Touristen als Weltretter?

Ximalia will nachhaltiges Reisen einfacher machen

von | 25. Februar, 2021

Die Corona Pandemie hat das Reisejahr 2020 nahezu komplett lahmgelegt – und die positiven Auswirkungen auf die Natur waren immens! Wenn der eigene Lieblingsreiseort regeneriert und aufblüht, nur weil ein paar Monate keine Touristinnen und Touristen kamen, wird es dringend an der Zeit Tourismus an sich zu hinterfragen. Das Thema ist weitaus facettenreicher als nur auf die CO2 Bilanz zu schauen. Die positiven sowie negativen Auswirkungen auf Mensch und Umwelt sind immens … und es tut sich endlich was! Die Initiative Ximalia ist ein neuer Ansatz in der Branche. Sie startet heute ihre Crowdfundingkampagne und will den Tourismus komplett umkrempeln. Wie? Und warum überhaupt? Wir schauen genauer hin.

Was bedeutet Nachhaltigkeit in Bezug auf Reisen?

Um diese Frage beantworten zu können, muss man sich erst einmal vor Augen führen, welche Formen der Nachhaltigkeit im Tourismus vorkommen. Die Nachhaltigkeit im Tourismus lässt sich in 3 Kategorien untergliedern:

Ökologische Nachhaltigkeit: Wie kann man den negativen Einfluss des Reisenden auf die Natur minimieren? Wie kann man dafür sorgen, dass Ressourcen nachhaltig verwendet werden? Wie kann man der Natur dabei helfen, sich in Gebieten des Übertourismus wieder zu erholen? Wie kann man Übertourismus präventiv verhindern?

Kulturelle/soziale Nachhaltigkeit: Wie geht es der Bevölkerung vor Ort mit der Masse an Touristen? Welchen Einfluss übt die reisende Kultur auf die heimische Kultur aus?

Wirtschaftliche Nachhaltigkeit: Wo kommt das Geld an? Bei der nächsten Kette, die ihren Gewinn maximiert, oder bei einer lokalen Familie, die einen Homestay anbietet und Geld dringend benötigt?

Die Antwort der einfachen Frage: Wo und wie verbringe ich meinen nächsten Urlaub, trägt also weitreichende Folgen für die Umwelt, den Mensch und die Wirtschaft.

Beispiel Boracay

Die philippinische Insel Boracay ist ein Paradebeispiel für den negativen Einfluss von unreguliertem Tourismus auf alle Aspekte der Nachhaltigkeit. Die Insel wurde 2018 aufgrund des ausufernden Tourismus sogar für Reisende komplett gesperrt. Die Auswirkungen auf die Natur und die Bevölkerung waren so immens, dass Präsident Duterte keinen anderen Ausweg mehr sah. „Das Meer riecht nach Scheiße“, beschrieb er die Situation geradeheraus. Die einheimische Bevölkerung wurde aus dem eigenen Territorium verdrängt, und große unberührte Flächen und Böden wurden auf Kosten von immer mehr Hotels versiegelt. Die logische Konsequenz der zeitweisen Sperrung der Insel wirkte sich im Nachgang erheblich auf die Wirtschaft der Insel aus, da diese ihre Einnahmen nahezu komplett aus dem Tourismus beziehen.

Lieber gleich Zuhause bleiben?

Ist es vielleicht besser Abstand vom Tourismus zu nehmen oder nur noch in die nächste Umgebung zu verreisen? Das ist eine sehr persönliche Frage, doch eine ganzheitlich betrachtete Antwort hierzu lautet: Nein. Dafür gibt es folgende Gründe:

Zum einen wäre es für Regionen, die abhängig vom Tourismus sind, fatal, wenn die einzige wirtschaftstreibende Einnahmequelle von jetzt auf gleich ausbleibt. Dies würde weitreichende Konsequenzen für die Menschen vor Ort haben. Im nächsten Schritt würde unter der entstehenden Armut auch die Natur leiden. Da die Menschen mit dem eigenen Überleben beschäftigt wären und sich nicht mehr um das Wohl der Natur kümmern könnten. Tourismus hat zur Entstehung und dem Erhalt von vielen Naturschutzparks beigetragen. Zum anderen bringt Tourismus einen wichtigen Austausch der Kulturen und dieser fördert die gegenseitige Akzeptanz. Diese Bereicherung und der Austausch können nicht digitalisiert werden, sondern müssen physisch erlebt werden.

Nun stehen sowohl positive als auch negative Argumente sich gegenüber. Da kommt die Frage auf: Was soll ich jetzt tun? Die Antwort ist weder schwarz noch weiß: Bewusster Reisen!

Urlaub sollte keine Auszeit von Werten sein

Viele Menschen sehen den Urlaub als eine Art Auszeit von allem. Da er ein seltenes Ereignis ist, werden hier beim Thema Nachhaltigkeit oftmals beide Augen zugedrückt. Die größte Hürde dabei ist, dass es gar nicht so einfach ist, einen nachhaltigen Urlaub zu buchen. Welches Label ist vertrauenswürdig? Wie verschaffe ich mir einen Überblick über die Regionen? Sind sie überlaufen oder kommt die einheimische Gesellschaft noch mit den Tourist:innen aus? Gibt es umliegende Alternativen, die die Natur schonen könnten? Viele Fragen bleiben für den durchschnittlichen Reisenden unbeantwortet. Der Versuch, Tourismus ganzheitlich nachhaltiger zu machen, ist ein hoch komplexes Unterfangen. Daher ist eine globale Lösung gefragt, die alle Stakeholder des Tourismus miteinbezieht.

Die aktuelle Lage auf dem nachhaltigen Reisemarkt

Durch die stetig wachsende Nachfrage nach Nachhaltigkeit, werden die Möglichkeiten immer größer mit positivem Einfluss zu reisen. Es gibt viele Seiten, die z.B. als Kompensation für den Flug Bäume pflanzen oder Mikrokredit-Plattformen, mit denen Menschen am Zielort unterstützt werden können.

Das Problem ist, dass Informationen über Nachhaltigkeit quer über das Internet verteilt sind und bei der Umsetzung nur zu punktuellen Veränderungen führen. Da kommt die neue Intiative Ximalia ins Spiel: Der Ansatz besteht darin, alles zu einem Ort zusammenzuführen. Denn für Einzelpersonen ist es nahezu unmöglich, die Komplexität des Problems zu überblicken und selbstständig ganzheitliche Lösungen zu finden. Daher ist eine global skalierbare Lösung notwendig. Der große Paradigmenwechsel soll dabei die Einfachheit werden. “Recherche nach positivem Einfluss” fällt bei Ximalia weg, da dieser bei jeder Reise automatisch garantiert wird.

Ximalia’s Vision verspricht vieles

Ximalia ist ein Startup aus Paris, das einige interessante Ideen formuliert. Im Falle von erfolgreicher Implementierung und Annahme von Reisenden würden diese bedeutsame Schritte in Richtung des nachhaltigeren Reisens bedeuten. Mithilfe von Big Data gepaart mit einem System aus KI-Algorithmen, wird diese Arbeit, die für einen einzelnen Mensch nicht machbar ist, clever automatisiert. Der daraus entstehende globale Nachhaltigkeitsindex kann daraufhin in Buchungsempfehlungen einfließen. Der Index ist die Basis für drei verschiedene Produkte: eine App für Reisende, mehrere Programmierschnittstellen für touristische Organisationen und eine Nutzerschnittstelle für Regierungen zum besseren Verständnis des Tourismus vor Ort. In der Arbeit orientiert sich Ximalia an den SDG, den Sustainable Development Goals, der UN.

Was ist an Ximalia anders als an anderen Buchungsplattformen?

Das Buchen, wie es bisher organisiert war, hat laut dem Startup keine Zukunft mehr. Vielmehr soll Tourismus in ein “miteinander erleben” umgewandelt werden. Die interaktive Community wird ein Ort, an dem sich Menschen aufhalten, zusammen entdecken und kreieren – mit Netzwerkeffekt. Die Buchung einer Reise erfolgt nicht nach einer langwierigen Suche des besten Hotels. Interessante Erlebnisse, die in der Community geteilt wurden, können selbst erfahren werden. Inspiration und Interaktion gehen dabei nahtlos ineinander über. Bei seiner Reise ist man nicht allein, sondern wird von lokalen Botschafter:innen auf eine kulturnahe Reise eingeladen. Im Mittelpunkt des Prozesses steht das Erleben – nicht das Hotel.

Hier die Crowdfundingkampagne unterstützen: Triplist by Ximalia

Ximalia im Interview “Generell sind wir bestrebt, die Welt für jeden Menschen spürbar positiv zu verändern.”

Für einen tieferen Einblick beantwortet der CEO von Ximalia, Thomas Mick, einige Fragen.

MORITZ ZIMMER FÜR GOOD NEWS: Wie seid ihr auf diese Idee gekommen?

THOMAS MICK:  Die Idee wurde beim Global Startup Weekend AI in Paris Ende 2018 geboren. Bei diesem Event pitchen mehrere Teams mit dem Konzept, welches von ihnen an diesem Wochenende erarbeitet wurde. Wir waren mit unserer Idee das Gewinnerteam.

ZIMMER: Was für konkrete Änderung, global betrachtet erwartet Ihr, wenn die Anwendung frequentiert benutzt wird?

MICK: Unser Antrieb ist es, sowohl einen großen positiven Einfluss auf die Verhinderung der weiteren Erderwärmung zu leisten, als auch den Lebensstandard in ärmeren Gebieten zu erhöhen. Des Weiteren wollen wir kulturelle Vielfalt wahren und den Tourismus so entzerren, dass jede:r den Urlaubsort entspannt genießen kann. Generell sind wir bestrebt, die Welt für jeden Menschen spürbar positiv zu verändern. Dabei versuchen wir uns dem Problem ganzheitlich zu widmen und alle Aspekte der Nachhaltigkeit miteinzubeziehen. Als Leitplanken dienen uns hierfür die Sustainable Development Goals, die die UN bis 2030 ausgerufen hat und zu denen sich alle beteiligten Länder verpflichtet haben.

ZIMMER: Eure Anwendung ist ja noch nicht komplett fertig, was muss bis zur Veröffentlichung noch passieren?

MICK: Ich würde bei einem so komplexen Vorhaben generell niemals von einer fertigen Lösung sprechen. Die Plattform wird stets mit mehr Daten gefüttert. Es geht in dem Prozess darum unseren Index kontinuierlich auf den bestmöglichen Stand zu bringen. Da im Laufe der Zeit auch immer mehr Daten zu Verfügung stehen werden, wäre es nicht vorteilhaft sich ein festes Ziel für eine “fertige Lösung” zu setzen.

ZIMMER: Wie kann ich als Einzelperson dazu beitragen, dass das Konzept umgesetzt werden kann?

MICK: Momentan sind wir dabei unser Projekt durch Crowdfunding zu finanzieren. Wir sind der Ansicht, dass dieser Prozess der Veränderung von einer zusammenhaltenden Community getragen werden muss. Ein Crowdfunding ist da für uns die beste Option, schon im frühen Status Menschen mit einzubinden. Denn wir machen keine Unterschiede zwischen den Beträgen, die ein Mensch zur Verfügung hat, um uns zu unterstützen. Wichtig ist, dass wir den Weg gemeinsam gehen.

ZIMMER: Was ist euer nächster große Schritt, den es zu bewältigen gibt?

MICK: Der nächste große Schritt wird es sein, unsere wachsende Community in einen positiven Feedback-Prozess einzubinden, der das Produkt besser werden lässt.

ZIMMER: Hast du für die Leser:innen noch ein paar Tipps, wie sie schon vor der Implementierung des Produktes nachhaltiger reisen können?

MICK: Klar!

  1. Transport: Plane kürzere Strecken oder kompensiere CO2
  2. Hotels: Achten Sie auf grüne Labels (bitte auch das jeweilige Label hinterfragen)
  3. Top 5 Tipps für Reiseziele: bei Einheimischen wohnen (Homestay), regionale Gerichte verzehren und Läden von einheimischen unterstützen, Spenden für wohltätige Zwecke am besuchten Zielort, besuche keine übermäßig touristischen Orte oder folge nicht jedem Trendziel, dass man “gesehen haben muss”, falls möglich: Reise in der Nebensaison

Beitragsbild: Subtle Cinematics / Unsplash

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Moritz Zimmer

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