Chantal Remmert ist Mitgründerin der Slowflower-Bewegung in Deutschland. Sie selbst baut ihre Schnittblumen nachhaltig, regional und saisonal an – und ist damit inzwischen bei weitem nicht mehr allein auf weiter Flur. Im Interview erklärt sie, warum wir bei Schnittblumen Wert auf Nachhaltigkeit legen sollten und warum es vielleicht einfacher ist, als gedacht.
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Jedes Jahr zum Geburtstag kaufte mein Opa meiner Oma einen Blumenstrauß. Als er selbst aufgrund seiner Parkinson-Erkrankung nicht mehr zum Blumenladen gehen konnte, wurde meine Mutter damit beauftragt, den schönsten Strauß herauszusuchen – und mindestens vier Mal daran erinnert, ihn auch ja nicht zu vergessen.
Ob zum Geburtstag, zur Hochzeit, zum Muttertag oder zum Valentinstag, ein Blumenstrauß gehört bei diesen Anlässen einfach dazu. Jährlich geben wir weltweit über 30 Milliarden Euro für Blumensträuße aus. In Deutschland sind es im Schnitt etwa drei Milliarden Euro. Auf Platz eins? Der Klassiker: die Rose, gefolgt von Tulpen und Chrysanthemen. Sie sind ein Stück farbenfrohe Schönheit, Duft und Natur als Zeichen der Aufmerksamkeit oder Zuneigung. Schön, oder?
An sich ja, wären da nicht die problematischen Bedingungen, unter denen viele der Schnittblumen, die wir hier in Deutschland kaufen können, angebaut werden. Denn produziert werden die meisten von ihnen weit außerhalb Europas, in Ländern wie Kenia oder Ecuador. Das ist nicht nur angesichts des weiten Transportwegs problematisch, sondern auch aufgrund der gesundheitsschädlichen Pestizide, die zum Anbau und zur Preservation der Blumen verwendet werden.
Heut soll’s rote Rosen regnen – aber bitte nachhaltig!
Zwei Drittel aller deutschen Rosen kommen aus Kenia. Das Land ist einer der Hauptproduzenten für Rosen weltweit und schafft mit der Produktion Arbeitsplätze für rund 100.000 Angestellte. Demgegenüber stehen ein extrem hoher Wasserverbrauch und hohe Pestizidbelastung, die das Grundwasser verschmutzt und bei den Arbeitenden zu teils schweren gesundheitlichen Schäden führen kann.
Bis die Rosen bei uns in der Vase landen, legen sie einen Weg von über 6.000 Kilometern zurück. Damit haben sie aber trotzdem eine bessere CO2-Bilanz als Blumen, die beispielsweise in niederländischen Gewächshäusern angebaut werden. Deren Fußabdruck ist noch einmal um zwei Drittel höher als der kenianischer Rosen, aufgrund des extrem hohen Bedarfs an fossiler Energie, der durch das Heizen der Gewächshäuser entsteht.
Gewisse Siegel, wie das Fair Trade-Abzeichen, garantieren zumindest die Einhaltung von Mindeststandards für Chemie und Arbeitsbedingungen. Noch besteht allerdings keine Deklarationspflicht – und nicht alle Nachhaltigkeitssiegel sind vertrauenswürdig. Im Zweifel also eben doch regional, saisonal und slow.
Zum Glück gibt es Alternativen. Denn immer mehr Florist:innen handeln mit nachhaltig und lokal produzierten Blumen oder bauen sie sogar selbst an. Eine von ihnen ist Chantal Remmert, die in Schwäbisch-Hall ihre Gärtnerei Erna Primula betreibt. Sie ist eine der Gründerinnen von Slowflowers in Deutschland, einer Bewegung, die sich dem nachhaltigen Anbau von Schnittblumen verschrieben hat – und die in den letzten Jahren rasant gewachsen ist.
GNM: Chantal, du bist seit Beginn Teil der Slowflower-Bewegung und baust selbst nachhaltige Schnittblumen an, die du in deinem Hofladen Erna Primula verkaufst. Wie bist du dazu gekommen?
Chantal: Ich bin im ländlichen Bereich aufgewachsen, als Kind mit Garten. Blumen waren für mich also ein Bestandteil vom Großwerden. Ich habe dann in Berlin an der Technischen Universität Landschaftsarchitektur studiert, immer mit dem Ziel im Hinterkopf, etwas mit Bäumen und Blumen allgemein machen zu wollen.
Nach dem Studium bin ich im Büro gelandet, habe aber schnell gemerkt, dass mir etwas fehlt . Und in dieser Zeit, als ich gerade beruflich auch am Suchen war, wuchs der Fokus auf Themen wie Fair Fashion, Fair Phones und Ökostrom. Es fing an, dass wir nicht nur über Bio-Lebensmittel nachdachten, die in den 80ern irgendwie ein deutsches Thema wurden, sondern über die Produktion von all unseren Konsumgütern. Da kam für mich dann auch die Frage auf: Wo kommen denn die Schnittblumen her und wie werden die produziert?
Und dann kam es so, wie es manchmal im Leben kommt. Ich bin von Berlin nach Leipzig gezogen und habe mich dazu entschieden, mich selbstständig zu mache…
Slowflowers – ein bunter Strauß Nachhaltigkeit