Eines Tages werden wir alt sein

Lebenserwartung hat sich seit 1800 mehr als verdoppelt

von | 23. Dezember, 2022

Laut Schätzungen der UN lag die durchschnittliche weltweite Lebenserwartung des Menschen zum Zeitpunkt seiner Geburt im Jahr 2021 bei 71 Jahren – 1950 waren es noch 46,5 Jahre.

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Eine andere Realität um 1800 

Vor 200 Jahren sah das noch ganz anders aus. Schätzungen der Bevölkerungsforschung zufolge* gab es um das Jahr 1800 fast kein Land, in dem unsere Vorfahren im Durchschnitt ein Leben erwartete, das länger als 40 Jahre dauern würde. Die weltweite Lebenserwartung lag für die etwa eine Milliarde Menschen auf der Erde bei etwa 30 Jahren. Dies war unter anderem auf die hohe Kindersterblichkeit und die extreme Armut fast aller Menschen zurückzuführen. 

Das medizinische Wissen für die Bekämpfung von Infektionskrankheiten und tödlichen Kinderkrankheiten war zu dem Zeitpunkt außerdem noch sehr begrenzt. Erst in den kommenden 150 Jahren sollten rasante Entwicklungen in einigen Teilen der Welt die gesundheitlichen Bedingungen ganzer Bevölkerungsgruppen nachhaltig verbessern – und damit auch die Lebensbedingungen der Menschen. 
Our World in Data gibt in einem Artikel über die Entwicklung der Lebenserwartung von Max Roser, Esteban Ortiz-Ospina und Hannah Ritchie einen umfassenden Überblick über die Ergebnisse verschiedener Studien zu der Metrik.

Die Berechnung

Die Lebenserwartung wird meist ab der Geburt eines Menschen berechnet und gibt unter Betrachtung der aktuellen Sterberate das Alter an, welches er oder sie wahrscheinlich erreichen wird. Zur Ermittlung der Sterberate wird jedes Jahr in Tabellen (sogenannten “Sterbetafeln”) festgehalten, wie viele Menschen ihr nächstes Lebensjahr erreicht haben. Die Kritik an der Metrik Lebenserwartung ist, dass bei ihrer Berechnung außer Acht gelassen wird, dass sich die Lebensumstände der Menschen jederzeit ändern können und damit auch die Sterberate. Außerdem werden personenbezogene Faktoren wie der Lebensstil nicht berücksichtigt.

“Health Transition” – unglaubliche Fortschritte

Wissenschaftler:innen aus der Epidemiologie (wissenschaftliche Disziplin für die Ursachen, Verbreitung und Folgen von Krankheiten und deren Einfluss auf die Gesundheit der Bevölkerung) bezeichnen den Zeitraum, in dem die Lebenserwartung des Menschen erheblich zu steigen begann, als “health transition”, auf Deutsch etwa „gesundheitlichen Wandel“.

Dieser begann in den verschiedenen Regionen der Welt zu unterschiedlichen Zeitpunkten – zuerst ab 1870 in den früh industrialisierten Ländern in Westeuropa sowie in Australien und Nordamerika, dann ab Beginn des 20. Jahrhunderts auch in Asien, Südamerika und ab 1920 auch in Afrika. Dadurch entstand auf der Welt ein starkes Ungleichgewicht bei der Gesundheit und der durchschnittlichen Lebenserwartung zwischen den einzelnen Ländern und Kontinenten, das für viele Jahrzehnte anhielt.

Voraussetzung für diesen Wandel war die Steigerung der Lebensqualität der Menschen. Maßgeblich dafür waren die Veränderungen von Gesundheitswesen, Bildungssystemen und Einkommen, die in dem OECD-Bericht “How Was Life?” beleuchtet werden. All diese Faktoren veränderten sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts in den zuvor genannten reicheren Ländern und Regionen tiefgreifend und dauerhaft. Die Menschen hatten dort durch die höhere Lebenserwartung nicht automatisch ein glückliches Leben, doch weniger Krankheiten und Todesfälle machten es wahrscheinlich angenehmer.

Die industrielle Revolution brachte eine Produktivitätssteigerung mit sich und ermöglichte die Massenproduktion von Waren. Auch in der Landwirtschaft wurde die Produktivität gesteigert, sodass eine bessere Nahrungsversorgung in den früh industrialisierten Ländern möglich war. Die Dampfmaschinen machten immer mehr Elektrizität möglich und mit Dampflokomotiven konnten Waren und Güter schneller und billiger transportiert werden. Nach 1850 stiegen die Löhne in der Industrie deutlich und der Anteil der Menschen, die in extremer Armut lebten, sank. 

Mehr Hygiene und viele medizinische Entdeckungen

Verschiedene Hygiene- und Sanitärreformen verbesserten die hygienischen Umstände in der Öffentlichkeit zunächst in Westeuropa. Nachdem Robert Koch Ende des 19. Jahrhunderts herausgefunden hatte, dass Cholera-Erreger vor allem über das Trinkwasser verbreitet werden, führten viele Städte Abwassersysteme ein. Diese trennten Trink- und Schmutzwasser voneinander. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts spricht man für die westlichen Länder von einer umfassenden Wasserversorgung, an die die Mehrheit der Bevölkerung angeschlossen war, sodass sie ihr Wasser nicht mehr aus nahegelegenen Flüssen, Seen, Bächen oder Brunnen holen mussten. Die Bevölkerung wurde über Hygiene aufgeklärt und es wurde beispielsweise massenhaft Seife hergestellt. Auch in der Medizin spielte Hygiene eine immer größere Rolle. 

Die Hand eines Erwachsenen hält die eines Babys.
Die Kindersterblichkeit ging zurück. Foto: Pexels / pixabay

Die Kindersterblichkeit ging ab Mitte des 19. Jahrhunderts in den westlichen Regionen der Welt stark zurück. Diese Entwicklung hing von den Errungenschaften im medizinischen Bereich und den damit verbundenen Veränderungen im Gesundheitswesen ab – und davon gab es im 19. und 20. Jahrhundert zahlreiche und bahnbrechende: Im 19. Jahrhundert veränderten beispielsweise die Entdeckung von Viren und Bakterien, Impfstoffe gegen Cholera, Milzbrand und Tollwut und die Röntgenstrahlung das Gesundheitswesen der Menschen.

Im 20. Jahrhundert ging der Erfolgskurs der Medizin mit beispielsweise der Identifizierung der AB0-Gruppen, dem Antibiotikum gegen Tuberkulose, den Impfungen gegen Kinderlähmung und einigen weiteren Krankheiten und den ersten Herzschrittmachern weiter. 

Die Verbreitung der Schulbildung

Nicht nur Gesundheitssysteme, sondern auch Bildungssysteme wurden im 19. Jahrhundert in den Industriestaaten aufgebaut. In den 1870ern und 1880ern wurde in Westeuropa die Schulpflicht eingeführt. Durch den Schulbesuch, Gesetze gegen Kinderarbeit und die wachsende kulturelle Wertschätzung der Kinder wurden sie dort so lange wie möglich vom Arbeitsmarkt ferngehalten. Dieser Trend verbreitete sich weltweit und immer mehr Menschen lernten lesen und schreiben. Konnten 1820 noch weniger als 20 Prozent der Weltbevölkerung lesen und schreiben, haben sich bis heute die Verhältnisse umgekehrt: inzwischen sind rund 80 Prozent der Menschen alphabetisiert.

Erkennen, was möglich ist

Bis 1950 steigerte sich die weltweite Lebenserwartung laut Schätzungen der UN auf 46,5 Jahre. Die globale Ungleichheit war jedoch enorm: In Australien, Europa, Japan, Nordamerika und Teilen von Südamerika lag sie zu diesem Zeitpunkt schon bei über 60 Jahren, war aber in anderen Teilen der Welt noch viel niedriger – in Afrika beispielsweise bei nur 36 Jahren. 

Bis heute bestehen Unterschiede zwischen Ländern und Regionen auf der ganzen Welt, aber überall erwartet die etwa acht Milliarden  Menschen ein wesentlich längeres Leben als noch wenige Jahrzehnte zuvor. Die Kluft ist außerdem insgesamt durch einen starken medizinischen Fortschritt der Länder, die in den 1950er-Jahren noch am schlechtesten abschnitten, wesentlich kleiner geworden. Inzwischen können die meisten Menschen weltweit erwarten, so alt zu werden, wie es die Menschen im Jahr 1950 nur in den reichsten Ländern wurden. Somalia, die Zentralafrikanische Republik und Afghanistan sind mit um die 55 Jahren Lebenserwartung im Durchschnitt die Länder auf den drei letzten Plätzen im weltweiten Ranking

Es scheint, als ob die weltweite Ungleichheit etwa am Ende des 20. Jahrhunderts seinen Höhepunkt erreichte und wir nun in eine Phase eintreten, in der einige Regionen aufholen und die fortschrittlichen Nationen nicht mehr weiter vorstoßen, sondern beginnen zu stagnieren.

Auf’s Treppchen, bitte 

Mit knapp 90 Jahren ist Monaco laut dem World Factbook der CIA derzeit das Land mit der höchsten durchschnittlichen Lebenserwartung weltweit, gefolgt von Singapur mit etwas über 86 Jahren. Auf Platz drei und vier liefern sich Macau und Japan mit knapp 85 Jahren ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Deutschland liegt mit 81,5 Jahren auf Platz 38. 

Insgesamt ist es eine unfassbare Entwicklung, die die Menschheit in den vergangenen zwei Jahrhunderten vollbracht hat. Sie kann Mut machen und zeigen, was möglich ist. Auch, um die noch bestehenden Ungleichheiten zu beseitigen. 

[Infobox: 

*Die historischen Schätzungen unterliegen den Grenzen der unterschiedlichen verfügbaren Datenmengen pro Land. Der Umfang und die Qualität der verfügbaren historischen Quellen variieren sehr stark.]

Beitragsbild: unsplash / Eberhard Grossgasteiger

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Pia Bergmann

Pia Bergmann ist Redakteurin beim Good News Magazin. Das Schreiben hat ihr schon immer viel Freude bereitet – umso besser, findet sie, dass sie beim Good News Magazin über so viele spannende, positive Menschen und Projekte schreiben kann.

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