Ich nehme mit: meine Schuhe, mein Haus…

Japanische Holzhäuser ermöglichen Recyclingquote von 100 Prozent

von | 5. Dezember, 2022

Japans Baubranche denkt um und setzt statt Neubau auf Recycling: Traditionelle Häuser ziehen vom Land in die Stadt.

Egal ob in der Architektur, im Städtebau oder im Ingenieurwesen: Knappe Ressourcen, Klimawandel und Urbanisierung stellen viele Expert:innen vor große Herausforderungen. Während das Jahr 2030 und damit verbundene Klimaziele immer näher rücken, beginnt die Baubranche den Wandel in eine neue Ära. Die große Herausforderung: Wie können die Emissionen des Baus nachhaltig gesenkt werden, während die Nachfrage für Immobilien immer weiter steigt? Knapp 40 Prozent der weltweiten energiebezogenen Emissionen stammen aus der Branche.

Unter dem Fachbegriff Kreislaufwirtschaft adaptieren Expert:innen ein Konzept, das in anderen Branchen bereits umgesetzt wird. Ziel ist es, die Lebensdauer von Baumaterialien zu verlängern und strategisch klüger zu bauen. So können auch kommende Generationen von jetzigen Neubauten Gebrauch machen. Doch manchmal braucht es gar keine große Innovation, um den Verbrauch von Ressourcen, der knapp 75 Prozent der Emissionen im Bau ausmacht, zu verringern. In Japan wurde aus praktischen Gründen bereits im 19. Jahrhundert auf dem Land eine Art des Bauens verwendet, die es ermöglicht, sämtliche Einzelteile wiederzuverwerten.

Beim Umzug das Haus einpacken

Die traditionelle Minka, ein japanisches Holzhaus, besitzt eine Besonderheit, die rein zufällig nachhaltig ist: Sie ist konzipiert wie ein Puzzle. Stecken statt Kleben ermöglicht das einfache Auseinanderbauen des Hauses. Die Holzteile, aus denen das Haus besteht, sind nicht nur langlebig, sondern können nach Bedarf auch in Größe und Form nachbearbeitet werden. Für Japans schrumpfende und zunehmend urbanisierte Bevölkerung ist das eine große Chance. Denn so können Menschen ganz einfach mit ihrem Haus in die Nähe der Großstädte ziehen. Das Recycling schützt damit gleichzeitig die Umwelt.

Japanische Holzhäuser ermöglichen Recycling

Stecken statt Kleben bei japanischen Minkas

Zurzeit ist diese Art der Kreislaufwirtschaft jedoch nur ein Einzelfall. Ein paar Herausforderungen müssen momentan noch überwunden werden, bis das Recycling der Häuser auch großflächig in Japan umgesetzt werden kann. So ist es grundsätzlich teurer ein Haus zu recyceln als neu zu bauen. Diese Fehlbalance könnte durch eine Begünstigung vonseiten der Regierung aufgehoben werden. 

Häuser retten durch Recycling

Japan hat sich dazu verpflichtet, die Emissionen drastisch bis 2030 zu verringern, bisher sind aber nur wenige konkrete Maßnahmen ergriffen worden. Führende Architekt:innen versuchen nun, Druck auf die Regierung aufzubauen. Da Holz sehr anfällig für Verwitterung ist, wenn es nicht gepflegt wird, ist die Branche unter Druck. Sollten leerstehende Gebäude nicht rechtzeitig recycelt werden, droht ihnen der Verfall. 

Ein weiterer wichtiger Schritt hin zur Verlängerung der Lebensdauer von Häusern ist ein Umdenken in der Branche. Recycelte Immobilien werden oft als weniger wertvoll wahrgenommen, daher ist die Investition oft nicht lukrativ genug für Investor:innen und Käufer:innen. Während moderne Designs und stringente Kommunikation weltweit Nachhaltigkeit in der Baubranche fördern, hilft dem Verkauf der traditionellen Minkas das Traditionsbewusstsein der Japaner:innen. Wie ein japanischer Architekt im Gespräch mit Bloomberg Green zusammenfasst:

„Je älter eine Minka wird, desto schöner sieht sie aus.“

Neben den Baumaterialien ist eine weitere Herausforderung, die Häuser an nationale Bau-Standards anzupassen. Denn viele Regulierungen gehen nicht einher mit der traditionellen Bauweise der Minkas. Dies ist ein weiterer Grund, warum das “Umziehen” und Neubauen von Gebäuden häufig den gleichen Preis kostet. Während ein Großteil des Hauses identisch wieder aufgebaut werden kann, müssen besonders in den Innenräumen Strukturen angepasst werden, um den Ansprüchen moderner Immobilien, zum Beispiel im Bereich Energie, gerecht zu werden.

Auf der Suche nach skalierbaren Lösungen im Bau

Nicht nur in Japan tüfteln Expert:innen, wie Lösungen so gestaltet werden können, dass sie leicht in der Masse umgesetzt werden können. In Europa werden momentan nur um die ein Prozent an Gebäuden saniert. Aufgrund der Kosten wird die Neuanschaffung der Reparatur in der Regel vorgezogen. Auch bei der Wahl von Baumaterialien herrscht keine Balance zwischen nachhaltigen teureren Rohstoffen und dem nicht recycelbaren Beton.

Die Niederlande sind großer Vorreiter im Innovationsmanagement für die Baubranche. Bis 2030 wollen sie die Menge neuer Materialien beim Bau von Immobilien um die Hälfte reduzieren. Dabei ist besonders der Austausch von Konzepten auf internationaler Bühne notwendig. Beim ressourcensparenden Bauen wird nicht nur aufs Recycling gesetzt sondern auch auf Methoden des Energiesparens, wie etwa bei dem Ärzt:innenhaus in Marburg. Dessen Außenwände sindmit Photovoltaik ummantelt. 

Wenn sich Recycling von Materialien neben anderen Lösungen vermehrt in der Baubranche durchsetzt, können nicht nur Emissionen gespart werden. In der wachsenden Branche kann so auch der Knappheit vieler Ressourcen, wie zum Beispiel Holz, entgegengewirkt werden.

Beitragsbild: depositphotos.com

Unterstütze die Arbeit von Lara Schmalzried und anderen Autor:innen mit einem GNM+ Abo!

Wer jetzt ein Abo abschließt, erhält z. B. unser Printmagazin, von den Autor:innen vorgelesene Artikel und Zugang zu weiteren exklusiven Artikeln im Online-Magazin. Damit ermöglichst du unsere Arbeit, unterstützt Positiven Journalismus und wirst Teil einer positiven Bewegung!

 

GNM+

Lara Schmalzried

Lara ist Praktikantin beim Good News Magazin. Neben ihrem Studium in Medienmanagement liebt sie es, sich sprachlich auszutoben und damit am besten anderen Menschen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern - was gibt es da Besseres als ein paar Good News?

Diese Good News könnten dich auch interessieren