Leben auf kleinem Fuße

The Tiny House Movement

von | 9. September, 2021

Laut Statista soll das Marktpotential für Tiny Houses bis 2022 bei etwa 3,9 Milliarden Euro liegen.

Tiny Houses sind keine neue Modeerscheinung. Schon in den 1920er Jahren gab es Arten dieser kleinen Häuser. Und auch in den darauffolgenden Jahren befassten sich Architekt:innen mit diesem Stil. Beispielsweise veröffentlichten die Architekten Lloyd Kahn und Bob Easton im Jahr 1973 das Buch “Shelter”.

Als Vorläufer der deutschen Tiny House Bewegung gilt der Bauwagen von der Kinderserie “Löwenzahn”. Dennoch gibt es hierzulande keine klare Definition, ab wann ein Haus als Tiny House gilt. Ganz anders in den USA: In dem International Residential Code von 2018 steht, dass ein Haus als Tiny House gilt, wenn die Grundfläche höchstens zu 400 sq ft. beträgt. Das sind umgerechnet 37 Quadratmeter.

Wir wollten mehr über die Tiny House Bewegung in Deutschland erfahren und haben uns unter anderem mit Andreas Müller von Vagabundo unterhalten.

Die Rahmenbedingungen in Deutschland

In den USA gelten Häuser auf Räder nicht als Gebäude, sondern als Wohnmobile. Somit unterliegen die US-amerikanischen Tiny Houses nicht dem Baurecht. Werden zusätzliche bestimmte Abmessungen nicht überschritten, sind sie sogar ganz zulassungsfrei. Anders sieht es in Deutschland aus. Hier benötigen Tiny Houses eine Baugenehmigung, denn sobald diese auf einem Grundstück als Dauerwohnanlage genutzt werden, gehören sie auf Grundlage der Landesbauordnung zu einem Gebäude der Gebäudeklasse 1 – egal, ob sie Räder haben oder nicht.

Bei der Wahl des Grundstücks muss darauf geachtet werden, dass das Grundstück für dauerhaftes Wohnen zugelassen und erschlossen ist. Das heißt, es muss an das Straßen- und Wegenetz sowie an’s Versorgungs- und Entsorgungsnetz angebunden sein.

Zusätzlich müssen die örtlichen Bebauungspläne und Ortsgestaltungssatzungen beachtet werden. Diese regeln zum Beispiel, welche Art von Häusern gebaut werden dürfen oder wie die Ortsgestaltungssatzung zu beachten ist. Ist dies geklärt, entscheidet die Landesbauordnung erst einmal darüber, ob und in welcher Form das Tiny House genehmigungspflichtig ist. Hierbei unterscheidet sich ein verfahrensfreier Bau, ein vereinfachtes Baugenehmigungsverfahren oder ein genehmigungsfreies Verfahren, letzteres ist nur möglich, wenn das Tiny House ausschließlich verwendet wird, um in den Urlaub zu fahren, da es dann zu den Wohnmobilen zählt.

Andreas Müller ist Gründer von Vagabundo, ein Hersteller von nachhaltigen Tiny Houses. Laut ihm sei Deutschland im Genehmigungsverfahren schwieriger als die USA, jedoch etabliere sich langsam die Form von “sogenannten Tiny House Villages wo Interessierte 15 bis 20 Parzellen eines Grundstücks haben und in der Mitte einen zentral angelegten Gemeinschaftsraum. Das ist schon mal ein Anfang.” Er persönlich glaubt, dass das in Deutschland eine Zukunft haben kann.

Andrea Davis / Unsplash

Das Positive am minimalistischen Wohnen

Etwa 14 Prozent der gesamten CO2-Emissionen in Deutschland sei allein der Produktion von Gebäuden zuzuschreiben (Stand 2018). Diese Zahl berücksichtigt jedoch nicht zusätzlich die Versorgung von Strom, Wärme oder Baustoffen während der Produktion, sondern lediglich die reine Produktion des Gebäudes. Demnach verursacht der Gebäudesektor sogar insgesamt 28 Prozent der CO2-Emissionen.

Im Vergleich zu einem konventionellen US-amerikanischen Haushalt, kann ein Tiny-House-Haushalt bis zu 36 Prozent Emissionen einsparen. Das bestätigt eine Präsentation im Rahmen der New York Saint John’s Universität im Jahr 2014.

“Des Weiteren kommt dazu, dass durch die kleinere Fläche weniger abgeholzt werden muss. Und was auch erwähnt werden muss ist, dass bei Tiny-Houses mit natürlichen Ressourcen gearbeitet wird.”

Andreas Müller von Vagabundo

Ein weiterer Vorteil sind die Kosten. Im Schnitt kostet ein Tiny House in Deutschland 67.000 Euro. Während bei einem konventionellen Einfamilienhaus von einer Kostenspanne um die 360.000 Euro gesprochen wird.

“Ich finde die Kostenfrage auch sehr wichtig für die Freiheit einer Person, denn dadurch, dass das Investitionsvolumen kleiner ist, kann man sich vielleicht doch eher den ein oder anderen Urlaub erlauben – auf Reisen gehen und somit sich selbst etwas mehr verwirklichen. Und wenn das Heim auch noch Räder hat, spart man noch mehr und ist nicht an einen Schlafort gebunden.”

Andreas von Vagabundo
Andrea Davis / Unsplash

Die andere Seite der Medaille

Auch wenn die Vorteile eines Tiny House überwiegen, gibt es auch Nachteile. Die Außenwände, Fußböden und Decken aus recycelten und ökologischen Materialien sind dünner als die aus herkömmlichem Material. Das bedeutet, dass die Dämmung oftmals unzureichend ist und die Heizkosten sehr hoch werden können. Des Weiteren sind viele Tiny Houses leider nicht für barrierefreies Wohnen geeignet und so für einen wesentlichen Teil unserer Gesellschaft nicht realistisch.

Erfolgreiche Beispiele in Deutschland

Ein Dorf voller Zirkuswagen

Dass traditionelles und minimalistisches Leben miteinander harmonieren kann, beweist die Gemeinde Bokel in Schleswig-Holstein. Hier etablierten sich in den 70er Jahren zwei Paare mit ihren umgebauten Zirkuswagen. Mittlerweile gehören 50 Zirkuswagen zu der Gemeinde Bökel. Die beiden Paare Thomas Jaspert und Reingart Winkler sowie Ulrich Dücker und Bärbel Finn leben bis heute in Bökel und vermieten mittlerweile verschieden Zirkuswagen an Urlauber:innen, die das Leben im Tiny House ausprobieren möchten.

Der fränkischen Natur nah: Tiny House Village Mehlmeisel

Das Tiny House Village im oberfränkischen Fichtelgebirge gilt als das erste Tiny-House-Dorf in Deutschland. Gegründet wurde es von dem Paar Steffi Beck und Philipp Sanders im Jahr 2017. Inspiriert wurden die beiden von ihrer Reise durch Nordamerika und der dort herrschenden Tiny House Bewegung. Mittlerweile Leben in 22 Häuser rund 32 Menschen.

Tiny Houses sind für einen Singlehaushalt, eine Partnerschaft oder eine kleine Familie eine Möglichkeit, minimalistisch und nachhaltiger zu wohnen. Langfristig braucht es jedoch auch Lösungen für den Wärmeverlust der Häuser und das barrierefreie Wohnen.

Beitragsbild: Aysegul Yahsi / Unsplash

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Fatima Majed

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