Ein Blick in dein Zimmer oder hinaus aus dem Fenster: Stell dir vor, dass die Pflanzen, die dort wachsen, dich riechen, sehen und hören können. Dass sie reagieren, planen und lernen … Klingt verrückt oder nach Science Fiction? Die aktuelle Forschung zeigt, dass das gar nicht so weit hergeholt ist. Und 2026 scheint ein weiteres Jahr zu sein, in dem wir unser allgemeines Verständnis der grünen Welt erweitern werden und die Sprache der Pflanzen besser verstehen.
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Was könnte das größte Lebewesen der Welt sein? Nein, es ist kein Wal. Es ist ein Pilz. Entdeckt wurde der gigantische Riesenhallimasch erst im Jahr 2000, dabei wächst er schon seit rund 2400 Jahren in der Erde des Malheur National Forest im US-Bundesstaat Oregon. Von außen sichtbar sind nur die gelblichen Hüte des Hallimasch, der auch in Deutschland als Speisepilz bekannt ist. Doch unter der Erde verbirgt sich ein gewaltiger Körper, ein Geflecht, das sich über neun Quadratkilometer erstreckt – das sind circa 1200 Fußballfelder.
Auf die Spur kamen Forschende dem Riesenpilz, als sie Proben pilzbefallener Wurzeln in dem Wald sammelten. Bei der Genanalyse stellten sie fest: Über die Hälfte der 112 gesammelten Proben stammten von ein und demselben Lebewesen. Ein Blick auf die Landkarte machte deutlich, welche enormen Ausmaße der Pilz dafür angenommen haben musste.
Da schwer zu bestimmen ist, wie tief der Pilz an unterschiedlichen Orten in den Boden hineinreicht – bis zu einem Meter tief können die Myzel-Geflechte dringen – unterscheiden sich die Schätzungen, wie groß der Riesenhallimasch denn nun wirklich ist, immer noch stark. Je nach Studie und Definition (Masse vs. Fläche vs. Volumen) reichen sie von „tausenden Tonnen“ bis zu „zigtausend Tonnen“. Sicher ist in jedem Fall: Wir haben es hier mit einem Lebewesen zu tun, das die größten Blauwale klein aussehen lässt.
Dass dieses riesige Lebewesen so lange unentdeckt blieb, liegt auch daran, dass der Mensch die Natur um sich herum unterschätzt. Wir Menschen nehmen uns selbst ja bekanntlich als sehr wichtig wahr. Und auch auf große Tiere blicken wir meist staunend. Andere Lebewesen, sprich Kleintiere, Pilze und Pflanzen sind jedoch oft einfach „da“. Selbst in alten Erzählungen sind sie “leise”. In vielen religiösen Texten, etwa den bekannten Passagen um die Arche Noah, werden Tiere und Menschen detailliert erwähnt – Pflanzen gar nicht. Sie werden selten als handelnde Akteure wahrgenommen, sondern eher als Kulisse oder Versorgung. Dies zeigt schon kulturgeschichtlich, wie sehr wir „Lebewesen“ mit Bewegung und Blick verknüpfen.
Nun sind Pilze keine Pflanzen. Sie sind auch keine Tiere, sondern bilden ein eigenes Reich von Lebewesen, die sowohl tierische als auch pflanzliche Merkmale aufweisen. Was der Riesenhallimasch aber sehr gut zeigt, ist das Ungleichgewicht, das in der Naturforschung lange vorgeherrscht hat und in unseren Köpfen noch immer ausgeprägt ist: Ein Ungleichgewicht zugunsten des Menschen und von Säugetieren. Immerhin wird über die letzten Jahre der Fokus auf Kleintiere, Insekten, sogar auf Pilze (sehr gerechtfertigterweise!) immer größer. Auch Pflanzen erfahren immer mehr lange überfällige Aufmerksamkeit. Zeit für eine augenöffnende Reise in ein Reich von Pflanzen, die kommunizieren, wahrnehmen und uns das ein oder andere beibringen können.
Wird 2026 das Jahr sein, in dem wir die “Sprache der Pflanzen” verstehen?