Cozy Games zeigen: Zocken kann auch guttun. Entspannte Spiele fördern Wohlbefinden – und verändern gerade das Image von Gaming. Good News hat dazu Expert:innen und einen Spieleentwickler befragt.
Um 6 Uhr klingelt der Wecker. Ich überlege, wie ich meinen Tag gestalte: Spaziere ich zum Strand? Dekoriere ich mein Haus um? Oder besorge ich Heu für den Hühnerstall? Was wie eine spontane Wochenendplanung klingt, ist der Alltag im Videospiel Stardew Valley.
In dem Spiel entfliehen wir der stressigen Corporate-Welt, um den heruntergekommenen Hof unseres verstorbenen Großvaters zu übernehmen. Dieser liegt in Stardew Valley, einem beschaulichen Dorf mit einer aktiven kleinen Gemeinschaft. Hier erkunden wir die Umgebung, pflegen Beziehungen, bauen Gemüse an und gestalten unseren Alltag selbst.
Dabei stellt das Spiel Fragen, die viele gerade umtreiben: Macht ein Leben im Dauer-Leistungsmodus wirklich zufrieden? Oder sehnen wir uns nach mehr Ruhe, Natur und echter Nähe? Wo man dem Nachbarn vormittags Tomaten aus dem Gemüsegarten vorbeibringt – statt nach dem nächsten freien Tisch im angesagten Café zu suchen.
Eine Quelle der Entschleunigung
Vieles, was Stardew Valley ausmacht, findet sich in sogenannten Cozy Games wieder. Laut Dr. Christian Roth, Forscher mit Schwerpunkt auf Mensch-Computer-Interaktion und Prof. Dr. Federico Alvarez Igarzábal, der sich u.a. mit Mental Health im Gaming beschäftigt, zeichnen sich Cozy Games durch einige zentrale Merkmale aus:
- Ruhiges Spieltempo: Während klassische Videospiele oft von Reizen überladen sind – sei es von Explosionen, Lasern oder Gegnern – halten sich Cozy Games eher zurück und setzen die Reize im Kleinen.
- Kein Leistungs- oder Zeitdruck: Spieler:innen können meist frei entscheiden, was sie wann tun. Viele Aufgaben sind repetitiv, aber nicht langweilig. Roth beschreibt das als ein „Gleichgewicht zwischen Anforderung und Fähigkeit“: Man könne „loslassen, ohne in Unterforderung oder Grübeln abzurutschen“.
- Kein Gewinnen, kein Verlieren: Man muss weder einen Gegner besiegen noch ums Überleben kämpfen. Alvarez Igarzábal dazu: „Es gibt typischerweise keine negativen Konsequenzen dafür, nicht aufmerksam zu sein.“ Das reduziert Stress und ermöglicht ein entspannteres Spielerlebnis.
- Beziehungspflege: Ein weiteres Merkmal sind sogenannte Fürsorge-Mechaniken. In Stardew Valley zeigt sich das in dem Füttern von Tieren oder der Pflege sozialer Beziehungen in dem Dorf. Solche Elemente sprechen grundlegende menschliche Bedürfnisse an.
- Einfach loslegen: Bei Cozy Games wird eher auf intuitives Lernen statt langer Tutorials gesetzt. Mechaniken verstehen Spieler:innen durch Learning by Doing – was für einen sanften Einstieg sorgt, der das Gefühl von Überforderung vermeidet.
Angenehme Grafik, entspannter Sound
Neben dem Gameplay sind audiovisuelle Aspekte von großer Bedeutung. Warme und sanfte Farben sind dabei typisch – wie im Spiel Tiny Bookshop, wo die Pastell-Optik im handgezeichneten Stil sofort ein angenehmes Gefühl vermittelt.
Auch der Sound ist entscheidend: Dezente, oft instrumentale Musik untermalt die Atmosphäre, ohne sich aufzudrängen. In Stardew Valley etwa wechselt die Musik je nach Wetter und Umgebung und fängt damit die Stimmung des Spiels perfekt ein.
Friedemann Allmenröder, der mit Summerhouse selbst ein Cozy Game entwickelt hat, wollte mit jedem Designaspekt Sicherheit und Ruhe zu transportieren: „Ein gutes Design funktioniert meines Erachtens, weil alle Elemente gemeinsam in die gleiche Richtung deuten und ein klares Ziel verfolgen.“ Besonders wichtig sei für ihn die Soundkulisse: „Das Geräusch von Wind in Gras, Bäumen oder Wasser löst bei mir sofort Entspannung aus, muss aber sehr genau eingestellt sein, um nicht auf Dauer anstrengend zu wirken.“
Vom Nischentrend zum Massenphänomen
Bereits 2001 erschien mit dem ersten Teil der bekannten Spielreihe Animal Crossing ein Cozy Game – ohne dass es als solches bezeichnet wurde. Den Durchbruch als Genre erlebten diese Spiele erst in der Corona-Pandemie, maßgeblich durch Animal Crossing: New Horizons.
Die Zahlen zeigen, wie stark der Trend gewachsen ist: Während 2020 auf der Plattform Steam nur 15 Cozy Games erschienen, waren es 2022 schon 85 und 2024 bereits 373. Cozy Games sind damit endgültig im Mainstream angekommen – Titel wie Stardew Valley gehören inzwischen zu den meistverkauftesten Spielen weltweit.
Dass dieser Boom ausgerechnet zu der Zeit an Fahrt aufnahm, ist laut Game Design-Forscherin Prof. Dr. Greta Hoffmann kein Zufall:
„In Zeiten von Chaos, Krieg und wirtschaftlicher Unsicherheit sind Spiele beliebt, in denen die Welt heil, beschaulich und kontrollierbar ist.“
Eine achtsame Aktivität – als digitale Version
Für Alvarez Igarzábal war die Pandemie eher ein Beschleuniger statt die Ursache für den Boom. Menschen hätten schon immer nach Möglichkeiten gesucht, zur Ruhe zu kommen. Cozy Games bieten genau das – nur in einem digitalen Umfeld.
Auch Roth betont: „Was wir dabei beobachten, ist keine passive Flucht, sondern eine aktive Form der emotionalen Regulation.“ Damit ähneln Cozy Games klassischen Tätigkeiten wie Gartenarbeit oder Kochen – Cozy Games seien das „digitale Äquivalent“ dafür.
Wie Cozy Games unsere Psyche stärken