„Wir werfen mit Blumen auf Kanonen“

Mriya – wie geflüchtete ukrainische Musikschaffende wieder träumen lernen

von | 15. September, 2022

Mit einem gefeierten Exilorchester und Musikunterricht für geflüchtete Kinder macht die Plattform Mriya ukrainische Kultur erlebbar.

Mriya, das bedeutet „Traum“ auf Ukrainisch. Der Traum hinter der Plattform mit demselben Namen ist ein ganz besonderer – nämlich der „von der Möglichkeit, Musik zu machen jenseits des Krieges. Des künstlerischen Ausdrucks ohne Ängste – des Zusammenseins, wenn auch fernab der Heimat.“ Um das zu ermöglichen, will Mriya geflüchtete ukrainische Musiker:innen dabei unterstützen, ihren Beruf im Exil weiter ausüben zu können. Die Plattform organisiert zudem Musikunterricht für geflüchtete Kinder und bringt mit dem Exilorchester Mriya ein gefeiertes Ensemble auf die Bühnen deutscher Konzerthäuser. In einem Gespräch erklärt der Mitbegründer von Mriya, Roman Ohem, warum es so wichtig ist, dass die Welt gerade jetzt die ukrainische Kultur erlebt.

Durch die Musik zusammengebracht

Am Anfang stand der Wunsch zu helfen. Denn als der Angriffskrieg auf die Ukraine begann, war es für Roman Ohem eine Selbstverständlichkeit, dass er nicht tatenlos zusehen würde. Gemeinsam mit seinem Freund, dem ukrainischen Cellisten Lev Kucher, nutzten die beiden ihre Kontakte, um eine Liste der ukrainischen Musiker:innen zu erstellen, die ihr Heimatland verlassen mussten. Dabei ging es zunächst nur um die Dokumentation der geflüchteten Musiker:innen, eine Grundlage für spätere Hilfen und die Orientierung im deutschen Bürokratiedschungel. Niemals hätten sie gedacht, dass aus ihren Bemühungen, „ein wenig Licht ins Dunkel“ zu bringen, ein gefeiertes Orchester entstehen würde.

Doch dann nahmen einige ukrainische Musikerinnen die Sache einfach selbst in die Hand. Nach der Flucht aus ihrem Heimatland in Potsdam untergekommen, verabredeten sie sich Anfang März 2022 über Social Media zum gemeinsamen Musikmachen – das Kernensemble von Mriya war geboren.

Aus anfangs vier Musikerinnen wurde ein gefeiertes Exilorchester. Bild:  André Stadniuk

Als Ohem von der Zusammenkunft der Musikerinnen erfuhr, fand er es „einfach Wahnsinn, dass diese Frauen sich entschieden haben, trotz aller Unsicherheiten, sich zusammenzufinden und auf die Bühne zu gehen.” Kurzerhand entschied er, ein für Mitte März geplantes Release-Konzert seiner neuen CD in Bremen umzufunktionieren. Stattdessen spielten dort mehrere geflüchtete ukrainische Musiker:innen zusammen, es sollte das Gründungskonzert von Mriya werden.

Mit Musik im Exil für die Heimat einstehen

Für Roman Ohem, vielmehr jedoch noch für die Musiker:innen des Orchesters, war dieses erste Konzert ein „unglaublich emotionaler Moment“. Das Ensemble besteht vorwiegend aus Frauen, die auf der Flucht ins Unbekannte ihre Heimat und ihre Partner zurücklassen mussten. Viele von ihnen wären lieber geblieben. Das Konzert war für sie ein Schlüsselerlebnis, so Ohem:

„Durch die Möglichkeit, auf der Bühne zu sein und ihre Geschichte zu erzählen, haben sie erkannt, welchen Sinn es hat, dass sie weggeschickt wurden: dass sie im Exil ihrem Land helfen können, viel mehr noch als von innen.”

Roman Ohem

Umso wichtiger war es nun, diese Botschaft weiterzutragen. So klemmte sich Ohem hinter seinen Computer, nutzte seine Kontakte aus jahrelanger Arbeit in der Musikbranche und verschickte „einen Riesenhaufen E-Mails“. Innerhalb einer Stunde standen weitere Konzerttermine fest, in Hamburg und in der Berliner Philharmonie.

„Wir haben kaum geschlafen“

Nun musste es schnell gehen, denn innerhalb weniger Wochen mehrere Konzerte in verschiedenen deutschen Städten zu organisieren, noch dazu mit einem Orchester, dessen Besetzung sich von Auftritt zu Auftritt änderte, wäre auch ohne die zusätzlichen bürokratischen Hürden eine Herausforderung gewesen. Zeit zum Schlafen blieb dabei wenig. Zugute kam Ohem seine Erfahrung als langjähriger Vorsitzender des Vereins Culture Connects, der sich bereits seit 2016 der kulturellen Teilhabe von Geflüchteten und Menschen verschiedenster Kulturen verschrieben hat.

Entstanden aus einer studentischen Initiative der Hochschule für Künste in Bremen während der sogenannten „Flüchtlingskrise“, verfolgt Culture Connects das Ziel, „Migrationskulturen zu leben, auf die Bühne zu bringen und Vielfalt zu feiern“, so Roman Ohem. Der Verein ist Träger des Orchesters und der Plattform Mriya über die sich geflüchtete Kunstschaffende und Musiker:innen vernetzen können, um „neu angekommenen Musikern eine künstlerische Heimat [zu] bieten und […] eine Fortsetzung des Berufs zu ermöglichen”. Gleichzeitig übernehmen Ohem und seine Mitstreiter:innen die Organisation und Logistik für das Exilorchester.

Die künstlerische Leitung jedoch, darauf legt Ohem Wert, obliegt einzig und allein den geflüchteten Musiker:innen. Sie wählen die Stücke, bestimmen die Besetzung und die Konzeption der Darbietung und sind für deren Umsetzung verantwortlich.

Wieder Vertrauen und Selbstbestimmung erfahren

Genau diese Eigenständigkeit der Künstler:innen ist es, die Mriya von vielen anderen Organisationen unterscheidet, die Events und Konzerte zur Unterstützung der ukrainischen Bevölkerung veranstalteten. Denn auch Mriyas Konzerte sind zwar Konzerte für die Ukraine. Doch sie sind eben auch Konzerte von Ukrainer:innen. Ein kleiner, aber feiner Unterschied, den Roman Ohem mit einem Augenzwinkern als „fast antikolonialistisch“ bezeichnet. Denn anstatt davon auszugehen, als deutsche Organisation zu wissen, wie ein Konzert am besten organisiert werden müsse, wird den Geflüchteten hier Vertrauen geschenkt – und die wertvolle Möglichkeit „in einer Situation des absoluten Kontrollverlusts wieder Selbstbestimmung zu erfahren.“

Dieses Vertrauen zahlt sich aus. Am 10. Mai stand in der Berliner Philharmonie die bislang größte Formation des Ensembles auf der Bühne. Die 30 ukrainischen Musiker:innen hatten erst am Tag zuvor zum ersten Mal in dieser Besetzung zusammen gespielt. Was in der konventionellen deutschen Konzertplanung undenkbar gewesen wäre, wurde zu einem enormen Erfolg. „Perfektion, fast aus dem Stand“, so betitelte der Tagesspiegel den Auftritt des Orchesters und reihte sich damit ein in eine Welle begeisterter Berichterstattungen über die „berührende“, „mitreißende“ und „beeindruckende“ Performance des Exilorchesters.

Nicht nur ein Orchester von vielen

Hatten die vorigen Auftritte des Orchesters in Hamburg bereits ein gewisses mediales Interesse hervorgerufen, war Mriya mit dem Auftritt in der Berliner Philharmonie plötzlich überall: Von der Deutschen Welle über den SWR bis in die USA und nach Indien berichteten Zeitschriften und Rundfunksender über das Orchester aus geflüchteten ukrainischen Musiker:innen. Seitdem folgten zahlreiche Einladungen. „Wir kommen gar nicht hinterher, alle Termine auf der Website einzutragen“, lacht Roman Ohem. Noch dazu führt die größere Präsenz des Exilorchesters dazu, dass schon mehrere seiner Musiker:innen von deutschen Orchestern unter Vertrag genommen wurden – und zu wichtigen Spenden für die Ukraine.

Für die Musiker:innen von Mriya bedeutet auf der Bühne stehen “die Schrecken der Flucht hinter sich zu lassen und etwas Positives zu schaffen”. Bild: Roman Ohem

Auch Mriya selbst ist auf Spenden angewiesen, denn die Konzerte müssen finanziert werden und bei der Miete gibt es keine Ausnahmen. Gerade bei den großen Sälen entstehen so schnell „erdrückende Kosten“, zumal der Erlös der Veranstaltungen zu 100 Prozent in Hilfsprojekte zur Unterstützung der Ukraine fließt. Auch darum spielt Mriya derzeit vorwiegend auf kleineren Veranstaltungen, in hochkarätiger, aber deutlich reduzierter Besetzung. Wenn es nach Roman Ohem geht, soll sich das in Zukunft ändern. Sein Wunsch: Dass das Orchester von Mriya in den kommenden Jahren von den Veranstaltern direkt ins laufende Programm genommen wird. Wenn man nach den Kritiken aus Berlin geht, stehen die Zeichen dafür mehr als gut: „Sie haben erkannt, dass wir nicht nur eines von vielen Orchestern sind“, so Roman Ohem stolz.

Kampf für die Unabhängigkeit an kultureller Front

Das liegt auch an der hohen Qualität des Ensembles. Sind doch alle seine Mitglieder Profimusiker:innen mit nationalen und häufig internationalem Renommée, wie die Bratschistin Kateryna Suprun oder die Geigerin Hanna Tsurkan, die bei zahlreichen internationalen Wettbewerben ausgezeichnet wurde. Die Dirigentin des Berliner Auftritts, Margaryta Grynvetska, arbeitete vor ihrer Dirigentenstelle in Odessa an der Bayerischen Staatsoper in München und im ägyptischen Luxor mit Größen der Klassikwelt zusammen.

Es liegt jedoch auch an dem, was Mriya repräsentiert. Denn hier bietet sich den ukrainischen Künstler:innen eine Möglichkeit, Stimme zu ergreifen. Mit ihrer Musik erzählen sie ihre Geschichten und die ihres Landes und leisten so aus der Ferne ihren Beitrag für das Weiterbestehen der Ukraine. „Wir müssen für unsere Unabhängigkeit und unsere Kultur kämpfen, sie zeigen“, so beschreibt Margaryta Grynvetska die Rolle der vorwiegend weiblichen Geflüchteten. „Alle Männer sind jetzt Soldaten und wir kämpfen sozusagen an der kulturellen Front, das gehört also auch zu unserer Aufgabe.“

Kanonen mit Blumen bewerfen

Es ist eine Aufgabe von unschätzbarem Wert. Mehrfach hat der russische Präsident Putin betont, dass er die Ukraine nicht als eigenständiges Land betrachtet; argumentiert, sie sei Teil Russlands, sowohl in staatlicher als auch kultureller Sicht. Über Kunst und Musik widersetzen sich ukrainische Künstler:innen Putins Propaganda und senden die klare Botschaft: Unser Land und unsere Kultur haben ein Existenzrecht!

„Wir schaffen künstlerische Schönheit als Zeichen des Widerstandes“, so formuliert es Roman Ohem. Und er findet ein Bild, das den Widerspruch zwischen dem gewaltvollen Krieg und der Schönheit der Musik in all seiner Deutlichkeit hervorhebt: „Man könnte sagen, dass wir Kanonen mit Blumen bewerfen“.

Mit Musik gegen den Krieg – so will Mriya Hoffnung schaffen für alle Ukrainer:innen, egal wo. Bild: Roman Ohem

Dabei geht es vor allem darum, Sichtbarkeit zu schaffen. Für die ukrainische Kultur, aber auch für die Menschen, die noch in der Ukraine ausharren. „Die Leute da drüben nehmen uns wahr“, ist sich Roman Ohem sicher. Die Musik von Mriya ist Ausdruck dessen, was sie alle bewegt, die Daheimgebliebenen, aber auch die Geflüchteten.

Ein Stück Kontinuität im Flüchtlingsalltag

Doch Mriya ist mehr als das Exilorchester. Über 400 Musikschaffende unterstützt die Plattform inzwischen dabei, die deutsche Bürokratie zu navigieren und mit potenziellen Arbeitgeber:innen und weiteren geflüchteten Musiker:innen in Kontakt zu treten. Und dann gibt es da noch ein Projekt, das Roman Ohem ganz besonders am Herzen liegt: Gemeinsam mit Culture Connects organisiert Mriya Musikunterricht für geflüchtete Kinder.

Entstanden ist das Projekt nach einer Vorstellung von Mriya in einer Berliner Markthalle im April im Rahmen einer Veranstaltung des Hilfsorganisationsbündnisses Alliance4Ukraine. Wie Roman Ohem beschreibt, seien dort viele ukrainische Eltern auf ihn zugekommen, um sich nach Möglichkeiten zu erkundigen, wie ihre Kinder weiter ein Instrument lernen könnten. „Da haben wir ganz schnell gemerkt: Der größte Bedarf liegt beim Musikunterricht.”

Inzwischen bietet Mriya 30 ukrainischen Kindern regelmäßig einmal in der Woche Musikunterricht an. Durchgeführt wird er von ausgebildeten Musikpädagog:innen und in der Muttersprache. Denn, so Ohem: „Überall sonst müssen die Kinder Deutsch sprechen, in der Schule, beim Einkaufen, im Umgang mit den Behörden. Im Unterricht sollen die Kinder die Möglichkeit haben, sich wirklich nur auf das Instrument und die Musik zu konzentrieren. Und ein Stück Heimat zu erleben.“ Die regelmäßigen Musikstunden seien so für die Kinder gleichzeitig ein Stück Normalität und Kontinuität im Flüchtlingsalltag.

Über 700 Musikstunden konnten über Mriya für ukrainische Kinder organisiert werden. Der regelmäßige Unterricht gibt ihnen Stabilität und Sicherheit. Bild: Roman Ohem

Instrumente schaffen Willkommensgefühl

Für die geflüchteten Familien sind die Unterrichtsstunden kostenlos, ihre Musiklehrer:innen jedoch werden bezahlt, denn, so Ohem, „das war uns wichtig, dass wir die geflüchteten Künstler:innen nicht ausnutzen. Genau darum geht es uns ja, dass wir ihnen wieder bezahlte Arbeitsmöglichkeiten in Deutschland vermitteln.“ Finanziert wird der Unterricht darum über Spendengelder. „Da war eine enorme Hilfsbereitschaft, gerade am Anfang war das richtig spürbar“, schwärmt Roman Ohem. So konnte der Musikunterricht der Kinder nicht nur in die Wege geleitet, sondern bis Ende des Jahres finanziell gesichert werden. Auch die Instrumente sind Sachspenden, organisiert vom Verein Culture Connects und gesponsert vom Arbeiter-Samariter-Bund.

Für die Kinder und ihre Familien, die ihre eigenen Instrumente zumeist in ihrer Heimat zurücklassen mussten, ist die Übergabe der Musikinstrumente ein ganz besonderer Moment. Denn sie sind gleichzeitig ein „Zeichen des Willkommens, der Sicherheit und der Akzeptanz“, wie Roman Ohem erklärt. „Dadurch zeigen wir ihnen: Das hier ist wirklich für dich. Und es ist dauerhaft.“

Mut, Hoffnung und Glück

Für die Zukunft von Mriya hat Roman Ohem große Pläne, darunter die Zusammenarbeit mit großen Organisationen wie dem Goethe-Institut und regelmäßige Konzerte des Exilorchesters in den großen Hallen der Bundesrepublik. So will er der Welt zeigen, dass die Ukrainer:innen mit all ihren Erfahrungen und ihrer Kultur noch immer präsent sind und den Krieg und das Leiden der Menschen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Dafür wünscht er sich von all denen, die helfen wollen, den Mut, den Geflüchteten Verantwortung zu überlassen und ihnen etwas zuzutrauen.

Sein größtes Ziel hat er in Vielerlei Hinsicht schon erreicht: Hoffnung schaffen. Denn viel wichtigerals der Erfolg des Exilorchesters auf der Bühne ist Roman Ohem, „dass ich jetzt ausgelassene, fröhliche Menschen sehe“. Genau das ist es, was seine Arbeit so erfüllend macht. Denn Mriya, die Musik und Hilfsbereitschaft bewirken vor allem eins: „Man macht die Menschen glücklich.“

Zur Website von Mriya geht es hier:

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Beitragsbild:  André Stadniuk

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Luisa Vogt

Luisa Vogt ist Redakteurin beim Good News Magazin. Nach ihrem Sprachstudium arbeitet sie jetzt als Übersetzerin bei einem nachhaltigen Start-Up in Berlin. Beim Good News Magazin lebt sie ihre Leidenschaft für Sprache und für spannende, schöne Berichte aus aller Welt - weil die Welt viel mehr realistischen Idealismus braucht.

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