Gärten brauchen Pflege, sonst wachsen sie zu. Mit Gefühlen ist es ähnlich. Auch sie können überwuchern, wenn man sie für sich behält. Dank einer Initiative werden einige Barbershops in Kenia zu geschützten Räumen, in denen Männer über mentale Probleme sprechen. Während der Barbier den „Garten im Gesicht“ in Form bringt, entsteht Raum.
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Nelson Mandela massiert Schaum in die Bartstoppeln. Er zieht die Haut straff, setzt die Klinge an. Ein falscher Winkel, und es blutet. Vielleicht ist das der Grund, warum viele sich hier leichter öffnen als anderswo: Hier entsteht Nähe, aber sie drängt sich nicht auf. Ein neutraler Ort, zwei Männer. Einer rasiert, einer sitzt still. Dann lösen sich plötzlich Sätze, die man selbst seinen Nächsten sonst verschweigt.
Heißer Dampf steigt auf. Nelson Mandela wringt ein feuchtes Tuch aus und legt es auf das Gesicht seines Kunden. Ein Duft von Seife und Eukalyptus erfüllt den Raum. Der Mann im zurückgelehnten Friseurstuhl atmet aus, streckt die Beine von sich. Den ganzen Tag hat er funktioniert, gearbeitet, Erwartungen erfüllt. Jetzt geht es nur um ihn.
„Bro, bist du okay?“ Der Kunde antwortet nicht sofort. Seine Brust hebt und senkt sich. Dann sagt er: „Es ist viel.“ Manchmal lautet die Antwort: „Gerade ist alles schwierig.“ Oder: „Ich weiß nicht mehr, wie lange ich das noch schaffe.“ Stress bei der Arbeit. Streit zu Hause. Schulden. Schlaflosigkeit.“
Der 32-jährige Friseur und Familienvater kennt den Druck, den seine Kunden aus dem Alltag mitbringen, wenn sie auf sein braunes Chesterfield-Sofa im Wartebereich fallen. Gerade in Anwesenheit von Frauen falle es vielen Männern schwer, über psychische Probleme zu sprechen, sagt er. „Die Sorge, als schwach zu gelten, ist groß.“
Diese Scham kann gefährlich werden. Laut dem kenianischen Gesundheitsministerium liegt die männliche Suizidrate etwa fünfmal so hoch wie die weibliche. Gleichzeitig fehlt es an Versorgung: Auf rund 550.000 Menschen kommt nur ein:e Psychiater:in.
Barbershops in Kenia werden zu Orten für mentale Gesundheit