Das finnische Erfolgsmodell

„Es ist möglich, Obdachlosigkeit zu verringern – und sogar zu beenden“

von | 26. Juli, 2022

Das finnische System zur Bekämpfung der Obdachlosigkeit ist simpel, revolutionär und erfolgreich. Ein Modell auch für andere europäische Länder.

Finnland hat in Sachen positive Statistiken viel vorzuweisen. Hält das nordische Land doch trotz Kälte, Schnee und Dunkelheit schon seit fünf Jahren den Titel des glücklichsten Landes der Welt, zumindest nach den jährlichen UN World Happiness Reports. Finnland ist außerdem eines der sichersten und stabilsten Länder weltweit und ein Vorreiter in Sachen Geschlechterrepräsentation in der Politik: Seit den letzten Wahlen 2019 wird fast die Hälfte der Sitze im finnischen Parlament von Frauen gehalten. Zudem werden alle fünf Regierungsparteien von Parteichefinnen geführt, darunter Finnlands Premierministerin Sanna Marin, die jüngste und laut Medien „coolste Regierungschefin“ Europas

Doch Finnland ist noch in einer anderen Hinsicht fortschrittlich. Denn es ist derzeit das einzige Land Europas, in dem die Zahl obdachloser Menschen seit Jahren und trotz jüngster Krisen konstant zurückgeht. Möglich wird das durch Finnlands innovatives System zur Bekämpfung der Obdachlosigkeit, bei dem Wohnen als Menschenrecht betrachtet wird. 

Am Anfang steht der politische Wille

Wo ein (politischer) Wille, da ein Weg. Das ist die erste Lektion der finnischen Erfolgsgeschichte. Denn noch 1987 waren knapp 20.000 Menschen der damals 4,9 Millionen Einwohner:innen in dem skandinavischen Land obdachlos. Mit dem Start mehrerer politischer Programme zur Reduzierung der Obdachlosigkeit sank diese Zahl bis Mitte der 2000er auf unter 10.000. Doch die finnische Regierung wollte noch einen Schritt weiter gehen, auch, weil die gängigen Maßnahmen eine wichtige Gruppe nicht zu erreichen schienen: die Gruppe der sogenannten Langzeit-Obdachlosen. Darunter werden in Finnland die Personen verstanden, die seit mindestens einem Jahr ohne Unterkunft leben oder innerhalb der vergangenen drei Jahre mehrmals obdachlos waren.

Im Auftrag des finnischen Umweltministeriums, das auch für den Bereich Wohnen zuständig ist, wurde darum eine Arbeitsgruppe aus vier Experten gegründet. Sie sollten einen Ansatz zur Bekämpfung der Obdachlosigkeit erarbeiten, der alle Betroffenen erreicht. Das Besondere an dieser „group of the wise“ (dt.: “Gruppe der Weisen”), wie sie betitelt wurde, war ihre Zusammensetzung. Denn zum ersten Mal saßen Angehörige verschiedener Gesellschaftsbereiche am selben Tisch. Da war der Leiter von Helsinkis Sozialdienst, der finnische Parlamentsabgeordnete und Aktivist Ilkka Taipale, der Bischof von Helsinki und der Geschäftsführer der Y-Foundation. Letztere ist ein Bündnis aus mehreren finnischen Stadtvertretungen und Organisationen, das sich seit 1985 dem Ziel verschrieben hat, obdachlose Menschen bei der Suche nach einem Zuhause zu unterstützen.

Gemeinsam kamen die vier Experten zu einer Schlussfolgerung, die Finnlands Konzept zur Bekämpfung der Obdachlosigkeit tiefgreifend verändern sollte. In ihrem Abschlussbericht hielten sie fest:

„Die Lösung sozialer und gesundheitlicher Probleme ist keine Voraussetzung für die Beschaffung einer Unterkunft. Vielmehr ist die Unterkunft die Voraussetzung, die es ermöglichen wird, die anderen Probleme einer obdachlosen Person zu lösen“.

Den umgekehrten Weg gehen

Der Ansatz, den die vier „Weisen“ in ihrem Bericht vorschlagen, ist zu diesem Zeitpunkt nicht neu. Denn die Idee, dass obdachlose Menschen zuallererst eine Unterkunft brauchen, bestand bereits seit mehreren Jahrzehnten: In den USA verbreitete sich das Konzept, das unter dem Namen „Housing First“ bekannt werden sollte, nach einem erfolgreichen Pilotprojekt in New York in den 1990er Jahren zunehmend auf kommunaler Ebene und erreichte schließlich auch Europa. Inzwischen gibt es Organisationen und Projekte, die mit dem Prinzip „Housing First“ arbeiten, in vielen nordamerikanischen und europäischen Städten, darunter beispielsweise auch in Hamburg oder Berlin.

Doch Finnland ist bislang das einzige Land, das dieses Konzept auf staatlicher Ebene und damit flächendeckend eingeführt hat. Ein gewaltiger Schritt, der gängige Systeme im wahrsten Sinn des Wortes auf den Kopf stellt.

Denn besagte gängige Systeme basieren in den meisten Fälle auf dem sogenannten „Stufenmodell“. Dieses sieht vor, dass obdachlose Menschen auf dem Weg zu einer eigenen Wohnung mehrere Abschnitte durchlaufen müssen, mit denen sie sich für die nächsthöhere „Stufe“ und schlussendlich für die eigene Wohnung qualifizieren. In Deutschland spricht man in diesem Kontext davon, dass die betroffenen Personen durch diesen Prozess ihre „Wohnfähigkeit unter Beweis stellen“ sollen. Was genau dabei unter „Wohnfähigkeit“ verstanden wird, ist nicht klar definiert. Häufig aber spielen Kriterien wie Abstinenz, Autonomie oder eine gewisse (auch finanzielle) Stabilität eine Rolle.

Was auf den ersten Blick sinnvoll scheinen mag, birgt bei näherer Betrachtung mehrere Probleme. Denn wie der Sozialwissenschaftler Volker Busch-Geerstema formuliert, wird aus der Aufstiegsleiter der Integration […] viel zu oft eine Rutsche in die Ausgrenzung”. Das heißt, mit jeder weiteren Stufe ist die Gefahr höher, dass ein obdachloser Mensch die erforderlichen Kriterien nicht mehr erfüllt oder selbst beschließt, das Angebot nicht wahrzunehmen. Häufig geschieht das aufgrund des Gefühls, durch die strengen Vorgaben in der eigenen Autonomie eingeschränkt zu werden. Die Hilfsansätze, so gut sie gemeint sind, laufen also zu einem großen Teil ins Leere. Genau hier bietet Housing First eine vielversprechende Alternative.

Eine neue Philosophie: das Recht auf ein Zuhause

Der Kerngedanke hinter der Philosophie ist so simpel wie bahnbrechend,: Eine eigene Wohnung zu haben, ist ein Menschenrecht. Darum können obdachlose Personen nach dem Ansatz von Housing First direkt in eine Mietwohnung einziehen, ohne jegliche zeitliche Übergangsbeschränkung. Erst, wenn die Unterkunft garantiert ist, kommen mögliche Maßnahmen zur Behandlung von gesundheitlichen und sozialen Problemen zum Einsatz.

Hierbei ist jedoch wichtig, dass keines der Angebote verpflichtend ist. Das heißt: wenn eine obdachlose Person beispielsweise ein Suchtmittel nicht aufgeben möchte, wird sie nicht dazu gezwungen. Vielmehr soll sie dabei unterstützt werden, den Konsum und die psychischen und physischen Begleiterscheinungen so zu mindern, dass ein eigenständiges Leben in der eigenen Wohnung möglich ist. Denn nur, wenn die Entscheidungen der obdachlosen Menschen respektiert werden, so der Gedanke, ist echte Autonomie möglich.

Zitat: „Eine Unterkunft ermöglicht ein unabhängiges Leben“ – Housing First Handbook

Grundsätzlich sind Eigenständigkeit und Selbstbestimmung der zuvor obdachlosen Menschen im Konzept Housing First eine der tragenden Säule. Ein weiterer Grundpfeiler ist die Integration der neu Zugezogenen in die Gemeinschaft vor Ort und damit längerfristig auch in die Gesellschaft allgemein. Durch die Unterstützung beim Aufbau und Erhalt eines sozialen Netzwerkes, zum Beispiel durch systematische Programme zum nachbarschaftlichen Austausch, soll die Unterkunft in ein echtes Zuhause verwandelt werden. 

Dass der Ansatz von Housing First funktioniert, zeigt sich daran, dass die große Mehrheit derer, denen eine  Wohnung durch das Projekt vermittelt wird, diese langfristig behält. Die sogenannte Wohnstabilität liegt laut Studien bei über 80, zum Teil bei deutlich über 90 Prozent.

Langzeit-Obdachlosigkeit abschaffen

Die Ziele von Housing First allgemein und des finnischen Programms im Konkreten mögen hoch gegriffen klingen. Und sie sind mit Sicherheit ambitioniert. Als die finnische Regierung im Februar 2008 ihr neues Konzept einführte, setzte sie gleichzeitig konkrete Ziele: Bis 2011 sollte die Zahl der Menschen, die von Langzeit-Obdachlosigkeit betroffen sind, um die Hälfte gesenkt werden. 2015 wurde als das Jahr festgelegt, in dem Langzeit-Obdachlosigkeit bereits Geschichte sein sollte.

Wie genau diese Ziele jeweils erreicht werden sollten, führte die Regierung in einem zweischrittigen Programm im Detail aus. Der erste Teil des Programms, PAAVO I, sollte von 2008 bis 2011 laufen. In dieser Zeit sollten in den zehn teilnehmenden Städten unter anderem mindestens 1.250 neue Unterkünfte für von Langzeit-Obdachlosigkeit betroffene Menschen geschaffen werden. Im darauf aufbauenden Maßnahmenpaket PAAVO II, von 2012 und 2015, lag der Fokus dann mehr auf der Prävention von Obdachlosigkeit, während gleichzeitig die Zahl Langzeit-Obdachloser auf null gesenkt werden sollte.

Ambitionierte Ziele also – doch wie sieht es mit deren Umsetzung aus?

Der Erfolg in Zahlen

Noch hat Finnland sein Ziel, die Langzeit-Obdachlosigkeit komplett auszumerzen, nicht erreicht. Doch die Erfolge der getroffenen Maßnahmen können sich dennoch sehen lassen: Bis 2011 wurden mehr als 1.500 neue Unterkünfte für obdachlose Menschen geschaffen, mehr also als in den Leitlinien des Regierungsprogramms vorgeschrieben.

Möglich wurde dies unter anderem durch die Umwandlung vorheriger Notunterkünfte in Wohngebäude. So beispielsweise das Alppikatur Housing First Zentrum. Seit 1937 als Notunterkunft genutzt, beherbergte das Gebäude zwischendurch mehr als 500 obdachlose Menschen in geteilten Schlafzimmern. Heute finden dort 80 obdachlose Menschen eine dauerhafte Unterkunft – in ihrer ganz eigenen Wohnung. 

Durch diese und andere Maßnahmen konnte die Zahl der Menschen, die lange Zeit ohne Obdach waren, bis 2011 zwar nicht um die Hälfte, so doch um 28 Prozent gesenkt werden. 2015 waren es bereits 35 Prozent. Und der Erfolg zeigt sich auch längerfristig;: Seit Einführung des neuen Programms hat sich die Zahl der Obdachlosen konstant verringert. Laut dem jüngsten Bericht des finnischen Zentrum für Wohnungsfinanzierung und -entwicklung ARA (Finnisch: Asumisen rahoitus- ja kehittämiskeskus),  galten im letzten Jahr rund 4.000 Menschen in ganz Finnland als obdachlos, rund 1.300 davon lebten bereits seit mehreren Jahren ohne Unterkunft. Zum Vergleich: Als das Programm 2008 implementiert wurde, waren es noch rund 3.600 Menschen.

Auch die Programme zur Prävention greifen. So konnte durch die Aufklärungsarbeit von Sozialarbeiter:innen sowie durch Unterstützungsangebote zur Mietberatung und Verschuldung die Zahl der Wohnungsräumungen drastisch reduziert werden. Dabei ist dieser Erfolg auch ein Schritt für mehr soziale Gerechtigkeit. Denn neben Personen und Familien mit geringem Einkommen profitieren besonders Menschen mit Migrationshintergrund und einer anderen Muttersprache von den Beratungsmaßnahmen.

Ein neuer politischer Umgang mit Obdachlosigkeit

Wenn also auch der ambitionierte Sieben-Jahres-Plan bis 2015 nicht ganz aufging, war er dennoch ein enorm wichtiger Schritt. Einer, der nicht nur das System, sondern die Wahrnehmung und Auseinandersetzung mit Obdachlosigkeit in Finnland nachhaltig verändert hat. Denn natürlich endete Finnlands neue Politik zur Bekämpfung der Obdachlosigkeit nicht mit dem Ende der PAAVO-Programme. Vielmehr waren diese der Grundstein für weitere Regierungsprogramme, für mehr und genauere Datenerhebungen und ganz generell für eine intensivere Auseinandersetzung mit der Frage: Was bedeutet Obdachlosigkeit?

So gibt es in Finnland beispielsweise auf die Frage, was unter „Obdachlosigkeit“ verstanden wird und wer überhaupt als „obdachlos“ gilt, eine fundierte und ausdifferenzierte Antwort. Unterschieden wird dabei klar zwischen Menschen, die auf der Straße leben, denjenigen, die in Obdachlosenunterkünften oder Institutionen leben und denjenigen, deren Bleibe unsicher ist und die in der Zwischenzeit bei Freund:innen, Bekannten oder Verwandten unterkommen müssen. Ganz besonders die letzte Gruppe wird oftmals in Statistiken, aber vor allem auch in der gesellschaftlichen Wahrnehmung, übersehen. Aus diesem Grund wird auch oft von „hidden homelessness“ oder „versteckter Obdachlosigkeit“ gesprochen.

Durch die finnische Strategie mit einer intensiven Kooperation zwischen lokaler und überregionaler Ebene und einer systematischen und immer genaueren Datenerhebung wächst auch das Bewusstsein und die Kenntnis über die Menschen, die in gängigen Strategien oft nicht berücksichtigt werden. So können Programme erarbeitet werden, die für wirklich alle von irgendeiner Form der Obdachlosigkeit betroffenen Menschen greifen. 

Ein Konzept, das sich auszahlt

All das zeigt: Das finnische Modell hat enormes Potenzial, auch für die Zukunft. Wenn auch jetzt das zuvor ausgegebene Ziel „keine Obdachlosigkeit“ noch nicht erreicht ist, so ist die Erfolgsbilanz seit der Einführung des neuen Systems doch bemerkenswert. Das gilt übrigens auch wirtschaftlich gedacht. Denn laut den Ausführungen der Y-Foundation birgt das neue Prinzip nicht unerhebliche Möglichkeiten für Kostenreduzierungen.

So würde es den Staat laut Angaben der Organisation bis zu 9.600 Euro weniger kosten, Unterkunft und Unterstützung für eine obdachlose Person zu finanzieren, als wenn diese weiterhin auf der Straße leben würde. Bei Menschen, die als langzeit-obdachlos gelten, wären es sogar bis zu 15.000 Euro pro Person, die jährlich in der Gesundheitsversorgung, in den Sozialdienstleistungen und im Justizsystem eingespart würden. 

Ein Muster für andere Länder

Finnland zeigt also gleich auf mehreren Ebenen, dass ein neues und innovatives System zur Bekämpfung der Obdachlosigkeit nicht nur umsetzbar, sondern erfolgversprechend ist. Wie es Juha Kaakinen, der ehemalige Geschäftsführer der Y-Foundation, formuliert: 

“Das finnische Beispiel zeigt, dass Obdachlosigkeit kein Naturgesetz ist. Es ist möglich, Obdachlosigkeit zu reduzieren und sogar komplett zu beenden. Der Grundstein dafür ist die Anerkennung von einer Wohnung als einem grundlegenden Menschenrecht und eine zielstrebige Regierung, die den Weg vorgibt.”

Für andere Staaten wie Deutschland, in denen Obdachlosigkeit seit Jahren ansteigt, vielleicht das Signal ihr System zu überdenken. Dabei ist das finnische Modell zwar Beispiel, muss aber keine Musterlösung sein. Was jedoch zum Muster werden sollte, ist ein System, in dem ein Zuhause für obdachlose Menschen nicht als Belohnung, sondern als grundlegendes Recht betrachtet wird. Ein System, das obdachlosen Menschen nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern Autonomie und eine Perspektive gibt. Mit seinem Ansatz hat es Finnland geschafft, vormals obdachlosen Menschen „ein Gefühl der Würde zu geben, das ihnen das Schicksal lange vorenthalten hat“. Mehr als die Zahlen ist es das, was Finnlands System auszeichnet – und was es zu einem Modell für andere Länder macht.

Beitragsbild: Ponderosa Templeton

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Luisa Vogt

Luisa Vogt ist Redakteurin beim Good News Magazin. Nach ihrem Sprachstudium arbeitet sie jetzt als Übersetzerin bei einem nachhaltigen Start-Up in Berlin. Beim Good News Magazin lebt sie ihre Leidenschaft für Sprache und für spannende, schöne Berichte aus aller Welt - weil die Welt viel mehr realistischen Idealismus braucht.

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