Jakob H. ist blind, stark höreingeschränkt – und reist für sein Leben gern, erst letztes Jahr für ein ganzes Jahr nach Mexiko. Bei seinem Freiwilligendienst mit weltwärts lernte er dort eine neue Kultur kennen, schloss neue Freundschaften – und stellte fest: Du kannst mehr, als du dir zutraust!
Wenn Jakob von seiner Zeit in Oaxaca erzählt, von seinen Unternehmungen mit anderen Freiwilligen, der Arbeit im Garten von Espacio de Encuentro de las Culturas Originarias und den Begegnungen mit den Menschen vor Ort, breitet sich ein Strahlen auf seinem Gesicht aus. Ein Jahr hatte er dort für seinen Freiwilligendienst verbracht. Ermöglicht wurde ihm diese Erfahrung durch das Programm weltwärts.
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weltwärts ist ein Programm von Engagement Global und ermöglicht jungen Menschen ab 18 Jahren einen Freiwilligendienst in Ländern des Globalen Südens. Das Programm wurde 2008 vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) ins Leben gerufen, um das Engagement junger Menschen für eine gerechtere und nachhaltigere Welt zu stärken. Für sechs bis zwölf Monate unterstützen die Freiwilligen das Engagement einer lokalen Partnerorganisation z.B. für Bildung, Soziales, Umwelt, Kultur oder Menschenrechte. Interessierte junge Menschen können sich bei einer der über 100 teilnehmenden Entsendeorganisationen in Deutschland bewerben. Diese arbeiten mit Partnerorganisationen in Afrika, Asien, Lateinamerika, Osteuropa und Ozeanien zusammen. Gemeinsam bieten sie die Einsatzplätze an und begleiten die Freiwilligen vor und während ihrer Zeit im Ausland. Seit 2013 gibt es den weltwärts-Freiwilligendienst auch “in die andere Richtung”: Junge Menschen aus den weltwärts-Partnerländern können seitdem einen Freiwilligendienst in Deutschland leisten.
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Ein Jahr, das viel zu schnell vorbei war, wenn es nach Jakob geht – auch zwei Jahre hätten wahrscheinlich nicht gereicht, fügt er mit einem Augenzwinkern hinzu. Also gleich auswandern? “Definitiv eine Option!”, lautet die Antwort, auch wenn er die nächsten Monate wohl erst einmal in Deutschland bleiben wird, oder zumindest in Europa. Denn erst gestern Abend, erzählt er mir, sei er von einem Wochenendtrip zurückgekommen, er hat einen Freund in Luxemburg besucht.
Jakob, das wird mir schnell klar, ist abenteuerlustig und neugierig. Dass ihm sein doppeltes Handicap dabei nicht im Weg steht, wäre wohl zu viel gesagt. Aber er lässt eben nicht zu, dass es ihn aufhält. Während der Zeit in Oaxaca, die für ihn so prägend war, gab es neben all den schönen Dingen natürlich auch Herausforderungen. Aber “es gibt eben immer auch Lösungen”. Im Interview erzählt Jakob von seinen Erfahrungen in Oaxaca, seinen Begegnungen, vom Wert der Gemeinschaft und der Erkenntnis, die er aus dieser Zeit mitgenommen hat: “Ich kann mehr, als ich gedacht hätte”.
Espacio de Encuentro de las Culturas Originarias (EECO) ist eine zivilgesellschaftliche Organisation, die mit indigenen Gemeinden in Oaxaca zusammenarbeitet, um deren Fähigkeit zur Bewältigung der Auswirkungen des Klimawandels zu stärken. Durch Schulungen, Begleitung der Gemeinden und die Entwicklung geeigneter Technologien fördert EECO Initiativen zur Anpassung an den Klimawandel und zur nachhaltigen Bewirtschaftung der natürlichen Ressourcen. Zu ihren Aktivitäten gehören Workshops für Gemeinden zum Umgang mit Wasserknappheit und zum Bau von Wasserauffang- und -speichersystemen. Mit Unterstützung der Organisation wurden bereits mehr als 900 Wasserauffangzisternen im Bundesstaat Oaxaca installiert, die dazu beitragen, den Zugang zu Wasser und die Widerstandsfähigkeit der Gemeinden zu verbessern. Darüber hinaus fördert EECO den Wissensaustausch, die Stärkung lokaler Fähigkeiten und die nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen und erkennt dabei die grundlegende Rolle des Wissens und der Praktiken der indigenen Völker bei der Entwicklung von Lösungen für den Klimawandel an.
GNM: Was hat dich dazu bewegt, dich für einen weltwärts-Freiwilligendienst in Mexiko zu entscheiden und wieso hast du konkret dieses Projekt gewählt?
Als ich in der Schule war, hat bezev einen Vortrag über weltwärts gemacht. Bezev, das ist der Behinderung und Entwicklungszusammenarbeit e.V.; wollten Leute mit Handicap motivieren, Freiwilligendienste im Ausland zu machen. Und dann habe ich angefangen zu recherchieren, auch über bezev hinaus, was eigentlich so angeboten wird an Freiwilligendiensten auch für Menschen mit Handicap.
Um am weltwärts-Programm teilzunehmen, braucht man ja eine deutsche Entsendeorganisation, die in Ländern im Globalen Süden mit Partnerorganisationen zusammenarbeitet. Ich habe mich dann bei der Entsendeorganisation Welthaus Bielefeld beworben, die unter anderem mit Partnerorganisationen in Mexiko und Ecuador zusammenarbeitet. In Ecuador war es damals allerdings etwas sehr gefährlich, so ist es dann Mexiko geworden. Dass ich nach Lateinamerika wollte, stand für mich aber von Anfang an fest, einfach weil ich die spanische Sprache liebe und die Kulturen dort interessant finde, außerdem habe ich Verwandte in Bolivien. Ich wollte außerdem gern in den Umweltbereich und so hat das Welthaus Bielefeld für mich dieses Projekt gefunden und vermittelt.
GNM: Hattest du vor der Abreise Erwartungen oder Vorstellungen darüber, wie dein Jahr aussehen würde – und falls ja, wie haben sie sich im Laufe der Zeit verändert?
Ich wusste anfangs gar nicht, worauf ich mich eingelassen habe. Es braucht schon Mut, einfach so in einen komplett anderen Kontext einzutauchen, wo alles anders ist, als man es gewohnt ist. Ich bin aber sehr gut vorbereitet worden, zum Beispiel haben wir bei einem Vorbereitungsseminar auf Sylt viel über kulturelle Eigenschaften und Aushandlung gesprochen und zum Beispiel auch über Intersektionalität. Und natürlich habe ich vorher viel über Mexiko und Oaxaca gelesen.
GNM: Als du dann vor Ort warst, inwiefern war das so, wie du dir das vorgestellt hast? Oder war es auf eine Art und Weise auch ganz anders?
Es war schon anders. Ich war in einem anderen Land, das war klar, aber es war einfach von den Gegebenheiten ganz anders, als ich es in Deutschland gewohnt war. Die Bürgersteige zum Beispiel waren in einem Zustand – wenn sie überhaupt existiert haben – dass ich da nicht allein unterwegs sein konnte. Und grundsätzlich in einem komplett anderen Kontext zu leben und sich da zu organisieren, das muss man auch erst einmal machen.
GNM: Wie war denn dein Alltag vor Ort?
Ich habe viel Zeit mit den anderen Freiwilligen verbracht. Insgesamt waren wir zu acht und fast immer zusammen unterwegs, Kaffee trinken oder abends in der Bar. Einer der anderen Freiwilligen hat in der gleichen WG gewohnt und auch in der gleichen Organisation gearbeitet, wir haben also sehr viel Zeit zusammen verbracht. Ein anderer Freiwilliger hat in einem Viertel in der Nähe gewohnt, so waren wir auch öfter einfach zu dritt oder zu viert unterwegs. Das war auch immer echt schön.
Es gab natürlich auch unsere Mentorin, an die wir uns wenden konnten, wenn wir mal ein Problemchen hatten. Ansonsten hatte ich meine beiden Assistenzen: Susanna und Adelina haben mich unter der Woche begleitet und auch am Wochenende, wenn ich etwas unternehmen wollte – in Oaxaca selbst, in der Stadt, oder auch einen Ausflug in die Umgebung. Als meine Familie mich besucht hat, waren wir in Puerto Escondido und in San Cristobal de las Casas in Palenque und haben uns ein bisschen das Land angeschaut. Und mit einem Freund, der mich besucht hat, waren wir am Meer, in Puerto Escondido und Mazantes.
GNM: Du warst also richtig viel unterwegs! Jakob: Das auch (lächelt). Was hat dir da besonders gefallen?
Ich fand es schön, in den Ecken zu sein, die nicht so touristisch sind. Da lernt man das Land eigentlich erst wirklich kennen. Und die Kultur, die Leute. Die Leute sind einfach viel entspannter und viel freundlicher. Sie nehmen einen, wie man ist.
Was ich besonders spannend fand, ist, wie das Leben der Leute hier in Gemeinschaften funktioniert. In den Bergdörfern zum Beispiel arbeiten die meisten Leute noch mit Sicheln und Hacke, ohne Traktoren. Sie arbeiten und leben komplett gemeinschaftlich zusammen. Was ich dir heute gebe, kriege ich morgen wieder. Das basiert auf Gegenseitigkeiten und Verbindungen, die über Jahre bestehen. Bei uns läuft ja alles über Geld, und wenn ich jetzt den Traktor nicht zahlen kann, dann wird das Gegenüber schon schnell ungeduldig. Das ist dort ganz anders. Weil es eben nicht mit Geld funktioniert, sondern über die Gemeinschaft. Und eine Gemeinschaft habe ich dann, wenn die Kommunen sich untereinander unterstützen. Das wusste ich vorher nicht, dass das so funktionieren kann.
GNM: Was genau hast du bei deinem Projekt letztendlich gemacht? Du hast gesagt, du warst im Umweltsektor?
Genau, EECO ist ja eine Organisation, die im Umweltsektor viel Arbeit leistet. Und im Hof der Organisation selbst gibt es den huerto urbano, also einen urbanen Garten. In diesem Garten habe ich gearbeitet und auch in der Werkstatt. Es war ein sehr kleiner, ummauerter Garten voller Pflanzen, mit einem Zitronenbaum und Palmen – aber leider ohne Kokosnüsse. Ich habe dann die Pflanzen gegossen, den Garten sauber gehalten, immer mal wieder hier was eingepflanzt und da was geerntet. In der Werkstatt habe ich dann zum Beispiel Holzbretter abgemessen und zurechtgeschnitten für Blumentöpfe oder für das Hochbeet.
GNM: Und was hat dir bei der Arbeit am meisten Spaß gemacht?
Diese Tatsache, dass nicht nachgefragt worden ist, was man kann oder nicht kann. Es wurde einfach gesagt: “Hey, magst du das mal machen?” Und dann ging es los. Sie haben mir schon erklärt, was ich machen soll und wie, aber das Motto war einfach: mach mal.
Und wenn man einfach macht und nicht immer darüber nachdenkt, ob man etwas wirklich kann oder nicht, dann kommt man viel weiter. Das hat mir gezeigt, dass ich einfach viel mehr kann als ich gedacht hätte.
Du hast vorhin schon angesprochen, dass es auch Herausforderungen gab – also zum Beispiel die Bürgersteige. Was gab es noch für Herausforderungen, physisch oder mental, auch im Vergleich zu Deutschland?
Das mit den Bürgersteigen oder Mobilität allgemein war für mich schon das Schwierigste. Man kann da nicht allein unterwegs sein. Die Bürgersteige waren das Eine, aber auch die Ampeln, wenn es die überhaupt gab, waren definitiv nicht wie in Deutschland. Ich habe in Oaxaca keine einzige Ampel gehört. Wahrscheinlich, weil sie an Hauswänden angebracht sind und die Menschen wahnsinnig geworden wären, wenn die dann so akustische Signale von sich geben würden. Aber das war natürlich schwierig, auch mental. Wenn man weiß, dass man in Deutschland eigenständig unterwegs sein kann und in Mexiko nicht, dann ist das schon schade.
Wie hast du es geschafft, mit solchen Dingen umzugehen?
Mit anderen drüber reden, den Freiwilligen oder mit meinen Assistenzen, hat sehr geholfen. Ich habe dann auch Edgar kennengelernt, einen blinden Mexikaner, der in Oaxaca lebt, dort an der Universität arbeitet und ein ganz selbstständiges Leben führt. Er hat mir geholfen, weniger abhängig zu werden. So konnte ich tagtäglich zumindest ein paar kurze Wege allein gehen, für die ich dann wusste, dass es keine Ampel oder irgendeinen Stock braucht. Zu sehen, dass es möglich ist, ein selbstständiges Leben zu führen und ich mit der Zeit ein bisschen unabhängiger sein kann, war sehr bestärkend.
Was hat dich am meisten überrascht, über Mexiko oder dich selbst?
Es war einfach anders, sehr anders, als man es gewohnt ist. Es gab keine Waschmaschine, keine Spülmaschine. Das Geschirr wird alles mit der Hand gespült und für die Wäsche mussten wir eben zur Wäscherei gehen. Wir haben allerdings in einem reicheren Viertel gelebt, hatten also zum Beispiel fließendes Wasser. Allerdings nicht, wie man es aus Deutschland gewohnt ist, sondern dort wird das Wasser durch das ganze Land gekarrt und von außen in die Häuser reingepumpt. Das hat mich allerdings nicht so überrascht, weil ich mich über all diese Dinge schon im Vorfeld informiert habe.
Was mich eher überrascht, aber vielmehr eigentlich beeindruckt hat, waren die Leute und der Umgang miteinander. Das Gemeinschaftliche, von dem ich vorhin erzählt habe. Die Menschen in Mexiko waren einfach ganz unkompliziert. Jede:r ist genommen worden, wie man ist. Man ist einfach Teil der Gemeinschaft und wird unterstützt. Egal ob mit oder ohne Handicap, man gehört einfach dazu. Da werden keine Unterschiede gemacht.
Und was mich über mich selbst überrascht hat – naja, zu sehen, dass ich mehr kann, als ich mir zugetraut habe oder als mir andere zugetraut hätten. Dass es eben wirklich klappt nach diesem Motto: “Mach mal”. Es geht. Vielleicht dauert es manchmal länger, aber es geht.
Was würdest du jungen Menschen – insbesondere mit Beeinträchtigung – mitgeben, die ebenfalls einen Freiwilligendienst im Ausland in Betracht ziehen?
Ich würde sagen, ein Freiwilligendienst ist immer eine gute Erfahrung, viel zu lernen. Über sich selbst und auch über ein anderes Land, eine andere Kultur. Es gibt uns die Möglichkeit, andere Perspektiven kennenzulernen. Und das eben auch mit Handicap. Das sind Erfahrungen, die für das weitere Leben ganz prägend sind.
Vielen Dank für das Interview und deine Zeit!
Hier kannst du dein Engagement starten! → weltwärts.de
Beitragsbild: Engagement Global / Jakob H.
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