Bessere medizinische Versorgung durch bessere Repräsentation

Ein neues Bild: So sorgen Illustrationen für mehr Diversität in der Medizin

von | 17. Mai, 2022

Eine neue Bewegung für Darstellungen von Schwarzen Menschen und Frauen macht die medizinische Lehre diverser und besser.

Die Zeichnung eines Schwarzen Fötus im Mutterleib. Eine Galerie von Hautveränderungen bei Müttern verschiedenster Hautfarben nach der Schwangerschaft. Illustrationen von Vulven in verschiedensten Tönen und Farben. Das sind die Bilder einer wachsenden Bewegung für mehr Diversität in medizinischen Darstellungen. Der Einsatz für mehr Repräsentation ist damit gleichzeitig ein Kampf dafür, dass alle Menschen die medizinische Versorgung bekommen, die ihnen zusteht.

Gegen den Mythos eines „normalen“ Körpers

Es ist doch eigentlich selbstverständlich: jeder Körper ist anders. Außer beim Blick in Medizinbücher. Denn die Körper, die dort dargestellt werden, sind sich häufig fast erschreckend ähnlich: beinahe alle sind weiß, jung, schlank und haben keine erkennbaren Beeinträchtigungen.

Gegen das so suggerierte Bild eines „normalen Körpers“ lehnt sich nun eine neue digitale Gallerie auf, die die Vielfalt des weiblichen Körpers in dutzenden Illustrationen festhält. Unter dem Titel The Reframing Revolution finden sich dort medizinische Abbildungen des weiblichen Körpers in verschiedenen Lebensabschnitten und in verschiedenen Hautfarben, darunter Darstellungen von Vaginalgeburten, Hitzewallungen oder körperliche Veränderungen durch eine Geburt und das Stillen.

Angeführt wurde die Initiative von der App Peanut, einer Plattform für Frauen zum Austausch über Themen von Fruchtbarkeit über Mutterschaft bis zu den Wechseljahren. Die Darstellungen entstanden in Zusammenarbeit mit Biotic Artlab, einem Studio für visuelle Kommunikation mit Fokus auf kreativen Lösungen für Wissenschaft und Medizin und gemeinsam mit Dr. Somi Javaid. Sie ist Geburtshelferin, Gynäkologin und Gründerin des Unternehmens HerMD, das an mehreren Zentren speziell auf Frauen ausgerichtete Gesundheitsversorgung anbietet, insbesondere zu Fragen der sexuellen Gesundheit.

Mit der digitalen Gallerie wollen die Initiator:innen auf die Frauen aufmerksam machen, die sonst durch das Raster der medizinischen Darstellungen fallen. Das sind insbesondere Mütter und BIPoC Frauen – die politische Selbstbezeichnung für Black, Indigenous, People of Color. Darum soll The Reframing Revolution einen Weg bieten, „die mangelhafte Repräsentation in der medizinischen Versorgung von Frauen anzugehen, alle Formen der Mutterschaft zu feiern und die Diversität der Frau akkurat widerzuspiegeln“.

Der Ruf nach Diversität trifft einen Nerv

The Reframing Revolution kommt ein halbes Jahr nachdem die medizinischen Illustrationen des nigerianischen Medizinstudenten Chidierebe Ibe in den sozialen Netzwerken viral gingen. Ende November 2021 hatte Ibe dort eine Zeichnung veröffentlicht, auf der ein Schwarzer Fötus im Bauch seiner Mutter zu sehen ist.

Twitter

Mit dem Laden des Tweets akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von Twitter.
Mehr erfahren

Inhalt laden

Mit seinem Post, den er mit der Forderung nach Diversität in medizinischen Illustrationen verband, traf Ibe einen Nerv: Binnen kurzer Zeit ging das Bild um die Welt. Viele Nutzerinnen und Nutzer dankten Ibe für die erste Darstellung eines Schwarzen Fötus, die sie je gesehen hatten und applaudierten seinem Einsatz gegen die mangelnde Repräsentation Schwarzer Menschen in medizinischen Darstellungen.

Warum es so wichtig ist, gesehen zu werden

Die Reaktionen auf Ibes Zeichnungen sind ermutigend, emotional und bewegend: „Dieses Bild zeigt meine Menschlichkeit als Schwarze Mutter auf eine Art, wie ich es bisher im medizinischen Bereich noch nie gesehen habe“, schrieb beispielsweise eine Nutzerin auf Twitter. Damit macht sie deutlich, wie allgegenwärtig und selbstverständlich die Dominanz heller Haut in medizinischen Illustrationen ist. Vor allem aber macht sie deutlich, welche konkreten Auswirkungen dieser viel zu selten hinterfragte Status Quo – auch ein Spiegel gesellschaftlicher Verhältnisse – auf eben jene Menschen haben kann, die mit ihrer Hautfarbe in der medizinischen Darstellung nicht präsent sind.

Denn, wie Ni-Ka Ford, Vorsitzende des Kommittees für Diversität der Assoziation medizinischer Illustratoren, betont, fühlen Patient:innen, die in medizinischen Zeichnungen nicht oder nur selten abgebildet sind, sich im Gesundheitswesen oft ausgegrenzt oder nicht anerkannt. Das kann zu Misstrauen in die Gesundheitsversorgung führen, oder zu der Entscheidung, ärztlichen Rat gar nicht erst zu suchen.

Medizinische Illustrationen wie die von Ibe können das ändern, denn sie sorgen dafür, dass sich auch Angehörige unterrepräsentierter Gruppen mit den Darstellungen identifizieren können. Dadurch wird Medizin zugänglicher und weniger unverständlich. Gleichzeitig steigt auch das Vertrauen in die Behandlung.

Keine adäquate Behandlung ohne Repräsentation

Auch die Qualität einer Behandlung ist beeinflusst von der Diversifizierung medizinischer Abbildungen, die Ford als „visuelles Bildungsmaterial“ bezeichnet. Ihr zufolge sind Zeichnungen essenziell, um zukünftige Ärzte und Ärztinnen über die richtige Behandlung von Krankheiten bei Menschen, die nicht dem in Medizinbüchern gängigen Bild entsprechen, aufzuklären. Erst so wird das nötige Wissen für eine richtige Behandlung geschaffen.

Noch ist der gegenwärtige Stand der Diversität in der medizinischen Literatur ernüchternd. So zeigen beispielsweise laut einer Studie aus dem Jahr 2018, in der über 4000 Bilder in Standardwerken bekannter US-amerikanischer Medizinfakultäten analysiert wurden, 75 Prozent der untersuchten Bilder Weiße Menschen.

Das kann fatale Konsequenzen haben, beispielsweise für Schwarze Menschen mit Hauterkrankungen, die aufgrund ihrer unterschiedlichen Ausprägung von Mediziner:innen, die nur die Abbildungen auf Weißer Haut kennen, nicht erkannt werden. Auch abseits davon kann der„bias“, also der einseitige Fokus auf dem Weißen, jungen, oft männlichen und körperlich nicht beeinträchtigten Standardpatienten in der medizinischen Lehre, zu Ungleichheiten führen. Nicht umsonst ist das Risiko für Schwarze Frauen bei der Geburt zu sterben vier Mal höher als für Weiße Frauen.

Kurz gesagt: Ohne diversere Repräsentation fehlt angehenden Medizinern und Medizinerinnen das Wissen darüber, wie verschiedene Krankheiten je nach Ethnie, Hautfarbe, Geschlecht, Alter oder Ability unterschiedliche Symptomatiken aufweisen können. Genau darum ist es so wichtig, dass Menschen wie Chidierebe Ibe oder die Initiator:innen von The Reframing Revolution dafür sorgen, dass das medizinische Bild des „normalen“ Körpers und Patienten gebrochen wird.

Der Kampf für Diversität in der Medizin nimmt Fahrt auf

Sie sind damit nicht allein: Schon seit Jahren wächst weltweit eine Bewegung mit dem Ziel, die medizinische Lehre zu diversifizieren. Ein Beispiel dafür ist die Internetseite Brown Skin Matters, die 2018 von der US-Amerikanerin Ellen Buchanan ins Leben gerufen wurde, um auf die verschiedenartigen Ausprägungen von Krankheiten bei dunklerer Hautfarbe aufmerksam zu machen. Dort werden zahlreiche Bilder von Hauterkrankungen und ihren Ausprägungen bei nicht-weißer Haut zur Verfügung gestellt, auf die Interessierte über eine Schlagwortsuche zugreifen können.

Auch an den Universitäten tut sich etwas: Auf Initiative des Studenten Malone Mukwende entstand an der Saint-George University in London eine Broschüre mit dem Titel Mind the Gap: a handbook of clinical signs on black and brown skin. Sie soll Studierende und Praktizierende mithilfe von Darstellungen und Erläuterungen darüber aufklären, wie Hautkrankheiten bei Menschen mit dunklerer Haut erkannt und behandelt werden können. Co-Autor Mukwende hat zudem die Website Black and Brown Skin ins Leben gerufen, auf der er die Broschüre und weitere Bilder frei zur Verfügung stellt.

Und noch eine positive Entwicklung: im Frühjahr 2021 starteten Vertreterinnen der Association of Medical Illustrators eine Kampagne mit dem Hashtag #AMIDiversity, um medizinische Illustrator:innen weltweit dazu zu ermutigen, nicht-normative Zeichnungen anzufertigen.

Die beste medizinische Versorgung für Angehörige aller gesellschaftlicher Gruppen

Das Bewusstsein dafür, wie unabdingbar, manchmal sogar lebenswichtig, die Integration von mehr Diversität in die medizinische Praxis ist, wächst kontinuierlich – in Fachkreisen, aber auch in der ganzen Gesellschaft. Chidiebere Ibe hat mit seinen Illustrationen eine hochaktuelle Diskussion aufgegriffen und ihr eine größere Plattform gegeben. Zeichnungen und Illustrationen wie die des nigerianischen Studenten oder von The Reframing Revolution schaffen nicht nur ein größeres gesellschaftliches Bewusstsein für die Wichtigkeit von mehr Diversität in der Medizin. Sie ermöglichen gleichzeitig angehenden und praktizierenden Ärzten und Ärztinnen, aber auch den Betroffenen, ihr Wissen zu erweitern und Medizin nahbarer und vertrauenswürdiger zu machen.

Das enorme mediale Interesse und die emotionalen Reaktionen auf medizinische Illustrationen, die diejenigen zeigen, die sonst nicht gesehen werden, machen deutlich, wie wichtig es ist, diese Debatte zu führen. Um Aufklärung zu schaffen. Um Menschen das Gefühl zu geben, gesehen zu werden. Um das Vertrauen in Ärzte und Ärztinnen zu stärken. Und vor allem: Um allen Menschen, egal welcher Hautfarbe, die beste medizinische Versorgung zu gewährleisten.

Die gesamte Galerie von The Reframing Revolution ist unter diesem Link frei zugänglich.

Beitragsbild: PEANUT

Unterstütze die Arbeit von Luisa Vogt und anderen Autor:innen mit einem GNM+ Abo!

Schon ab 3,50 € pro Monat kannst du unabhängigen und vor allem Positiven Journalismus fördern.
Schließe jetzt ein Probeabo ab und profitiere von exklusiven Vorteilen wie z. B. dem digitalen & gedruckten Jahresrückblick 2021!

GNM+

Luisa Vogt

Luisa Vogt ist Redakteurin beim Good News Magazin. Nach ihrem Sprachstudium arbeitet sie jetzt als Übersetzerin bei einem nachhaltigen Start-Up in Berlin. Beim Good News Magazin lebt sie ihre Leidenschaft für Sprache und für spannende, schöne Berichte aus aller Welt - weil die Welt viel mehr realistischen Idealismus braucht.

Diese Good News könnten dich auch interessieren