Das klassische Stadtbild: grau in grau. Dazu kommen im Sommer Temperaturen, unter denen die meisten ächzen. Doch es gibt einen Ansatz, der zeigt, wie Städte lebendiger und klimafreundlicher werden können – indem Gärten und Grünflächen gezielt in die Architektur integriert werden. Über eine Methode, die bereits viel bewirkt, aber auch ihre Grenzen hat.
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Von Finn Tönjes und Yannick Luca Dahm
Während des Interviews muss sich Luis Cassiano mehrfach den Schweiß von der Stirn wischen. “Ich bin beschäftigt!”, ruft er zwei mal die Treppe hinunter. Er sitzt im Schatten, dennoch, so zeigt es das Thermometer, sind es 34 Grad. „Auf meinem Balkon ist es viel heißer“, sagt er. Die Sonne knallt darauf. Er zückt sein Thermometer: 56 Grad. Mehr als 20 Grad Unterschied unter seinem Dach. Und genau dieses ist außergewöhnlich. Denn darauf hat er verschiedene Pflanzen eingesetzt: unter anderem Bromelien und andere hitzebeständige Gewächse. Bei Favela-Häusern ohne Dachbegrünung stiegen die Temperaturen laut Luis Cassiano auf weit über 50 Grad. Aber darauf hätte vieles Einfluss: Die Tageszeit oder auch die Höhe, auf der das Haus steht. Es sei schwer, eine verallgemeinernde Aussage zu treffen.
Luis Cassiano oder Sanduba, wie sie ihn nennen, ist eine kleine Berühmtheit in der Favela Parque Arará im Stadtteil Benfica im Norden der brasilianischen Stadt Rio de Janeiro. Seine gemeinnützige Organisation „Teto Verde Favela“ (dt.: grünes Dach) verfolgt seit Gründung 2014 zwei Ziele, wie er erklärt: „Einerseits geht es darum, dass die Häuser etwas heruntergekühlt werden. Andererseits will ich den Menschen auch etwas über Pflanzen und ihre Wirkung beibringen.“ Die Idee kam ihm vor mehreren Jahren, als die Stadt wieder einmal von einer Hitzewelle überrollt wurde.
Doch auch fernab der Favelas wächst die Zahl der Architekt:innen und Stadtplaner:innen, die Pflanzen in ihre Gebäudeplanung mit einbeziehen. Nicht immer ist ihr Effekt so direkt und spürbar wie bei Luis Cassianos Gründächern. Auch gilt nicht automatisch: Pflanzen auf Gebäuden gleich nachhaltig und klimafreundlich. Jedoch unter den richtigen Voraussetzungen können grüne Fassaden und Dächer überall einen großen Beitrag dazu leisten, gerade unsere Städte lebenswerter zu machen.
Ein Unterschied wie Tag und Nacht
Wer an Favelas denkt, dem kommen vermutlich als erstes Bilder von Waffen, Kriminalität und Drogenhandel in den Sinn. Neben diesen sehr realen Problemen kämpfen die Bewohner allerdings auch mit Widrigkeiten der Natur. Dazu zählt in besonderem Maße die Hitze. Die bekanntesten Favelas befinden sich in Rio de Janeiro. Die Millionen-Metropole liegt direkt am Atlantik. An heißen Tagen treibt es also Touristen und Bewohner gleichermaßen an den Strand oder in Strandnähe. Auch wenn die Favelas auf Hügeln errichtet sind und Blickkontakt zum Meer haben, erreichen kühle Meeresbrisen selten die steilen Hänge, im Gegenteil, die Hitze ballt sich dort.
Es gibt kaum Klimaanlagen, Ventilatoren helfen nur begrenzt, begrünte Flächen gibt es genauso selten. Ob in den Gassen oder im eigenen Haus, die Hitze staut sich. Und genau hier setzt der 45-jährige Luis Cassiano mit seiner Organisation „Teto Verde Favela“ an.
Ein Thema für Luis Cassiano und seine Mitstreiter ist auch die Architektur und Stabilität der Gebäude. So gut wie alle Häuser einer Favela sind illegal errichtet. Das heißt, dass sie sich in ihrem Anblick, aber auch ihrer Architektur deutlich von den legalen Häusern unterscheiden. „Bevor wir Pflanzen auf dem Dach einsetzen, müssen wir die Stabilität überprüfen. Wir müssen sichergehen, dass die Dächer die Last auch tragen können“, erklärt er. Anstelle von Erde nutzt die Organisation Geotextilien, auf denen die Pflanzen wachsen. Diese Textilien legen die Bewohner dann über ihre Wellblechdächer.
„Ich mache das, bis ich nicht mehr kann!“
Auch die Häuser, die die Last nicht tragen könnten, würden profitieren, wie Cassiano erklärt: Denn die Menschen würden sich für seine Arbeit und die Pflanzen interessieren. Er erzählt: „Besonders Kindern bringe ich gerne etwas über die Pflanzen bei. Ich bin von Wäldern umsäumt groß geworden. Die Menschen, die nur hier gelebt haben, kennen es nicht anders. Ich will ihnen zeigen, was begrünte Flächen bewirken können.“ In der Favela gebe es nur ihn, der diese Funktion erfüllen und anderen etwas beibringen würde.
Sein Ziel ist es, immer weiter Dächer in kleine Oasen zu verwandeln. „In der Zukunft will ich eine Firma gründen, damit wir damit auch Geld verdienen können. Momentan mache ich vieles noch ehrenamtlich, seltener gibt es bezahlte Aufträge“, erklärt er. Sein zweitgrößter Wunsch ist es, dass das Leben in der Favela durch immer mehr begrünte Dächer besser werde: „Ich mache das, bis ich nicht mehr kann.“



Mittlerweile gibt es das Rede Favela Sustentável, auf deutsch: Netzwerk nachhaltige Favela. Mehr als 1.000 Mitglieder sind Teil der Bewegung, mit unterschiedlichen Ansätzen. Den Kampf gegen die Klimaungerechtigkeit in Brasiliens Favelas bestreitet Cassiano also nicht allein.
Gebäude mit Grün: Die nachhaltige Lösung?
Auch in anderen Teilen der Welt nimmt die Zahl der Bauwerke und Projekte, die Pflanzen bewusst integrieren, zu – von viel diskutierten Leuchtturmprojekten wie Stefano Boeris Bosco Verticale in Mailand über futuristisch wirkende Projekte wie den Hamad International Flughafen in Doha mit seinem 5.500 m2 großen integriertem Garten bis hin zu Bushaltestellen mit Dachbegrünung in immer mehr Städten Europas.
Die lange Geschichte der Gebäudebegrünung
Das bekannteste Beispiel für Gebäudebegrünung aus der Geschichte sind wohl die hängenden Gärten von Babylon. Deutlich weniger spektakulär, aber deutlich funktionaler, waren die begrünten Erdhäuser, die zeitgleich beispielsweise in Petra, Jordanien und in Teilen der Türkei und Italiens ihre Bewohner:innen vor Hitze und Kälte schützten. Gebäudebegrünung besteht damit bereits seit der Antike. Heute wird unter dem Begriff der bewusste Einsatz von Vegetationselementen im gebauten Raum verstanden, aber auch “spontane” Begrünung, wenn beispielsweise Efeu ungeplant die Wände eines Hauses erobert.
Seit Mitte der 2000er Jahre wird die Gebäudebegrünung zunehmend im Kontext von Klimaanpassungsmaßnahmen diskutiert. Gerade in eng bebauten urbanen Räumen haben sie das Potenzial, Grünflächen an Orten zu schaffen, wo es sonst keine gibt. Unterschieden wird dabei hauptsächlich zwischen vertikaler Begrünung (Fassaden) und Dachbegrünung, wobei letztere bei aufwendigerer Begrünung, also Bäume, Sträuchern etc, in der Konstruktion und Pflege vergleichsweise kosten- und materialintensiv sind. Grundsätzlich ist es noch schwierig, die Effekte von Gebäudebegrünung objektiv zu vergleichen, da es bislang keine festgelegten Kriterien gibt und Forschungen nicht alle Faktoren erfassen können. Allerdings haben beide Formen nachweislich positive Effekte auf die Biodiversität und Luftqualität sowie auf das Mikroklima.
Doch während in Brasiliens Favelas die Vorteile der Gründächer eindeutig sind, scheiden sich zumindest in Deutschland die Geister, wie viel Mehrwert Projekte, die Pflanzen architektonisch integrieren, bieten können. Yannick Dahm hat an der Technischen Universität Berlin zur Klimawirksamkeit von Fassadenbegrünung promoviert. Sein Fazit: Gebäudebegrünung muss zumindest in europäischen Städten gut durchdacht und an die Voraussetzungen angepasst sein, um klimatisch einen erkennbaren Mehrwert zu bringen.

Pionierprojekte wie den Bosco Verticale sieht er darum kritisch. “Das ist ein bisschen, wie mit dem SUV auf die Klimademo zu fahren”, so sein Kommentar. Will heißen: Die Absicht ist richtig. Es geht zum einen darum, Aufmerksamkeit auf den hohen Beitrag der Baubranche zu den globalen Emissionen zu lenken – laut UN-Report ist der Bausektor für über ein Drittel der globalen Emissionen verantwortlich, allein 18 Prozent der weltweiten Emissionen entfallen auf Zement und Stahl. Zum anderen ist das Ziel, eine Botschaft für Klimaschutz und mehr Grün in den Städten zu setzen und ein Umdenken für innovative neue Wege in der Baubranche anzustoßen. Die Vorgehensweise ist allerdings klimatisch nicht unbedingt sinnvoll.
Denn auch wenn die Pflanzen in ihrem Wachstum CO2 absorbieren, ist die Errichtung und Erhaltung einer Begrünung wie der des Bosco Verticale enorm ressourcen- und materialintensiv: Allein das zusätzliche Gewicht der Pflanzen und die für die Bewässerung und das Substrat benötigten Strukturen erfordern “riesige Stahl- und Betonkonstruktionen”, beschreibt Yannick.
Da Stahl und Beton in der Herstellung enorm CO2-intensiv sind, sind die Initialemissionen durch die Begrünungen später nur schwer wieder wettzumachen, argumentiert er. Zumindest benötige es dafür mehrere Jahrzehnte – und das nur, wenn die Erhaltung und Pflege der Pflanzen nachhaltig und einfach ist, also beispielsweise nicht im Jahres- oder Zwei-Jahres-Takt neu bepflanzt werden muss. Oft bleibt ein Ausgleich der hohen CO2 Emissionen dieser Begrünungssysteme durch die Pflanzen jedoch komplett unmöglich.
Wilder Wein und Efeu all the way?
Geht es denn aber auch anders – und wenn ja, wie sehen die Voraussetzungen aus, unter denen Dach- und Fassadenbegrünung zum Beispiel in Deutschland klimatisch Sinn macht? “Schlanke Systeme im großen Stil”, so lautet die Antwort für Yannick, also, “Systeme, die wenig ausstoßen und viel einsparen”, und das so großflächig wie möglich.
Wie genau das aussehen kann, zeigt das FaBiKli Projekt, kurz für den eher sperrigen vollen Titel: “Fassadenbegrünung und Biomasseverwertung für Klimaschutz an Schulen”. Bei dem Pilotprojekt wurden drei Schulen im Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf mit grünen Fassaden ausgestattet, so ressourcenschonend wie möglich. So wurde beispielsweise ein solarbetriebenes Pumpensystem genutzt, um die Pflanzen der Fassadenbegrünung mit Regenwasser zu versorgen.
Um das CO2-Einsparungspotential des Projekts zu maximieren, war unter anderem die Wahl der Pflanzen wichtig. “Wilder Wein und Efeu sind zu gemütlich”, erklärt Yannick. Besser seien schnell wachsende Kletterpflanzen. Bei FaBiKli wurden darum Hopfen und Feuerbohnen verwendet. Sie erforderten zwar zu Beginn etwas mehr Pflege und Material, seien danach jedoch effektiver – und ein weiterer positiver Nebeneffekt: Die Früchte sind essbar.
Eine weitere Rolle spielt der Ort der Fassadenbegrünung, am besten an der Südseite, sodass über den Tag hinweg der größte Beschattungseffekt erzielt wird. Darum sind grüne Fassaden übrigens auch effektiver als grüne Dächer: der Kühleffekt der Dachgärten ist zwar spürbar, aber nur in der obersten Etage. Die Wirkung der Fassadenbegrünung erstreckt sich über das gesamte Gebäude. Und dann kommt es auch darauf an, wie gut das Gebäude bereits isoliert ist. Den größten Kühleffekt haben Fassadenbegrünungen dementsprechend an schlecht isolierten Häusern.
Zwischen Gedankenexperiment und Nachfrage
Wenn alles passt, ist das Ergebnis durchaus signifikant: Um bis zu 30 Prozent könne der Kühlbedarf durch die richtige Fassadenbegrünung bei bestimmten Gebäuden gesenkt werden, so Yannick. Allerdings ist dabei das Austarieren der ökologischen Nachhaltigkeit und der finanziellen Umsetzbarkeit eine große Herausforderung. Am besten zeigt das vielleicht die Instandhaltung der Fassadenbegrünung: “Am nachhaltigsten wären Fassadenkletterer, die gleichzeitig ausgebildete Gärtner:innen mit dem Fachwissen über Fassadenbegrünung sind. Die sind aber erstens schwer zu finden und zweitens teuer.”
Bei FaBiKli haben sie eine deutlich kostengünstigere Möglichkeit entwickelt: Ein innovatives System aus nachhaltig gefertigten Hanfseilen, die es ermöglichen, die Fassadenpflanzen von unten zu pflegen und auch zu ernten. Im Vergleich zu Hebebühnen, die sonst dafür nötig werden, eine enorme Ressourceneinsparung.
Noch ist das System von FaBiKli ein in der Forschung entstandenes Nischenprodukt, aber wer weiß – vielleicht halten solche oder ähnliche Techniken ja doch bald Einzug auf dem Markt. Denn auch, wenn Forschung und Praxis zwei verschiedene Paar Schuhe sind, machen es allein schon neue Nachhaltigkeitsauflagen für die Baubranche unabdingbar, umzudenken. “Auch Gebäudebegrünung wird immer mehr zum Faktor”, erklärt Yannick, laut ihm kommen in vielen Teilen Deutschlands “aktuelle Bauprojekte gar nicht mehr daran vorbei, Pflanzen und Begrünung in ihren Planungen zu berücksichtigen”.
Was bepflanzte Häuser wirklich können
Eine Entwicklung, die Potenzial bietet – sofern sie richtig umgesetzt wird. Schwierig ist dabei auch, dass die Forschung zur Gebäudebegrünung kaum eindeutige Aussagen liefert, was nun wirklich als nachhaltig gilt. Dafür fließen, wie Yannick erklärt, einfach zu viele Faktoren ein. Liegt der Blick ausschließlich auf CO2-Reduktion, ist das Urteil ein ganz anderes, als wenn es um Kostenreduktion geht. Wie viel Effekt eine konkrete Maßnahme wirklich hat, ist außerdem vom Kontext abhängig. Entlang großer Verkehrsadern in Großstädten, wo die Feinstaubbelastung extrem hoch ist, sind die positiven Auswirkungen von Fassadenbegrünung auf die Luftqualität beispielsweise deutlich größer und wichtiger als an Orten, wo die Luft bereits sehr sauber ist. Ähnliches gilt für die Biodiversität, die Speicherung von Regenwasser, und so weiter.
Dazu kommen Faktoren, die noch viel schwieriger zu beziffern sind, wie der Einfluss von grünen Dächern oder Fassaden auf unser Klima- und Umweltbewusstsein. Denn wer kann schon sagen, wie viele Schüler:innen der durch FaBiKli begrünten Schulgebäude ein größeres Bewusstsein für Umwelt- und Klimaschutz gewonnen haben? Wichtig ist, all diese Faktoren nicht so durcheinander zu werfen, dass am Ende ein Bild herauskommt, das nach Greenwashing riecht.
Natürlich ist wichtig, zu bedenken, dass grüne Dächer und Fassaden uns nicht automatisch helfen, Emissionen zu reduzieren. Aber sie haben ganz abgesehen von der Frage um CO2-Einsparungen viele wichtige positive Effekte. “Gerade in komplett versiegelten Ecken der Stadt entstehen durch grüne Fassaden, Pflanzenkübel am Straßenrand oder Beete auf dem Dach kleine grüne Oasen, wo sonst kein urbanes Grün möglich wäre”, so Yannick. Und jedes Fleckchen Grün leistet seinen Beitrag: “Es dient als Hitzeschutz, Luftfilter, Wasserfilter, Wasserspeicher, als Habitat, fördert also die Biodiversität, und hat nachweisbar positive Effekte auf unsere Psyche, von Konzentrationsfähigkeit zu gehobener Stimmung.”
Grüne Haltestellendächer für Bienen und Co
Wie positiv die Effekte sogar kleinster Grünflächen in unseren Städten sein können, zeigen immer mehr begrünte Haltestellendächer. Den Anstoß dazu gab die niederländische Stadt Utrecht, wo 2019 über 300 Haltestellen mit Gründächern ausgestattet wurden. Ziel der sogenannten “Bee Stops” war, wie der Name verrät, nicht zuletzt die Förderung der Artenvielfalt. Die grünen Haltestellendächer sind heute Lebensraum und Nahrungsquelle nicht nur für Bienen, sondern auch für andere Insekten und kleine Vögel.
Das Modell machte schnell Schule über die Stadtgrenzen hinaus, allein in Deutschland gibt es heute begrünte Haltestellendächer in einer Vielzahl von Städten, von Hamburg über Bonn bis nach Teltow. Laut Angaben verschiedener beteiligter Verkehrverbände tragen sie nicht nur dazu bei, die Artenvielfalt zu steigern, sondern verbessern auch das Mikroklima und die Luftqualität.
Stichwort Klimagerechtigkeit…
Was Yannick darüber hinaus wichtig ist: Dachgärten, die für die Öffentlichkeit zugänglich sind und grüne Fassaden, die in die Straßen hinunterreichen, sind ein Hebel für Teilhabe und Klimagerechtigkeit. Das bringt uns zurück zu dem, was Luis Cassiano in Brasilien mit Teto Verde und den Rede Favela Sustentável angestoßen hat: Seine Arbeit trägt ganz konkret dazu bei, dort Abhilfe gegen die Effekte des Klimawandels zu schaffen, wo sie die stärksten Auswirkungen haben. Doch Klimagerechtigkeit betrifft nicht nur Brasiliens Favelas, ruft Yannick uns ins Gedächtnis. Auch in Deutschland und allen anderen Ländern Europas und der Welt sind Menschen mit geringerem sozioökonomischen Status deutlich stärker von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen.
In Berlin reicht dafür ein Blick auf die Stadtkarte. Sie zeigt, dass die Viertel, in denen vorwiegend einkommensschwächere Familien leben, auch besonders hohe Flächenversiegelung aufweisen. Durch die fehlenden Grünflächen heizen sich diese Gebiete im Sommer stärker auf als beispielsweise Regionen am Stadtrand. Eine Analyse der TAZ zeigt genauso wie der Berliner Umweltgerechtigkeitsatlas: Sogenannte Hitze-Inseln fallen mit den Gebieten zusammen, in denen die Zahl der arbeitslosen Menschen und Sozialhilfeempfänger:innen besonders hoch ist. Ein ähnliches Bild zeigt sich in anderen europäischen Städten, und zwar nicht nur bezogen auf die Hitzebelastung, sondern auch auf die Luftverschmutzung.
Mehr Bäume, Parks und Grünflächen sind eine Antwort darauf. Dachgärten und vor allem Fassadenbegrünung sind noch schneller und mit den richtigen Ansätzen unter deutlich weniger Aufwand umsetzbar – und effektiv. So zeigen verschiedene Studien in der chinesischen Fünf-Millionen-Stadt Xiamen, wo zwischen 2015 und 2019 über 500.000m2 Fläche an Gründächern angelegt wurden, Temperatursenkungen von bis zu einem Grad Celsius in der näheren Umgebung. In Gegenden, wo viele Dächer nebeneinander begrünt waren, waren die Effekte sogar noch größer. Ganz zu schweigen natürlich von den deutlichen Temperaturunterschieden, die zum Beispiel Luis Cassiano im Inneren seines Hauses misst.
Die Stadt der Zukunft?
Ein grünes Dach hat in den Favelas Brasilien zwar deutlich mehr direkte positive Auswirkungen als auf einem Hochhaus in Berlin Mitte. Das heißt nicht zwangsläufig, dass wir die Dächer der Hochhäuser in unseren Städten nicht begrünen sollen. Vielmehr sollten wir gut darüber nachdenken, wie und warum wir Pflanzen in unsere Architektur einbinden. Wilder Wein am Haus kann nicht unser Klima retten, sondern einen kleinen Beitrag zur Kühlung und Verbesserung des Mikroklimas leisten. Gärten auf dem Supermarktdach ersetzen nicht nachhaltige Lieferketten und Hochbeete voller Wildblumen auf jedem Balkon machen den Ausstieg aus fossilen Energien nicht weniger dringend. Sicher ist aber, dass mehr Grün in unserer Gebäudeplanung uns und der Natur in vieler Hinsicht enorm gut tun würde. Auch, um zu zeigen, wie die Welt von morgen aussehen könnte.
Ein Projekt wie das von Luis Cassiano hat spürbar positive Auswirkungen für jede einzelne Familie, die unter oder neben einem begrünten Faveladach wohnt. Vor allem aber zeigt Teto Verde Favela den Menschen innerhalb der Favelas, aber auch weit darüber hinaus, neue Möglichkeiten auf. Vielleicht geht es sowohl bei Teto Verde Favela, als auch bei dem FaBiKli Projekt darum, den Menschen zu beweisen, dass eine grüne Stadt möglich ist. Denn so entstehen Veränderungen.

Solarpunk ist eine Bewegung in Literatur, Musik, Film und Architektur, die nachhaltige Zukunftsszenarien entwirft. Dabei geht es nicht um eine blinde Utopie, sondern um positive Vorstellungen einer Zukunft, die entstehen könnte, wenn wir Menschen sie aktiv nachhaltig mitgestalten. Hängende Gärten an Hochhäusern, organische Bauwerke und Gärten auf jedem Balkon, könnte so die Architektur der Zukunft aussehen?
“Ja!”, würde die Berliner Architektin Almut Grüntuch-Ernst wohl darauf antworten. Sie ist die Begründerin des Begriffs und Ansatzes von “Hortitecture”, zusammengesetzt aus „Hortus“ (Latein für Garten) und Architektur. Sie versteht darunter eine “architektonische Strategie”, die Pflanzen gezielt für die Fortentwicklung der urbanen Baukultur nutzbar macht. “Pflanzen können mehr sein als eine dekorative Ergänzung des Gebäudes”, argumentiert Grüntuch-Ernst in einem Beitrag in der Deutschen Bauzeitschrift. “Sie können ein funktional-integraler Bestandteil des Gebäudes werden, sodass Neubauten in der urbanen Nachverdichtung zu Ökosystem-Dienstleistern werden. Pflanzen dämmen und spenden Schatten, sie können Lärm, Verschmutzung, Kohlendioxid und Feinstaub absorbieren und durch die Wasserverdunstung die Temperaturen in der Stadt senken.”
Bild: Prototyperspective via Wikimedia Commons.
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Quellen
- Statistik Berlin-Brandenburg (2025): Umweltgerechtigkeit in Berlin.
https://www.statistik-berlin-brandenburg.de/news/2025/umweltgerechtigkeit-berlin - taz (2025): Klimagerechtigkeit in Berlin.
https://taz.de/Klimagerechtigkeit-in-Berlin/!6093956/ - ZI Mannheim (o. J.): Studie: Grünflächen in Städten fördern psychisches Wohlbefinden.
https://www.zi-mannheim.de/institut/news-detail/studie-gruenflaechen-in-staedten-foerdern-psychisches-wohlbefinden.html - Universität Hamburg (2017): Stadtklima und Umweltgerechtigkeit – Forschungsbericht.
https://epub.sub.uni-hamburg.de/epub/volltexte/2017/69300/pdf/report30.pdf - FaBiKli (o. J.): Projektseite FaBiKli.
https://www.fabikli.de/
https://www.fabikli.de/projekt/ - Klimaschutzpartner Berlin (2025): FaBiKli – Projektdokumentation.
https://www.klimaschutzpartner-berlin.de/fileadmin/user_upload/project-files/2025/000649-67f7b082001a4_fabikli_detaillier.pdf - Bunker St. Pauli (o. J.): Offizielle Projektseite.
https://www.bunker-stpauli.de/ - Rutgers University (o. J.): Solarpunk – architektonische und kulturelle Perspektiven.
https://arestyrurj.libraries.rutgers.edu/index.php/arestyrurj/article/view/333/264
Beitragsbild: Marco Verch via ccnull
weitere Bilder: Luis Cassiano x Teto Verde Favela


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