Neue Leitlinien für eine respektvolle Berichterstattung im Sport

von | 29. Juli, 2026 | Füreinander

Ivana Španović | Erik van Leeuwen (bron: Wikipedia)

Wie filmt man eine Sportlerin so, dass das Filmmaterial ihre Kraft und ihr Können würdigt, anstatt sie zu untergraben? Raising the Bar gibt praktische Leitlinien für eine respektvolle Kameraführung in der Frauenleichtathletik vor.

Die Europäische Rundfunkunion (EBU) hat mit Raising the Bar einen praktischen Leitfaden veröffentlicht, der Sportübertragungen im Frauenleichtathletik-Bereich respektvoller und professioneller machen soll. Ziel ist es, den Fokus konsequent auf Leistung, Technik und Wettkampf zu legen, statt Athletinnen durch problematische Kamerawinkel zu sexualisieren. Diese Leitlinien betreffen in Deutschland ARD und ZDF als Mitglied der EBU.

“Ich begrüße die Initiative der EBU und danke allen Regisseur:innen, Kameraleuten und Athlet:innen für ihr Engagement. Der einzige Weg nach vorn führt über Zusammenarbeit, Dialog und gegenseitiges Verständnis zwischen allen Beteiligten. Gemeinsam freuen wir uns darauf, unseren Sport auf eine ansprechendere und respektvollere Weise zu präsentieren, unsere Verbindung zum Publikum zu stärken und eine nachhaltige, positive Wirkung auf die Leichtathletik zu gewährleisten.”
Dobromir Karamarinov, Präsident des Europäischen Leichtathletikverbands 

Was ist die EBU?
Die Europäische Rundfunkunion (englisch European Broadcasting Union, EBU) ist der weltweit größte Zusammenschluss öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten und Medienorganisationen. Sie hat ihren Sitz in Genf und vertritt über 100 Mitglieder in mehr als 50 Ländern. Bekannt ist die EBU vor allem als Veranstalter des Eurovision Song Contest (ESC) sowie für den Nachrichtenaustausch über die Eurovision.

Das Raising the Bar-Dokument gibt dabei ganz praktische Leitlinien für Regie- und Kamerateams vor und stützt sich auf konkrete Beispiele aus dem Fernsehen sowie auf die Erfahrungen der Olympiateilnehmerinnen Holly Bradshaw (Stabhochsprung), Ivana Španović (Weitsprung) und Blanka Vlašić (Hochsprung). Konkret werden drei Kategorien von Aufnahmen benannt, die Produktionsteams künftig vermeiden sollen:

  • Nahaufnahmen spezifischer Körperteile (Brust und Gesäß), die den Fokus von der sportlichen Leistung ablenken.
  • Tiefe Rückansichten aus sehr niedrigen Winkeln, direkt von hinten oder von unten, wie sie oft bei Hoch- und Weitsprung oder beim Sprintstart angewandt wurden.
  • Zeitlupenwiederholungen ohne technischen Mehrwert, die, wie das Dokument festhält, aus dem Kontext gerissen und auf Social Media missbraucht werden, was zu Online-Belästigungen führen kann.

“Die Art und Weise, wie unser Sport während Live-Übertragungen dargestellt wird, kann unglaublich wirkungsvoll sein, aber manchmal auch schädlich für die teilnehmenden Frauen und die Frauen und Mädchen, die zuschauen. Ich habe selbst Beleidigungen in den sozialen Medien erlebt und unangemessene Videos von mir und meinen Kolleginnen im Internet gesehen. Sportlerinnen möchten den Sport, den sie lieben, genießen, ohne sich unwohl oder ängstlich zu fühlen, weil das Filmmaterial live gezeigt wird. Viele Sportlerinnen, mich einschließlich, waren schon in Wettkampfsituationen, in denen sie sich mehr auf die Kameras als auf ihre eigene Leistung konzentriert haben. Es gibt so viele verschiedene Blickwinkel, aus denen unser Sport gezeigt werden kann, die hervorheben, wie technisch anspruchsvoll und beeindruckend diese Felddisziplinen und Sportlerinnen sind; doch in zu vielen Fällen zoomen die Kameras heran und zeigen Super-Zeitlupen-Wiederholungen von Sportlerinnen in unwürdigen Positionen.”
Holly Bradshaw, britische Bronzemedaillengewinnerin im Stabhochsprung

In kurz: Respektvolle Bilder fokussieren sich auf das Können im Sport statt auf den Körper
Bild: Erik van Leeuwen (bron: Wikipedia)
In kurz: Respektvolle Bilder fokussieren sich auf das Können im Sport statt auf den Körper
Bild: Erik van Leeuwen (Wikipedia)

Im Sport sollte die Leistung im Mittelpunkt stehen

Raising the Bar rät allgemein zu Perspektiven, die Anlauf, Absprung, Flugphase und Zielbild sportlich sinnvoll zeigen. Das Dokument zeigt zugleich, dass die Blickwinkel, die Technik und Emotionen am besten einfangen, oft genau diejenigen sind, die den Athletinnen Würde verleihen.

Diese neuen Richtlinien sind ein wichtiger Schritt nach vorn. Sie sind konkret, arbeiten mit Beispielen aus echten Übertragungen und können, wenn sie von den Sendern konsequent umgesetzt werden, tatsächlich etwas verändern. Gleichzeitig bleiben sie freiwillig: Es gibt weder Sanktionen noch eine verbindliche Pflicht zur Anwendung. Wer bisher kein Problem damit hatte, eine Stabhochspringerin von unten zu filmen, wird das womöglich auch künftig tun, solange es dafür keine Konsequenzen gibt.

Genau deshalb bleibt die eigentliche Frage, die sich die Autorin hier stellt: Warum braucht es im Jahr 2026 noch immer einen Leitfaden, der überhaupt erst daran erinnern muss, dass im Sport die Leistung im Mittelpunkt stehen sollte? Athletinnen sind keine Objekte. Sie sind Profis, die körperlich und mental an ihre Grenzen gehen — und genau das verdient es, gezeigt zu werden!

Beitragsbild: Ivana Španović, fotografiert von Erik van Leeuwen (Wikipedia)

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