Warum eine gesunde Fehlerkultur wichtig ist

Sei ein Pinguin!

von | 24. November, 2022

Dieser Artikel ist aus unserem ersten Printmagazin und kann hier auch online gelesen werden. Du willst diesen und weitere Beiträge sowie besondere Formate gedruckt lesen? Dann schau gerne mal bei unserem Abo vorbei: GNM+ Abo

Die deutsche Kultur ist nicht unbedingt nachgiebig mit Fehlern. Von der Schulzeit bis ins Arbeitsleben wird den Menschen eingebläut: Fehler sollten vermieden werden. Dabei zeigen andere Kulturen, dass genau der entgegengesetzte Weg richtig ist.

Das Silicon Valley hat sich als Synonym für Erfolg in der digitalen Welt etabliert. Zugleich ist es die Hauptstadt der Fehlerkultur. Während hierzulande ein Schnitzer am Arbeitsplatz oft zu Ärger, Abmahnungen und schlimmstenfalls einer Kündigung führen kann, zelebriert man in Kalifornien (und   den gesamten angloamerikanischen Kulturen) große und kleine Pannen. 

Google beispielsweise vergibt den “Penguin-Award” an jene Mitarbeitenden, die mit wehenden Fahnen bei ihrem Projekt gescheitert sind. Die Idee basiert auf Pinguinen, die von einer Eisscholle aus ins Wasser hüpfen – ohne zu wissen, welche Gefahr unter der Oberfläche lauert. Der erste Pinguin, der springt, zeigt Mut angesichts der 50/50-Chance, im Maul eines Seeleoparden zu landen. Der Internet-Konzern will mit dem Award Angestellte ermutigen, ohne Versagensangst Neues auszuprobieren. Das Team kann zugleich Fehler jener Pionierinnen und Pioniere künftig vermeiden – ganz wie es darauffolgende Pinguine tun würden.

„Das erste Unternehmen, das gegründet wurde, scheiterte mit einem großen Knall. Das zweite Unternehmen ist ein bisschen weniger schlimm gescheitert, das dritte Unternehmen ist auch anständig gescheitert, aber das war irgendwie okay. Ich habe mich rasch erholt, und das vierte Unternehmen überlebte bereits. Nummer fünf war dann Paypal.“

Paypal-Gründer Max Levchin

Diese Fehlerkultur zeigt sich auch bei Investor:innen in den Vereinigten Staaten, die eher geneigt sind, Unternehmende zu unterstützen, die bereits gescheitert sind. Studien zeigen, dass dieses Scheitern Selbstverbesserung, ein kritisches Hinterfragen und Demut fördert – etwas, das laut Forschung die besten Führungskräfte ausmacht. Denn intellektuelle Demut bedeutet anzuerkennen, dass wir nicht alles wissen können. Sie macht es einfacher, neue Ideen, Perspektiven und Antworten zuzulassen.

Eine neue Chance

Scheitern inspiriert zu positivem Wandel, so kann eine Entlassung als negativ eingestuft werden oder als Chance, Neues zu probieren. Die Forschung beweist immer wieder, dass Menschen aus ihren Misserfolgen mehr lernen als aus den Erfolgen. Das lernten wir bereits als Kinder. Während in der Schule Scheitern und schlechte Noten verpönt waren, wurde uns von der Familie doch bereits gelehrt: Wer vom Fahrrad fällt, sollte gleich wieder drauf. Wer hinfällt, steht wieder auf. Das Überwinden von Misserfolgen lehrt Widerstandskraft.

Ich habe das Lehramtsreferendariat kurz vor dem Abschluss unterbrochen. Eigentlich sagten alle, das wäre ein riesen Fehler, sodass ich sehr an mir gezweifelt habe. Nun arbeite ich in einer heilpädagogisch therapeutischen Einrichtung, komme endlich wieder gerne zur Arbeit und habe die work life Balance, von der ich als Lehrkraft nur träumen konnte.

Good News Magazin Leser Henk S.

Der Wirtschaftspsychologe Michael Frese ist international bekannt für seine Untersuchungen der Fehlerkultur. Der in Lüneburg und Singapur als Professor tätige Psychologe hat die Toleranz für Fehler in 61 Ländern verglichen. Deutschland und Singapur landeten dabei auf den letzten Plätzen. Seine Untersuchung zeigte: Wie nachsichtig eine Kultur auf Fehler reagiert, hat erheblichen Einfluss darauf, wie gut sie darin ist, diese zu vermeiden und – wenn doch etwas schiefgeht – zu erkennen und mit ihnen umzugehen weiß.

Ohne Fehler gäbe es uns nicht

Die Wissenschaft beweist immer wieder, dass die Natur nach dem Trial and Error-Prinzip funktioniert. Allein die biologische Evolution kann als jene Form von Versuch und Irrtum betrachtet werden, denn es sammelt sich nach langer Zeit „Wissen“ über gut angepasste Genome an, einfach dadurch, dass sie sich fortpflanzen konnten.

Warum also sollte nicht auch in unserem Kulturkreis diese Art der heuristischen Problemlösung gelten? Lösungsmöglichkeiten werden so lange ausprobiert, bis die gewünschte und zielführende Lösung letztendlich gefunden wird.

 „Ich bin nicht 10.000 Mal gescheitert – ich habe erfolgreich 10.000 Wege gefunden, die nicht funktionieren werden.“

Thomas Edison

Fehler gemacht – na und?

Good News Magazin Print - Fehlerkultur: Kintsugi

Die Kintsugi-Methode feiert das Unvollkommene | Bild: Depositphotos

Fehler im Good News Magazin:
Bei uns gilt das Vier-Augen-Prinzip zwischen Redakteur:innen und Lektor:innen, bevor ein Artikel veröffentlicht wird. Unvergessen sind daher jene Fehler, über die wir noch heute herzlich lachen können oder die neue Chancen eröffneten. So zum Beispiel, als unsere Redakteurin einen englischen Text als Vorlage nutzte und die Weltbevölkerung von 7,8 Milliarden kurzerhand auf 7,8 Billionen wuchs. Oder wir Ameisen genderten, weil es uns etwas zu wichtig war, alle mitzudenken und wir es mit dem Gendern übertrieben. Oder auch eine Recherchelücke bei den Miyawaki-Wäldern, die zu einem großartigen Exklusiv-Interview mit Citizens Forests e.V. führte. Es gibt zahlreiche solcher kleinen und sicher auch großen Patzer. Aber in unserem Team werden sie offen angenommen und daraus gelernt. Und meist auch herzlich darüber gelacht.

Hierzulande werden Fehler oft verheimlicht oder vertuscht, egal ob im Privaten oder im Arbeitsleben. Auch hier zeigt der Blick über den Tellerrand eine andere Lösung: In Japan zum Beispiel ist nicht der Fehler an sich das Schlimme, sondern das Verschweigen. Denn indem er verschwiegen wird, kann niemand daraus lernen. Weder kann eine Beziehung wachsen, noch ein Unternehmen einen finanziellen Schaden in Zukunft vermeiden. Die japanische Kultur begünstigt eine offene und angstfreie Kommunikation, während in Deutschland die Angst vor einer Bloßstellung dominiert. 

Man kann sich das sehr gut bildlich vorstellen – mit einem Konzept aus der japanischen Ästhetik namens Wabi-sabi, das jene Dinge als “schön” definiert, die unvollkommen, unbeständig und unvollständig“ sind. Zerbrochene Keramik schmeißen die Japaner:innen nicht weg, sondern reparieren sie mit der Kintsugi-Methode, bei der die Bruchlinien mit Goldlack repariert werden und so deutlich zu erkennen sind. Die Fehler der Keramik werden so zelebriert und schaffen etwas komplett Neues.

Wenn also das nächste Mal ein Fehler gemacht wird: Goldlack drüber und den Fehler feiern. Sei ein Pinguin!

Groben Fehler gemacht: schönes Wochenende gehabt. Habe am letzten Samstag auf dem Ikeaparkplatz in Hannover meinen Auto- und Haustürschlüssel im Auto eingeschlossen (ja, das geht). Alle Schlüssel-habenden Familienmitglieder sind 150km (Wendland) oder 1500km (Irland) weit entfernt. Ersatzschlüssel im Auto eines Familienmitglieds in HH. Ich fuhr dann mit Öffis zur Frau Mama und übernachtete dort = lauschig-verquatschter Abend auf der Terrasse plus Frühstück im Sonnenschein mit weiterer Quasselei.  Am Sonntag per 9 Euroticket von Hannover ins schöne Wendland, dort selbstgebackene Linzer Kekse meiner Schwester gemümmelt, mit ihr und meinem Neffen bei 30 Grad im Schatten des Hofbaums Palettenmöbel gebaut und mit dem Haustürschlüssel meines dort weilenden Sohnemanns im wiederum überfüllten Nahverkehrszug abends nach Hause geeiert. = das war ein echt traumhaftes Wochenende und deshalb ein Fehler, der zu etwas ziemlich Nettem wurde.

Good News Magazin Leserin Britta K.

Nach einem Arbeitsunfall (eine Woche krankgeschrieben wegen verstauchtem Handgelenk) hat mich der Betrieb gekündigt weil ich „so oft krank bin“. Habe vom Amt Hilfe bekommen und dadurch jetzt meinen
Traumarbeitgeber gefunden 🙂

Good News Magazin Leserin Nici

Ich hab in der Eisdiele „Haselnuss“ bestellt, und der Eismann gab mir ausversehen „Zimt“. Zack, so hab ich vor 12 Jahren meine Lieblingseissorte kennengelernt

Good News Magazin Leserin Saida

Unterstütze die Arbeit von Viktoria Franke und anderen Autor:innen mit einem GNM+ Abo!

Wer jetzt ein Abo abschließt, erhält z. B. unser Printmagazin, von den Autor:innen vorgelesene Artikel und Zugang zu weiteren exklusiven Artikeln im Online-Magazin. Damit ermöglichst du unsere Arbeit, unterstützt Positiven Journalismus und wirst Teil einer positiven Bewegung!

 

GNM+

Viktoria Franke

Unsere Chefredakteurin Viktoria begann noch während des Studiums, als Sportjournalistin durch die Welt zu ziehen. Mittlerweile berät sie kleine Einzelkämpfer und große Unternehmen in ihrer Innen- und Außenkommunikation und organisiert weltweit Pressebereiche bei Sportevents. Good News sind bei all dem Trubel genau so wichtig für ihre mentale Gesundheit wie ein Stück Schokolade.

Diese Good News könnten dich auch interessieren