Dua Lipa ist nicht nur eine erfolgreiche Künstlerin mit weltweit bekannten Hits wie “Levitating” oder “One Kiss” – seit Neuestem setzt sie auch ein Zeichen gegen Zensur.
Gemeinsam mit der Livraria Lello in Porto, einer der berühmtesten Buchhandlungen Portugals, gründete sie die Manifesto Library. Als Bestandteil ihres Service 95 Bookclubs will sie passend zum internationalen “BABELL – City of Books”-Festival Bücher in den Vordergrund bringen, die zeitweise verbannt oder zensiert wurden. In ihrer Bibliothek fände man “Hunderte von Büchern, die Fragen stellten oder hinterfragt wurden”, verkündete Dua Lipa auf Instagram. Manche wurden in US-amerikanischen Schulbezirken verbannt, weil sie Themen wie Rassismus oder Sexualität behandelten.
Buchzensur: Immer noch ein Thema(?)
Auch wenn die Buchzensur weltweit immer noch als Mittel der Einschränkung eingesetzt wird, dient sie als Ansporn für eine weltweite Gegenbewegung.
Anders als in Deutschland, wo eine Vorzensur, eine staatliche Kontrolle vor der Veröffentlichung, seit dem Nationalsozialismus nicht mehr stattfindet, weil sie durch die verfassungsrechtlich verankerte Meinungs- und Pressefreiheit untersagt ist, gibt es auch weiterhin noch Länder, in denen sie stattfindet. Laut Berichten der American Library Association (ALA) und dem US-Autorenverband PEN America wurden in den Vereinigten Staaten im Jahr 2025 über 5600 Bücher verboten oder im Zugang beschränkt.
Warum aber greifen autoritäre Regime immer wieder zu diesem Mittel? Weil Literatur das kritische Denken fördert, alternative Lebensformen aufzeigt oder bereits bestehende Machtstrukturen hinterfragt. Indem sie den Zugang kontrollieren, versuchen Machthaber:innen, die Vorstellungskraft der Menschen zu begrenzen. Darum ist es umso wichtiger, dass Menschen dennoch Zugang zu solchen Büchern erhalten, die kritisches Denken fördern und so dazu beitragen können, Machtmissbrauch zu hinterfragen und offenzulegen. Genau diese Wirkung – einen Perspektivwechsel zu ermöglichen – ist der Grund, warum Initiativen wie die Manifesto Library so wichtig sind.
Dua Lipa ist eine große und prominente Befürworterin der Gegenbewegung, die sich gegen Zensur wehrt – aber sie ist nicht allein.
Gerade in den USA gibt es immer mehr Proteste und Widerstandsbewegungen gegen die zunehmende Einschränkung des freien Zugangs zu Informationen und Literatur. So klagten in den letzten Jahren Organisationen wie PEN America, die Bürgerrechtsorganisation American Civil Liberties Union (ACLU) und Großverlage gemeinsam gegen Schulbezirke und Bundesstaaten, die den Zugang zu Büchern eingeschränkt hatten. Das bekannteste Beispiel hierfür ist die historische Klage gegen den Schulbezirk Escambia County in Florida, bei der sich PEN America, die ACLU und mehrere Verlage, darunter der Großverlag Penguin Random House, zusammenschlossen, um juristisch gegen die Verbannung von 150 Büchern vorzugehen, welche sich mehrheitlich mit Themen wie LGBTQIA+ und Rassismus befassen. Die American Library Association hat auch die Initiative Unite Against Book Bans ins Leben gerufen, um Eltern und Wähler:innen dazu zu bringen, bei Wahlen gegen Zensurbefürworter:innen zu stimmen.
Auch Jugendliche gründen im ganzen Land Gruppierungen, um verbannte Bücher außerhalb der Schulen zu lesen. So hat etwa eine Achtklässlerin den Kutztown Banned Book Club in Pennsylvania ins Leben gerufen, um in lokalen und unabhängigen Buchläden über kritische Literatur zu sprechen. Öffentliche Bibliotheken, wie zum Beispiel die Brooklyn Public Library unterstützen sie dabei, indem sie Jugendlichen aus Regionen, wo Zensur besteht, digitale Bibliotheksausweise zur Verfügung stellen.
Der Kampf gegen Buchverbote erreicht Europa
Aber nicht nur in Amerika steigt der Protest. Nachdem Ungarn in Jahr 2021 ein Gesetz verabschiedete, das die Darstellung von Homosexualität und Geschlechtsanpassungen für Minderjährige verbietet, müssen Buchhandlungen Bücher, die LGBTQIA+ Themen auch nur am Rande behandeln, in Folie einschweißen und dürfen sie nicht in Jugendabteilungen oder im Schaufenster ausstellen.
Proteste gegen diese Auflagen verlaufen kreativ. So wickeln Aktivist:innen alle – auch “harmlose” Bücher – in Plastikfolie ein, um das Thema hervorzuheben. Auch wurden geheime Pop-up-Bibliotheken ins Leben gerufen, um Jugendlichen die zensierten Bücher anzubieten.
Genau hier setzt auch Dua Lipas Projekt an. Da das Bewusstsein für die Bedrohung durch Zensur auch in Europa wächst, holt sie mit der Manifesto Library verbotene und zensierte Bücher zurück in den Diskurs. Sie schafft damit eine Einladung, sich zu informieren, fördert Bildung und Neugier – und zeigt, dass diese Bücher niemals in Vergessenheit geraten dürfen.
Vom Newsletter zum Buchclub zur Bibliothek gegen Zensur
Dua Lipa ist schon lange in der Bücherszene aktiv. Im Februar 2022 wurde Service95 als redaktionelle Plattform für Lifestyle und Kultur durch Dua Lipa ins Leben gerufen. Sie setzt sich aus verschiedenen Bereichen zusammen – darunter ein wöchentlicher Newsletter mit persönlichen Briefen von Dua Lipa, Kulturtipps und Berichte über gesellschaftliche und globale Themen, sowie der Podcast “Dua Lipa: At Your Service”, in dem Dua Lipa regelmäßig tiefe Interviews mit Aktivist:innen und prominenten Freund:innen führt.
Im Juni 2023 wurde der Service95 Book Club im Rahmen des Hay Festivals in Wales als eigenständige Säule des Service95-Angebots eingeführt. Mitglieder des Clubs erhalten jeden Monat eine von Dua Lipa ausgewählte Buchempfehlung, das “Book of the Month” mit Begleitmaterial, sogenannten “Deep Dives”, zum Beispiel Autor:innen-Interviews (teilweise als Podcast-Sonderfolge), aber auch Playlists und Guides.
Sie gründete den Service95 Book Club, um eine globale Lesegemeinschaft aufzubauen, Wertschätzung für physische Bibliotheken weiterhin zu bewahren und Gespräche über vielfältige Themen zu führen, erläutert Dua Lipa in einem Video auf Youtube. Darin beschreibt sie einen Schlüsselmoment für die Entstehung des Buchclubs: der Besuch in einem Frauengefängnis in Großbritannien. Dort habe eine der Frauen ihr erzählt, dass ihr das Lesen von Büchern geholfen habe, Menschen und Gefühle besser zu verstehen. Dieses Verständnis wolle sie fördern, erklärt Dua Lipa. Denn: Lesen könne uns die Welt öffnen.
Dua Lipas Ambition
Dua Lipa bezeichnet die neue Bibliothek als eine Traumpartnerschaft und einen “Ort der Würdigung für verschwundene Bücher”. Dabei entscheidet sie jedoch nicht allein, welche Bücher in die Regale gehören. Denn alle Besucher:innen sind herzlich dazu eingeladen, sich selbst ein Urteil darüber zu bilden, welche Bücher gesellschaftliche Anerkennung verdienen.
Die Bibliothek ist sorgfältig kuratiert. Fast 100 Bücher sind enthalten – jedes widmet sich einem von vier Hauptthemen: Macht, Kontrolle, Stimme und Erinnerung.
Macht untersucht, wer Einfluss ausübt, diesen infrage stellt und wer die Normen und Werte definiert, die wir erben. So behandelt Nineteen fourty-eight Benny Morris die Ursachen und den Verlauf des Krieges von 1948 sowie die Gründung des Staates Israel.
Kontrolle widmet sich Mechanismen, durch die Gedankenfreiheit eingeschränkt werden kann, zum Beispiel durch Überwachung und Propaganda. Man findet hier zum Beispiel Die Tribute von Panem, in der es um eine dystopische Zukunft geht, in welchem der Staat Panem die Bevölkerung unterdrückt.
Stimme soll Perspektiven einen Raum geben, welche systematisch ausgegrenzt wurden oder übersehen wurden. So thematisiert The Hate U Give den mutigen Kampf einer Schwarzen Jugendlichen gegen systemischen Rassismus und Polizeigewalt. Heartstopper wiederum ist ein mittlerweile weltbekannter LGBTQIA+-Roman, der zeigt, wie wichtig queere Sichtbarkeit, Akzeptanz und Identitätsfindung ist.
Der Bereich Erinnerung widmet sich dem Spannungsverhältnis zwischen Geschichte und dem Vergessen. Im Mittelpunkt sollen Werke stehen, die Erfahrungen zum Beispiel vom Krieg und Ungerechtigkeit vermitteln. Ein bekanntes Beispiel ist das Tagebuch der Anne Frank.
Die Manifesto Library soll damit das weiterführen, was bei der Livraria Lello schon immer im Vordergrund stand: Das Buch ist eine Technologie der Freiheit.
Beitragsbild: Justin Higuchi via Flickr.
Dua Lipa eröffnet eine Bibliothek für verbannte und zensierte Bücher in Portugal