mir mein Arbeitgeber kein Homeoffice genehmigt hat, obwohl ich jeden Tag fast drei Stunden in öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs war. Seither fahre ich 15 Minuten mit dem Rad zur Arbeit und habe so definitiv mehr Schlaf – auch ohne Homeoffice!“

Es bedarf neuer Strukturen für gute Zusammenarbeit und guten Schlaf. Auf Facebook sprechen sich Leser:innen für einen gesunden Mix aus: „Ich spare so viel Zeit und kann mich besser konzentrieren, wenn ich zu Hause bin. Möchte aber auch nicht komplett aufs Büro verzichten.“ – „Ich denke, dass Homeoffice generell eine gute Sache ist, wenn man die richtige Ausstattung hat und viele Ressourcen geschont werden könnten, wenn mehr Arbeitgeber das Vertrauen in ihre MA setzten würden, dass diese auch ohne Überwachung arbeiten. Mir persönlich würde auf Dauer der direkte Austausch mit den Kollegen fehlen.“ – „Manche Dinge sind von Angesicht zu Angesicht besser, aber für meinen Job würde da ein Tag die Woche im Büro reichen. Rest im Home-Office. Fände ich toll!“ – „Den Mix finde ich super. Ich war jetzt lange nur im Homeoffice. Seit heuer bin ich wieder einen Tag fix im Büro. Das ist recht flexibel und fein finde ich.“

Fazit

Es gibt nicht die eine Antwort und auch nicht die eine beste Lösung für alle. Arbeit, Arbeitsorte und die Art der Zusammenarbeit werden vielfältiger. Familien müssen dringend entlastet werden. Hören wir den Menschen zu.

Völlig klar erscheint mir – bei aller Vielfältigkeit – dass kein Weg an der Mischung aus Home-Office und Büro vorbei führt gepaart mit mehr Vertrauen in Mitarbeiter:innen, dass sie arbeiten wollen.

Beitragsbild: BRUNO EMMANUELLE Unsplash

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Martin Gaedt

Martin Gaedt ist Autor der Bücher "Rock Your Idea" und "Mythos Fachkräftemangel". Er ist Arbeitsmarktexperte, mehrfacher Unternehmensgründer und war 2007 bis 2020 Arbeitgeber. Good Work mit Raum zur Entfaltung, Ideenfitness und Provotainment liegen ihm am Herzen, denn Fragen, Humor, Provokation und engagierte Kolleg:innen sind der Keim aller Veränderung.

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