wedium startet – eine europäische Kurzvideo-App, die echte Menschen, fair bezahlte Creator und mehr Verantwortung ins Social Web bringen will.
Heute, am 30. Juli, geht es für eine Pressekonferenz ungewöhnlich hoch hinaus. Im Restaurant des Berliner Funkturms, 55 Meter über der Stadt, wird eine neue Social-Media-Plattform vorgestellt. Unten ziehen S-Bahnen, Autos und zahlreiche Menschen in der Berliner Sommerhitze vorbei. Oben heißt es: westart social media.
Der Ort könnte kaum besser passen. Als der Funkturm 1926 zur Großen Deutschen Funkausstellung eröffnet wurde, war der Rundfunk in Deutschland gerade einmal drei Jahre alt. 1923 wurde aus dem Berliner Vox-Haus die erste regelmäßige deutsche Rundfunksendung ausgestrahlt. Plötzlich konnten Stimmen, Musik und Nachrichten viele Menschen gleichzeitig erreichen. Eine technische Neuerung wurde zu einem neuen öffentlichen Raum.
Hundert Jahre später geht es wieder um Reichweite, Stimmen und Öffentlichkeit – nur passen die Sender heute in jede Hosentasche. Soziale Netzwerke verbinden Freunde, bringen Wissen in Umlauf, machen unbekannte Talente sichtbar und lassen Ideen in Sekunden durch die ganze Welt reisen. Das Potential Sozialer Netzwerke ist riesig.
Und trotzdem kennen viele das Gefühl, dass in der Umsetzung häufig etwas verloren geht: Vertrauen, Übersicht, ein freundlicher Ton – manchmal auch schlicht die Gewissheit, ob am anderen Ende überhaupt ein Mensch sitzt.
Genau hier setzt wedium an. Die neue Kurzvideo-App wurde in Berlin entwickelt und geht am 31. Juli an den Start. Sie will Social Media nicht kleiner, langsamer oder langweiliger machen. Im Gegenteil: Auf wedium soll gekocht, diskutiert, getanzt, erklärt, gelacht, berichtet, gesportelt und gestylt werden. Der Unterschied liegt weniger darin, was Menschen teilen, sondern unter welchen Bedingungen sie es tun.
Hinter jedem Account steckt ein Mensch
Der erste Grundsatz klingt beinahe altmodisch: Auf wedium soll hinter jedem Account ein echter, verifizierter Mensch stehen. Die Identitätsprüfung übernimmt der unabhängige deutsche Anbieter WebID. wedium selbst speichert dabei keine Ausweisdokumente. Öffentlich mit Klarnamen auftreten muss trotzdem niemand. Die Verifizierung soll kein exklusives Statussymbol sein, sondern die gemeinsame Grundlage der Plattform.
Das macht nicht automatisch jeden Beitrag wahr und jede Diskussion freundlich. Aber es verändert die Spielregeln. Tausende anonyme Fake-Profile oder Bot-Armeen lassen sich deutlich schwerer aufbauen, gesperrte Nutzerinnen und Nutzer können nicht beliebig mit neuen Wegwerfkonten zurückkehren und hinter Kommentaren stehen Menschen, die Verantwortung für ihr Verhalten tragen.
Zusätzlich setzt wedium auf echtes Community Management: mit menschlicher Moderation, klaren Regeln und Meldungen, die nicht einfach in einem digitalen Nirgendwo verschwinden sollen. Die Idee dahinter ist angenehm unkompliziert: Wer eine Community aufbaut, sollte auch für sie da sein.
Jugendschutz beginnt mit Zuhören
Besonders wichtig ist dem Team der Schutz junger Nutzerinnen und Nutzer. Das zeigt sich bereits im Entwicklungsprozess von wedium, Statt Regeln allein am Konferenztisch festzulegen, startete die Arbeit mit einer Umfrage unter Eltern und Jugendlichen. Was macht ihnen Freude? Wo entsteht Druck? Welche Funktionen helfen wirklich – und welche gut gemeinten Schutzmechanismen gehen am Alltag vorbei?
Parallel zum Launch beginnt nun eine Betaphase, in der das Jugendschutzkonzept weiterentwickelt und praktisch erprobt wird. Begleitet wird sie von der Psychologin und Kinder- und Jugendschutzexpertin Julia von Weiler, die seit Jahrzehnten zu digitalem Kinderschutz, Prävention und sexualisierter Gewalt im Netz arbeitet.
Dabei geht es nicht nur darum, problematische Inhalte zu entfernen. Guter Jugendschutz beginnt früher: bei altersgerechten Einstellungen, verständlichen Meldewegen, bewusster Bildschirmzeit und der Frage, welche Inhalte für welche Altersgruppen geeignet sind. Mit der Funktion we-time können Nutzerinnen und Nutzer etwa selbst festlegen, wie lange sie die App nutzen möchten. Nicht die Plattform soll entscheiden, wann Schluss ist, sondern der Mensch vor dem Bildschirm.
Das Konzept ist bewusst noch nicht „fertig”. Es startet als Beta, weil Schutz nicht durch ein einmal geschriebenes Regelwerk entsteht, sondern durch Zuhören, Prüfen und Verbessern. Eine neue Plattform muss nicht behaupten, schon jede Antwort zu kennen. Sie kann von Anfang an die richtigen Fragen stellen.
Gute Nachrichten für Creator und Medien
Ohne Creator gäbe es kein Social Media. Sie filmen, schneiden, recherchieren, erklären und unterhalten. Journalistische Medien bringen zusätzlich Einordnung, lokale Perspektiven und verlässliche Informationen auf die Plattform. Für viele bleibt jedoch undurchsichtig, wie ihre Arbeit vergütet wird – oder warum ein erfolgreicher Beitrag am Ende kaum Einnahmen bringt.
wedium will den wirtschaftlichen Erfolg deshalb teilen: 50 Prozent der Netto-Werbeeinnahmen sollen an Creator, Medien und NGOs gehen, und zwar ab dem ersten veröffentlichten Beitrag. Keine Mindestzahl an Followern, kein monatelanger Warteraum und kein Bonusfonds, dessen Regeln sich jederzeit ändern kann. Das Modell soll nicht nur fairer, sondern auch nachvollziehbarer sein. Wenn gute Inhalte Werbeeinnahmen erzeugen, profitieren diejenigen mit, die diese Inhalte geschaffen haben. Für unabhängige Creator kann das ein Anreiz sein, neue Formate auszuprobieren. Für Medien eröffnet es die Chance, Social Media nicht nur als Ausspielkanal zu nutzen, sondern auch an der dort entstehenden Wertschöpfung beteiligt zu werden.
Auch Werbung an sich soll anders funktionieren: stärker passend zum Inhalt und weniger auf Basis persönlicher Verhaltensprofile. Die Daten werden nach Angaben von wedium in Europa gespeichert und nach europäischen Datenschutzregeln verarbeitet. So entsteht ein Modell, in dem Marken Reichweite finden können, ohne dass dafür möglichst detaillierte digitale Persönlichkeitsprofile angelegt werden müssen.
Warum Berlin?
Vielleicht musste diese Idee tatsächlich aus Berlin kommen. Aus einer Stadt, die Erfahrung mit Mauern hat – und mit ihrem Überwinden. Aus einer Stadt, in der Ost und West, Hochkultur und Clubnacht, alteingesessene Berliner*innen und Neuankömmlinge täglich aufeinandertreffen. Nicht immer harmonisch, aber fast nie langweilig.
Berlin ist außerdem ein Ort, an dem neue Formen von Öffentlichkeit schon früh ausprobiert wurden. 1923 begann hier der regelmäßige Rundfunk in Deutschland. 1926 wurde der Funkturm zum weithin sichtbaren Symbol der jungen Radiowelt. Nun wird in seinem hundertsten Jahr ausgerechnet dort eine Plattform vorgestellt, die den nächsten öffentlichen Raum ein Stück europäischer gestalten möchte.
Natürlich ist eine neue App noch keine neue digitale Öffentlichkeit. Dazu braucht es Menschen, die sie herunterladen, Creator, die sie mit Ideen füllen, Medien, die ihre Geschichten mitbringen, und Communities, die einen freundlichen, neugierigen Umgang miteinander pflegen. Aber jede Alternative beginnt mit einem ersten Account, einem ersten Video und einer ersten Verbindung.
Am 31. Juli geht wedium in den App Stores an den Start. Die gute Nachricht daran ist nicht, dass nun alle Probleme sozialer Netzwerke gelöst wären. Die gute Nachricht ist, dass sich jemand auf den Weg macht, es anders zu versuchen. Mit echten Menschen statt Bot-Armeen. Mit Jugendschutz, der bei den Betroffenen beginnt. Mit fairer Beteiligung für Creator und Medien. Und mit der Idee, dass Europa digitale Räume nicht nur regulieren, sondern auch selbst gestalten kann.
Vielleicht braucht Social Media gerade nicht die nächste Kopie. Vielleicht braucht es einen Neustart: westart social media.
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