Ein Blick auf den heimischen Garten als Heterotopie mit Foucaults Raumtheorie: Warum Gärten kleine Welten sind, in denen Zeit und Ordnung anders funktionieren als im Alltag.
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Was ist ein Garten? Für mich ein Ort, an dem Oma Gemüse anbaut, meine Schwester auf der Sonnenliege an ihren Tanlines arbeitet und die Familie im Sommer mit Freunden und Freundinnen grillt. Dort lebt auch eine Schildkröte und den Teich teilen sich einige Fische und Kröten mit zwei Plastikenten. Wenn man aufmerksam ist, bemerkt man auch die unzähligen Insekten, die sich über Mamas Stauden und Papas Blumenwiese freuen. Und: Der Garten ist ein Ort zum Abschalten, ein Mini-Urlaub nach Feierabend.
Zumindest in meiner Kleinstadt ist ein Garten nichts Besonderes. Das sieht in Großstädten wie Berlin schon ganz anders aus, aber auch dort sind Gärten Teil des Alltags. Es gibt botanische Gärten, große Stadtgärten oder Orte zum gemeinsamen Urban Gardening: Gärten gehören zum Alltag und fühlen sich trotzdem manchmal an wie eine ganz eigene Welt. Es scheint so, als würden im Garten andere Regeln gelten.
Der Philosoph Michel Foucault bringt diesen subjektiven Eindruck in einem Satz auf den Punkt: “Der Garten ist die kleinste Parzelle der Welt und darauf ist er die Totalität der Welt“. Ein Garten ist also eine kleine, abgegrenzte Fläche, kann aber symbolisch sehr viel mehr enthalten, vielleicht sogar die ganze Welt. Für Foucault ist der Garten kein beliebiger Ort, sondern ein sogenannter „anderer Raum“, oder wie er sagt: eine Heterotopie. Diese Heterotopien können neue Räume des Erlebens und Gestaltens eröffnen: der Garten – eine kleine Welt der Möglichkeiten?
Hier ist alles anders: Gegen-Orte nach Foucault
Eigentlich kommt das Wort Heterotopie aus der Medizin und bezeichnet Zellen, die an einer Körperstelle wachsen, an der sie eigentlich nicht wachsen sollten. Foucault gab dem Begriff in den 60er Jahren eine neue Bedeutung, als er in einem Radiobeitrag über Heterotopien als gesellschaftliche “Gegen-Orte” sprach. Er spricht von Orten, die mit anderen gesellschaftlichen Räumen in Beziehung stehen, sie spiegeln oder ihre Ordnung durchbrechen, die also irgendwie anders sind.
Wenn man das hört, ist es naheliegend, an Utopien zu denken. Ein völlig neuer Gesellschaftsentwurf, beispielsweise eine Zukunft, in der alle Menschen in Frieden und Einklang mit der Natur und den Tieren leben, oder die Science Fiction Utopie einer Welt, in der Menschen den Tod überwunden haben und alle in der Blüte ihres Lebens aufhören zu altern. Heterotopien sind im Gegensatz zu Utopien aber reale Orte. Und trotzdem bilden sie einen Gegenentwurf zu anderen Räumen innerhalb von Gesellschaften.
Den Garten nenn…
Der Garten – eine Heterotopie? Dein Garten kann mehr als nur blühen