Mindestens 230.000 Menschen erkranken in Deutschland jedes Jahr an einer Sepsis, mindestens 85.000 sterben daran. Das bedeutet: Alle sechs Minuten verliert ein Mensch sein Leben durch eine Sepsis. Dabei ließe sich ein Teil dieser Erkrankungen und Todesfälle verhindern – durch Schutz vor Infektionen, das Wissen um die Warnzeichen und schnelles Handeln im Ernstfall.
Am 13. September war Welt-Sepsis-Tag – informiert euch jetzt unter @DeutschlandErkenntSepsis bei Instagram oder deutschlanderkenntsepsis.de, damit ihr euch und eure Liebsten schützen könnt – Gemeinsam stark gegen Sepsis! #Anzeige
Bei einem Herzinfarkt wissen viele Menschen, dass plötzlich auftretende Schmerzen in der Brust ein Alarmsignal sein können. Beim Schlaganfall sind ein hängender Mundwinkel oder Sprachstörungen inzwischen weithin bekannte Warnzeichen. Doch was sind eigentlich die Warnzeichen einer Sepsis?
Obwohl die Sepsis zu den häufigsten medizinischen Notfällen in Deutschland gehört, ist sie vielen Menschen weit weniger vertraut. Dabei ist auch hier Zeit ein entscheidender Faktor. Genau hier setzt die Kampagne #DeutschlandErkenntSepsis an. Sie will Sepsis stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken und darüber aufklären, wie sich das Risiko durch Infektionsschutz senken lässt, welche Warnzeichen auf eine Sepsis hindeuten können und wie Betroffene und Angehörige im Ernstfall richtig reagieren. Die Kampagne #DeutschlandErkenntSepsis wurde vom Aktionsbündnis Patientensicherheit e. V. (APS) initiiert. Zusammen mit den Partnern SepsisDialog der Universitätsmedizin Greifswald, Deutsche Sepsis Hilfe e. V. und Deutsches Qualitätsbündnis Sepsis am Universitätsklinikum Jena (DQSep) klärt die Kampagne die Bevölkerung und das medizinische Fachpersonal über die Prävention, Erkennung, Behandlung und Nachsorge von Sepsis auf. Die Kampagne erhält eine Förderung des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG).
Sepsis verhindern, bevor sie entsteht
Eine Sepsis entsteht als Folge einer Infektion. Normalerweise bekämpft unser Immunsystem Krankheitserreger dort, wo sie in den Körper eingedrungen sind. Gelingt es dem Körper jedoch nicht, eine Infektion lokal einzudämmen, kann die Immunreaktion außer Kontrolle geraten. Sie richtet sich dann nicht mehr nur gegen die Infektion, sondern schädigt auch körpereigene Organe. Im schlimmsten Fall versagen lebenswichtige Organe. Doch die gute Nachricht ist: Gegen einen Teil dieses Risikos können wir selbst etwas tun.
Die Kurzformel ist: ohne Infektion keine Sepsis. Wer Infektionen verhindert oder ihr Risiko reduziert, betreibt deshalb gleichzeitig Sepsis-Prävention. Besonders häufig beginnt eine Sepsis mit einer Infektion der Atemwege. Rund 40 Prozent der Fälle gehen beispielsweise auf Lungenentzündungen, Grippe oder Covid-19 zurück. Etwa jede fünfte Sepsis entsteht aus einem Harnwegsinfekt. Weitere mögliche Ausgangspunkte sind Infektionen im Bauchraum, entzündete Wunden oder Infektionen des zentralen Nervensystems.
Besonders gefährdet sind Menschen, deren Immunsystem Infektionen schlechter abwehren kann. Dazu gehören unter anderem Menschen über 60 Jahre, Säuglinge und Kleinkinder, Schwangere sowie chronisch kranke Menschen. Auch Krebserkrankungen oder Medikamente, die das Immunsystem unterdrücken, können das Risiko erhöhen.
Eine wichtige Rolle bei der Verhinderung von Infektionen spielen Impfungen. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt je nach Alter und gesundheitlicher Situation unterschiedliche Impfungen. Sie können Infektionen verhindern oder die Gefahr schwerer Verläufe reduzieren – und damit auch Erkrankungen vorbeugen, aus denen sich eine Sepsis entwickeln könnte.
„Die häufigste Ursache einer Sepsis ist die Lungenentzündung. Und Lungenentzündungen kann man vermeiden, indem man sich zum einen hygienisch verhält – zum Beispiel durch Händewaschen oder Maske tragen bei Immunschwäche“, erklärt Prof. Dr. Mathias Pletz vom Universitätsklinikum Jena. Wichtig seien zudem Impfungen: „Es gibt Impfungen gegen die meisten viralen Erreger der Lungenentzündung: Influenza, RSV, SARS-CoV-2 und auch gegen den häufigsten bakteriellen Erreger – die Pneumokokkenimpfung.“
Jede Infektion sollte ernst genommen, beobachtet und auskuriert werden und bei einer Verschlechterung ärztlich behandelt werden. Verletzungen sollten gereinigt, versorgt und anschließend beobachtet werden. Werden Wunden auffällig rot oder schwellen an, kann das auf eine Infektion hindeuten und sollte ärztlich abgeklärt werden. Kurz gesagt: Infektionsprävention ist auch Sepsis-Prävention.
Wenn aus einer Infektion ein Notfall wird
In der Realität lässt sich selbstverständlich nicht jede Infektion verhindern. Umso wichtiger ist der zweite Hebel: eine beginnende Sepsis möglichst früh zu erkennen. Denn Sepsis ist ähnlich wie Herzinfarkt und Schlaganfall ein zeitkritischer medizinischer Notfall. Wird sie frühzeitig erkannt und die zugrunde liegende Infektion schnell behandelt, steigen die Überlebenschancen. Gleichzeitig kann das Risiko von Folgeerkrankungen sinken.
Das betrifft keineswegs nur Menschen, die bereits im Krankenhaus liegen. Die Mehrzahl der Sepsis-Fälle entwickelt sich außerhalb von Krankenhäusern – beispielsweise zu Hause aus einer zunächst gewöhnlich erscheinenden Infektion. Hellhörig werden sollte man, wenn sich der Zustand bei einer Infektion deutlich verschlechtert. Zu den möglichen Warnzeichen gehören starke Schmerzen oder ein bisher nie gekanntes Krankheitsgefühl, Verwirrtheit oder Desorientierung, Atemnot, Herzrasen oder ein stark abfallender Blutdruck, Fieber oder Schüttelfrost sowie kalte, feuchte oder fleckige Haut.
Besonders ungewöhnlich kann eine plötzliche Wesensveränderung sein: Ein Mensch wirkt auf einmal verwirrt, ist nicht mehr richtig ansprechbar oder verhält sich vollkommen anders als sonst. Kommt bei einer sich verschlechternden Infektion mindestens eines dieser Warnzeichen hinzu, sollte der Notruf 112 alarmiert werden. Dabei hilft es, die bestehende Infektion und die beobachteten Symptome möglichst genau zu schildern – und den Verdacht auf eine Sepsis ausdrücklich anzusprechen.
“Könnte es Sepsis sein?” – Frag nach und rette Leben!
Wie wichtig schnelles Handeln sein kann, weiß Kristina aus eigener Erfahrung. 2019 überlebte sie eine schwere Streptokokken-Sepsis und engagiert sich seitdem bei der Deutschen Sepsis-Hilfe e.V. für Betroffene. Außerdem unterstützt sie dabei, das Thema Sepsis durch ihre eigenen Geschichte sichtbar zu machen. So appelliert sie an andere: „Wenn es euch so schlecht geht, wie es euch noch nie ging, einfach richtig schlimm, und man wirklich ein schlechtes Gefühl hat: nicht zögern, fragen – könnte es eine Sepsis sein? Handelt schnell, schnell, schnell.“ Denn ein großes Problem ist noch immer fehlendes Wissen.
„Sepsis ist einer der häufigsten medizinischen Notfälle in Deutschland und gleichzeitig einer der unbekanntesten“, sagt Prof. Dr. Stefan Schröder, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie im Artemed Klinikum Düren und Vorstandsmitglied des Aktionsbündnisses Patientensicherheit. „Solange die meisten Menschen nicht wissen, woran sie eine Sepsis erkennen, werden wir weiter vermeidbare Todesfälle sehen.“
Das Wissen darüber ist auch deshalb wichtig, weil eine überstandene Sepsis nicht zwangsläufig mit der Entlassung aus dem Krankenhaus vorbei ist. Drei Viertel der Überlebenden erleiden Spätfolgen. Dazu können körperliche, kognitive und psychische Beeinträchtigungen gehören.
Prävention beginnt mit Wissen
85.000 Todesfälle pro Jahr zeigen, wie groß die Aufgabe noch ist. Doch gerade weil Sepsis immer mit einer Infektion beginnt und eine schnelle Behandlung die Chancen der Betroffenen verbessern kann, gibt es konkrete Möglichkeiten, das Risiko zu verringern: Impfungen können Infektionen und schwere Verläufe verhindern. Hygiene kann Übertragungen reduzieren. Entzündete Wunden und Infektionen ernst zu nehmen, kann zu einer früheren Behandlung führen und Schlimmeres verhindern. Denn wer die Warnzeichen einer Sepsis kennt, kann im entscheidenden Moment schneller reagieren.
Am 13. September macht der Welt-Sepsis-Tag jedes Jahr auf genau diese Möglichkeiten aufmerksam. Die Kampagne #DeutschlandErkenntSepsis möchte erreichen, dass die Frage „Könnte es Sepsis sein?“ ähnlich selbstverständlich wird wie das Wissen um die Warnzeichen eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls.
Denn gegen Sepsis hilft nicht nur medizinischer Fortschritt. Manchmal beginnt der entscheidende Unterschied schon damit, zu wissen, wonach man Ausschau halten muss.
Beitragsbild: Jana Legler